Neues aus dem Fernsehrat (85)Mediatheken als Social-Media-Ausweichroute: Antworten auf häufige Fragen

Wie realistisch ist ein öffentlich-rechtliches Social-Media-Angebot? Käme das nicht viel zu spät? Wie soll ein nationales Angebot mit globalen Plattformen konkurrieren? Sind nicht Netzwerkeffekte das Problem? Ein Beitrag mit Antworten auf diese und weitere Fragen zur Idee öffentlich-rechtlicher Plattformalternativen.

Mainzelmännchen mit thumbs up
Mainzelmännchen würden Mastodon nutzen – Alle Rechte vorbehalten ZDF

Von Juli 2016 bis Juni 2022 durfte ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten, ab Juli 2022 werde ich als Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats weiterhin mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat berichten. Eine Serie.

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Die Meldung von der erfolgreichen Twitter-Übernahme Elon Musks war Anlass für mich, zunächst in zwei Twitter-Threads und danach in zwei Gastkommentaren (Süddeutsche Zeitung (€), Der Standard) eine neue Rolle öffentlich-rechtlicher Medien im Zeitalter digitaler Plattformöffentlichkeiten vorzuschlagen. Weil die daran anschließende Diskussion über verschiedene Ecken des Internets verteilt geführt wurde, hier der Versuch einer Beantwortung der häufigsten Fragen und Einwände.

Worum geht es überhaupt?

Das Ausbalancieren privater Medienmacht und so zu einer vielstimmigen Öffentlichkeit beizutragen, war historisch einer der wichtigsten Gründe für die Schaffung öffentlich-rechtlicher Medien. Nicht, weil das Angebot von öffentlich-rechtlichen Medien automatisch qualitativ besser als jenes der privaten Konkurrenz wäre. Das ist es nicht. Aber weil demokratische Öffentlichkeit und damit eine offene Gesellschaft davon profitiert, wenn es neben privaten, profitorientierten auch gemeinnützige, primär an einem demokratischen Auftrag orientierte Medien gibt.

In einem Zeitalter, wo diese demokratische Öffentlichkeit in zunehmendem Maße vermittelt über digitale Plattformen entsteht, stellt sich die Frage, wie öffentlich-rechtliche Medien diesem Grundgedanken am besten entsprechen können. Diese Frage stellt sich schon länger und unabhängig von der Übernahme Twitters durch Elon Musk. Gleichzeitig ist die damit weiter zunehmende Konzentration von Plattformmacht ein guter Anlass, ihrer Beantwortung verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen.

So kompakt wie möglich, was ist Dein Vorschlag?

Wir sollten den großen kommerziellen Plattformen ein offenes, grenzüberschreitendes Ökosystem gemeinnütziger Medien und Plattformen gegenüberstellen. Teil des demokratischen Auftrags öffentlich-rechtlicher Medien wäre es dann, die Infrastruktur für dieses Ökosystem auf Basis offener Software und Protokolle bereitzustellen. Auf diese Weise würde eine digitale Grundlage für eine demokratische Öffentlichkeit geschaffen, die auch der reichste Mensch der Welt nicht übernehmen könnte, sondern die dauerhaft uns allen gehört.

„Das ist grotesker Airbus-Quatsch“

Das meint zumindest der hochgeschätzte Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne, vergleicht „ein öffentlich-rechtliches Gegenmodell“ mit dem gescheiterten französischen Suchmaschinenprojekt „Quaero“  und „verweist darauf, wie teuer und aufwendig es ist, eine Plattform ständig weiterentwickeln zu müssen.“ 

Der Vergleich hinkt jedoch:

  • Öffentlich-rechtliche Medien verfügen bereits über durchaus reichweitenstarke Online-Plattformen, die sowieso ständig weiterentwickelt werden müssen.
  • Während Quaero quasi bei Null anfangen musste, sind Grundbausteine für Social-Media-Funktionen wie Login und Nutzerprofile in den (mittlerweile verschränkten) Mediatheken von ARD und ZDF bereits im Einsatz und werden millionenfach täglich genutzt – zum Beispiel für personalisierte Empfehlungen (Algorithmen! ;-) und für Altersverifikation.
  • Mit anderen Worten: die Entwicklung geht ohnehin bereits in die Richtung, Mediatheken stärker „social“ zu machen. Das liegt auch daran, dass eine komplette Auslagerung von Nutzerinteraktion auf kommerzielle Drittplattformen wie YouTube oder Instagram mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag auf Dauer kaum vereinbar sein dürfte.

Trotzdem: „illusorisch“, „der Zug ist abgefahren“?

Natürlich stimmt es, dass öffentlich-rechtliche Angebote kurzfristig keine Alternative zu den dominanten kommerziellen Plattformen darstellen werden, selbst wenn die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen dafür gegeben wären. Glücklicherweise müssen öffentlich-rechtliche Medien aber auch nicht um jeden Preis in kurzer Zeit exponentiell wachsen, um ihre Investor:innen nicht zu vergraulen. 

