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KW 18Die Woche, als ein Journalist wegen eines Links angeklagt wurde

Die 18. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 18 neue Texte mit insgesamt 264.482 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

wir befinden uns in einer Zeitschleife. Vor genau einem Jahr habe ich einen Wochenrückblick mit dem Titel geschrieben: „Die Woche, als Deutschlands Pressefreiheit im Ranking abrutschte“. Und Überraschung: Das hat sich diese Woche wiederholt.

Ja, Deutschland ist schon wieder im Ranking abgerutscht. Im Vorjahr von Rang 13 auf Rang 16; nun von Rang 16 auf Rang 21, wie mein Kollege Jan Lutz berichtet hat. Allzu sehr sollte man sich an diesen Zahlen aber nicht aufhängen, denn es sind relative Werte, und die können zu Fehlschlüssen einladen. Warum das so ist, habe ich – es klingt so sonderbar – vor genau einem Jahr aufgeschrieben. Mehr Aufmerksamkeit verdienen dagegen konkrete Fälle von Angriffen auf die Pressefreiheit, und hierzu haben wir diese Woche gleich zwei Berichte veröffentlicht. Der Grund dafür ist nicht etwa eine geplante Themenwoche, sondern reiner Zufall.

Der erste Fall spielt in Freiburg, dort arbeitet ein Kollege für den freien Sender Radio Dreyeckland. Er hat eine Meldung verfasst, in der das Archiv des verbotenen Portals Linksunten Indymedia verlinkt war. Die Meldung hat Nachrichtenstil, dennoch sieht die zuständige Staatsanwaltschaft darin die „gezielte Förderung“ einer verbotenen Vereinstätigkeit. Wenn ihr euch jetzt fragt: „Bitte was?!“, dann findet ihr noch mehr Anlass zum Staunen in diesem Artikel.

Auf andere Weise bemerkenswert ist der Fall von zwei Kolleginnen aus den USA und Großbritannien, die von TikTok überwacht wurden. Ihre Enthüllungen haben den Konzern hinter der gehypten Kurzvideo-App offenbar so empfindlich getroffen, dass er zum Gegenschlag ausholte: Ein internes Ermittlungsteam sollte aufdecken, mit welchen Quellen sich die Reporterinnen getroffen haben. Im Interview hat mir Forbes-Redakteurin Emily Baker-White erzählt, wie die Überwachung aufgeflogen ist.

Und Financial-Times-Redakteurin Cristina Criddle hat heute in einem Artikel berichtet, was die Überwachung mit ihr gemacht hat. Auf Englisch schrieb sie: „Manchmal konnte ich kaum schlafen, weil ich darüber nachdachte, was die Angestellten von ByteDance über mich herausgefunden haben könnten. Eine Zeit lang sagte ich oft Pläne ab, und wann immer ich neue Quellen ansprach oder traf, war ich nervös.“

Für mich sind solche Ereignisse doppelt wichtig. Einerseits geht es um Kolleg*innen, und ich denke mir: Das könnte genauso gut mich oder meine Freund*innen treffen. Andererseits geht es um unsere Demokratie, denn Pressefreiheit ist der Grundpfeiler für Journalismus, der Menschen dabei hilft, informierte Entscheidungen zu treffen – unter anderem bei politischen Wahlen. Wichtiger gehts kaum.

Es sind aber nicht nur bedrückende Geschichten: Die Quellen der beiden von TikTok überwachten Journalistinnen sind nicht aufgeflogen. Beide nutzen TikTok auf Zweithandys, die sie nicht mit sich herumtragen. Und was aus dem Fall in Freiburg wird, das werde ich mir in den nächsten Monaten genau anschauen.

Ich wünsche euch ein repressionsfreies Wochenende
Sebastian

Unsere Artikel der Woche

Gesetz gegen digitale Gewalt„Es gibt nicht genug Beratungsstellen“

Zu wenig Personal, keine Zeit für Fortbildungen und verzweifelte Betroffene, denen das Geld für eine Anwältin fehlt. Im Interview beschreibt eine Beraterin für digitale Gewalt die harte Realität in Beratungsstellen – und warum sie vom geplanten „Gesetz gegen digitale Gewalt“ enttäuscht ist.

Longtermismus„Eine merkwürdige und sonderbare Ideologie“

Émile P. Torres bezeichnet eine einflussreiche Philosophie unserer Zeit als Ideologie: Longtermismus ist die zentrale Denkrichtung von Tech-Größen wie Elon Musk und Skype-Gründer Jaan Tallinn. Im Interview erklärt Torres, warum sie so gefährlich ist.

Longtermism„An odd and peculiar ideology“

Émile P. Torres calls one of the most influential philosophies of our time an ideology: Longtermism is the central school of thought of tech giants like Elon Musk and Skype founder Jaan Tallinn. In an interview, Torres explains why it is so dangerous.

