Geheimdienst

  • : Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit unter Beobachtung des Berliner Geheimdienstes
    Egal wie friedlich eine Demo ist: Das LKA Berlin leitet fröhlich Daten an den Verfassungsschutz weiter - <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC-BY 2.0</a> via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/fotografiona/5499012025">fotografiona</a>
    Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit unter Beobachtung des Berliner Geheimdienstes

    Netzpolitik.org zugespielte, vertrauliche Dokumente belegen: Das LKA Berlin versorgt den Verfassungsschutz in Form so genannter Verlaufsberichte und Gefährdungsbewertungen regelhaft mit personenbezogenen Daten von Menschen, die Demonstrationen oder Kundgebungen in Berlin anmelden oder daran teilnehmen. Davon sind häufig auch Versammlungen betroffen, die jenseits der ohnehin fragwürdigen gesetzlichen Aufgabengebiete des Geheimdienstes liegen.

    Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Herta Sassenbach.

    Zugespielte Dokumente und eigene Recherchen von netzpolitik.org zeigen, dass auch in Berlin eine rege Weitergabe polizeilicher Informationen an den Geheimdienst „Verfassungsschutz“ stattfindet. Die Übermittlung von Daten zu Versammlungen erfolgt dabei sowohl im Nachgang als auch im Vorfeld der Veranstaltungen. Dabei bleibt sowohl das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung als auch die Versammlungsfreiheit auf der Strecke. Sind von der Übermittlung auch Vereine oder Parteien betroffen, wird damit indirekt auch in die Vereinigungsfreiheit eingegriffen.

    Verlaufsberichte und Datenbanken – die polizeiliche Protokollierung von Versammlungen

    Bundesweit (siehe zum Beispiel Niedersachsen, Sachsen und Thüringen) werden von der Polizei nach fast jeder Demonstration oder Kundgebung ausführliche Protokolle über deren Verlauf verfasst. Diese so genannten „Verlaufsberichte“ enthalten eine mehr oder weniger akkurate Schilderung des Ablaufs der Versammlung, statistische Daten zu den eingesetzen Polizeikräften und etwaige Vorkommnisse wie beispielsweise polizeiliche Maßnahmen (Identitätsfeststellungen oder Festnahmen). Darüber hinaus wird aus ermittlungstaktischen Gründen häufig auch die Anwesenheit von Presseorganen oder besonderen Personen (Abgeordnete, „VIPs“) festgehalten. Die von der Polizei gesammelten Informationen werden u.a. dem Inlandsgeheimdienst zur Verfügung gestellt. Einige Verwaltungsgerichte haben diese Praxis als rechtswidrig eingestuft.

    Die in solch einem Bericht enthaltene Beurteilung des Verlaufs eines Protestes erfolgt selbstverständlich aus subjektiver Sicht der jeweiligen Polizeibehörde und in der Regel ohne, dass Teilnehmer*innen beziehungsweise Anmelder*innen der Versammlung irgendetwas davon erfahren. In Berlin werden die Anmelder*innen seit 2004 außerdem in einer so genannten „Veranstaltungsdatenbank“ (VDB) für drei Jahre auf Vorrat gespeichert. Die grundrechtlich verbriefte Auskunft zu dieser fragwürdigen Erfassung personenbezogener Daten liefert die Polizei allerdings erst seit 2013.

    Als positives sowie negatives Beispiel veröffentlichen wir hier einen Verlaufsbericht aus dem Jahr 2011 zu einer Kundgebung der Initiative „Pro Guttenberg“, der standardgemäß per E‑Mail auch an den Berliner Geheimdienst (auch bekannt als Abteilung II in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport) weitergeleitet wurde. Zwar sind im Text diesmal entgegen der üblichen Praxis keine sensiblen personenbezogenen Daten enthalten, allerdings werden die anwesenden Medienvertreter*innen von ARD, RBB und RTL darin pauschal als „Vertreter der linksorientierten Presse“ bezeichnet – eine kritikwürdige polizeiliche Unterstellung, die sich dann vielleicht auch der Verfassungsschutz in seinen Akten zu eigen macht:

    Die Unmutsäußerungen und die polizeilichen Maßnahmen wurden intensiv durch Vertreter der linksorientierten Presse verfolgt.

    Ein weiterer Verlaufsbericht aus Niedersachsen zeigt, wie weit die polizeiliche Begutachtung einer Versammlung hinsichtlich der Parteizugehörigkeit ihrer Teilnehmer*innen gehen kann:

    Im Rahmen der Überwachung der Kundgebung konnten 7 Personen festgestellt werden, die mit Überzügen (Westen) der „Piratenpartei“ ausgestattet waren.

    Gefährdungsbewertungen – wie „lautstarker Protest“ zur Gefahr für die freiheitlich demokratische Grundordnung wird

    Doch auch im Vorfeld von Versammlungen werden sensible Informationen an den Geheimdienst übermittelt. Dabei schreckt man in Berlin nicht davor zurück, vollkommen störungsfreie Demonstrationen oder Kundgebungen zu denunzieren. Die staatsschützerische Beurteilung von Versammlungen steht dabei in einem Spannungsfeld: Einerseits möchte die Polizei nicht zuviele Kräfte für die „Betreuung“ einer Demonstration binden, andererseits besteht aus Gründen der persönlichen und strukturellen Risikominimierung ein starkes Eigeninteresse, eine Versammlung nicht harmlos erscheinen zu lassen. Diese Strategie hat für die Beamt*innen einen großen Vorteil. Wird eine Veranstaltung als zu gefährlich geschätzt und es kommt deshalb ein massives einschüchterndes Polizeiaufgebot zum Einsatz, dann kann im Nachgang immer gesagt werden: Nur weil es das Aufgebot gab, ist nichts passiert. Bei einer als harmlos eingestuften Veranstaltung, die dann eskaliert, wird der Staatsschutz später schlecht dastehen und dann eventuell polizeiintern verantwortlich gemacht.

    Die Gefährdungsbewertungen werden u.a. von so genannten Auswerteeinheiten des Berliner Staatsschutzes (beispielsweise LKA 52 AE) auf Basis von öffentlich zugänglichen Informationen („Internet“, Flugblätter etc.) und eigenen Quellen erstellt. Diese Quellen können einerseits Polizeidatenbanken wie INPOL, POLIKS, VDB usw. aber auch Erkenntnisanfragen bei anderen Behörden sein. Andererseits verfügt die Polizei über ein Netzwerk von verdeckten Ermittler*innen und Informant*innen (V‑Leute), die Daten und Einschätzungen über geplante Versammlungen liefern können. Dabei ist keineswegs sicher, dass die zur Gefährdungsbewertung herangezogenen Informationen korrekt sind. Stellenweise bereitet sogar die korrekte Schreibweise von Namen den Beamt*innen Schwierigkeiten.

    Uns sind drei solcher Dokumente zugespielt worden, die allesamt als „VS – nur für den Dienstgebrauch“ mit dem besonderen Zusatz „um restriktive Steuerung wird gebeten“ eingestuft sind. Jede dieser Gefährdungsbewertungen ist samt sensiblen personenbezogenen Daten auch an den Berliner Geheimdienst weitergegeben worden, wie der jeweils abgedruckte Verteilerkreis „SenInnSport II B“ belegt. Dies lässt den Schluss zu, dass die Weitergabe der Bewertungen eine Standardpraxis des LKA darstellt.

    In der Gefährdungsbewertung zu einer (Fahrrad)demonstration stadtteilpolitischer Gruppen unter dem Motto „Mittendrin statt außen vor“ werden die Namen der Anmelder*innen und teilweise weitere sensible Informationen der Beteiligten an den Geheimdienst gemeldet:

    Am 18.03.2011 wurde er als Beschuldigter eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz festgestellt. Er meldete sich als Versammlungsleiter eines nicht angemeldeten Aufzuges zum Thema Anti-Atom (200 Personen – keine Störungen).

    Einige Sätze deuten auch darauf hin, dass Informationen möglicherweise aus nichtöffentlichen Quellen stammen:

    Diese Personen haben auch nicht vor, in einem eigenen Block vertreten zu sein.

    Im Dokument zu den Kundgebungen gegen Videoüberwachung, soziale Kontrolle und Polizeipräsenz ist auffällig, dass sogar das Geburtsdatum und der Geburtsort des Anmelders an den Verfassungsschutz übermittelt wird. Auch sind im Rahmen dieser Gefährdungsbewertung offensichtlich weitere Veranstaltungen wie ein Kameraspaziergang einer anderen Gruppe in den Fokus der Polizei geraten:

    Diesbezüglich liegen dem LKA 522 weder weiterführende Erkenntnisse noch eine Anmeldung vor.

    Auch werden Informationen aus polizeilichen Datenbanken ganz selbstverständlich an den Geheimdienst übermittelt:

    Der Anmelder und Leiter der Kundgebung trat bisher sowohl allgemeinpolizeilich als auch staatsschutzrelevant in Erscheinung (diverse Platzverweise, Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte)

    Dass solche Angaben häufig auf die unzulässige Weiterspeicherung eingestellter Ermittlungsverfahren zurückgehen und daher eigentlich nicht übermittelt werden dürften, stört die Berliner Staatsschutzbeamt*innen dabei nicht.

    Die dritte Gefährdungsbewertung betrifft eine Demonstration gegen den Überwachungsstaat. Unter dem Motto „Bestandsdatenschnüffelgesetz stoppen!“ hatten am 14.04.2013 bundesweit ganz überwiegend Teilnehmer*innen der Piratenpartei gegen die Einführung einer Abfragemöglichkeit von Telekommunikationsbestandsdaten protestiert. In Berlin war dem Staatsschutz dabei sogar bekannt und speicherwürdig (in der VDB als „MdA Piraten-Partei“), dass ein Abgeordneter der Piratenfraktion daran teilgenommen hat. Nur war der zahme Protest der Piraten offenbar zu „lautstark“, denn in der Beurteilung für eine Folgeversammlung am 27.04.2013 kommt das LKA dann zu folgender Einschätzung:

    Die Teilnehmer, dürften sich hauptsächlich aus Bürgerrechts- und Datenschutzorganisationen, Mitglieder der Piratenpartei und engagierten Einzelpersonen zusammensetzen. Im Rahmen der Versammlung sind Flugblattverteilungen wahrscheinlich, die auf den Umstand zum Bestandsdatengesetz machen sollen. Vor dem BMI und dem Kanzleramt ist in diesem Zusammenhang ein lautstarker Protest ebenfalls wahrscheinlich (3 von 8).

    Welche Schlüsse der Inlandsgeheimdienst aus den übermittelten Daten gezogen hat, ist wegen der dortigen Geheimniskrämerei leider nicht bekannt. Informationen dazu nehmen wir gern auf den üblichen Kanälen entgegen.

    21. Oktober 2015 57
  • : Ganz großes Kino – nur live: Warum es sich lohnt, den NSA-Untersuchungsausschuss vor Ort mitzuerleben
    Leider auf der Besuchertribüne nicht erlaubt: Popcorn - <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/">CC BY-ND 2.0</a> via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/mythoto/15319229095/in/photolist-pkH46z-68BBFw-4osyxN-dfXvap-yAzMDi-7VDBHr-i87bMA-2ECq-5cqDiD-4zD8hd-5jWuRm-7z46J7-8Xuqy-6UgrwM-6RMxYL-8Ga3J9-qUHHYG-bXojbW-bDKsjW-5SXzQF-77VqPP-5VNXb7-damNXr-ZhiQX-7rtu84-zXzR4-61LWEY-6Ec7Xb-9KMGv9-dnBy4P-sk9aAv-4fAxX1-4xvZuJ-2uxn3K-5GXCNz-3KAecF-nnWK37-6Ln66V-5VNWAj-nJsr8x-cKRHbL-pUEqBC-9dr5rv-4QNwD4-m83Nd8-q3LuKe-4QNwci-22KZr1-9TvWWx-3czpc9">mythoto</a>
    Ganz großes Kino – nur live: Warum es sich lohnt, den NSA-Untersuchungsausschuss vor Ort mitzuerleben

    tl;dr: Dabeisein lohnt sich. Jetzt für die Sitzung am Donnerstag anmelden!

    NSA-Untersuchungsausschuss. Das heißt zum Teil 13-Stunden-Sitzungen, Rückenschmerzen, Zeugen mit Gedächtnisschwund und Aussagen, bei denen es schonmal schwerfallen kann, ruhig zu bleiben. Das heißt auch, mal an einem Tag fast 90 „Normseiten“ Live-Blog produzieren und danach die letzte Bahn verpassen, weil man noch bis um halb zwei mit den großartigen Kollegen von Technische Aufklärung podcastet. Und so kam es nach einem der Podcasts, dass mir in grenzerschöpftem Affekt der Satz entrutschte: „Warum tun wir uns das eigentlich an?“

    In leicht erholterem Zustand ließ ich mir genau das noch einmal durch den Kopf gehen. Denn es gibt viele gute Gründe, den NSA-Untersuchungsausschuss zu besuchen. Auf der Besuchertribüne ist man nie allein. Neben den üblichen Verdächtigen aus der Presse trifft man stets auf andere Besucher, mal mehr, mal – vor allem zu später Stunde – weniger. Die meisten kommen öfters, man kennt sich, hat seine Stammplätze auf der Besuchertribüne. Doch was treibt die Einzelnen dazu, sich immer wieder donnerstags (und manchmal auch freitags) in den Bundestag zu setzen? Und warum solltet ihr das vielleicht auch mal miterleben?

    Öffentlichkeit ins Dunkel der Geheimdienste bringen

    Ein wichtiger Grund für einen Großteil der Beteiligten ist es, überhaupt einmal einen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und die Haltung der dahinterstehenden politischen Vertreter in Kanzleramt und Co. zu bekommen. Demokratische Kontrolle und Transparenz – das wurde uns in den letzten Jahren zuhauf vor Augen geführt – kann es beim Demokratie-Fremdkörper Geheimdienst schwerlich geben und der NSA-Untersuchungsausschuss ist beinahe der einzige Ort, an dem es Einblicke in die Praktiken der Spione gibt. Jonas Schönfelder vom Podcast Technische Aufklärung berichtet, dass ihm im Lauf der Veröffentlichungen über immer neue Geheimdienstprogramme bewusst geworden ist, „wie sehr unser Leben erfasst und analysiert wird.“

    Ich möchte, dass Grundrechte in diesem Land von allen respektiert werden und ich darüber bestimmen kann, welche Informationen ich von mir preisgebe.