Gleichzeitig geht es nicht darum, das Social-Media-Rad völlig neu zu erfinden, sondern nach und nach relevante Features und Module zu ergänzen: zunächst Interaktion mit öffentlich-rechtlichen Inhalten, dann mit dem Publikum und schließlich das Teilen eigener Inhalte.

Aber wie sollen ARD, ZDF & Co mit globalen Plattformen konkurrieren? Das endet doch wie StudiVZ!

Genau deshalb ist es so wichtig, bei der Implementierung von Social-Media-Funktionen auf freie Software und offene Protokolle zu setzen, denn die garantieren grenzüberschreitende Anschlussfähigkeit und Vernetzung. Neben Kostenerwägungen ist das einer der wesentlichsten Gründe, der für eine Einbindung in das Fediverse spricht. Fediverse, ein Kunstwort aus „Föderation“ und „Universum“, bezeichnet ein Netzwerk miteinander kompatibler, dabei aber voneinander unabhängiger sozialer Netzwerke wie zum Beispiel Mastodon oder PeerTube – letzteres könnte auch die explodierenden Streamingkosten der Mediatheken wieder ein wenig dämpfen helfen.

Im Ergebnis würde so die Basis für ein offenes und grenzüberschreitendes Ökosystem von öffentlich-rechtlichen Medien und anderen gemeinnützigen Kooperationspartnern wie der Wikipedia stehen, das öffentlich-rechtliche Netzwerkeffekte erzeugt.

Das Problem sind doch gerade die (fehlenden) Netzwerkeffekte!

Netzwerkeffekte bezeichnet das Phänomen, dass der individuelle Nutzen eines Konsumenten mit der gesamten Zahl an Nutzer:innen zusammenhängt. Für potenzielle Konkurrenz zu den großen Plattformen führt das zu einem „Zirkel des Anfangs“, dem klassischen Henne-Ei-Problem: soziale Medien benötigen eine kritische Masse an Nutzer:innen, um zu funktionieren. Solange diese kritische Masse fehlt, sind Alternativen unattraktiv, was wiederum dazu führt, dass die kritische Masse nicht erreicht wird.

Öffentlich-rechtliche Medien haben hier, wie bereits erwähnt, den großen Vorteil von vorhandenen und reichweitenstarken Onlineangeboten:

Die Sender-Mediatheken werden bei breitem Altersspektrum von zwei Dritteln der Bevölkerung zumindest selten genutzt (66 %). Bei den VideoStreamingdiensten sind es 53 Prozent; sie haben ihren Nutzungsschwerpunkt bei unter 30 Jährigen. Jede*r Fünfte ruft mindestens wöchentlich Bewegtbild-Inhalte von ARD (21 %) oder ZDF (21 %) auf. Damit liegen sie vor Amazon Prime Video (18 %), aber hinter Netflix (32 %). (ARD/ZDF Online-Studie 2021)

Zum Vergleich: Twitter nutzten im Jahr 2021 zwischen 1 Prozent (über 70-jährige) und 9 Prozent (14-29-jährige).

Selbst wenn das technisch klappt und genutzt wird, inwieweit würde das dann anders als die privaten Netzwerke funktionieren?

Diese Frage halte ich persönlich für die vielleicht interessanteste, weil es darauf noch keine eindeutige Antwort gibt, ja geben kann. Das spricht aber nicht gegen, sondern für Experimente mit offenen Social-Media-Features im öffentlich-rechtlichen Kontext. Offene Software, Protokolle und Schnittstellen könnten beispielsweise verschiedene Formen der Sortierung – von chronologisch über algorithmisch bis hin zu redaktionell kuratiert – ermöglichen. Und weil bei algorithmischer Sortierung nicht Profitmaximierung der alleinige Maßstab ist, ginge es darum, an verschiedenen Formen demokratischer Algorithmen zu arbeiten. 

Hinzu kommt die große Herausforderung des Community-Managements. Die dafür notwendigen Investitionen sind mit Sicherheit beträchtlich, bieten aber auch wieder die Chance, hier Dinge anders und verantwortungsvoller zu gestalten, als das im Kontext der privaten Plattformen passiert

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Besteht nicht die Gefahr von Zensur bei öffentlich-rechtlichen Angeboten?

Zur Frage der Meinungsfreiheit hat Markus Beckedahl (z.B. im Interview mit dem BR) schon auf den potenziellen Widerspruch von Elon Musks Zielen hingewiesen, sowohl einen „inklusiveren Diskussionsraum“ als auch „mehr Meinungsfreiheit“ schaffen zu wollen: 

Das sind zwei Ziele, die miteinander in Konflikt geraten bei der Umsetzung. Man muss auch fragen: welche Meinungsfreiheit? Meint er die amerikanische Redefreiheit, die Hass und Hetze auch zulässt, oder unser europäisches – und deutsches – Modell von Meinungsfreiheit, die nur so weit reicht, bis die Rechte von anderen tangiert werden.

