Liebe Leser:innen,
es gibt immer wieder Momente, in denen ein einzelnes Wort das große Ganze erleuchtet. In dieser Woche war es das Wort „leider“. Im Zusammenhang mit den Klimaprotesten der „Letzten Generation“ und der zunehmenden Gewalt von Autofahrer:innen gegen Demonstrierende bedauerte die Berliner Innensenatorin Iris Spranger, dass die Polizei Selbstjustiz verfolgen müsse. Sie sagte: „Das muss leider dann auch zur Rechenschaft gezogen werden“. Leider.
Ein kleines Wort mit großer Tragweite. Denn Spranger steht mit dieser verbalen Rechtsstaatsbeugung beispielhaft für eine erregte Debatte, in der der Chefredakteur der „Welt“ verklausuliert zur Gewalt gegen Klimaaktivist:innen aufruft und der Bundesjustizminister Weimarer Zustände wegen friedlicher Straßenblockaden herbeihalluziniert.
Als demokratische Gesellschaft müssen wir verdammt aufpassen, dass wir nicht bald einen neuen Dutschke-Moment erleben, in dem ein aufgepeitschter Autofahrer als Vollstrecker des vermeintlichen Volkswillens jemanden in einer Sitzblockade zu Tode fährt. Vielleicht sollten wir alle mal innehalten, durchatmen, nachdenken – auf Auto-Deutsch „einen Gang runterschalten“. Und dann über Maßnahmen gegen die Klimakrise reden, statt den Protest zur Verhinderung ebenjener zu skandalisieren.
Dass die Zivilgesellschaft ins Visier gerät, ist nichts Neues: Auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 5 wehrt man sich deswegen mit Kameras gegen mögliche Repressionen, während das Zentrum für Politische Schönheit – erstmals angeklagt – nun mit Anwälten die Kunstfreiheit verteidigen muss.
Sechs Beiträge zu Chatkontrolle in einer Woche
Gerade passiert auch beim Thema Chatkontrolle sehr viel. Kommt die EU-Verordnung in der jetzigen Form durch, könnten unser aller Kommunikationsinhalte und Daten auf Cloud-Speichern anlasslos durchleuchtet werden. Wir begleiten dieses wichtige netzpolitische Thema so engmaschig wie kein anderes Medium in Europa. Ganze sechs Artikel haben wir rund um die Chatkontrolle in dieser Woche geschrieben, viele davon mit Originaldokumenten, die uns nicht nur vorliegen, sondern die wir auch veröffentlicht haben.
Die Essenz: Die Chatkontrolle ist noch lange nicht vom Tisch, die Befürworter:innen kämpfen mit unlauteren Mitteln und das Innenministerium hat sich in der Ampel-Koalition mit seinen Forderungen weitgehend durchgesetzt. Und die Regierung hat damit – hier kann man ohne Einschränkungen „leider“ sagen – einmal mehr den Koalitionsvertrag gebrochen.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Der Frühling kommt. Im Hinterhof blüht und zwitschert es.
Ein schönes Wochenende wünscht
Markus Reuter