    Der Untersuchungsausschuss kann hoffentlich mehr Klarheit in die nebelige Welt der Geheimdienste bringen. Schon jetzt hat er gezeigt, dass auch deutsche Dienste eine wichtige Rolle in der internationalen Kooperation spielen und dabei die Einhaltung des Grundgesetzes nachrangig ist. Die stundenlangen Sitzungen sind teilweise spannend, teilweise ermüdend und können auch Fremdschämen bei mir auslösen. So wie die Befragung des Ex-Kanzleramtsministers Pofalla, der sich gegenüber den Abgeordneten äußerst provokativ und meiner Meinung nach unpassend geäußert hat. Das Interesse der Bevölkerung an dem Ausschuss ist größer, als ich vor dem ersten Besuch gedacht hätte. Die Tribüne ist regelmäßig gefüllt – mit wechselnden Gesichtern.

    Ganz ähnlich sieht es auch Simon Rebiger:

    Ich gehe zum NSAUA, weil ich es für wichtig halte, dass dessen Sitzungen von einer kritischen Öffentlichkeit beobachtet und dokumentiert werden. Es ist interessant zu sehen, wie ein U‑Ausschuss organisiert ist, dass die wirklich wichtigen Fragen von den beiden Oppositionsparteien gestellt werden und wie stark die vermeintlichen Erinnerungslücken (ehemaliger) Beamter sind. Wie wenig Bewusstsein für demokratische Kontrolle, Transparenz und Rechenschaftspflicht bei den Verantwortlichen für die Kooperationen mit der NSA bzw. den deutschen Überwachungsprogramme vorhanden ist, erschüttert mich immer wieder. Die Arroganz mancher Befragter gegenüber den Abgeordneten und ihren Fragen lässt tief blicken in das Demokratieverständnis dieser Personen. Umso wichtiger, dass dank des NSAUA immer wieder neue Fakten und Programme ans Licht kommen.

    Nicht nur die faktischen Erkenntnisse des NSAUA sind Gold wert. Gerade die Verweigerungshaltung macht immer wieder donnerstags klar, wie wenig der Geheimdienstapparat in das Selbstverständnis einer Demokratie passt. Und nicht allein die Zeugen tragen zu diesem Eindruck bei: Allen voran Hr. Wolff vom Kanzleramt hilft dabei, die Aussagen möglichst knapp zu halten, indem er immer wieder interveniert, Aussagen unterbricht. Der Anwalt Johannes Eisenberg, der viele der BND-Zeugen vertritt, hilft fleißig und die Problematik, dass er den Zeugen Informationen aus vorigen Sitzungen vermitteln könnte, steht weiterhin im Raum. Ganz abgesehen von seiner überheblichen Art, die schonmal Abgeordnete an den Rand ihrer Geduld bringen kann.

    „Das ist nicht Untersuchungsgegenstand!“ – Dieser Satz ist allen, die den Ausschuss verfolgen, wohlbekannt. Auch andere als der BND haben hier etwas zu verbergen: Auch diejenigen, die Überwachungsprojekte und Kooperationen mit ausländischen Diensten genehmigt haben, würden einiges am liebsten unter den Teppich gekehrt wissen und verlassen schonmal nervös den Raum, um sich zu besprechen, wenn kritische Themen aufs Tablett gehoben werden.

    Sich nicht mit den üblichen Presseberichten zufrieden geben

    Jonas produziert zusammen mit Felix Betzin den Podcast Technische Aufklärung. Zu jeder öffentlichen Sitzung gibt es eine Folge, mittlerweile auch mal zwischendurch, um bestimmte Themen, die „für den Untersuchungsgegenstand relevant“ sind, zu beleuchten. Zu einer typischen Folge gehören O‑Töne von Bundestagsabgeordneten und die obligatorische Auswertungsrunde nach dem Ausschuss, bei der auch wir meist dabei sind und bei der man noch einmal Revue passieren lässt, was an der Sitzung besonders spannend und erkenntnisreich war. Das Podcasten kann auch mal bis spät in die Nacht dauern, wenn die Sitzung wieder bis um Mitternacht ging.

    Doch wie kamen Jonas und Felix dazu, so ein Langzeitprojekt zu starten und sich regelmäßig für Stunden im Bundestag den Hintern platt zu sitzen? Eigentlich war das gar nicht so geplant, erzählt uns Felix:

    Als Podcaster interessiere ich mich immer für Themen, die auch anderen Menschen einen Mehrwert bieten. So habe ich im November 2014 zum ersten Mal den NSAUA besucht und die Arbeit von Andre Meister porträtiert. Spannend als Podcaster war dabei, zum ersten Mal in den „heiligen Hallen der Demokratie“ in Deutschland zu sein. Mir war bis dahin gar nicht bewusst, dass der Bundestag im Rahmen von öffentlichen Sitzungen überhaupt zugänglich ist. Die Folge mit Andre sollte eigentlich eine einmalige Sache werden, wie alle Themen, die ich mit Am Mikrofon bearbeite.

    Das Thema hat mich jedoch nicht losgelassen. Unzufrieden mit der stark verkürzten und oft sehr abstrakt distanzierten Medienberichterstattung, hatten Jonas Schönfelder und ich die Idee mit dem Podcast Technische Aufklärung. In den Pressestatements und Interviews kommen die Abgeordneten länger zu Wort als in den Sendekonstrukten von Radio und Fernsehen. Und gleichzeitig schaffen wir mit der Auswertungsrunde zusammen mit netzpolitik.org und anderen Beobachtern der öffentlichen Sitzung einen Raum für das, was zwischen den Zeilen geschieht: Die emotionale Ebene, die Blicke im Raum, den Eindruck der Zeugen und Abgeordneten auf uns.

    Auch Daniel Lücking geht es um Berichterstattung, er kam durch einen anderen Umweg dazu:

    Mehr durch Zufall hab ich im September 2013 entdeckt, dass das von Snowden kritisierte Unternehmen „VERIZON“ teil der Bundes-IT ist. Ich fand das zunächst so abwegig, dass ich nur einen „HaHa-Tweet“ darüber losließ und es auch schon fast wieder vergessen hatte.

    Als dann der erste Stream der Expertenanhörung kam ging mir langsam auf, dass es wohl im Bundestag gar nicht so ein Problembewusstsein gibt. Ende Juni 2014 zündete die Information Dank Andre & netzpolitik.org dann voll durch. Er griff meine Recherche auf und das Bundesinnenministerium reagierte binnen weniger Tage mit der Bekanntgabe, das die Verträge mit Verizon nicht verlängert werden.

    Seither bin ich im Thema NSAUA via Twitter und mit Artikeln dran – seit Kurzem auch via Podcast.

    Daniel gehört zu den fleißigsten Twitterern, er und andere versuchen auch die Details am Rande mit einzufangen, die es leichter machen, ein lebendiges Bild vom Sitzungssaal zu bekommen, selbst wenn man nicht mit drinsitzt. Verfolgt man an Sitzungstagen den Hashtag #NSAUA bekommt man eine Fülle von Eindrücken – sowohl von Abgeordneten, ihren Mitarbeitern, der anwesenden Presse und den Besuchern. Schön ist, dass manche auch versuchen, die aktuellen Ereignisse einem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen, denn das kommt oftmals noch zu kurz.

    Das ist wichtig und mehr als das, was uns ein normaler Nachrichtenbeitrag bieten kann, doch es ersetzt nicht die direkte Teilnahme am Untersuchungsausschuss-Theaterspektakel. Viele der häufigen Besucher waren sich einig, dass es unerlässlich ist, sich den Ausschuss einmal selbst anzusehen. So sagt wetterfrosch:

    Als Bürger sind wir auf Zusammenfassungen und Einordnungen angewiesen. Aber jedem, der mehr als ein Liveblog oder Protokoll des NSAUA liest und die Gelegenheit hat, eine Sitzung zu besuchen, sei dies wärmstens empfohlen. Denn das gesprochene Wort und das geschriebene sind einfach nicht dasselbe.

    Bei der Schmallippigkeit vieler Antworten lohnt es sich genau zuzuhören: Kann sich der Zeuge wirklich nicht erinnern? Wie klang es, als eingestanden wurde, dass Selektoren „aus Versehen“ gelöscht wurden?

    Und die kleinen Details sind es auch, die die Atmosphäre des Ausschusses so spannend machen. Denn neben den Aussagen der Zeuginnen und Zeugen gibt es einiges an enttarnender Körpersprache, aufgeregten Tuscheleien in den hinteren Reihen und auffälligen Pausen, die wir kaum in einem Live-Blog wiedergeben können, auch wenn wir so gut es geht Anmerkungen machen, wenn bei den Regierungsvertretern aufgeregt die Smartphones gezückt werden oder die Pause zwischen Frage und Antwort auffällig lange dauert.

    Die Aufruhr in den hinteren Reihen, als die Selektorenaffäre durch eine Veröffentlichung des Spiegels ins Rollen gebracht und die restliche Sitzung abgesagt wurde, war unbeschreiblich. Und man wünscht sich mehr solcher Momente, in denen den Verantwortlichen die Gesichtszüge entgleisen, weil sie ihr Gerüst an Geheimhaltung nicht aufrecht erhalten können.

    Überwachung hat viele Gesichter

    Die Details helfen, sich selbst ein Bild von der (Un-)Glaubwürdigkeit der erzählten Geschichten zu machen, aber sie bewirken vor allem eines: Sie geben der Überwachung ein Gesicht. Denn hinter den Kürzeln wie D.B., Dr. T. und Frau K. verbergen sich mehr als Dienstpositionen, die mechanisch zur massenhaften Überwachung aller beitragen, sondern Menschen. Nikolai Schnarrenberger, der uns im Rahmen seines Praktikums zum ersten Mal im NSAUA begleitet hat, beschreibt seine Eindrücke davon sehr bildhaft:

    Im NSAUA gibt es die beinah einmalige Gelegenheit, live und in Farbe Geheimdiensten und Bundesregierung auf die Finger zuschauen. Manchmal sind das die zitternden Finger von BND-Zeugen, die wissen, dass sie jahrelang Grundrechte missachtet und Massenüberwachung voran getrieben haben. In aller Regel lässt sich aber beobachten, wie das Bundeskanzleramt und alle Regierungsparteien mit Händen und Füßen auf jeden Zentimeter Aufklärung einprügeln, der ihnen gefährlich werden könnte. Die Selbstgefälligkeit und der geheimdienstliche Aberwitz werden erst in den Mienen und Gesten der Oberschurken wirklich begreiflich.

    Schon allein dafür lohne es sich, das Spektakel anzusehen, auch wenn er sonst nicht besonders optimistisch sei:

    Wenngleich ich mich davon verabschiedet habe, dass der NSAUA grundlegend etwas am Treiben der Geheimdienste ändern wird, ist er ein erschütternder Blockbuster der jede Primetime sprengt.

    Auch für wetterfrosch ist die persönliche Komponente eine Motivation, sich die Sitzungen anzusehen und sich ein Bild davon zu machen, wer für die Geheimdienste arbeitet:

    Ich gehe zum NSAUA, weil ich wissen will um was für Charaktere von Menschen es geht, wenn die Rede von Geheimdiensten ist. Welches Auftreten haben diese Leute? Wie ernst nehmen sie etwa das Gremium? Sind es für die einzelnen Zeugen Stunden der Wahrheit – oder bringen sie zum Ausdruck, dass sie sich keiner Rechenschaft verpflichtet fühlen?

    Die von wetterfrosch angesprochenen Charaktere könnten teils unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite gibt es Zeugen wie den Ex-BND-Präsidenten August Hanning, der jahrelang im Umgang mit Medienvertretern und Politikern geübt ist und an dem jegliche Kritik abperlt wie an einer brandneuen Teflonpfanne. Der sich mit überheblicher Selbstverständlichkeit aus jeder Verantwortung zieht und die im Raum stehenden Vorwürfe zurückwirft. Selbst dran schuld, dass man überwacht wird, wenn man unverschlüsselt kommuniziert. Für ihn ist das klar. Auch, dass jeder jeden überwacht. Das ist die Realität, findet euch damit ab und kümmert euch um eure Sicherheit – so seine Botschaft. Schuldbewusstsein: Nicht vorhanden.

    Andere verlangen einem erhebliche Mengen Selbstbeherrschung ab. So etwa Alois Nöbauer, Leiter der Abhöranlage Gablingen. Mit selten gesehener Hybris und Starrköpfigkeit ließ er sich bitten und maßte sich dabei an, zu beurteilen, was zum Untersuchungsgegenstand gehöre oder nicht. Es wurde klar, Nöbauer ist es wohl nicht gewohnt, Rechenschaft abzulegen und mit seinem Verhalten hat er es geschafft, die Aufmerksamkeit eher auf Gablingen, denn von Gablingen weg zu lenken.

    Bei manch anderen fragt man sich jedoch, wie sie es jemals in eine leitende Position geschafft haben. Frau K. zum Beispiel, langjährige Leiterin der BND-Tarnbehörde „Hauptstelle für Befragungswesen“. Sie glänzte durch vermittelte Inkompetenz, sei sie gespielt oder nicht. Als Volljuristin war sie nicht in der Lage, die Paragraphen zusammenzufassen, die ihren eigenen Angaben zu Folge Grundlage ihrer täglichen Arbeit waren und ihren Schilderungen nach zu urteilen interessierte sie sich außergewöhnlich wenig dafür, für welche Operationen sie jahrelang verantwortlich war. Menschen wie sie sind uns im Ausschuss viele begegnet. Sie sind unauffällig, grau, das Stereotyp eines Menschen, der nicht den Mund aufmacht, wenn etwas falsch läuft, sondern sich lieber hinter den Aktenbergen zurücklehnt und die Augen verschließt.

    Wenn es darum geht, Überwachung ein Gesicht zu geben, sollte vor allem Stella Schiffczyk erwähnt werden. Sie begleitet uns seit einigen Monaten und war seitdem bei beinahe jeder Sitzung dabei, um mit Farbe und Geduld ein Bild von den Zeugen zu zeichnen, von denen es sonst nichts außer kryptischen Kürzeln gibt.

