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  • : Der bloßgestellte Überwachungsstaat: Der NSA-Skandal und die globale Gegenwehr
    Der bloßgestellte Überwachungsstaat: Der NSA-Skandal und die globale Gegenwehr

    state-of-power-14Wenn uns jemand etwas über die Herrschaftsverhältnisse im Jahr 2013 gelehrt hat, war es Edward Snowden. Er enthüllte, dass einige westliche Regierungen bereit und durch ihre Überwachungstechnologien auch in der Lage sind, auf fast jede Lebensäußerung zuzugreifen, die ihre BürgerInnen online, über Festnetz- oder Mobiltelefon tätigen – und dies ohne ernstzunehmende Kontrolle.

    Dieser Gastbeitrag von Ben Hayes erschien zunächst im Januar als Aufsatz State of Surveillance im Bericht State of Power 2014 des progressiven Think Tanks Transnational Institute. Die deutsche Übersetzung von Eric Töpfer erschien zunächst im Mai in der Fachzeitschrift Bürgerrechte & Polizei/CILIP, Ausgabe 105. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.

    Bisher ist nur über einen Bruchteil der von Snowden beschafften geheimen Dokumente berichtet worden. Aber schon jetzt ist angesichts der Vielzahl geheimer Überwachungsprogramme das ungeheure Ausmaß der Datensammlungen und Auswertungen durch die National Security Agency (NSA) und ihre Partnerdienste sichtbar.

    Die „intelligence community“ beschaffe Informationen, wo sie nur könne und mit allen erdenklichen Mitteln, hatte Snowden von Anfang an erklärt. Die von ihm enthüllten Unterlagen zeigen, dass dabei komplette Kommunikationsnetzwerke und ganze Länder überwacht werden – zum einen „rechtmäßig“ aufgrund richterlicher Anordnungen, die beim Zugriff auf die Daten jedoch unbegrenztes Ermessen bieten, zum anderen durch „freiwillige“ Zusammenarbeit der Diensteanbieter mit den Geheimdiensten oder gar durch staatlich betriebenes „Hacking“ direkt in den Glasfasernetzen und Datenzentren. Zudem hat die NSA „Hintertüren“ in Apps und Software von einigen der weltgrößten IT-Firmen eingebaut und Schadsoftware eingesetzt, um Daten aus privaten, Firmen- und Regierungsnetzen zu stehlen. Sie habe weltweit über 50.000 Computernetzwerke „infiziert“, heißt es in einem der Dokumente.

    Die Massenüberwachung ist heute nicht länger die Domäne totalitärer Regime. Es braucht dafür auch nicht mehr eine Stasi, die Akten über ganze Bevölkerungen anlegt. An vorderster Front der Informationssammlung steht heute eine private Infrastruktur. Die Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien transformiert unsere Beziehungen: Je mehr diese online gehen – unsere Interaktion mit Freunden in Sozialen Netzwerken, mit Banken via „e‑Commerce“, mit „e‑Government“ und politischen Kampagnen – desto mehr Informationen werden über uns aufgezeichnet, gespeichert und ausgewertet.

    In der digitalen Welt verraten wir unsere Gedanken, Interessen, Gewohnheiten und Charakterzüge und werden zunehmend berechenbar. Je mehr Dinge, die wir besitzen, mit der digitalen Welt verbunden sind, und je mehr Online-Dienste wir nutzen, desto sensibler und umfassender sind die Informationen, die wir hinterlassen – wo wir waren, was wir getan haben und mit wem. Es geht um personenbezogene Daten (Informationen, die uns identifizieren), Inhaltsdaten (was wir schreiben und sagen) und „Metadaten“ (Daten über Daten, wie Verkehrs- und Standortdaten zu Anrufen und Internetverbindungen). Zahlreiche digitale Innovationen basieren auf dem Sammeln und der Analyse dieser Informationen, von den Karten auf unseren Smartphones bis zu den diversen Apps, durch die Informationen und Gegenwartskultur verbreitet und konsumiert werden. Die Notwendigkeit, uns vor Geheimdiensten und Sicherheitsagenturen zu schützen, ist also nur ein Teil des Problems. Schützen müssen wir uns auch vor jenen Firmen, deren Profit abhängt vom Zugang zu (und der Monetarisierung von) so vielen unserer persönlichen Informationen wie möglich.

