Abitur in NRW600.000 Liter giftiges Downloadwasser verseuchen Rhein bei Düsseldorf

Der Zustand der deutschen Digitalisierung zeigt sich beim Störfall einer Download-Anlage in Nordrhein-Westfalen. Wegen einer „massiven technischen Störung“ musste im Bundesland das Zentralabitur in einigen Fächern um zwei Tage verschoben werden. Noch ist unklar, wann die Anlage wieder hochgefahren wird. Ein Kommentar.

Hendrik Wüst mit weißen Bauhelm.
Da hatte er noch gut lachen: Ministerpräsident Hendrik Wüst beim Besuch einer neuartigen Download-Anlage. – Alle Rechte vorbehalten Land NRW / Mark Hermenau

Der Bildungs- und Innovationsstandort Nordrhein-Westfalen (NRW) ist gerade an der Mammut-Aufgabe gescheitert, ein paar Dateien zum Herunterladen anzubieten. In der Pressemitteilung des zuständigen Ministeriums heißt es: „Beim Download der schriftlichen Abituraufgaben für das Zentralabitur hat es am heutigen Dienstag, 18. April 2023, eine massive technische Störung gegeben.“ Der Tonfall der Mitteilung erweckt den Eindruck, es handele sich um einen hoch anspruchsvollen Vorgang in einer Fabrikanlage. Man ist versucht, zu ergänzen: Zu keiner Zeit entstand eine Gefahr für Leib und Leben der Einwohner:innen des Bundeslandes, es flossen lediglich 600.000 Liter giftiges Downloadwasser in den Rhein bei Düsseldorf.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Das Land vermeldet eine „massive technische Störung“ – beim Download von Abiturklausuren. Die Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU) äußerte sich heute morgen zum Störfall in der hochkomplexen Download-Anlage. Sie machte im von ihrem Ministerium verbreiteten Statement allerdings keine Angaben zu den Gründen für den Störfall selbst: „Bis zum Schluss hatten wir auch durchaus die Hoffnung, dass wir eine Lösung finden, aber als sich dann abzeichnete, es könnte noch länger dauern, haben wir gesagt jetzt müssen wir entscheiden und jetzt müssen wir doch leider verschieben.“

Na gut, auch ein Raketenstart in Cape Canaveral muss gelegentlich verschoben werden. Vertagt hat das konservative Ministerium die Abiprüfung nun treffsicher auf Weihnachten das muslimische Zuckerfest am Freitag.

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Wenn die Schüler:innen für ihr Zentralabitur nicht zufällig die gesamten Trainingsdaten für GPT-4 durchforsten sollten, dürfte man davon ausgehen, dass sich die Dateigröße des Klausurmaterials von ein paar Schulfächern in Grenzen hält. Und eigentlich dürfte das Download-Vorhaben auch keine Server überlasten, denn mit landesweit 623 Gymnasien und 364 Gesamtschulen sollte ein halbwegs vorbereiteter Anbieter ja wohl klarkommen. Da wird man nicht überrannt und kennt sogar die Anzahl der User. Skalierbarer geht wirklich nimmer.

Upload zu 96 Prozent „gelungen“

Derzeit berichten Nachrichtenmedien, dass möglicherweise eine zu große Filmdatei die technische Infrastruktur eines externen Dienstleister zum Kollaps gebracht habe. Im Gespräch ist auch, dass vielleicht die neu eingeführte Zwei-Faktor-Authentifizierung ein Grund für den kritischen IT-Zwischenfall sein könnte. Auf diese Sicherheitsmaßnahme wolle man laut Kölner Stadtanzeiger nun verzichten. Die Zeitung zitiert die Bildungsministerin, die von den staatlichen Bemühungen berichtet, den Download doch noch irgendwie möglich zu machen: Demnach sei es „gelungen“, 96 Prozent der Aufgaben upzuloaden. „Die 100 Prozent habe man aber leider nicht mehr erreichen können“. Gegen ein paar Aufgaben weniger hätten die Schüler:innen sicher nichts einzuwenden…