    Neben den Zeugen zeigt der Ausschuss aber auch die Abgeordneten von einer Seite, die wir nicht aus Presseberichten kennen. Mateflaschen und Gummibärchen zirkulieren und so manchesmal fallen Sätze wie „Können Sie jetzt nicht endlich mal die Klappe halten?“. Die Atmosphäre ist mitunter Popcorn-würdig und die Erschöpfung hat, so scheint es manchmal, System. Auch Felix kann dem Ganzen etwas abgewinnen:

    Ich finde es immer noch schräg mit welcher Selbstverständlichkeit der Ausschuss regelmäßig bis zum Zwangsabbruch um Mitternacht tagt. Das irritiert auch regelmäßig den ein oder anderen Zeugen. Zu Recht. Aber es lohnt sich für die Tribüne: Die Abendstunden fördern eine von Müdigkeit, Unterzuckerung und Unzufriedenheit gereizte Dynamik, die schon den ein oder anderen Showdown befördert hat!

    Und dann wird es manchmal wirklich spannender als ein guter Tatort. Besucht man den Ausschuss zum ersten Mal, mag es einem seltsam vorkommen, dass die scheinbar gleichen Fragen wieder und wieder gestellt werden. Doch die vergangenen Sitzungen haben gezeigt, manchmal entrutscht den Zeugen beim zehnten Nachbohren doch eine Antwort oder ein entscheidendes Wort in der Frageformulierung trifft ins Blaue. Irgendwo zwischen juristischen Spitzfindigkeiten und Erschöpfung kommen immer wieder mal Wahrheiten ans Licht.

    Und was erhoffen wir uns vom Untersuchungsausschuss?

    Natürlich soll der NSA-Untersuchungsausschuss kein Selbstzweck bleiben. Doch was erhoffen wir uns von ihm außerhalb von mehr Öffentlichkeit für die zahlreichen Grundrechtsverletzungen durch Massenüberwachung? Jonas wünscht sich, „dass der Untersuchungsausschuss weiter zur Aufklärung beitragen kann und am Ende sinnvolle Empfehlungen für die Politik gibt.“ Das erhoffen wir uns auch, aber gleichzeitig ist auch zu befürchten, dass die Vorgehensweisen und das Rechtsverständnis der Dienste am Ende eher legitimiert und in Gesetz gegossen werden als dass ihnen Einhalt geboten werden wird.

    Derartige Tendenzen haben wir beispielsweise bei der Weltraumtheorie gesehen, also der Rechtsauffassung des BND, dass Satellitenüberwachung im Weltraum stattfindet und dort keine Grundrechte gelten würden. Während die Opposition über eine derartige Einstellung schockiert war, schienen Bundeskanzleramt und Regierungsparteien keine größeren Probleme damit zu haben und eher daran interessiert zu sein, die Praxis schnellstmöglich in ein Gesetz zu überführen. Aber Pessimismus hin oder her: Wenn es den Ausschuss nicht gäbe, hätten wir keine andere Möglichkeit außer Whistleblowern, so viel über das Treiben von BND und Co. zu erfahren und öffentlich zu machen.

    Also: Kommt vorbei und schaut euch mal eine Sitzung an. Dafür müsst ihr euch nur bis zum Vortrag des betreffenden Tages um 13.00 Uhr mit einer Mail an 1.untersuchungsausschuss@bundestag.de anmelden, in der das Datum der öffentlichen Sitzung, euer Name und Vorname sowie Geburtsdatum und Geburtsort stehen. Wir hoffen auf neue, interessierte Gesichter!

    Und dann ein ganz eigenes Wort zum Schluss: Ohne die üblichen Verdächtigen, die teilweise hier zu Wort gekommen sind, wären die Sitzungen nicht halb so gut durchzustehen. Danke fürs Mitberichten, Podcasten und den Kaffee!

    13. Oktober 2015 16
  • : Kampagne Intelexit: „Fluchtweg zur Demokratie“ für Geheimdienstangehörige in moralischen Konflikten
    Bild: Nick Jaussi/ Paul Lovis Wagner
    Bild: Nick Jaussi/ Paul Lovis Wagner
    Kampagne Intelexit: „Fluchtweg zur Demokratie“ für Geheimdienstangehörige in moralischen Konflikten

    Als „weltweit erstes Aussteigerprogramm für Angehörige von Geheimdiensten“ ging heute morgen die Kampagne Intelexit online. MitarbeiterInnen des GCHQ, der NSA und des BND werden unterstützt, der „Intelligence community“ den Rücken zu kehren. Ein Video mit Bruce Schneier und Thomas Drake, der Wiener Therapeutin Angelika Schneider und dem früheren Stasi-Offizier Walter Eichner erklärt die Hintergründe, ein Flyer gibt noch mehr Details.

    Adressiert werden alle Angestellten der Behörden, nicht nur jene die an Abhörprogrammen arbeiten oder am Drohnenkrieg beteiligt sind. Betroffenen, die sich in moralischen Konflikten befinden, soll Beratung, Therapie und rechtlicher Beistand vermittelt werden. Wer noch zögert, kann sich auf der Kampagnenwebseite einem Selbsttest unterziehen.

    Wir haben mit den MacherInnen von Intelexit ein Interview geführt, das vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurde.

    Intelexit adressiert Geheimdienstler und deren Angehörige. Schilderst du kurz worum es geht?

    Wer mit der Arbeit für Geheimdienste in moralische Konflikte gerät, hat jedes Recht dort auszusteigen. Das ist die Kernbotschaft. Wir wollen diesen Leuten ein Fenster öffnen und sie in allem unterstützen, was es nach sich zieht sie der „Intelligence community“ den Rücken kehren.

    Wir reden oft sehr abstrakt über komplexe Angelegenheiten wie Privatheit, Grundfreiheiten, Überwachung… Hier geht es aber um die Menschen, die dahinter stecken. Wir wollen mit ihnen reden, wir behandeln die Überwachung als ein menschengemachtes Phänomen: Als Problem von Männern und Frauen, die in diesem „Kaninchenbau“ der Geheimdienstbehörden tätig sind. Menschen, die ZeugInnen von Lügen, Verbrechen und Ungerechtigkeiten werden und sich damit zusehends unwohl fühlen, ohne zu wissen wie sie diesen Zustand beenden sollen.

    Wir strecken ihnen die offene Hand aus und sagen: „Wir interessieren uns für euch. Ihr seid in einer schlimmen Situation der kognitiven Dissonanz eurer Werte, an die ihr glaubt, und eurem Tagesgeschäft. Wir könnten euch unterstützen“.

    Überdies glauben wir, dass je mehr Menschen wir aus diesen Strukturen herauslösen können, umso stärker wird die Durchsage an die Regierungen und die Dienste, dass hier etwas schief läuft.

    Die Reaktionen auf Whistleblower und Menschen, die Wahrheiten aussprechen, sind brutal (denkt an Bradley Manning, Edward Snowden, Julian Assange, Jeremy Hammond, Barrett Brown, Aaron Swartz etc.). Wir wollen deshalb ein positives Signal an die zukünftigen Whistleblower aussenden: Wir können euch in ein normales Leben zurück helfen, in dem ihr wieder zu euren Werten findet.

    Intelexit richtet sich an die Beteiligten der „Intelligence community“ im Ganzen, grenzüberschreitend und unabhängig von den Zuständigkeiten unterschiedlicher Behörden. Unsere ersten weltweiten Aktionen erfolgen in drei Ländern, aber wir hoffen dass wir auch andere AktivistInnen zu eigenen Aktionen inspirieren.

    Welche Länder, welche Dienste?

    Zunächst: BND, GCHQ, NSA.

    Wie wollt ihr die Kampagne verbreiten? Also, wie sollen die Bediensteten überhaupt davon Kenntnis erhalten, nicht nur die Presse und die sowieso schon überzeugten Aktiven?

    Ab Montag bestücken wir Werbetafeln vor den Einrichtungen besagter Geheimdienstbehörden. Dann schicken wir ihnen E‑Mails, Faxe, wir rufen sie im Büro an und verteilen Flugblätter vor den Eingängen der Gebäude.

    Ihr geht davon aus dass Geheimdienstler oder deren Angehörige sich tatsächlich melden? Oder ist das eigentlich eine weitere politische Kampagne zur Abschaffung der Geheimdienste?

    Auf jeden Fall! Wir senden eine unüberhörbare Botschaft, und es ist die erste Initiative dieser Art die vielen Menschen Hoffnung in einer auswegslosen Situation bringen könnte. Bei der Recherche für das Projekt haben wir eine Reihe früherer und immer noch aktiver Mitglieder dieser „Intelligence community“ getroffen, außerdem einige ihrer FreundInnen und Familien. Wir haben immer wieder die gleichen Geschichten gehört und vernahmen darin einen deutlichen Hilferuf. Die Kampagne ist also absolut notwendig.

    Der Ausstieg der Einzelnen ist ein Anfang zur Abschaffung der Geheimdienste, wie wir sie heute kennen. Gemeinsam können wir dann mehr Druck ausüben, um wieder verantwortlich zu handeln und unsere Demokratien zu respektieren.

    Es gab ja eine Reihe von Whistleblowern in den letzten Jahren, du hattest einige vorher aufgezählt. Natürlich war ihr Coming out extrem wichtig, sie schienen aber nicht unbedingt inspiriert voneinander gewesen zu sein?

    Wir haben gesehen wie Edward Snowden durchaus von früheren Whistleblowers inspiriert war und aus ihren Erfahrungen lernte. Er baute auf ihnen auf und arbeitete an einem Ausstiegsszenario, bevor er seine Informationen preisgab. Er hat sichergestellt, dass sich die Dokumente nach der Weitergabe nicht in seinem Besitz befanden und dachte sich eine Strategie zur Veröffentlichung aus.

    Wir wissen, dass da andere sind die etwas verbessern möchten, es könnten noch viele mehr sein. Der Versuch mit ihnen auf menschliche Weise ins Gespräch zu kommen ist kostbar, denn sie könnten die zukünftigen Whistleblower werden.

    Es ist also wichtig, dass die früheren und die zukünftigen Whistleblower einander unterstützen und dabei auf Erfahrungen und bewährte Verfahrensweisen zurückgreifen. Sie können ihr Wissen zur bestmöglichen Veröffentlichung von Informationen teilen und, das ist eigentlich noch wichtiger, danach zu einem guten Leben finden.

    Wir möchten aber nicht nur denjenigen helfen, die später als Whistleblower aktiv werden wollen, denn das ist eine individuelle Entscheidung und dies als Bedingung zu stellen würde den Druck nur unnötig erhöhen. Nicht jeder Mensch muss gleich zum Helden werden. Ein erster Schritt ist: Aufhören dort zu arbeiten. Aufhören unserer Gesellschaft zu schaden. Aussteigen.

    Klingt ein wenig nach Beihilfe zum Landesverrat…

    Landesverrat, genau! Manchmal ist das, was die einen „Landesverrat“ nennen, für die anderen „Tapferkeit“. Manchmal ist das Brechen von Gesetzen die einzige Möglichkeit, ein kaputtes System zu überwinden, die Wirklichkeit offenzulegen und Verbrechen bekannt zu machen. Individuen können sich und ihr Gewissen vor diese Wahl stellen. Wenn wir die gegenwärtigen Veröffentlichungen zur Massenüberwachung anschauen, stellen wir fest dass wir mehr Whistleblower brauchen! Wir benötigen also Eingeweihte, die den Schritt wagen und die Informationen in die Welt schicken. Das könnte der einzige Weg sein, eine öffentliche Debatte darüber zu führen. Als BürgerInnen könnten wir hoffen, die entfesselten, gefährlichen und unverantwortlichen Institutionen unter Kontrolle zu bringen.

    Ein Punkt der Kampagne ist jene zu inspirieren, die nicht unbedingt Whistleblower sein wollen, aber aussteigen wollen. Genauso wie ein Streik funktioniert, wenn die Leute in den Minen ihre Arbeit niederlegen um gegen ihre lausigen Arbeitsbedingungen zu protestieren.

    Wieso adressiert ihr nur Geheimdienste, die sowieso allerorten im Fokus stehen und von Kampagnen zu deren Abschaffung überhäuft werden. Wäre es nicht genauso wichtig, Polizeiangehörige zu überzeugen den Korpsgeist zu durchbrechen damit Korruption, Misshandlungen und polizeiliche Morde geahndet werden können?

    Es gibt eine Menge wichtiger Anliegen in der Welt… Oft hängen sie zusammen.

    Wir finden es wichtig, die Angehörigen der Geheimdienste in den Blick zu nehmen, denn im Gegensatz zu anderen Behörden leben und arbeiten sie in totaler Undurchsichtigkeit, tief unten in ihrem „Kaninchenbau“. Sie haben dort nicht mit „echten Menschen“ außerhalb dieser Maschine zu tun. Sie können nicht einmal mit FreundInnen und der Familie über ihre wirkliche Tätigkeit sprechen.

    Die vielfältige Missachtung unserer Freiheiten durch die Geheimen im Geheimen ist in vielerlei Hinsicht merkwürdig. Intelexit könnte ein kollektiver Pfad sein, Licht in diesen „Kaninchenbau“ zu bringen.

    Es geht nicht nur um die Kritik an Massenüberwachung, sondern auch an Drohnenkriegen?

    Massenüberwachung zur Vorbeugung von Terrorismus ist wirkungslos. Heutzutage wird sie vielmehr für eine Reihe tief gehender Grundrechtsverletzungen genutzt: Wirtschaftsspionage (auch im Dienst von Konzernen), politische Spionage, sozialer Druck und Manipulation. Sie dient der Sammlung von Metadaten. Die erlangten Profile bilden die Grundlage für vorhersagende Algorithmen, um damit Einzelne herauszufiltern und sie noch intensiver auszuspähen oder auch zum Ziel von Drohnenangriffen zu machen.

    Es ist wichtig dass wir sichtbar machen, wie Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen weltweit mithilfe von Drohnen getötet werden, weil sie zuvor Datenspuren hinterlassen haben. Sie wurden durch Massenüberwachung erhoben und zwischen Geheimdiensten unterschiedlichen Regierungen ausgetauscht, ohne dass dies demokratisch kontrolliert werden könnte.

    Warum erwähnt ihr in euren Veröffentlichungen nicht Russland, China oder Israel? Leute wie Andrej Soldatov oder die 43 früheren Mitglieder der israelischen „Unit 8200“ weisen darauf hin, wie auch ihre Regierungen Freiheitsrechte im Internet aushöhlen?