Im Ergebnis dürften ein Twitter Elon Musks und Social-Media-Angebote öffentlich-rechtlicher Medien diese schwierige Grenze jeweils unterschiedlich ziehen. Genau diese Unterschiedlichkeit wäre dann aber wiederum eine Bereicherung für demokratische Vielfältigkeit und würde den Status eines öffentlich-rechtlichen Angebots als Ausweichroute unterstreichen.

Wo kann ich noch mehr zum Thema erfahren?

Für die Deutsche Welle hat Lisa Hänel einen lesenswerten Beitrag mit dem Titel „Musk und Twitter: Milliardäre, Macht und Meinungsvielfalt“ verfasst, für den sie auch mit mir gesprochen hat. Am Samstag, 30.04.2022 ab 13:05 Uhr wird es in der Deutschlandfunk-Sendung Breitband einen Beitrag geben und gemeinsam mit Ingrid Brodnig und Hendrik Wieduwilt diskutiere ich kommende Woche in der SWR2-Reihe „Forum“ eine Radiostunde lang zum Thema „Musk und der Kampf um die Meinungsfreiheit im Netz“

Wer dezentrale Social-Media-Alternativen einmal ausprobieren möchte, dem empfehle ich zum Einstieg den Spiegel-Online-Artikel von Torsten Kleinz

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6 Ergänzungen

  1. >> … war Anlass für mich, zunächst in zwei Twitter-Threads und danach in zwei Gastkommentaren (Süddeutsche Zeitung (€), Der Standard) …>>

    Lieber Herr Dobusch,

    gerne hätte ich Ihre Beiträge im Original gelesen, nur ist es mir bedauerlicherweise in keinem Fall möglich.

    Twitter habe ich komplett blockiert, weil ich

    1. den Konzern nicht mit meinen Daten zu mehr Profiten verhelfen möchte.
    2. weil ich den Term „Follower“ für bezeichnend halte, und niemals „Follower“ sein will.
    3. weil ich Twitter als ein Instrument Herrschender zur Verbreitung ihrer Propaganda empfinde.
    4. weil ich deswegen Twitter nicht wirklich als „demokratische Öffentlichkeit“ wahrnehmen kann.

    Ich kann die Süddeutsche Zeitung (SZ) nur insofern benutzen, als dass ich mir die Überwindung von Paywalls schlicht nicht leisten kann. Ihr Gastkommentar dort ist den „Besserverdienenden“ vorbehalten. Es ist der Preis kommerziellen Qualitätsjournalismus, dass Teile der Bevölkerung sich ihn nicht mehr leisten kann, und das wird in Krisenzeiten kaum besser werden.

    Beim österreichischen Standard werde ich so begrüßt:

    „Bitte deaktivieren Sie sämtliche Hard- und Software-Komponenten, die in der Lage sind Teile unserer Website zu blockieren. Z.B. Browser-AddOns wie Adblocker oder auch netzwerktechnische Filter.“

    Selbstverständlich werde ich das nicht tun. Auf gar keinen Fall.

    Ich Frage mich, ob die Kategorie „demokratische Öffentlichkeit“ überhaupt noch mit ehrlicher Absicht auf Plattformen wie Facebook, Instagram, Twitter et al. angewendet werden kann oder soll, denn eine „Öffentlichkeit“ bereitzustellen ist Teil eines Narrativs, das interessengeleitete Monetarisierung und Abschöpfung von Nutzerdaten zur eigenen Machtausweitung verschleiern soll.

        1. Nunja, wollen ist eine individuelle Entscheidung, man muss halt mitden Konsequenzen leben.

          2) entfällt beim direkten und anonymen Zugriff per Webbrowser, dabei kann man niemandem folgen

          3&4) erscheinen beim hier thematisieren direkten Zugriff auf den gewünschten Text eines bekannten Autors fragwürdig

  2. „Mediatheken stärker „social“ zu machen“

    Oh, bitte nicht! Die Mediatheken sind aktuell sehr brauchbar, weil sie eine klar umrissene Aufgabe umsetzen. Da jetzt wieder irgendein Kommentarsystem ranzudengeln, wo überall schlechte Laune, belanglose Kommentare und zu moderierender Idiotencontent vorherrschen wird (oder was soll sonst bei den ganzen „GEZ“-Hatern zu erwarten sein?) macht einfach nur wieder diese Infrastruktur kaputt. Dann bitte ein eigenes Soziales Netzwerk, das man dann separat sterben lassen kann.

  3. PS: Negativer Netzwerkeffekt könnte werden, dass die Mediatheken zu geschlossenen Platrtformen (nach Anmeldung) mutieren, was eine völlig unnütze und für die öffentliche Debatte nicht wünschenswerte Entwicklung darstellen würde.

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