    Hinzu kommt ein drittes Problem: „Big Data“ – weniger ein Konzept, als der Marketingslogan einer neuen Industrie: Haben Sie einen großen Datensatz? Wir helfen Ihnen, Ihre Kunden zu verstehen, Ihre Angestellten, Netzwerke, Risiken, und Chancen! Hier wird die „dunkle Seite“ der Informations- und Kommunikationstechnologien offensichtlich, in Naomi Kleins Worten: die „Verschmelzung von Shopping Mall und Geheimgefängnis“. Die gleichen Algorithmen, die Facebook nutzt, um unsere Interessen und Sehnsüchte zu verstehen, dienen Regierungen und privaten Sicherheitsfirmen, um zu kalkulieren, ob wir heute oder in der Zukunft ein Risiko darstellen. Dieser „Dual Use“-Charakter der Technologien, macht es so schwierig, sie zu regulieren.

    Silicon Valley gegen die NSA?

    prism-slide-5-590Die von Edward Snowden enthüllte Überwachung zu problematisieren, ist relativ einfach: Geheimdienste laufen Amok in einer unsicheren digitalen Infrastruktur und nutzen dabei die unkontrollierte Macht, die sie aus dem analogen Zeitalter übernommen haben. Viel schwieriger sind dagegen sinnvolle Reformen und tatsächliche Problemlösungen durchzusetzen. Und das nicht nur, weil die Interessen, die den Status Quo stützen, so mächtig sind, sondern auch weil transnationale Überwachungsnetzwerke kaum durch nationale Rechtssysteme zu begrenzen sind. Zusätzlich verschärft werden die Probleme durch fundamentale Veränderungen im Verhältnis von Bevölkerung, Staaten und Konzernen.

    Im Dezember 2013 forderten acht der erfolgreichsten US-Technologiefirmen – AOL, Apple, Facebook, Google, LinkedIn, Microsoft, Twitter und Yahoo! – einen „grundlegenden Wandel“ der Überwachung durch ihre Regierung. Dass das Weiße Haus besorgt ist, weil Snowdens Enthüllungen einen besonderen Schaden für einige der wertvollsten US-Unternehmen bedeuten könnten, spricht für sich. Allerdings wirft es grundsätzlichere Fragen nach der Macht der Konzerne auf.

    Denn manche dieser Firmen hatten auch schärfstens jeden Versuch bekämpft, den Individuen mehr Kontrolle über die Daten zu geben, aus denen sie ihre Profite ziehen. Nach Angaben von Forbes investierte diese Gruppe von Unternehmen im Jahr 2013 über 35 Mio. US-Dollar in Lobbyaktivitäten. Zweifellos sind diese Unternehmen echte Gegner der von der NSA betriebenen Schleppnetzüberwachung und gigantischen Datenspeicherung, weil beides eine tatsächliche Gefahr für ihre Profite darstellt. Aber während die Top-Manager im Namen der „Integrität des Internet“ mehr Transparenz und Kontrolle der Überwachung fordern, sollten wir uns fragen, was sie sonst noch alles von unseren Gesetzgebern fordern und bekommen. Auch der europäische Technologiesektor muss sich fragen lassen, wie er zur staatlichen Überwachung steht.

    Europa gegen den „Großen Satan“?

    Die EU-Regierungen haben zwar in einer gemeinsamen Erklärung ihren Partner auf der anderen Seite des Atlantiks kritisiert, aber keine Sanktionen angedroht. Während die britische Regierung jegliche Kritik an ihrem Government Communications Headquarter (GCHQ) als „versponnen“ denunzierte und eine Hexenjagd gegen den Guardian betrieb, haben die kontinental-europäischen Regierungen zwar die Aktivitäten der USA und Großbritanniens lauthals kritisiert, bemühen sich aber zugleich, das Treiben ihrer eigenen Geheimdienstapparate nicht zum Thema der Debatte werden zu lassen. Das Verhandlungsteam, das Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Washington schickte, schien eher bemüht, Deutschlands Beitritt zur „Five Eyes“-Allianz aus NSA, GCHQ und den Diensten Kanadas, Australiens und Neuseelands zu erreichen. Zudem blockierte die Bundesregierung gemeinsam mit Großbritannien die EU-Datenschutzreform. Auch die französische Regierung nannte die NSA-Praktiken „absolut inakzeptabel“, erweiterte aber kurz darauf mit dem Verteidigungsgesetz 2014–2019 die Befugnisse ihrer Geheimdienste zur Telekommunikationsüberwachung und zum Zugriff auf Standort- und andere Verkehrsdaten – ohne richterliche Kontrolle.