    Wir starten diese Kampagne in drei westlichen Demokratien, deren Geheimdienstapparate außer Kontrolle geraten sind. Wir kritisieren das Konzept solcher geheimen und machtvollen Strukturen in heutigen Demokratien. Wir hoffen, dass Menschen in anderen Ländern zu uns stoßen und die Mitglieder ihrer eigenen Apparate ansprechen.

    Geheimdienste schnorcheln nicht nur im Internet, sie (und Polizeibehörden) bezahlen auch Informanten oder sind sogar selbst mit Legende in verschiedenen Szenen unterwegs. Ist das auch Ziel der Kampagne?

    Mit Intelexit richten wir nicht nur an MitarbeiterInnen der Abteilungen zur Massenüberwachung, sondern an alle Angestellten. All jene, die in ihrer täglichen Arbeit Lügen, Verbrechen und Ungerechtigkeiten beobachten, sich damit schlecht fühlen und einen Ausweg suchen.

    Angehörige der Geheimdienste dürften sich selbst als Demokraten, vielleicht sogar Patrioten betrachten. Was bringt euch zur Überzeugung dass sie diese sichere Überzeugung (und auch Stellung) aufgeben, was sie in Konflikt mit der – aus ihrer Sicht – jahrelang verteidigten Verfassung bringen wird?

    Viele haben die Arbeit begonnen, weil sie in Ideale und Werte geglaubt haben und diesen dienen wollten – ihre Verfassung, Freiheit oder Demokratie. Nun sehen sie sich deren permanenter Verletzung gegenüber. Das kann zu enormen Stress führen. In Fällen wo sie keine Hoffnung auf Veränderung haben, geben wir ihnen diese!

    In unseren Treffen mit Geheimdienstangehörigen waren wir von deren tiefen moralischen Konflikten überrascht. So etwas zwischen „ich verteidige hier die Verfassung meines Landes, meine geliebten bürgerlichen Freiheiten und die Demokratie“ und einer Realität von „ich bin beauftragt die Verfassung, die Freiheit und die Demokratie zu brechen“. Das erzeugt heftigen persönlichen Stress, den manche einfach deckeln oder sich gefühlsmäßig einigeln. Andere kompensieren das mit Alkohol, Drogen und Gewalt.

    Ihr beratet die Leute also in Strategien zum Ausstieg?

    Genau. Wir versuchen, menschliche und rechtliche Ressourcen zusammenzubringen. So wollen wir denjenigen helfen, die sich in diesem „Kaninchenbau“ verloren haben, einen ehrenhaften Ausstieg zu finden, der ihnen und der Demokratie gleichermaßen gerecht wird.

    Der Ex-Drohnenpilot Brandon Bryant hat nach 1.626 getöteten Menschen den Bruch gewagt. Verständlicherweise hat er nun arge psychische Probleme. In solchen Fällen bietet ihr Therapie an. Wie wollt das gewährleisten?

    Wir behandeln die Angehörigen der Geheimdienste genauso menschlich und nicht feindlich, wie wir selbst aufeinander acht geben, so wie FreundInnen die auf einen falschen Weg geraten sind. Im Falle von Brandon würden wir uns natürlich um die professionelle Unterstützung bemühen, wie sie in unter solch besonderen Umständen benötigt wird.

    Wir glauben, dass dies eine Dynamik entfalten könnte, in der Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und Perspektiven mithelfen könnten. Das können AnwältInnen und Medienschaffende sein, aber auch psychotherapeutische oder andere Pflegekräfte – warum nicht auch Lehrerende für Yoga oder Entspannungstechniken?

    Was macht ihr mit eingestuften Informationen die euch zugetragen werden?

    Darum geht es erstmal nicht. Vor allen Dingen rufen wir die Leute zum Ausstieg auf. Whistleblower zu werden ist eine sehr individuelle Entscheidung. Dafür braucht es natürlich sichere Kommunikationsmittel. Wir haben keinen Zweifel dass Geheimdienstbehörden neugierig sind was wir so tun. Wahrscheinlich versuchen sie, unsere Kommunikation abzuhören. Wir wollen deshalb so viele sichere Kommunikationskanäle wie möglich anbieten. Es soll ein .onion-Kontaktformular geben das mit GPG verschlüsselt. Aber noch wichtiger ist die Betonung der menschlichen Aspekte von Sicherheit, an die Angehörige von Geheimdiensten natürlich denken müssen: Benutze niemals deinen alltäglichen Rechner und auch nicht deine Mailadresse um mit uns in Kontakt zutreten. Macht das am Besten über jemand anderen – das kann auch ein Proxy sein.

    Erst danach helfen wir bei den ersten, notwendigen Schritten damit diese Leute ihren Frieden mit sich und der Gesellschaft machen können. Dann können sie überlegen, ob sie Whistleblower werden möchten. Wenn sie sich zur Veröffentlichung eingestufter Informationen entschließen, könnte das mit Unterstützung von Wikileaks oder dem Spiegel erfolgen. Unsere Kampagne ist also eine Brücke, über die Leute gehen können, ein Fluchtweg zur Demokratie, raus aus dem Kaninchenbau.

    IntelExit-Backdoor
    IntelExit-Complicit
    IntelExit-HelfenSie
    IntelExit-HopedToServe
    IntelExit-ListenToYour
    IntelExit-Paranoia

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    28. September 2015 22
  • : Frankreich führt Überwachungsgesetz für ausländische Kommunikationen ein
    cc-by owni ccloguy
    Frankreich führt Überwachungsgesetz für ausländische Kommunikationen ein

    Das kontroverse französische Geheimdienstgesetzes „Loi Renseignement“ ist noch nicht vollkommen veröffentlicht, doch schon steht ein neuer Gesetzentwurf an. Dieser soll nun im Schnellverfahren durchgewinkt werden.

    Im Juni verabschiedeten die französischen Abgeordneten das sogenannte „Loi Renseignement“, um die Überwachungskompetenzen der Geheimdienste massiv zu erweitern. Danach wurde dieser französische „Patriot Act“ vom Präsidenten selbst an den Verfassungsrat zur Prüfung geschickt. Der Verfassungsrat begutachtete das Gesetz und gab ein ziemlich nichtssagendes Urteil ab: Bis auf drei Maßnahmen ist das Gesetz verfassungskonform. Eine dieser drei zensierten Maßnahmen betraf die Auslandsüberwachung. Diese Lücke soll nun gestopft werden.

    Am 9. September legten die Sozialisten Patricia Adam und Philippe Nauche daher einen Entwurf „für Überwachungsmaßnahmen im Bereich der internationalen elektronischen Kommunikationen“ vor. Am 1. Oktober soll in der Nationalversammlung abgestimmt werden. Der Inhalt: massive Überwachung und weniger strenge Kontrollen.

    Frankreich wollte in diesem Bereich schon länger Klarheit schaffen, da das Anzapfen der Unterseekabel durch den französischen Geheimdienst DGSE seit 2008 von einem geheimen Dekret des Premierministers erlaubt wird. Wie die französische Bürgerrechtsorganisation La Quadrature du Net berichtet, geht nun ein französisch-amerikanischer Anwalt den geheimen Dekret von 2008 vor Gericht – nichtsdestotrotz soll das neue Gesetz die obskure Regelung offen legalisieren.

    Der recht kurze neue Vorschlag übernimmt größtenteils die vom Verfassungsrat zensierten Paragraphen aus dem Loi Renseignement. Ziel der Überwachung sind Kommunikationen, „die im Ausland empfangen oder aus dem Ausland gesendet wurden“. Die Zeitung Libération erklärt, dass hierbei drei Fälle unterschieden werden:

    1. Die Kommunikation zwischen zwei Nutzern ist rein franko-französisch (Telefonnummern, IP Adressen etc.) und muss daher umgehend vom Geheimdienst gelöscht werden, außer wenn einer der Nutzer im Ausland mit französischer IP-Adresse kommuniziert und schon Ziel einer Überwachungsmaßnahme ist oder wenn dieser eine „Bedrohung für die fundamentalen Interessen der Nation“ darstellt. Die große Frage ist, wie der Dienst genau filtert.

    2. Sobald es sich um eine „gemischte“ Kommunikation handelt, werden alle Daten – Metadaten und Inhalte – für maximal sechs Monate gespeichert („ab der ersten Auswertung“ wohlgemerkt, nicht ab Erfassungsdatum).

    3. Sobald es sich um einen rein ausländischen Austausch handelt, werden die Daten für ein Jahr (Inhalte), sechs Jahre (Metadaten) und acht Jahre (Verschlüsseltes).

    Die einzige „Einschränkung“ im Text ist, dass die Maßnahmen nur dann vom Premierminister autorisiert werden dürfen, wenn es sich um die „Verteidigung der fundamentalen Interessen der Nation“ handelt. Die Berichterstatterin Patricia Adams fügte im Ausschuss hinzu, dass dieses Gesetz die jetzigen Aktivitäten des DGSE berücksichtigt und keine neuen Kompetenzen schafft – also nur eine Legalisierung gängiger Praxis darstellt. Die Abgeordnete sieht weiterhin nur eine Kontrolle a posteriori durch die neu eingerichtete CNCTR-Kommission (Commission nationale de contrôle des techniques de renseignement) vor.

    23. September 2015 6
  • : Diskussionsabend: Journalist_innen im Visier der Geheimdienste
    Diskussionsabend: Journalist_innen im Visier der Geheimdienste

    Die Humanistische Union und die Potsdamer Gruppe AktE (Arbeitskreis für die totale Einsicht) veranstalten am 23. September im Haus der Demokratie und Menschenrechte einen Diskussionsabend über die geheimdienstliche Überwachung von Journalist_innen. Es wird sowohl um die Landesverrat-Affäre von netzpolitik.org gehen als auch um die Überwachung von Journalist_innen wie Andrea Röpke. Diskutiert werden soll, wie die unterschiedlichen Skandale aufgearbeitet wurden, welche Folgen sie für die Betroffenen hatten und welche Konsequenzen die geheimdienstliche Überwachung von Journalist_innen für die Pressefreiheit hat. Anna wird für netzpolitik.org dort sein.

    17. September 2015 6
  • : EU-InnenministerInnen wollen Geflüchtete vermehrt in polizeilichen Datenbanken speichern
    Nach Fingerabdrücken sollen im SIS II zukünftig auch Gesichtsbilder und vielleicht DNA-Daten zentral gespeichert werden.
    EU-InnenministerInnen wollen Geflüchtete vermehrt in polizeilichen Datenbanken speichern

    Die EU-Mitgliedstaaten sind angehalten, das Schengener Informationssystem SIS II verstärkt zur Speicherung von Geflüchteten zu nutzen. Dies geht aus einem von der britischen Bürgerrechtsorganisation Statewatch veröffentlichten Dokument hervor, das heute auf dem Sondertreffen der Justiz- und Innenminister beraten wird.

    Demnach sollen die zuständigen Behörden „alle erforderlichen Maßnahmen treffen“, um sicherzustellen dass durchgeführte Abschiebungen nach Artikel 24 der SIS-II-Verordnung in der europäischen Fahndungsdatenbank gelistet werden.

    Die Folge ist, dass die Betroffenen (zunächst unbefristet) nicht mehr in den Schengen-Raum einreisen dürfen. Allerdings können die Abgeschobenen nachträglich eine „Entfristung“ beantragen. Alle an Schengen angeschlossenen Staaten müssen die Einreiseverbote umsetzen.

    Orbán will undokumentiert Eingereiste als Kriminelle speichern

    Die Angaben zu den ausgeschriebenen Personen enthalten unter anderem die Daten einer erkennungsdienstlichen Behandlung. Verarbeitet werden Fingerabdrücke, Lichtbilder und Hinweise über „objektive unveränderliche körperliche Merkmale“. Neben dem Ausschreibungsgrund wird die ausschreibende Behörde und die zu ergreifende Maßnahme gespeichert.

    Als weitere Gründe zur Speicherung von „Drittstaatsangehörigen“ im SIS II gelten die Verurteilung wegen einer Straftat, die mit Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht ist oder auch ein „begründeter Verdacht“ dass solche Taten begangen würden.

    Möglich ist die Speicherung auch dann, wenn MigrantInnen sich der „Nichtbeachtung der nationalen Rechtsvorschriften über die Einreise oder den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen“ schuldig gemacht haben. Der ungarische Premierminister Victor Orbán will das nun ausnutzen. Ab heute gilt die undokumentierte Einreise in Ungarn als Straftat. Dies würde nach nationalem Recht die umgehende Abschiebung erlauben. Nach Medienberichten will Ungarn die Abgeschobenen im SIS II als StraftäterInnen registrieren. Dies hätte zur Folge, dass ihre Einreiseverbote für mindestens 10 Jahre gelten und nicht entfristet werden können.

    Abnahme von Fingerabdrücken auch von Kindern notfalls mit Gewalt

    Unter dem Titel „Migration: EU-Maßnahmen und aktueller Stand“ listet der luxemburgische Ratsvorsitz eine ganze Reihe von weiteren Maßnahmen auf. Schwächen existieren demnach auch beim derzeitigen System zur Speicherung von Fingerabdrücken EURODAC. So können asylsuchende MigrantInnen die Abnahme von Fingerabdrücken in manchen Ländern unter Umständen verweigern. Alle Mitgliedstaaten sollen deshalb ihre Asylrechtsvorschriften dahingehend ändern, dass Fingerabdrücke notfalls auch mit Gewalt abgenommen werden können. Dies beträfe auch „schutzbedürftige Personen“ wie Schwangere und Minderjährige. Allerdings soll die von der Polizei ausgeübte Gewalt in diesem Fall entsprechend „angepasst“ werden.

    Die Abgabe der Fingerabdrücke in einem bestimmten Land zwingt die Geflüchteten, nach der Dublin-Richtlinie dort auf den Ausgang ihres Asylverfahrens zu warten. Eine Weiterreise in andere EU-Mitgliedstaaten ist dann nicht erlaubt. Widersetzen sich die AsylbewerberInnen der Verordnung, können sie in das betreffende Land zurückgeschoben werden.

    Mitunter versuchen die Betroffenen deshalb, ihre Fingerabdrücke nach einer erfolgten Abnahme unkenntlich zu machen, indem die Fingerkuppen verbrannt oder zerschnitten werden. Die Kommission hat hierauf mit einem zehnstufigen Plan zur Verfahrensweise geantwortet. Dort ist niedergelegt, dass MigrantInnen mit zerstörten Fingerkuppen solange in Haft genommen werden können, bis die sogenannten Papillarleisten nachgewachsen sind.

