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KW 22Die Woche, in der wir zu den Wahlunterlagen greifen

Die 22. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 15 neue Texte mit insgesamt 190.851 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Chris Köver

Liebe Leser:innen,

heute Vormittag will ich unbedingt noch die Unterlagen für die Briefwahl abholen. Dieser Newsletter muss also bis spätestens 13 Uhr ins Redigat gehen, denn dann schließt die Briefwahlstelle bei mir um die Ecke. Eben hatte ich noch einen kurzen Schreckmoment, weil ich dachte, meine Benachrichtigung verlegt zu haben. Aber alles ist okay.

Zu sagen, mir wäre vor dieser Wahl und ihren Ergebnissen etwas mulmig, ist untertrieben. Aktuellen Umfragen zufolge könnten rechte und rechtsextreme Parteien mehr als ein Viertel der Sitze im Europaparlament erringen. In Deutschland ist die AfD im Moment zweitstärkste Kraft hinter der Union.

Es ist kein Trost, dass die Parteien der rechten ID-Fraktion im Parlament – darunter die französische Rassemblement National – der AfD die Zusammenarbeit aufgekündigt haben. Eher ist es ein Zeichen dafür, wie strategisch Marine Le Pen und auch Georgia Meloni in Italien in diese Wahl gehen: Die offene Menschenfeindlichkeit der AfD-Abgeordneten ist ihnen schlicht zu plump, sie spülen ihren Extremismus lieber weich, damit sich auch die Konservativen ankuscheln können.

Unwohl ist mir auch noch wegen etwas anderem. Ich bin mir nicht mal sicher, ob alle meine Freund:innen und Bekannten zu dieser Wahl gehen werden. Es ist schon erstaunlich. Vor der Bundestagswahl hört man gefühlt schon Monate vor dem Termin auf allen Kanälen nichts als Wahlkampf-Getöse und Analysen zum möglichen Ausgang. Jetzt vor der EU-Wahl habe ich eher den Eindruck: Das ist ein Thema für Feinschmecker:innen.

Wo werden die Regeln gemacht?

Mir war selbst bis vor einigen Jahren offen gestanden nicht ganz klar, wie wichtig diese Wahlen sind. Inzwischen glaube ich: sehr wichtig. Diese Erkenntnis ist gewissermaßen ein Nebeneffekt meines Jobs. Denn ein großer Teil unserer Berichterstattung dreht sich um Dinge, die nicht in Berlin passieren oder in Bayern, sondern in Brüssel und Straßburg.

Für mich war das in der letzten Legislaturperiode zum Beispiel die KI-Verordnung der EU, die nach jahrelangem Verhandeln vor Kurzem verabschiedet wurde. Das Ding ist ein Riemen, mit dem man sich wochenlang beschäftigen kann. Denn es geht darin um sehr viel, zum Beispiel um die Frage, ob biometrische Gesichtserkennung in der EU komplett verboten verboten werden soll (nein). Oder was Sicherheitsbehörden und Frontex alles tun dürfen mit diesen Technologien (viel). Deutschland hat jetzt noch etwas Spielraum bei der Umsetzung. Die grundlegenden Weichen aber haben schon Kommission, Parlament und Rat gestellt. Der Sack ist zu.

Noch ein Beispiel: Die Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, ein Meilenstein im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Zwar ist es nicht gelungen, einen Mindeststandard für die Bestrafung von Vergewaltigungen hineinzuschreiben (auch wegen einer Blockade Deutschlands). Aber für viele Taten, die bislang nicht im deutschen Strafrecht standen, hat die Richtlinie das erste Mal überhaupt klare Mindeststrafen eingeführt – etwa für das Teilen von Nacktbildern ohne Zustimmung.

Und da ist noch viel mehr: Welche Auflagen bekommen TikTok, Instagram oder Google verpasst? Dürfen Sicherheitsbehörden unsere verschlüsselten Nachrichten durchsuchen? Wie werden Menschen, die in Europa Schutz suchen, hier in Zukunft behandelt und wie weit darf die EU gehen, um sie wieder los zu werden? All das wurde in den vergangenen fünf Jahren von der EU verhandelt – und teils auch schon beschlossen.

