Liebe Freund:innen von netzpolitik.org,
die jährliche Rangliste der Pressefreiheit liegt mir am Herzen. Bedrohte Pressefreiheit heißt für mich nicht nur bedrohte Demokratie, sondern auch bedrohte Freund:innen. Eine Weile lang hing das Poster von „Reporter ohne Grenzen“ in meinem Flur. Es hängt auch in der Redaktion von netzpolitik.org und bei Kolleg:innen zuhause. Dabei finde ich Ranglisten eigentlich problematisch. Pressefreiheit ist kein Wettrennen ums Siegestreppchen. Es können alle gemeinsam gewinnen – und alle gemeinsam verlieren.
In seinem ziemlich coolen Buch „Das metrische Wir“ kritisiert der Soziologe Steffen Mau die Suggestivität von Rankings. „Obwohl ein Ranking nur relative Positionen beschreibt, wird doch gemeinhin angenommen, Veränderungen im Ranking stünden für Performanzverbesserungen bzw. ‑verschlechterungen“. Bei der diese Woche veröffentlichten Rangliste warnt Reporter ohne Grenzen selbst vor Fehlschlüssen, auch mit Blick auf die neue Methodik: „Die Platzierungen einzelner Länder lassen sich somit nur sehr bedingt mit denen der Vorjahre vergleichen.“ Joa, und dann kommt das ZDF heute journal vom 3. Mai und verkündet ohne weitere Einordnung, Deutschland verschlechtere sich um drei Plätze. Facepalm.
Ich finde, Rankings sind genial, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ist doch klar, dass alle sofort die eigene Platzierung erfahren möchten. Aber wenn die Aufmerksamkeit erst einmal da ist, muss es ans Eingemachte gehen. Dazu legt Reporter ohne Grenzen ausführliche Hintergründe zur Pressefreiheit in Deutschland vor. Meine Kollegin Anna Biselli fasst sie hier zusammen. Der wichtigste Punkt ist dieses Jahr körperliche Gewalt gegen Journalist:innen.
Bei Gewalt habe ich als Tech-Journalist eine privilegierte Position. Die meiste Zeit verbringe ich an der Tastatur und am Telefon. Statt um meinen körperlichen Schutz sorge ich mich vor allem um den Schutz meiner Quellen. Die Probleme heißen Massenüberwachung und Staatstrojaner, auch Reporter ohne Grenzen schreibt darüber. Ich glaube aber, beim digitalen Quellenschutz gibt es noch ein weiteres Problem für die Pressefreiheit. Es kündigt sich schleichend an, in den äußeren Kreisen der Radaranzeige.
Quellen und Interviewpartner:innen überraschen mich in den letzten Jahren vermehrt mit einer ungewöhnlichen Bitte. Sie möchten ihren echten Namen nicht in der Veröffentlichung sehen – selbst bei augenscheinlich harmlosen Themen. Der Name soll eben nicht für alle Zeit verknüpft werden mit diesem einen Artikel, diesem einen Zitat. Suchmaschinen fördern heute kinderleicht zutage, was früher in Pressearchiven geschlummert hat. Der persönliche digitale Schatten wird über die Jahrzehnte immer länger. Wer weiß schon, wem er eines Tages schaden könnte?
Das beißt sich mit dem, was ich mal gelernt habe. Namen sind Nachrichten, das ist eine Grundregel im journalistischen Handwerk. Wer seinen Namen verbergen will, sollte dafür triftige Gründe nennen können. Tja, und heute? Ich kann meinen Quellen versichern, dass meine Artikel fair und sorgfältig sind. Aber welche Folgen ihre Namensnennung in der digitalen Zukunft hat, das kann ich schwer beurteilen. Wenn jemand keine Person des öffentlichen Lebens ist – braucht es dann noch eine Begründung, um anonym zitiert zu werden? Ich bin mir da unsicher, und ich glaube, im Zeitalter panoptischer Suchmaschinen müssen wir Quellenschutz anders denken als früher.
Vertrauliche Grüße und schönes Wochenende
Sebastian