    Die EU-InnenministerInnen wollen das Phänomen der zerstörten Fingerabdrücke nun mit technischen Maßnahmen lösen. Zukünftig sollen außer den Fingerabdrücke noch mehr „biometrische Identifikatoren“ in EURODAC gespeichert werden, um dadurch die Identitätsfeststellung zu erleichtern. Früher konnten nur Grenz- und Asylbehörden auf die EURODAC-Daten zugreifen. Nach einer Änderung der Errichtungsanordnung steht die Datenbank auch für polizeiliche Ermittlungen offen.

    Mehr Zusammenarbeit der Geheimdienste

    Schließlich soll auch der Informationsaustausch unter den Polizeibehörden der Mitgliedstaaten weiter ausgebaut werden. Geplant ist die Einrichtung eines „Netzes der Kontaktstellen“, um der EU-Grenzagentur Frontex mehr Zugriff auf Daten der nationalen Polizeien zu gewähren. In Deutschland ist hierfür die Bundespolizei zuständig. Frontex ist angehalten, sein Kooperationsabkommen mit der Polizeiagentur Europol umgehend zu upgraden.

    Auch der EU-Geheimdienst INTCEN soll stärker in die Handhabung von Migrationsströmen eingebunden werden. Weil „Schleuser und Menschenhändler“ immer nur „maximalen Profit“ vor Augen hätten, seien laut dem Statewatch-Dokument eine „intensivere Strafverfolgung“ und ein „verstärkter Kampf“ auf nationaler Ebene erforderlich. Auf internationaler Ebene soll nicht nur die polizeiliche, sondern auch die geheimdienstliche Zusammenarbeit ausgebaut werden.

    Der luxemburgische Ratsvorsitz richtet mit Unterstützung des Generalsekretariats des Rates eine eigene Intranetplattform zur „Flüchtlings- und Migrationskrise“ ein. Diese „Überwachungsseite“ soll seit dem 10. September zur Verfügung stehen. Mittelfristig sei die Einrichtung eines „Frühwarnsystems“ geplant, das Migrationsströme prognostizieren kann und dadurch „eine Politikplanung und proaktives Handeln der EU ermöglicht“.

    Frontex lädt nach München

    Geplant ist auch, die EU-Außengrenzen mithilfe weiterer „technischer Instrumente“ aufrüsten. Genannt werden das System intelligenter Grenzen und „automatische Sicherheitsschleusen für EU-Bürger“. Entsprechende Vorschläge sollten „sehr früh zu Beginn des Jahres 2016 vorgelegt werden“.

    Nach Ende des Oktoberfestes lädt Frontex deshalb nach München zu einem zu einem „ABC-Workshop“. Das Kürzel steht für „automatische Grenzübertritte“, die gemeinhin auf biometriebasierten Verfahren beruhen. Der Workshop in München wird in Kooperation mit deutschen Behörden durchgeführt, die dort vermutlich ihre Erfahrungen mit einem entsprechenden Pilotprojekt vorstellen. Hersteller sind eingeladen, ihre Produkte zu präsentieren. Am Ende besichtigen die Teilnehmenden automatische Kontrollschleusen am Münchener Flughafen.

    14. September 2015 16
  • : Internationaler Aufruf gegen Überwachung in Ecuador
    Der ecuadorianische Geheimdienst hat Finanzflüsse von Umweltinitiativen untersucht - auch das katholische Hilfswerk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bisch%C3%B6fliches_Hilfswerk_Misereor">Misereor</a> war unter den Unterstützern
    Internationaler Aufruf gegen Überwachung in Ecuador

    Im August berichteten wir darüber, wie der ecuadorianische Geheimdienst SENAIN Politiker und Aktivisten systematisch überwacht hat. Hintergrund waren Unterlagen, die von der Plattform EcuadorTransparente.org an die Öffentlichkeit geleakt wurden. EcuadorTransparante hat zum Ziel, Korruption und Überwachung in Ecuador zu beleuchten und v veröffentlichte die Dokumente in Kooperation mit der NGO Associated Whistleblowing Press (AWP). Sie werden bei der Veröffentlichung unterstützt von einer internationalen Gruppe aus Organisationen und Medienplattformen, der auch netzpolitik.org angehört. Der Aufruf fordert einen Stopp der Überwachungsmaßnahmen und setzt sich für einen Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit ein.

    Daher dokumentieren wir an dieser Stelle einen gemeinsamen offenen Brief dieser Gruppe:

    Am 4. August 2015 hat die Whistleblowing-Plattform EcuadorTransparente.org, welche von der NGO Associated Whistleblowing Press (AWP) betrieben wird, 31 Dokumente des ecuadorianischen Geheimdienstes SENAIN veröffentlicht. Die Informationen, die sich auf einen Zeitraum von 2012 bis 2014 beziehen, decken auf, dass SENAIN Politiker, Journalisten und Aktivisten im Auftrag der Regierung systematisch ausspähte.

    Einige der veröffentlichten Profile, die auch über mehrere hochrangige Politiker wie den Bürgermeister der Hauptstadt Quito und Abgeordnete des Nationalkongresses erstellt wurden, zeigen, dass elektronische Überwachung von Telefongesprächen und E‑Mails durchgeführt wurde, und das offenbar ohne richterliche Anordnung.
    Die Dokumente sowie die Enthüllungen über Hacking Team lassen erkennen, dass die ecuadorianische Regierung eine große Bandbreite von regierungskritischen Personen überwacht – darunter Bürger aus den USA, Belgien und Deutschland. Dies steht im Widerspruch zu Ecuadors eigener Verfassung und zu internationalen Menschenrechtsstandards.

    Die Unterzeichner dieses Briefs treten an die Öffentlichkeit, um:

    • das Team von AWP und Ecuador Tranparente sowie Journalisten, die an der Veröffentlichung beteiligt waren, zu unterstützen, da die Enthüllungen von öffentlichem Interesse sind und somit als gesund für die Demokratie des Landes, Meinungsfreiheit, Transparenz und Rechenschaftspflicht gelten sollten,
    • die Überwachungstätigkeiten, die anscheinend von der ecuadorianischen Regierung durchgeführt werden, zu verurteilen, da diese einen einschneidenden und gefährlichen Präzedenzfall darstellen, der die demokratische Stabilität Ecuadors langfristig gravierend schädigen und politische Vielfalt und Gedankenfreiheit bedrohen kann,
    • der ecuadorianischen Regierung zu empfehlen, derartige Aktivitäten zu stoppen und damit die Achtung der Grundrechte der Bürger in ihrem Land wiederherzustellen: das Recht auf Widerstand, auf Versammlungsfreiheit und – allen voran – das Recht auf Privatsphäre.

    Article 19 – weltweit
    ContingenteMX – Mexiko
    Electronic Frontier Foundation (EFF) – US/weltweit
    Free Press Unlimited – Niederlande
    Hermes Center for Transparency and Digital Human Rights – Italien
    Hiperderecho – Peru
    International Modern Media Institute (IMMI) – Island
    Plataforma en Defensa de la Libertad de Información (PDLI) – Spanien
    netzpolitik.org – Deutschland

    11. September 2015 2
  • : „Citizenfour“ – Massenüberwachung und die Versprechungen des Rechts
    „Citizenfour“ – Massenüberwachung und die Versprechungen des Rechts

    Am Rande der Konferenz „Die Versprechungen des Rechts“ – dem 3. Kongress der deutschsprachigen Rechtssoziologie-Vereinigungen vom 9. bis 11. September in der Berliner Humboldt-Uni – wird auch der Film „Citizenfour“ von Laura Poitras (kostenlos & OmU) gezeigt, und zwar am Donnerstag, dem 10.9. um 18:30 Uhr in der HU Berlin (Hörsaal 2094, Hauptgebäude Unter den Linden). Im Anschluss ist eine Diskussion mit einem/r Vertreter_in unserer Redaktion u. a. über #Landesverrat und die Bedeutung des Whistleblowing geplant.

    Aus der Ankündigung:

    „Citizenfour“ war das Pseudonym des Whistleblowers Edward Snowden, als er im Jahr 2013 Kontakt zu den Journalisten Laura Poitras und Glenn Greenwald aufnahm, um die Öffentlichkeit über die Massenüberwachung und ‑manipulation durch Geheimdienste zu informieren. „Citizenfour“ ist auch der Name des preisgekrönten Dokumentarfilms, den Laura Poitras über diesen Coup drehte: Erstmals gibt es die Chance einer umfassenden und systematischen öffentliche Aufarbeitung der undemokratischen Praxen der Geheimdienste im digitalen Raum. Der 114 Minuten lange Film zeigt in packender Weise, wie es den Journalisten und Edward Snowden gelang, die Informationen über die Praktiken der NSA zu veröffentlichen.

    Seit zwei Jahren ringt auch die deutsche Öffentlichkeit um Aufklärung. Neben dem journalistischen Interesse und rechtlichen Debatten gibt es öffentlichen Protest und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich um Aufklärung bemüht. Aber auch die Geheimdienste bleiben aktiv. Sie streben nach weitergehenden Befugnissen und Ressourcen und gehen aktiv gegen die Beleuchtung ihrer Praxis vor, wie das Beispiel des Blogs „netzpolitik.org“ eindrucksvoll vor Augen geführt hat.

    Aktuelle Infos finden sich auf der Homepage der Konferenz.

    3. September 2015 5
  • : Neues Geheimdienstgesetz in den Niederlanden: Beratungsphase abgelaufen
    Die öffentliche Beratungsphase für das neue niederländische Geheimdienstgesetz ist abgelaufen. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/zigazou76/5610201553/">Frédéric Bisson</a>
    Neues Geheimdienstgesetz in den Niederlanden: Beratungsphase abgelaufen

    In den Niederlanden ist gestern die Konsultationsphase für das geplante neue Geheimdienstgesetz abgelaufen. Insgesamt sind 557 Stellungnahmen eingegangen – etwa zehnmal so viele wie es sonst durchschnittlich der Fall ist.

    Neben Bürgerrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Bits of Freedom laufen besonders Provider und IT-Konzerne Sturm gegen das geplante Gesetz, die sich nicht zum Handlanger der Geheimdienste machen lassen wollen. Vodafone etwa kritisiert die Verpflichtungen zur Kooperation, ohne dass dabei die Transparenz und Aufsicht gestärkt werden würde, während KPN darüber hinaus die Verhältnismäßigkeit des Gesetzes bezweifelt. Google bezeichnet es als „extrem intrusiv“ und den fundamentalen Menschenrechten auf Privatsphäre, Rede- und Informationsfreiheit widersprechend.

    Der Gesetzentwurf weitet die Befugnisse der beiden Geheimdienste AIVD (Inlands- und Auslandsgeheimdienst) und MIVD (Militärischer Geheimdienst) beträchtlich aus und erlaubt ihnen unter anderem, massenhaft Kommunikation mitzuschneiden, Verschlüsselung zu knacken und in IT-Systeme einzubrechen. Abgefangene Daten dürfen zudem an befreundete Dienste weitergegeben werden. Unabhängige richterliche Kontrolle ist nicht vorgesehen, stattdessen übernehmen die politisch besetzen Gremien CTIVD und CIVD die Aufsichtsfunktionen.

    Das Innenministerium hat nun sechs Wochen Zeit, die über 500 Stellungnahmen zu analysieren und einen Bericht darüber zu erstellen. Parallel dazu soll ein Gutachten die Auswirkungen auf die Privatsphäre untersuchen. Ein vermutlich modifizierter Entwurf wird dann dem Kabinett vorgelegt, das ihn vom Staatsrat, einem Verfassungsorgan, das die Regierung berät, absegnen lassen muss. Erst dann geht das Gesetz an die untere Kammer und gegebenenfalls an den Senat. Sollte es zu keiner grundsätzlichen Überarbeitung kommen, hat die niederländische Journalistenvereinigung NJV bereits ein Gerichtsverfahren angekündigt.

    2. September 2015 1
  • : Ein Jahr Digitale Agenda: Viel versprochen, wenig erreicht
    Bundeswirtschaftsminister Gabriel, Bundesinnenminister de Maizière und Bundesverkehrsminister Dobrindt. Bild: © BMWi/Susanne Eriksson.
    Ein Jahr Digitale Agenda: Viel versprochen, wenig erreicht

    Ein Jahr nach der Präsentation der Digitalen Agenda der Bundesregierung stellte heute der Digitale Gesellschaft e. V. eine Analyse bereit, die sich die wichtigsten netzpolitischen Fragen vorknöpft und eine erste Bilanz zieht. Das Regierungsprojekt hatte sich bekanntlich hohe Ziele gesteckt und soll Deutschland unter anderem zum führenden IT-Wirtschaftsstandort machen, dabei die Sicherheit sowie den Datenschutz erhöhen, den Breitbandausbau vorantreiben und durch eine Überarbeitung des Telemediengesetzes die Anzahl der offenen WLANs in Deutschland deutlich erhöhen. In Summe fällt das Urteil nicht sonderlich rosig aus, wie bereits die Einleitung deutlich macht:

    Dass es in der Netzpolitik der Bundesregierung insgesamt so gut wie keine nennenswerten Fortschritte, dafür aber viel Stillstand und einige verheerende Rückschritte gab, ist angesichts des Eindrucks, den ihre Digitale Agenda bereits vor einem Jahr erweckte, wenig überraschend. Schon damals fiel auf, dass die Agenda über weite Strecken lediglich aus Prüfaufträgen besteht und Lösungsansätze in vielen Bereichen erst noch über Gesprächsrunden und Multistakeholder-Foren gefunden werden sollen. Ganz offensichtlich fehlen der Bundesregierung nach wie vor ein stimmiges und durchdachtes netzpolitisches Konzept ebenso wie eine echte Vision für eine digitale Gesellschaft.