Viele dieser Entscheidungen, besonders die zur Asylpolitik, haben mich furchtbar wütend gemacht. Auch die anderen Abstimmungen habe ich teils eng verfolgt. Ich erinnere mich gut daran, welche Parteien und Abgeordnete im EU-Parlament in diesen Auseinandersetzungen gekämpft haben: für die Menschenwürde, gegen die Macht der Tech-Konzerne. Wie sie manche schlimme Entscheidungen verhindern konnten und andere nicht.

Zu all den anderen Dingen, die in den vergangenen fünf Jahren in Brüssel gelaufen sind: Lest gerne diese Zusammenfassung meines Kollegen Max. Und wenn ihr noch nicht sicher seid, wo ihr euer Kreuz macht, hilft euch vielleicht sein Überblick dazu, was in den Wahlprogrammen steht.

Ich muss jetzt los, die Unterlagen abholen. Und ich hoffe, viele von euch haben das schon getan oder tun es rechtzeitig.

Ein entscheidungsfreudiges Wochenende wünscht euch

Chris

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Online-UmfragenRepräsentativität und Realität

Die „Trendstudie“ attestierte der jüngeren deutschen Bevölkerung einen Rechtsruck. Das Medienecho war groß. Doch um die Probleme solcher Online-Befragungen ging es dabei nicht.

BreakpointVon Bären und Bestien

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Predictive PolicingGefährliche Lücke in der KI-Verordnung

Polizeibehörden möchten mit Hilfe sogenannter künstlicher Intelligenz quasi in die Zukunft schauen und präventiv tätig werden. Predictive Policing gilt jedoch als hochriskant, weshalb der europäische AI Act es angeblich europaweit verbietet. Doch die Verordnung weist eine bedrohliche Leerstelle auf.

Palantir und Alexander KarpTöten auf Basis von Metadaten

Alexander Karp ist Chef und Frontmann des milliardenschweren US-Tech-Konzerns Palantir, der auch in Deutschland Geschäfte mit Polizeibehörden macht. Der Dokumentarfilm „Watching You“ spürt dem Mann nach, der verspricht, mit Software und Daten Terroristen fangen zu können.

Interview zu Standort-TrackernGoogle und Apple kooperieren lieber, als ein Verbot zu riskieren

Für das Standardisierungsgremium IETF ist es neu, sich mit Themen wie Stalking zu beschäftigen. Doch bei der Diskussion um einen Standard für Standort-Tracker war genau das notwendig. Mallory Knodel sagt, die Standards-Community sollte stolz darauf sein, jetzt auch gesellschaftliche Auswirkungen miteinzubeziehen.

KeepItOn-BerichtImmer mehr Internetsperren weltweit

In 39 Ländern hatten Menschen im Jahr 2023 keinen freien Zugang zum Internet. Es gab mindestens 283 Sperrungen in verschiedenen Regionen, oft bei Konflikten. Diese gezielten Abschaltungen zeigen, wie stark Regierungen und Behörden das Internet zur Kontrolle und Unterdrückung nutzen.

Kommerzielle DatenbergeWenn sich Geheimdienste sensible Daten aus Smartphone-Apps besorgen

Bewegungsprofile oder Hinweise auf die Religionszugehörigkeit: Geheimdienste kaufen solche sensiblen Daten zunehmend bei Datenhändlern ein. Damit unterlaufen Dienste in demokratischen Staaten jedoch verfassungsrechtliche Mindeststandards, warnt ein aktuelles Forderungspapier.

Online-WerbungUrsula von der Leyen bricht eigene Transparenzregeln

Der Schutz vor Manipulation und Desinformation im Netz war einer der Schwerpunkte der scheidenden EU-Kommission. Doch ausgerechnet Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat nun verschleiert, hinter einer Online-Kampagne zu stecken.