Zu allem Übel verschärfen offenbar auch Sicherheitslücken die Lage. Denn auch das ist passiert: Daten, die wie die Abiturklausuren aussahen, ließen sich laut der Sicherheitsforscherin Lilith Wittmann offen zugänglich im Internet auf einem Testserver finden. Ob das wohl die fehlenden vier Prozent der Uploads der Ministerin waren? Die Bildungsministerin bezeichnet den Tweet von Wittmann laut dem WDR gar als „gefälscht“. Wittmann sagt im gleichen Artikel: „Es ist nur das Testsystem, aber es sagt einiges über die Sicherheit des Produktivsystems aus.“

Die Aufarbeitung des Vorfalls läuft vermutlich „auf Hochtouren“ und es wird spannend, welches verharmlosende Wort dieses Mal für „Inkompetenz“ gefunden wird. Denn Hand aufs Herz: Es kann doch nicht zu viel verlangt sein, dass der Staat an knapp 1.000 staatliche Abnehmer zuverlässig, sicher und verschlüsselt ein paar Dateien zur Verfügung stellt. Und wenn man das alles nicht digital schafft, dann schickt man eben Einschreiben an diese knapp 1.000 Schulen oder bringt Kuriere mit Festplatten auf den Weg. Oder was auch immer.

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22 Ergänzungen

  1. Immerhin wurde mit den Helmen der Arbeitsschutz eingehalten, falls ein Konkurrent aus der Upload-Anlage wieder mit Faxgeräten um sich wirft.

      1. Die passendere Domain wäre ‚idioten-im-internet.de‘ meine ich. :-)

        Aber so viel Transparenz und Ehrlichkeit darf wohl niemand erwarten. Es könnte Teile der Bevölkerung Verunsichern… Ähhhhm!???

        Ist es nicht reine Satire das hier die Bildungslücke im „Lande der Dichter und Denker“ quasi offen zutage tritt – im… Bildungsministerium?

        1. Auf „Dichter und Denker“ reimt sich „Richter und Henker“. Die Demokratie könnte theoretisch die für eine tatsächliche Zivilisation nötige Barriere bilden, wird aber versagen, sofern sie sich allzusehr auf eine Seite schläget!

    1. Ist das nicht Zuviel „Neuland“ für das Mineralsekretariat? Bei derart Brutaler (In)Kompetenz kann es nur irgendwas zwischen Serienfax und ftp-server sein. Und zumindest letzterer wäre m.E. in 5 Minuten aufgesetzt. Allerdings müssen dann ja noch die Zugangsdaten von mehreren Hundert Schulen hinterlegt werden damit man jeden Download auch dem User zuordnen kann (Erfolgskontrolle) denn „anonymous“ darf so was ja keinesfalls heruntergeladen werden. Und da lauert gleich der näxte PfehlerTeufel denn man muß diese Zugangsdaten ja dann auch noch Sicher an die jeweiligen Schulen verschicken…. Ähm, „können“ die verschlüsselte e-Mail oder geht das nur per Fax?

      Wenn ich denke was die alles mit NextCloud versaubeuteln könnten…

      Bei „Downloadwasser“ musste ich auch gleich an das hier denken:
      https://www.der-postillon.com/2020/08/glasfaserkabel.html
      Und im Amt hat man vermutlich das hier gehört:
      https://www.der-postillon.com/2013/04/telekom-deutschlands-internetvorrate.html
      (Zwar älter aber wenn man ‚Internet‘ mit IPv4 Adresse ersetzt, oder mit Chatkontrolle…)

      Verd*** irgendwas iss’ja immer!

  2. Als ich die Schulministerin gehört habe, dachte ich ein AKW brennt oder ähnliches schlimmes ist passiert. Aber der Abitag verschiebt sich lediglich um zwei Tage….

  3. Laut SZ sollte der Upload der restlichen 4% nur noch 5 Minuten dauern, bevor er abbrach. Rechnen wir doch mal:

    480MB * 0,04 / 5 Minuten / 60 Sekunden ergibt?

    64KB

    Noch Fragen?

  4. Ein 64 GB Stick mit Einschreiben / Eigenhöndig / Wertbrief wäre mitnichten billiger gewesen.. aber halt… da muss man erst ma ausschreiben und dann gäbe es vermutlich spyware auf dem Stick, da 0,3 €Ct billiger ^^

    Ich wundere mich schon lange nicht mehr, als ITler – wenn ich mir die DienstLeister der Kommunen usw.. anschaue… Was da abgeht, geht wirklich unter keine Kuhhaut!!
    Vermutlich keine „Combjuderbildleser“.