    Die Analyse ist inhaltlich in sieben Bereiche unterteilt und beschäftigt sich im Detail mit folgenden Punkten:

  • 1. Überwachung/Geheimdienste: Grundrechte schützen, Dienste an die Leine legen.
  • 2. IT-Sicherheit: Dezentralisierung vorantreiben, Open Source fördern.
  • 3. Datenschutz: Datensammelwut von Unternehmen eindämmen, Datensouveränität für Verbraucher/innen stärken.
  • 4. WLAN-Störerhaftung: Offenes WLAN ermöglichen, Providerprivileg für Alle.
  • 5. Urheberrecht: Recht auf Remix einführen, offene Lizenzen bevorzugen.
  • 6. Netzneutralität: Diskriminierungsfreies Internet erhalten, Spezialdienste klar definieren.
  • 7. Breitbandausbau: Schnelle Netze schaffen, Daseinsvorsorge wahrnehmen.
  • Zwar bleibt der Bundesregierung noch bis 2017 Zeit, um die selbstgesteckten Ziele zu erreichen, berechtigte Skepsis an deren Erfüllung ist allerdings angebracht. Und bedauerlicherweise sind die wenigen nennenswerten Fortschritte etwa im Bereich des Verfassungsschutzes zu vermelden, der „strategisch und organisatorisch“ gestärkt werden soll, „um den aktuellen Ver­änderungen bei Kommunikationsformen und ­-verhal­ten von Terroristen und Extremisten besser begegnen zu können,“ wie es im Papier der Regierung heißt. Darüber zu berichten und einschlägige Dokumente zu veröffentlichen, kann bekanntlich schnell zu Ermittlungen wegen „Landesverrats“ führen, wie wir in den letzten Wochen feststellen mussten.

    Weniger forsch geht die Regierung hingegen das Eindämmen des Treibens ausländischer Geheimdienste an, was sie im Papier noch fordert, um Maßnahmen „zur Sensi­bilisierung im Bereich des Wirtschaftsschutzes weiter [zu] verstärken.“ Die Selektorenliste, mit der der US-Geheimdienst NSA mit tatkräftiger Unterstützung des BND munter Wirtschaftsspionage in Europa betrieben hat, ist nach wie vor nicht öffentlich gemacht worden. Wir sind gespannt, ob mit kleineren Brötchen wie dem Breitbandausbau oder der Problematik der WLAN-Störerhaftung ebenso fahrlässig umgegangen wird oder ob es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleibt. Die Uhr tickt.

  • : Landesverrat an anderer Stelle: BND-Spion wegen Zusammenarbeit mit CIA angeklagt
    Landesverrat an anderer Stelle: BND-Spion wegen Zusammenarbeit mit CIA angeklagt

    Kaum sind die Ermittlungen gegen uns wegen Landesverrats eingestellt, taucht selbiger Tatvorwurf an anderer Stelle wieder auf. Der Generalbundesanwalt hat vor dem Oberlandesgericht München Anklage gegen den BND-Spion Markus R. erhoben.

    Im Juli 2014 stellte sich heraus, dass er über einen Zeitraum von zwei Jahren sensible Informationen aus dem BND an den US-Geheimdienst CIA weitergegeben hat. Kurz darauf wurde er des Landes verwiesen, außer Empörungsblasen regte sich jedoch nicht viel, man verlangte einen „strukturierten Dialog“ und kehrte schnell wieder zum Kuschelkurs zurück, anstatt diesen eindeutigen Beleg US-amerikanischer Spionage auf deutschem Boden ernstzunehmen und Konsequenzen zu ziehen.

    Jetzt liegt es am OLG München zu ermitteln, ob R. vorsätzlich gehandelt hat, um der Bundesrepublik zu schaden. Sollte sich das herausstellen, erwartet ihn eine Haftstrafe von mindestens einem Jahr, in schweren Fällen kann es auch lebenslänglich werden.

  • : Leak: Wie der ecuadorianische Geheimdienst SENAIN Politiker und Aktivisten systematisch überwachte (Update: Stellungnahme)
    Der ecuadorianische Geheimdienst hat Finanzflüsse von Umweltinitiativen untersucht - auch das katholische Hilfswerk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bisch%C3%B6fliches_Hilfswerk_Misereor">Misereor</a> war unter den Unterstützern
    Leak: Wie der ecuadorianische Geheimdienst SENAIN Politiker und Aktivisten systematisch überwachte (Update: Stellungnahme)

    SENAIN, ein ecuadorianische Geheimdienst, hat von 2012 bis 2014 Aktivisten und Politiker ausgespäht – auf Anweisung der Regierung. Das enthüllte am heutigen Dienstag die Plattform EcuadorTransparente, die sich zum Ziel gesetzt hat, Missstände im Land – wie Korruption und Überwachung – aufzuklären. Zwar gab es auch zuvor Berichte über die Überwachungsmaßnahmen, EcuadorTransparente veröffentlicht jedoch in journalistischer Zusammenarbeit mit netzpolitik.org im Gegensatz dazu erstmals die zugehörigen Dokumente.

    In insgesamt 31 Dokumenten befinden sich Überwachungsprotokolle und Präsentationen über jene, die im Fokus der Überwachung stehen. Die Präsentationen über Profile von Personen betreffen primär Mitglieder und Unterstützer der politischen Oppositionspartei CREO [Creating Opportunities] und Aktivisten, die sich in der Organisation Yasunidos gegen die Ausbeutung von Ölfeldern im Yasuni Nationalpark und die damit verbundene Zerstörung von Natur und Lebensräumen einsetzen.

    In einigen der Fälle, beispielsweise in dem des Bürgermeisters von Quito, Mauricio Rodas, wurden Telefone und Mailverkehr abgehört sowie Observationen durchgeführt, wie die Fotos in den Präsentationen zeigen. Außerdem finden sich ausführliche Berichte über Aktivitäten der Überwachten hinsichtlich ihrer Aktivitäten in Sozialen Medien wie Facebook und Twitter und über ihren Umgang mit der Presse.

    Bezüglich der Oppositionspartei CREO wurden während der Wahlen in Ecuador außerdem ausführlich soziale Netzwerke und finanzielle Transaktionen analysiert – Unterschriftensammlungen für den Yasuni-Nationalpark sollten sabotiert werden

    Doch auch andere standen im Fokus des Geheimdienstes, darunter Geschäftsleute und Journalisten. Nicht nur ecuadorianische Staatsangehörige befinden sich darunter, auch US-Amerikaner und Europäer waren für SENAIN interessant. Darunter der Deutsche Sigmund Thies. Thies lebte mehrere Jahre in Ecuador, ist in Umweltorganisationen aktiv und hat den Film „Yasuní- Alles für das Leben“ produziert, der sich für den Erhalt des Nationalparks ausspricht.

    Der ecuadorianische Geheimdienst rüstet auf, das ist klar. 2013 berichtete BuzzFeed exklusiv über den Ankauf eines GSM-Überwachungssystems und auch in den Kundenlisten der kürzlich geleakten Hacking-Team-Dokumente taucht der Name SENAIN auf.

    Das Ausspähen von politischen Opponenten ist in Ecuador rechtswidrig, derartige Überwachungsmaßnahmen dürfen nur in Fällen von Ermittlungen aufgrund von Straftaten durchgeführt werden. Der Anwalt Ramiro Avila fasst zusammen:

    We have the right to privacy under the constitution. The only way that government can know about the private affairs of a citizen is under the orders of a judge or if they are searching for a crime. That is not the situation here. No authorisation appears to have been given.

    Und wieder einmal sehen wir, dass Überwachungskapazitäten genutzt werden, wenn sie einmal vorhanden sind – unabhängig von ihrer Rechtmäßigkeit. Geheimdienste sind Fremdkörper in Demokratien und ihre Kontrolle nahezu unmöglich. Egal wie sehr ein Land sich rühmt, die Grundrechte seiner Bürger zu bewahren.

    Update: Der Botschafter Ecuadors in Deutschland hat uns Leserpost geschickt, in der er um Richtigstellung bittet. Wir überlassen euch den Brief einfach im Volltext, dann könnt ihr euch gern selbst eine Meinung bilden.

  • : Russischer Investigativ-Journalist: „Ermittlungen wegen journalistischem Landesverrat sind nicht nur absurd, sondern ebenso alarmierend“
    Deutschland als Vorbild für den Rest der Welt: Wenn es um Landesverrat geht bitte nicht - <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0">CC BY-SA 2.0 </a> via wikimedia/<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/President_of_Germany#/media/File:German_Air_Force_A340-300(16%2B02)_(6272414834).jpg">russavia</a>
    Russischer Investigativ-Journalist: „Ermittlungen wegen journalistischem Landesverrat sind nicht nur absurd, sondern ebenso alarmierend“


    In Deutschland ermittelt der Generalbundesanwalt wegen Landesverrats gegen Markus und Andre. Eine Entwicklung, die besorgniserregend ist. Denn eigentlich steht Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen Pressefreiheit bisher nicht schlecht da. Reporter ohne Grenzen sehen das Land auf Platz 12 im World Press Freedom Index. Der russische investigative Journalist Andrei Soldatov warnt in diesem Gastbeitrag davor, dass die aktuellen Vorkommnisse zum Vorbild für andere Länder, wie Russland, werden könnten, um ihrerseits mit stärkerer Repression gegen kritische Berichterstattung vorzugehen.

    Soldatov ist Autor von The Red Web: The Struggle Between Russia’s Digital Dictators and the New Online Revolutionaries, das bei PublicAffairs im September 2015 erscheinen wird.

    Als investigativer Journalist berichte ich seit 15 Jahren über die Tätigkeiten russischer Geheimdienste. Während dieser Zeit beschuldigte die Regierung meine Kollegen verschiedenster Vergehen – sie hätten Terroristen geholfen, indem sie Informationen über die Taktiken der Geheimdienste während der Geiselnahme im Moskauer Theater 2012 verbreitet hätten; sie seien bezahlte Agenten tschetschenischer Separatisten; sie hätten Staatsgeheimnisse über unterirdische Anlagen veröffentlicht, die Russland während eines Nuklearkrieges verwenden könne. Sie wurden beschuldigt, zu dem russischen Versagen im Ersten Tschetschenienkrieg beigetragen zu haben.

    Letzteres war eine sehr gewagte Behauptung, die durch Staatsproganda verbreitet wurde. Das hat Vladimir Putin ein perfektes Argument geliefert, die Pressefreiheit im russischen Fernsehen zu zerstören, als er an die Macht kam.

    Doch selbst die russischen Geheimdienste hielten sich zurück, wenn es darum ging, Journalisten des Landesverrats zu beschuldigen. Nur im Herbst 2012 wurde eine Ausnahme gemacht, als der Kreml die Definition von Landesverrat im russischen Strafgesetz änderte. Wir alle wissen, was als Nächstes passierte: Die Rückkehr Putins, das Abenteuer auf der Krim, der blutige Ukraine-Krieg, eine Kampagne gegen jegliche Dissidenten in den russischen Medien. Es kam zu einer Flut repressiver Gesetze gegen das Internet.

    Der Kreml spielte seit Jahrzehnten das Spiel des Whataboutism, die Taktik war zuletzt beinahe perfekt: Immer wenn die russischen Machthaber eine neue repressive Maßnahme etablieren wollten, fanden sie ein Beispiel in der westlichen Welt. Die nationale Einführung einer Internetzensur wurde der Bevölkerung als bloße Umsetzung der britischen Filterungspraktiken verkauft, die angeblich schädliche Inhalte für Kinder blockieren soll – und das ist nur ein Beispiel von vielen.

    Bisher hat der Kreml die neuen Gesetze nicht dazu genutzt, Journalisten des Landesverrats zu bezichtigen. Vielleicht haben sie auch hier auf einen Präzedenzfall aus dem Westen gewartet. Nun versucht Deutschland, Journalisten des Landesverrats zu beschuldigen. Was für ein Geschenk! Ich vermute, nicht nur die russische Regierung wird die Gelegenheit nutzen, um weitere Repression zu rechtfertigen.

  • : Pakistan baut Überwachungskapazitäten aus, Nokia Siemens Networks und andere helfen fleißig dabei (Update: Stellungnahme)
    Nur ein Auszug der Firmen, die Pakistan mit Überwachungstechnik beliefern - aus <a href="">TIPPING THE SCALES: SECURITY AND SURVEILLANCE IN PAKISTAN</a>
    Pakistan baut Überwachungskapazitäten aus, Nokia Siemens Networks und andere helfen fleißig dabei (Update: Stellungnahme)

    Privacy International hat Dokumente veröffentlicht, die zeigen, wie das Unternehmen Nokia Siemens Networks (NSN) den Verkauf von Überwachungszentren abstreitet, aber in Pakistan Überwachungsinfrastruktur aufgebaut hat – zusammen mit zwei alten Bekannten aus der Überwachungswelt, Trovicor und Utimaco.

    Ziel der Zusammenarbeit, die zumindest bis 2011 belegt ist, war die Errichtung eines „Lawful Interception Management“-Systems der Firma Utimaco für den größten pakistanischen Mobilfunkanbieter Mobilink – wobei das Zutreffen des Adjektivs „lawful“ dahingestellt sei. Das System sollte unter anderem Überwachungsdaten an ein zentrales Überwachungszentrum in Islamabad weiterleiten.

    Die Zusammenarbeit mit Trovicor, die mit der technischen Leitung des Projekts betraut war, ist kein Zufall. Trovicor ist de facto ein umbenannter früherer Teil von NSN, der bis 2009 Teil von NSN war, bis er an den Investor Perusa Partners Fund 1 LP verkauft und „Trovicor“ genannt wurde. Ganz scheint sich die Verbindung jedoch nicht gelöst zu haben, die Zusammenarbeit war eng. Vielmehr kann der Verkauf der Überwachungsabteilung als Image-Maßnahme betrachtet werden, nachdem NSN wegen Lieferungen an den Iran in die Kritik geraten war.

    Dass man diese Vergangenheit gerne verdrängt, demonstrieren auch Antwortleitlinien für NSN-Mitarbeiter, die gebeten werden, zu verneinen, dass noch Überwachungstechnik vertrieben wird. Aus dem internen Dokument:

    No we do not sell monitoring centres anywhere around the world. This is a business we exited
    almost two years ago (March 2009).

    […]

    It is best to avoid getting into a discussion of the Intelligence Solutions business

    Formal stimmt das, real kann man von Heuchelei und Schönfärberei reden. Doch NSN, Utimaco und Trovicor sind nicht die einzigen, die Pakistan bei der Totalüberwachung seiner Bevölkerung zur Seite stehen. Dabei sind auch Alcatel, Atis, Ericsson, Huawei und SS8.

    Seit einigen Jahren haben sich die Überwachungskapazitäten Pakistans massiv ausgeweitet. Vertrauliche Kommunikation wird zu unterbinden versucht, alle Provider müssen Überwachungsschnittstellen bereitstellen. Grundrechte werden ausgehöhlt, da sie für die Arbeit von Polizei und Militär nicht gelten. Wo richterliche Anordnungen obligatorisch sind, werden sie selbst für fadenscheinige Argumente vergeben.