    Die EU-Kommission, machtlos in allen Fragen, die die nationale Sicherheit der Mitgliedstaaten betreffen, äußerte sich zwar sehr deutlich zur NSA-Überwachung, beschränkte sich aber praktisch darauf, mit erhobenem Finger in Richtung Silicon Valley zu zeigen – reichlich selbstgerecht angesichts der problematischen Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten, die der Europäische Gerichtshof jüngst aus gutem Grund kippte. Im März 2014 schloss das Europäische Parlament eine Untersuchung zur Überwachungspraxis der NSA und ihrer europäischen Partner ab, aber weil es keine ZeugInnenaussagen erzwingen kann, musste es sich mit der Befragung von Journalisten, Campaignern und unabhängigen ExpertInnen begnügen. Seine unverbindlichen Empfehlungen beinhalten u.a., verschiedene Abkommen zum Datenaustausch mit den USA auszusetzen, solange nicht wechselseitig Privatsphäre und Datenschutz respektiert werden.

    Derweil sind die USA den EU-Staaten um Längen voraus bei den Reformüberlegungen, die ihre BürgerInnen vor geheimdienstlichem Übermaß schützen sollen. Im Dezember 2013 urteilte ein Bundesrichter, dass das massenhafte Sammeln von Telefonverbindungsdaten gegen die Verfassung verstoße; diese Praxis sei „wahllos“, „willkürlich“ und „fast Orwellianisch“. Die Entscheidung ist zwar nicht rechtskräftig, fand aber Widerhall in den Empfehlungen einer von Präsident Obama eingesetzten „Review Group on Intelligence and Communication Technologies“, deren 46 Empfehlungen eine deutliche Beschränkung der NSA-Vollmachten bedeutet hätten. Allerdings folgt Obama den Empfehlungen seiner Kommission bestenfalls halbherzig.

    Völkerrecht gegen (trans-)nationale Sicherheit

    Ob wir in einer Welt leben, in der die NSA und ihre Verbündeten gegen das Internet und seine Geheimnisse unternehmen können, was immer sie wollen, wird sich letztlich an der Frage entscheiden, wieviel Respekt wir für den Rechtsstaat und die universellen Menschenrechte haben, insbesondere für das Recht auf Privatsphäre – ein Recht, von dem viele andere Rechte abhängen.

    Im Rahmen nationaler Verfassungen, die das Recht auf Privatsphäre garantieren, sind den Überwachungsbefugnissen im Inland vergleichsweise klare Grenzen gezogen. Das weitaus größere Problem ist, dass BürgerInnen anderer Länder in der Regel nicht die gleichen Rechte genießen. Das ist entscheidend aus zwei Gründen: Zum einen wird elektronische Kommunikation häufig über fremde Territorien geleitet, insbesondere über die USA. Wer kein US-Bürger ist, dem nützt es nichts, dass die Verfassung seines Heimatlands das Recht auf Privatsphäre formuliert. Zum anderen sind zwar die USA der Protagonist der Snowden-Dokumente, aber sie stehen nur im Zentrum der „Five Eyes“, jenes immer noch sehr verschwiegenen und fast völlig unregulierten transnationalen Netzwerks von Geheimdiensten mit globaler Reichweite.

    Obamas bereits zitierte Kommission hat zwar empfohlen, die Überwachung von Nicht-US-BürgerInnen stärker zu überprüfen. Einen gerichtlichen Rechtsschutz schloss sie jedoch praktisch aus. AusländerInnen werden auch nichts vom Kommissionsvorschlag einer Minimierung der Überwachung von US-BürgerInnen haben. Es ist kaum anzunehmen, dass dieses Konzept die europäischen Kritiker zufriedenstellen oder Brasilien besänftigen wird. Das Land fordert von allen ausländischen Anbietern, die in Brasilien Telekommunikationsdienstleistungen erbringen, auch ihre Server dort zu hosten, so dass sie brasilianischem Recht unterlägen. Inzwischen denken auch andere Regierungen in diese Richtung. Nicht nur Privatfirmen warnen deshalb vor einer „Balkanisierung“ des Internet, die existierende Standards und Normen zerpflücken würde.

    Nachdem der „Sommer Snowdens“ die Macht der NSA und der großen Technologiekonzerne demonstriert hat, wird nun auch die Schwäche des Völkerrechts deutlich. Menschenrechtsverträge und deren juristische Interpretation lassen wenig Zweifel daran, dass die „Five Eyes“ und andere gegen die Buchstaben und den Geist des Völkerrechts verstoßen. Ignoriert wurden nicht nur Menschenrechtsstandards, sondern auch in Jahrzehnten gewachsene Systeme zur gegenseitigen Rechtshilfe.