Die nackte PanikEine Welle von Overblocking rollt heran

Das Nippel-Verbot auf Instagram war nur der Anfang. Im Namen des Jugendschutzes filtern Plattformen und Behörden das Internet nach Spuren von Nacktheit. Sogar altersgerechte Aufklärungs-Angebote und anatomische Darstellungen fallen dem neuen Prüdismus zum Opfer – und niemanden scheint das zu kümmern.

Systemeinstellungen#04 Unter Terrorverdacht

Früh morgens stehen Polizisten mit einem Rammbock vor der Tür des Soziologen Andrej Holm. Gleich werden sie ihn auf den Boden werfen, festnehmen, in eine Einzelzelle stecken. Und viel später wird herauskommen: alles falscher Alarm. In Episode #04 unseres Doku-Podcasts erzählen er und seine Partnerin Anne Roth, was ihrer Familie passiert ist.

Interview on location trackersGoogle and Apple „are hoping to avoid being banned“

AirTags can be super useful. But in women’s shelters they’re deadly. Topics such as stalking are a new thing for the standards organization IETF. But this is what was needed when discussing a standard for location trackers. Mallory Knodel says the IETF should be proud of itself to be expanding its mandate.

Interne DokumenteFrankreich entscheidet über Zukunft der Chatkontrolle

Die EU-Staaten streiten weiter über wesentliche Elemente der geplanten Chatkontrolle. Juristen warnen vor dem Gesetz, aber die Kommission will rechtliche Risiken eingehen. Wir veröffentlichen den aktuellen Vorschlag und weitere Verhandlungsdokumente. Demnach könnte Frankreich entscheidend sein.

Europawahl 2024Was die Zivilgesellschaft fordert

Ein paar neue Gesetze, starke Durchsetzung von alten: Die Forderungen zivilgesellschaftlicher Organisationen decken ein weites Feld ab. Überwachung soll eingeschränkt, die EU-Institutionen transparenter werden. Außerdem geht es um Monopole, öffentliche digitale Infrastruktur und den Schutz von Verbraucher:innen.

40 Jahre FIfFGegen die unheilvolle Verflechtung von Informatik und Militär

Das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung begleitet und kommentiert seit nun vierzig Jahren eine Fülle an Themen. Im Interview sprechen wir mit Hans-Jörg Kreowski und Rainer Rehak über Aktivismus, langlebige Mythen der Informatik und durch Technik ausgelöste gesellschaftliche Umwälzungsprozesse.

Staatstrojaner Wieder Russland-kritische Journalist:innen mit Pegasus angegriffen

Vor Überwachung und Repression in Russland und Belarus flüchteten Journalist:innen und Oppositionelle in die EU. Dort wurden ihrer Handys mit dem Staatstrojaner Pegasus infiziert. Das kanadische Citizen Lab hat die Infektionen nachgewiesen, doch kann keine Beweise liefern, woher die Angriffe rühren.

Neues EU-ÜberwachungsprogrammPrivatjet-Lobby lamentiert wegen Grenzkontrollen

Auch an kleineren Flugplätzen müssen Geschäftsreisende aus dem Schengen-Ausland bald zwingend durch die Bundespolizei kontrolliert werden. Ein Verband schlägt deshalb Alarm und warnt vor dem Bedeutungsverlust der deutschen Wirtschaft.

Über die Autor:innen

  • Chris Köver
    Darja Preuss

    Chris Köver recherchiert und schreibt über Migration, biometrische Überwachung, digitale Gewalt und Jugendschutz. Recherche-Anregungen und -Hinweise gerne per Mail oder via Signal (ckoever.24). Seit 2018 bei netzpolitik.org. Hat Kulturwissenschaften studiert und bei Zeit Online mit dem Schreiben begonnen, später das Missy Magazine mitgegründet und geleitet. Ihre Arbeit wurde ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis Informatik, dem Grimme-Online-Award und dem Rainer-Reichert-Preis zum Tag der Pressefreiheit.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), BlueSky, Mastodon, Signal: ckoever.24


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