    Was uns das Dokument zeigt: Pakistan weitet seine Kapazitäten aus, europäische Unternehmen helfen fleißig dabei. Und das obwohl immer gern betont wird, man liefere keine Überwachungstechnik an Staaten mit fragwürdigem demokratischen Verständnis. Glauben kann man das schon lange nicht mehr.

    Update: NSN meldete sich mit der Klarstellung, keine Monitoring Center zu vertreiben. Die Integration von Lawful Interception in Kommunikationsequipment sei indes in fast allen Staaten der Welt vorgeschrieben und könne nicht verweigert werden. Gut, das bestreiten wir nicht. Die moralische Verpflichtung, nicht an jeden Kunden zu verkaufen, vor allem nicht, wenn offensichtlich ist, dass die Daten für die Verfolgung von Menschen mit nicht-staatskonformer Meinung benutzt werden, sehen wir trotzdem. Geschäftsinteressen sollten eine gesellschaftliche Verantwortung nicht obsolet machen.

  • : Niederlande bereiten neues Geheimdienstgesetz vor
    Die als liberal geltenden Niederlande könnten demnächst ein Gesetz erhalten, das die Befugnisse der Geheimdienste deutlich ausweitet. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/aigle_dore/5716397597/">Moyan Brenn</a>
    Niederlande bereiten neues Geheimdienstgesetz vor

    Die niederländische Regierung hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Befugnisse der beiden Geheimdienste AIVD (Inlands- und Auslandsgeheimdienst) und MIVD (Militärischer Geheimdienst) neu regelt. Ihnen soll künftig erlaubt werden, unter gewissen Auflagen massenhaft Kommunikation mitzuschneiden, Verschlüsselung zu knacken und in IT-Systeme einzubrechen. Zudem dürfen die Geheimdienste erfasste Rohdaten an befreundete Dienste weitergeben, ohne das Material zuvor sichten oder filtern zu müssen – anders als es etwa in Deutschland Pflicht ist, zumindest in der Theorie. Angesammelte Daten dürfen zwischen einem und drei Jahren gespeichert werden, verschlüsselte Inhalte unendlich lang.

    Als Sicherung sieht der Entwurf vor, dass Überwachungsmaßnahmen „zielgerichtet“ gestaltet sein müssen. Dieser Punkt ist jedoch weit gefasst und entsprechend umstritten. Im Gesetzestext selbst fehlt eine nähere Definition davon, was unter „zielgerichtet“ zu verstehen ist. Erst das zugehörige Memorandum of Understanding (MoU) erläutert, dass der Geltungsbereich so knapp wie möglich bemessen sein sollte.

    Allerdings könnte die Regierung jederzeit einem Antrag zustimmen, der etwa sämtliche VOIP-Verbindungen zwischen Amsterdam und Berlin im Juli abfängt, um zu überprüfen, ob Terroristen miteinander kommunizieren würden, erklärte uns Ton Siedsma von der niederländischen Bürgerrechtorganisation „Bits of Freedom“. „Das wäre massenhafte, nicht-spezifische Überwachung, aber immer noch ‚zielgerichtet’ “, so Siedsma.

    Außerdem bestehe kein Limit, was die Anzahl und die Ausrichtung der Überwachungsanträge betrifft, die die Dienste beim Ministerium stellen werden – und die sich überschneiden können. „Auch wenn die Reichweite eines Antrags limitiert sein sollte, könnte die Kombination mehrerer Aufträge zu einem anderen Ergebnis führen,“ befürchtet Siedsma. Wie spezifisch diese Anträge genau sein müssen, werde erst die Praxis und das Zusammenspiel zwischen den Geheimdiensten, dem Minister sowie den Kontrollgremien CTIVD und CIVD zeigen.

    Beim CTIVD handelt es sich um kein Gericht, sondern um ein unabhängiges Expertenkomitee, das die von Minister genehmigten Anträge überprüfen und gegebenenfalls beanstanden, aber nicht rechtlich bindend zurückweisen kann. Im Unterschied dazu hat das parlamentarische Kontrollgremium CIVD die Möglichkeit, den Minister zur Verantwortung zu ziehen. Dieser Mechanismus brächte aber „gewaltige Nachteile“ mit sich, so Siedsma, weil er solche Entscheidungen „schrecklich politisch macht und keine wirkliche Überprüfung zulässt, ob der Einsatz dieser Fähigkeiten in einem spezifischen Fall nun legal ist oder nicht“ – schon allein deshalb, weil es dem CIVD in einer öffentlich geführten Debatte nicht erlaubt ist, konkrete Punkte anzuführen, wo der Minister genau die Grenze zur Illegalität überschritten hat und deshalb zurücktreten muss.

    Spürbar ausgeweitet wurde auch die Möglichkeit, in fremde Systeme einzubrechen. Zwar steht den Geheimdiensten dieses Mittel bereits seit 2002 zur Verfügung, bislang mussten sie sich jedoch allein auf die zu überwachende Person beschränken. Künftig soll es erlaubt sein, Umwege über dritte Personen zu gehen, die mit der Zielperson in irgendeiner Form verbunden sind, und sei es nur auf einer technischen Ebene, etwa, wenn es sich um Nutzer des gleichen Online-Forums handelt. Geheimdienste könnte also bei nichtsahnenden Nutzern einbrechen, um sich Zugang zu einem anderen Account zu verschaffen.

    Der Entwurf befindet sich nun bis zum 1. September in einer öffentlichen Beratungsphase. Danach wird sich weisen, ob sich die Niederlande in die Liste der Länder einreihen werden, die immer mächtigere Überwachungsapparate aufziehen, oder ob das am Konsens orientierte Poldermodell doch noch ein Lebenszeichen von sich gibt.

  • : Strafanzeige wegen NSA-Spionage: Die Antwort des Generalbundesanwalts
    Strafanzeige wegen NSA-Spionage: Die Antwort des Generalbundesanwalts

    Nach den kaum mehr zählbaren Veröffentlichungen zur NSA-Spionage und der anhaltenden Kritik an der Untätigkeit des Generalbundesanwalts Harald Range und seiner Behörde, gibt es nun erstmalig eine Antwort auf die Strafanzeige mehrerer NGOs aus seinem Haus. Der CCC veröffentlicht das Schreiben, zusammen mit einer Pressemitteilung: Generalbundesanwalt verschleppt Ermittlungen wegen NSA-Massenüberwachung.

    Um den Geheimdienst-Schattenwelten juristisch beizukommen und die Grenzen von deren rechtsfreien Räumen herauszufinden, hatten bereits im Februar 2014 die Internationale Liga für Menschenrechte, der CCC und Digitalcourage eine Strafanzeige gestellt. Darin werden Ermittlungen gegen US-amerikanische, britische und deutsche Geheimdienstagenten und ihre Vorgesetzten, die BND-Präsidenten, mehrere Bundesminister und die Bundeskanzlerin gefordert. Der Strafanzeige schlossen sechs weitere NGOs und mehr als 1.800 Personen an.

    Der Generalbundesanwalt „zögert ein Ermittlungsverfahren weiter hinaus“, konstatiert nun der CCC nach Erhalt des Schreibens der Bundesanwaltschaft.

    Range hatte um Juni dieses Jahres mitteilen lassen, die Ermittlungen zum abgeschnorchelten Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Merkel einzustellen, denn Dokumente im Original zu beschaffen, war ihm nicht gelungen.

    Range schreibt nun in dem Schreiben an die NGOs, es fehle weiterhin „an zureichenden und tatsächlichen Anhaltspunkten“ für strafbare Handlungen sowie an „Zugangsmöglichkeiten zu den von Edward Snowden an verschiedene Medien übergebenen ‚Original‘-Dokumenten“.

    Ob sich der Generalbundesanwalt auch in Zukunft weiter schützend vor die Verantwortlichen der Geheimdienstskandale stellen und eine ernsthafte Untersuchung der massenhaften Überwachung sabotieren wird, ist dem Schreiben aber nur mittelbar zu entnehmen. Denn in der Strafanzeige ging es inhaltlich insbesondere um die massenhafte Überwachung der Bevölkerung sowie in einem zweiten Schriftsatz explizit um die Datensammlung der NSA, die auf Tor-Nutzer zielt. Wie mit Hilfe von XKeyscore versucht wird, den Datenverkehr von und zu 
Tor-Servern zu analysieren, wurde nach der Veröffentlichung in den Medien in diesem zweiten Schreiben dargelegt. Die NGOs hatten den GBA in insgesamt drei Schriftsätzen wegen der anhaltenden Berichterstattung aus den Snowden-Papieren immer wieder neue Erkenntnisse mitgeteilt und ihn aufgefordert, endlich Ermittlungen aufzunehmen.

    Der CCC bemängelt daher, dass Ranges Schreiben am Inhalt der Strafanzeige weitgehend vorbeiginge:

    „Die in der Strafanzeige und weiteren Schriftsätzen von uns ausführlich dokumentierten Belege für die Totalüberwachung der Bevölkerung waren ihm nur zwei dürftige Absätze wert.“

    Range schreibt stattdessen seitenweise über den bedauerlichen Einzelfall Angela Merkel. Dabei geht es doch in Wahrheit um die massenhafte Ausspähung durch die NSA, auch mit Hilfe des BND. Die neuen NSA-Leaks sind allerdings erst nach Absenden des Schreibens von Range öffentlich geworden. Hand hoch, wer von Euch denkt, dass der Generalbundesanwalt die neuen Dokumente von Wikileaks für Ermittlungen nutzt!

    Immerhin wissen wir nach dem Schreiben, dass bei der Bundesanwaltschaft überhaupt noch gearbeitet wird.

    There is also an English version: Federal Prosecutor General protracts investigations regarding NSA spying

  • : Auslandsspionage: Der BND im rechtsfreien Raum
    Auslandsspionage: Der BND im rechtsfreien Raum

    Der Deutschlandfunk berichtete gestern in der Sendung Hintergrund über „Auslandsspionage: Der BND im rechtsfreien Raum“.

    In welchem Ausmaß der BND Telekommunikationsdaten im Ausland erhebt, hängt in erster Line von ethischen Erwägungen der Mitarbeiter ab. Vor allem seit Bekanntwerden des NSA-Skandals betrachten diverse politische und juristische Gremien das als unhaltbar. Umso verwunderlicher, dass ernsthafte Reformbemühungen eher langsam voranschreiten.

    Hier ist die MP3.

  • : Britischer Geheimdienst GCHQ überwachte Amnesty International
    Der britische Geheimdienst GCHQ überwachte rechtswidrig die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/cascade_of_rant/5437953172/">Richard Potts</a>
    Britischer Geheimdienst GCHQ überwachte Amnesty International

    Der britische Geheimdienst GCHQ hat rechtswidrig Amnesty International ausspioniert. Das teilte das für die Geheimdienstaufsicht zuständige Gericht „Investigatory Powers Tribunal“ (IPT) der Menschenrechtsorganisation in einer E‑Mail mit. Ursprünglich hieß es, GCHQ habe das südafrikanische „Legal Resource Centre“ (LRC) und die „Initiative for Personal Rights“ (EIPR) in Ägypten überwacht und dabei abgefischte E‑Mails länger gespeichert als erlaubt.

    Nun stellte sich heraus, dass nicht EIPR, sondern Amnesty International betroffen war. Pikanterweise wäre die Überwachung wohl legal gewesen, wenn die Speicherfrist nicht überschritten worden wäre. Die Klage war von Amnesty und neun weiteren Menschenrechtsgruppen angestrengt worden, weil im Zuge der Snowden-Enthüllungen der Verdacht aufkam, dass sich das GCHQ über das TEMPORA-Programm illegal Zugriff auf ihre Daten verschafft hat. Aus der Benachrichtigung des IPT geht nicht hervor, wann und warum Amnesty abgehört und was anschließend mit den angesammelten Daten angestellt wurde.

    Der Generalsekretär von Amnesty International, Salil Shetty, erklärte dazu:

    „After 18 months of litigation and all the denials and subterfuge that entailed, we now have confirmation that we were in fact subjected to UK government mass surveillance. It’s outrageous that what has been often presented as being the domain of despotic rulers has been occurring on British soil, by the British government.

    How can we be expected to carry out our crucial work around the world if human rights defenders and victims of abuses can now credibly believe their confidential correspondence with us is likely to end up in the hands of governments?

    The revelation that the UK government has been spying on Amnesty International highlights the gross inadequacies in the UK’s surveillance legislation. If they hadn’t stored our communications for longer than they were allowed to by internal guidelines, we would never even have known. What’s worse, this would have been considered perfectly lawful.“

  • : Lauschabwehruntersuchung in deutschen Auslandsvertretungen: „Restrisiko“ und massenweise Sicherheitslücken
    Angst, dass die Abgeordneten plaudern, deshalb gibts nichtmal in der Geheimschutzstelle Antworten - <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en">CC BY-SA 3.0</a> via wikimedia/<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Megafon_stacja_Szczecinek.jpg">Orem</a>
    Lauschabwehruntersuchung in deutschen Auslandsvertretungen: „Restrisiko“ und massenweise Sicherheitslücken

    Im Juli 2013 gab das Auswärtige Amt weitreichende Lauschabwehruntersuchungen (LAU) in deutschen Vertretungen im Ausland in Auftrag, die der BND durchgeführt hat. Das geht aus Untersuchungsberichten des BND hervor, aus denen ZEIT und ZEIT Online zitieren und die uns vorliegen. Lauschabwehruntersuchungen sind an sich nichts Ungewöhnliches, aber werden im Inland vom BND nur in BND-Liegenschaften regelmäßig durchgeführt. In deutschen Auslandsvertretungen kommen „lauschtechnische Untersuchungen“ nur anlassbezogen vor.

    Was ist der Anlass? Das dürfte jeder und jedem von uns klar sein, denn im Juni 2013 wurden die ersten Snowden-Dokumente veröffentlicht. Erinnern wir uns an die Darstellungen aus dieser Zeit, stellte das für die Bundesregierung zumindest nach eigenen Angaben gar keinen Anlass dar. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion im August 2013 – der Auftrag des Auswärtigen Amtes erfolgte einen Monat vorher – heißt es:

    Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse zu angeblichen Ausspähungsversuchen US-amerikanischer Dienste gegen deutsche bzw. EU-Institutionen oder diplomatische Vertretungen vor.