424 Millionen DatensätzeDeutlicher Anstieg bei der Fluggastdatenspeicherung

424 Millionen Datensätze von 121 Millionen Passagieren in nur einem Jahr. So viele Fluggastdaten fielen 2022 beim Bundeskriminalamt an. Zu Treffern in polizeilichen Datenbanken führten nur wenige. Nach einem Gerichtsurteil muss das Bundesinnenministerium die Speicherung nun einschränken.

ZivilgesellschaftMit Plattformräten gegen die Tech-Oligarchie

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung den Aufbau von Plattformräten fördern. Die Gremien könnten dabei helfen, das Demokratiedefizit im digitalen Raum abzubauen. Dazu aber müssen individuelle und kollektive Datenrechte zusammengedacht werden.

Wegen einer NachrichtenmeldungStaatsanwaltschaft klagt Freiburger Journalisten an

Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat Anklage gegen einen Redakteur von „Radio Dreyeckland“ erhoben. Er hat eine Meldung verfasst, in der das Archiv des verbotenen Portals Linksunten Indymedia verlinkt war. Der Journalist sieht in der Anklage einen „skandalösen Eingriff in die Pressefreiheit“.

Geldregen für Internet-ProviderBreite Allianz warnt vor Datenmaut

Mit einer Extra-Gebühr sollen erfolgreiche Online-Dienste wie Youtube den europäischen Breitbandausbau mitfinanzieren. Das Geld soll direkt in die Kassen von Internet-Providern fließen. Ein bemerkenswert breites Bündnis warnt nun die EU-Kommission vor dieser „kontraproduktiven“ Idee.

Rangliste der PressefreiheitAngriffe gegen Journalist:innen in Deutschland auf Rekordhoch

Anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit gibt Reporter ohne Grenzen heute seinen jährlichen Index heraus. Das Zeugnis für Deutschland fällt schlecht aus: Journalist:innen seien hierzulande so häufig wie nie zuvor Opfer von physischer Gewalt, heißt es in dem Bericht.

Cooper Davis ActUS-Senat nimmt Drogen-Chats ins Visier

Wer sich im Chat über bestimmte illegale Drogen austauscht, könnte womöglich vom eigenen Anbieter an US-Behörden gemeldet werden. Das sieht ein neuer Gesetzentwurf eines US-Senators vor, der Messengerdienste zur Meldung von Nutzer*innen verpflichten möchte. Bürgerrechtler*innen sind alarmiert.

EuGH-UrteilSchadenersatz für Datenschutzverstöße möglich

Der Europäische Gerichtshof macht den Weg frei für Entschädigungen für Nutzer:innen, die durch Datenschutzverstöße geschädigt wurden. Anlass für das Urteil war ein aufsehenerregender Datenmissbrauch durch die Österreichische Post.

Journalist under surveillance„TikTok was scared and freaked out“

Hardly anyone reports on TikTok as much as US journalist Emily Baker-White. In an interview, the Forbes editor tells how TikTok spied on her and what danger she sees in the Chinese parent company ByteDance.

PEGA-UntersuchungsausschussEU-Kommission kontrolliert Staatstrojaner-Handel nicht

Die EU-Kommission kontrolliert den Export von Staatstrojanern und Überwachungstechnologien nicht, dafür sind nur die Mitgliedstaaten zuständig. Das berichtete Handelskommissar Dombrovskis im Europaparlament. Wir veröffentlichen ein inoffizielles Wortprotokoll der Anhörung.

CallcenterTestlabore der Arbeitsüberwachung

Engmaschige Überwachung, Kontrolle und Leistungsbewertung – für Angestellte in Callcentern ist das Alltag. Eine aktuelle Studie analysiert die Software, die dafür zum Einsatz kommt, und deren Auswirkungen. Die Kontrollsysteme kommen zunehmend auch in anderen Branchen zum Einsatz.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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2 Kommentare zu „Die Woche, als ein Journalist wegen eines Links angeklagt wurde“


  1. Paul Schick

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    Hallo Netzpolitik.org,
    wie kann ich Euren Newsletter abbestellen?

    Ich empfange Euren Newsletter via Instagram, aber ich sehe keinen Link zum Abbestellen.
    Dann habe ich noch die Willkommens-Nachricht gecheckt, die ich damals beim Abonnieren Eures Newsletter bekommen habe, aber der dort gezeigt Link zum Abbestellen funktioniert nicht.

    Das wundert mich jetzt ein bischen,
    über einen Tip/Anleitung wie man sich abmelden kann, wäre ich sehr dankbar,
    merci + gruss
    Paul Schick


    1. Anna Biselli

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      Hallo Paul, am Ende jedes Wochenrückblicks sollte ein Link zum Abbestellen sein. Deine angegebene Mail-Adresse (ich habe sie mal aus dem Kommentar gelöscht) ist auch nicht auf der Abonennt:innen-Liste, also vielleicht hat das Abbestellen geklappt. Falls du dennoch weiter den Newsletter erhälst, melde dich gern nochmal, dann forschen wir weiter nach dem Problem.

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