  5. Das „peter principle“ macht eben auch vor den Ministerien nicht halt. Neuere Untersuchungen zeigen allerding, das diese Organisationen es geradezu zu Credo erhoben haben. Digitalisierung „Made in Germany“. Dieser ursprünglich britische Slogan, sollte vor Produkten uas Deutschland warnen. Back to the roots, wie wahr!

  6. Bei der Menge an Usern und den dann doch arg geringen Entfernungen in NRW darf man sich auch grundsätzlich fragen, ob man da überhaupt ein spezielles Download-Portal braucht oder ob es am Ende nicht doch günstiger ist, wenn jede Schule einfach einen Lehrer zum jeweiligen Schulamt schickt und der sich einen USB-Stick abholt. Den kann man dann sogar noch schick verschlüsseln und den Code bekommt der Direx dann irgendwie per Einschreiben oder Telefon mitgeteilt und gut ist.

  7. „Zu allem Übel verschärfen offenbar auch Sicherheitslücken die Lage.“

    Welche war es denn jetzt genau? Ich sehe unter dem Link nur einen Screenshot von Lillith Wittmann, die nicht näher darauf eingeht. Somit ist es lediglich ein privater Twitter-Beitrag mit einer möglichen Straftat zum Hacking-Paragraphen oder. Ich hätte mir da schon ein wenig mehr von euch versprochen, vielleicht auch konstruktive Hilfe zu der aktuellen Situation, für die betroffenen Lehrer:innen und Schüler:innen statt der Selbst-Inszenierung.

    Das selbe kommt dann auch von Fefe. Also ich schätze eure Arbeit, aber ganz ehrlich, dadurch wird weder die IT besser noch ändert sich die Welt da draußen zum positiven. Leherer:innen haben es gerade sehr schwer, vor allem weil diese wegen der Kriegswirtschaft unterdurchschnittlich bezahlt werden. Schüler:innen haben es schwerer weil deren soziales Umfeld überwiegend Online abgewickelt wird und dauerhaft aufgezeichnet wird. Was macht ihr? Euch lustig über die Menschen welche Bildung vermitteln und eine Abschlussprüfung bereit stellen sollen.

    Toll, danke…. nicht. :/

    1. Warum sich über Lehrer lustig machen?
      Sitzen da Profis am technischen Teil?
      Was erzählen uns die Verantwortlichen da?

      Das sind die Fragen von fefe, unbereinigt um die Tatsache, dass sein Blog Medienkompetenz fordert, man also NIE sicher sein darf, ob er etwas „meint“, es sich um seine Expertise handelt, um einen Versuch Leser aufs Glatteis zu führen, oder sonst etwas. Vielleicht „erarbeitet“ man sich eine Ahnung – das kann täuschen, z.B. wenn man nicht recherchiert.

      Vom Fach her betrachtet ist die IT-Kommunikation hier nun mal ehe fatal, obfuskierend, während das Ergebnis eine Katastrophe ist. Das Problem was die Lehrer haben, besteht also eben nicht nur in Blogs, die ihre Arbeit vermeintlich schlechtschreiben, oder in schnellen „Lösungen“. Bzw. vielleicht liegt das Problem bei „schnellen Lösungen“, aber dann halt anders herum.

      Z.B. fefes letztes Post: https://blog.fefe.de/?ts=9abc0ad0
      – Lehrer werden wie erwähnt?
      – Versager feuern wirklich prinzipiell ein nachhaltiges Konzept? Kann es die Lösung bringen? Am Besten auf der Schulbank damit anfangen!

      (Letztlich landen wir hier bei einem epochalen Politikversagen, da Randbedingungen nicht geschaffen werden, da man sich auf kurzfristige „Lösungen“ eingeschossen hat, hauptsächlich auf Anraten bzw. auch zugunsten der Großen Player. In einer Konzernwelt werden Talente abgefischt und eingespannt, nicht sich entfalten gelassen. Familienernährer bevorzugt. Der Gesellschaft soll da nichts ermöglicht werden. Ob wir da schon sind? Wenn die Fachkräfte ausgehen, vielleicht noch nicht…)

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