    Auch der damalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla verkündete selbstbewusst, die Vorwürfe der Massenüberwachung seien vom Tisch und die USA hielten sich an deutsches Recht. Seine Aussagen sind viral durch das Internet gegangen und Pofalla machte sich selbst zur Spottgestalt.

    Die Bundesregierung spielte nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit jegliche Besorgnis herunter, sondern log damit ebenso in der Antwort auf die Kleine Anfrage. Denn die Einleitung der Untersuchungen zeigt, dass sie sehr wohl in einem Alarmzustand war, sonst hätte es ja keinen Anlass gegeben, die Lauschabwehruntersuchungen in die Wege zu leiten.

    Untersucht wurden nacheinander zwischen Juli 2013 und Januar 2014 folgende Standorte:

    • Ständige Vertretung der NATO in Brüssel
    • Deutsche Botschaft und Ständige Vertretung der EU in Brüssel
    • Deutsche Botschaft in London
    • Deutsche Botschaft in Paris
    • Ständige Vertretung und Generalkonsulat in New York
    • Deutsche Botschaft in Washington
    • Ständige Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf
    • Deutsche Botschaft in Moskau
    • Deutsche Botschaft in Tel Aviv
    • Deutsche Botschaft in Minsk

    Keine Anhaltspunkte für einen Lauschangriff gefunden

    Die Untersuchungen bezogen sich primär auf Telekommunikationsanlagen, Konferenzräume und die Dienstzimmer wichtiger Vertreter, sie wurden „messtechnisch untersucht und einer eingehenden visuellen Kontrolle unterzogen“.

    Untersucht und kontrolliert wurden hierbei Wände, Decken, Fußböden, Fenster, Türrahmen, Kabelkanäle, Kabelschächte, Heizungen, Mobiliar, Bücher, Bilder, Einrichtungsgegenstände, Gastgeschenke, Telefone, Steckdosen sowie vorhandene Leuchtkörper und andere elektrische Geräte.

    Das Gesamtergebnis lautet an jedem Standort gleich:

    Bei der Lauschabwehruntersuchung wurden keine Anhaltspunkte festgestellt, die auf einen gegenwärtigen Lauschangriff hindeuten.

    Also ist alles gut?

    Das klingt erst einmal beruhigend, aber im weiteren Verlauf der Untersuchungsberichte werden zahlreiche Schwachstellen aufgezählt. Dazu zählen vor allem Konfigurationen in den Telekommunikationsanlagen. Zahlreiche Parameter der Anlagen seien potentielle Angriffspunkte, es seien Berechtigungen gesetzt und Funktionen aktiviert, die unnötig sind und entfernt werden sollten.

    An manchen Stellen verwundert der BND dadurch, dass Sicherheitsrisiken erstaunlich gleichgültig hingenommen zu werden scheinen. So bei der „Umfeldbeobachtung“, die sich auf Überwachungsmöglichkeiten aus angrenzenden Gebäuden bezieht. In beinahe allen Fällen wird erwähnt, dass die Gelegenheit eines Ausspähens gegeben ist. In Brüssel sei nicht im Einzelnen nachvollziehbar, wer die Nutzer der dicht an die Botschaft und Vertretung gebauten Bürogebäude seien. Es folgt:

    [E]in Angriff mittels Laser, oder anderer Lauschmittel, sowie das optische Ausspähen [sind] problemlos möglich.

    US-amerikanische Mobilfunk-Infrastruktur auf dem Dach

    In London wird das Botschaftsgebäude noch von anderen genutzt, eine effektive Kontrolle, ob diese sich wirklich in den Bereichen aufhalten, die sie betreten dürfen, gebe es nicht. Auch in New York bekommen Dritte Zugang, Besprechungsräume würden, auch am Wochenende, von anderen Organisationen genutzt. Das Dach der Botschaft in Washington beherbergt sogar technisches Equipment von US-Mobilfunk-Providern.

    Auf dem Dach des Gebäudes, in dem sich die Botschaft befindet, ist Infrastruktur von unterschiedlichen US-Mobilfunk-Providern (GSM/CDMA-Antennen, diverse Richtfunkantennen, Schaltschränke) installiert. […] man sollte die Möglichkeit des Informationsabflusses an Dritte über Kabel und Richtfunk nicht außer Acht lassen.

    Durch Enthüllungen im Dezember 2014 haben wir erfahren, dass die NSA Mobilfunkanbieter weltweit gehackt hat. Bekannt sind auf Gebäuden wie US-Botschaften errichtete Antennen zum Abfangen des Mobilfunkverkehrs der Umgebung. Etwa in Wien, wo über die Stadt verteilt diverse Abhöreinrichtungen aufgebaut sind, die unter anderem die Kommunikation der UNO-City erfassen können. Das Szenario eines „Informationsabflusses“ wird damit nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich.

    Zum Thema Provider gibt es auch aus Brüssel Verdächtiges zu berichten. Dort besitzt der belgische Anbieter Belgacom einen Hausanschluss, der nicht geprüft werden konnte, da kein Zugang bestanden habe. Kurze Erinnerung: Zwei Monate nach der Untersuchung, im September 2013, wurde bekannt, dass GCHQ Systeme und Router von Belgacom kompromittiert und den Anbieter überwacht hat.

    Viele Hohlräume mit Platz für Lausch- und Spähtechnologie

    Einen weiteren Unsicherheitsfaktor stellen die baulichen Gegebenheiten dar. Zahlreiche Hohlräume böten Platz für Lauschtechnologie, wie etwa abgehängte Decken in Brüssel oder die etagenübergreifenden Versorgungsschächte in Tel Aviv . Hier heißt es:

    Es wurde der Kanzlerin die Hellhörigkeit zwischen den Etagen durch eine Sprech-/Hörprobe demonstriert. Zusätzlich wurde auf die einfache Installation eines kabelgebundenen Mikrofons im Versorgungsschacht hingewiesen. Dadurch ist es möglich, Raumgespräche etagenübergreifend abzuhören.

    Das ist besonders alarmierend, da dieser Mangel bereits im letzten Lauschabwehruntersuchungsbericht aus dem Jahr 2006 erwähnt worden sei – sieben Jahre zuvor. In Paris sei es „ein Leichtes“, Audioaufzeichnungsgeräte unsichtbar in der Decke über dem Besprechungsraum anzubringen. Eine Beschreibung der Botschaft in London wirkt beinahe ironisch:

    Im Büro des Botschafters waren Verbringungsmittel sehr schwer zu detektieren, dies lag an der Beschaffenheit der Wandverkleidung. Hinter dem Büro in den Residenzräumen befindet sich eine kaum zu erkennende Wandtüre, diese ist verschlossen und ein Schlüssel konnte nicht ausfindig gemacht werden. Nach Aussage eines Hausangestellten wurde diese Tür die letzten 14 Jahre nicht geöffnet. […] was sich darin befindet, konnte nicht festgestellt werden.

    Vollständige Untersuchung durch verschlossene Tür unmöglich

    Der BND lässt sich also davon abhalten, eine Tür zu öffnen, weil ein Schlüssel fehlt. Gleichzeitig wurden Unterbodenhohlräume und andere Verkleidungen nicht überprüft, da dies nicht möglich gewesen sei, ohne sie zu beschädigen. Die Priorisierung baulicher Unversehrtheit gegenüber Sicherheit scheint fragwürdig, wenn nicht fahrlässig. Auch in Minsk wurde nicht alles überprüft, um „erheblichen materiellen Schaden“ zu vermeiden. Die dortige Botschaft dürfte zu den am schlechtesten gesicherten gehören, denn dort gab es noch ganz andere Probleme:

    Von einem Patch-Feld aus einem Serverraum im CHI-Raum führte ein Netzwerkkabel durch eine Bohrung am Fenster nach außen, um einem Missbrauch vorzubeugen, wurde dieses Kabel entfernt.

    Außerdem sei Ende 2013 – nach den ersten Snowden-Enthüllungen – die Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Botschaft durch einen „handelsüblichen Funkalarm“ ersetzt worden, die „manipulierbar bzw. leicht außer Betrieb zu nehmen“ sei, denn „die Alarmierung erfolgt über das örtliche GSM-Netz per SMS“. Zudem habe es festgestellte Abstrahlungen an Geräten gegeben und einen erhöhten Pegel über das gesamte Spektrum, die noch zu untersuchen seien. An den Telefonleitungen hätten starke magnetische Strahlungen vorgelegen, die Installation sei jedoch unübersichtlich, was eine vollständige Prüfung nur mit „einem zeitlich sehr großen Aufwand möglich“ machen würde. Ins Gesamtbild fügt sich dann eine im Bericht erwähnte neue Straßenlaterne in Nähe der Botschaft an, die „bis jetzt aber noch nicht gebrannt“ hat und deshalb als „Träger für Mittel zur elektronischen oder optischen Ausspähung“ nicht ausgeschlossen werden kann.

    Massenweise Sicherheitsprobleme, trotzdem keine Anzeichen für Lauschangriffe?

    Dennoch: Keine Anzeichen für einen aktuellen oder zurückliegenden Lauschangriff. Damit macht man es sich reichlich leicht, obwohl man doch annehmen sollte, dass die Alarmhaltung, die zu den Untersuchungen geführt hat, mehr Vorsicht und konkrete Konsequenzen verlangen würde. Was man stattdessen in den Anmerkungen findet, sind die mantra-artig vorgetragenen Floskeln „wir empfehlen“ oder „es wurde hingewiesen“. Und schließlich zeigt der letzte Absatz, den alle gemeinsam haben, wie vage die verkörperte Zuversicht über das Nichtvorhandensein eines Lauschangriffs ist [Hervorhebungen von uns]:

    Diese o.a. Risiken, in Verbindung mit der Vorankündigung einer Überprüfung, geben denkbaren Angreifern die Möglichkeit Lauschangriffe zu unterbrechen, die dann nicht detektiert werden können. Daher muss mit einem verbleibenden Restrisiko gerechnet werden.

    Hinweise statt konkreter Konsequenzen

    Wer benachrichtigt wurde, ob nur die Botschaften selbst oder auch Dritte, wird nicht erwähnt. Aber da die Vertretungen nacheinander und nicht parallel untersucht wurden, dürfte nach den ersten Standorten die Durchführung der Maßnahmen bekannt gewesen sei. Zumal fraglich ist, ob hier eine einzelne Gruppe von Mitarbeitern auf eine Prüfungsreise geschickt wurde und warum nicht die Ressourcen aufgewendet wurden, eine möglichst zügige Untersuchung aller betrachteten Standorte durchzuführen. Die Aufträge des Auswärtigen Amtes stammen zumindest alle aus dem Juli 2013.

    Und uns würde interessieren, ob die Empfehlungen und Erkenntnisse der BND-Untersuchung mittlerweile, nach anderthalb bis zwei Jahren, umgesetzt wurden. Oder ob im nächsten Untersuchungsbericht wieder Sicherheitsprobleme erwähnt werden, die bereits sieben Jahre vorher bemängelt wurden – wie in Tel Aviv. Wer dazu Informationen hat, freuen wir uns über Nachrichten, wie immer über die üblichen Kanäle.

  • : Doppelmoral par excellence: Frankreich verabschiedet Geheimdienstgesetz und beschwert sich über NSA-Spionage
    "Ich, der Präsident, legalisiere die Massenüberwachung" - <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a> via laquadrature.net
    Doppelmoral par excellence: Frankreich verabschiedet Geheimdienstgesetz und beschwert sich über NSA-Spionage

    Kurz nach den Wikileaks-Enthüllungen darüber, dass die französische Staatsspitze jahrelang von der NSA abgehört wurde, beschloss der französische Senat, das Oberhaus des Parlamentes, nach minimaler Beratungszeit neue Überwachungsgesetze. 24 Stunden später folgte die Zustimmung der Nationalversammlung.

    Das Gesetz sieht massive Erweiterungen von Überwachungskompetenzen für Geheimdienste vor. Etwa eine Verpflichtung der Provider, Black Boxen in ihren Rechenzentren aufzustellen, die Kommunikationsmetadaten mitschneiden und mit vorher eingestellten Filtern nach „auffälligen“ Mustern suchen. Dazu kommt die Berechtigung, Keylogger auf Rechnern zu installieren sowie Kameras und Aufnahmegeräte bei Verdächtigten zu platzieren. Geändert wurde die Berechtigung, Ausländer in Frankreich ohne jegliche Kontroll- und Aufsichtsinstanz überwachen zu dürfen.

    Republikaner, Sozialisten und Teile der Zentristen votierten für das Gesetz, lediglich von den Kommunisten und Grünen gab es Widerstand. Diesen stehen und standen schon während des Gesetzgebungsprozesses Bürgerrechtsorganisationen zur Seite. La Quadrature du Net wird zusammen mit dem French Data Network und der Fédération FDN vor dem französischen Verfassungsgericht Rechtsmittel einlegen. Jeremie Zimmermann, einer der Gründer der Organisation, kommentierte:

    Mass surveillance is part of an intolerable and oppressive machine, which is by nature the seed of totalitarianism. We, citizens, must oppose it by all means because it undermines the foundations of our societies! It is a challenge for our individual and collective capacities to organize ourselves, to create, to exercise our liberties and to simply exist.

    Außerdem unterzeichneten bis zum jetzigen Zeitpunkt über 140.000 Menschen eine Petition gegen die Verabschiedung des Gesetzes, die in Briefform verfasst ist. Unter anderem heißt es, man wolle nicht die Legalisierung der totalen Kommunikationsüberwachung zulassen und werde das Blankoargument der nationalen Sicherheit nicht akzeptieren.

    Im Zuge dessen, dass am selben Tag die Wikileaks-Enthüllungen erschienen, wirkt die Zustimmung zu dem Gesetz wie eine schlechte Parodie. Das Land, das sich beschwert, überwacht zu werden, und sogar die US-Botschafterin einbestellt, will nun selber mehr vom Geheimdienstkuchen abhaben. Wenn man bedenkt, dass in Frankreich seit Anfang des Jahres schon diverse andere Überwachungsgesetze erlassen wurden, ist das jedoch kaum überraschend. Leider keine einzigartige Doppelmoral, Deutschland macht es gerade mit den Debatten um Weltraumtheorie, Verfassungsschutzgesetz und Vorratsdatenspeicherung nicht besser.