    Fürsprecher von „Global Governance“ rufen wehmütig nach internationalen Abkommen, die Massenüberwachung beschränken und individuelle Rechte auf Privatsphäre und ein faires Verfahren stärken. Gegenwärtig ist jedoch unvorstellbar, dass Staaten irgendeinen völkerrechtlichen Vertrag akzeptieren, der ihre Befugnisse im Bereich nationaler Sicherheit beschränkt. Auch die „Big Data“-Firmen werden sich jedem Versuch widersetzen, auf internationaler Ebene ein Recht auf Datenschutz explizit zu kodifizieren. Bei allem Gerede über eine Reform der Überwachung ist auffällig, dass Silicon Valley individuelle Rechte – digital oder analog – mit keiner Silbe erwähnt.

    Gleichwohl wächst der Kreis der Befürworter einer solchen Kodifizierung. Im November 2013 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution zum „Recht auf Privatsphäre im digitalen Zeitalter“, die allerdings nur für die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte bindend ist. Sie muss nun einen Bericht zum Thema erarbeiten. Daneben regte die Generalversammlung ein Zusatzprotokoll zum UN-Zivilpakt an. Doch selbst wenn die politischen Widerstände dagegen gemeistert werden könnten, dürfte es bis zur Aushandlung Jahre und bis zur Ratifizierung noch viel länger dauern. Somit bleiben kurzfristig nationale Maßnahmen zur Eindämmung der geheimdienstlichen Massenüberwachung der einzig sinnvolle Weg zur Reform.

    Nadeln und Heuhaufen

    submarine-cable-map-2014Die alte Debatte um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit scheint also neu eröffnet. Allerdings bedeutet „nationale Sicherheit“ heute nicht mehr arbeitsintensive Aktenhaltung wie zu Zeiten des Kalten Krieges, sondern „Big Data“-Banken und rechenintensive Weiterverarbeitung. Die Schwierigkeit, diesem neuen durch transnationale, präventive Massenüberwachung geprägten Modell von Sicherheit Respekt für die traditionellen Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit und Verhältnismäßigkeit beizubringen, liegt darin, dass die allermeisten der neuen Methoden die Antithese zu den überkommenen Normen darstellen.

    Die Geheimdienstchefs rechtfertigen ihre Programme zur Massenüberwachung mit dem Mantra: „Wir brauchen den Heuhaufen, um die Nadel zu finden.“ Kritik an den Überwachungsprogrammen wird als Gefahr für die nationale Sicherheit denunziert. Verschleiert wird damit, dass Polizei und Geheimdienste bereits seit langem teils anlassbezogen, teils generell Zugriff auf den „Heuhaufen“ hatten. Snowdens Enthüllungen zeigen nun, dass die NSA und ihre Partner einen gewaltigen Heuhaufen aus so vielen Daten wie irgend möglich auftürmen, der es ihnen erlaubt, beliebig zurückzuverfolgen, was ihre BürgerInnen zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit getan haben.

    Der erste Lackmustest für die Reform der Überwachung wäre daher die Absage an die massenhafte Datensammlung durch die Geheimdienste – eine ungeheure Aufgabe angesichts der Kultur der Überwachung, die den Berufsalltag Hunderttausender staatlicher Sicherheitsbeamter und ihrer Auftragnehmer (contractors) prägt und angesichts der Infrastruktur, die die NSA hierfür geschaffen hat.

    Der zweite Lackmustest besteht darin, so weit wie möglich zu verhindern, dass große Vorratsdatensammlungen entstehen, zu denen sich staatliche Agenturen grundlos und unkontrolliert Zugriff verschaffen können. Das Problem stellt sich nicht nur bei den Verkehrsdaten der Telekommunikation, sondern auch bei Gesundheitsdaten, bei Reisen (Fluggastdaten) usw. Wenn wir die Unschuldsvermutung und das Recht auf Privatsphäre in Zeiten von Big Data retten wollen, dann benötigen wir zwingend Brandmauern, die Profiling und Rasterfahndungen verhindern, deren Zweck darin besteht, Verdachtsmomente gegenüber Unschuldigen zu generieren.

    Drittens ist zu definieren, unter welchen Bedingungen Geheimdienste Zugang zu Daten anderer Behörden oder privater Firmen haben dürfen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Dafür braucht es zum einen mehr Transparenz darüber, wer, wie und warum in den Heuhaufen stochert. Zum anderen braucht es eine deutlich klarere Trennung zwischen Fragen nationaler Sicherheit und dem Sammeln von Informationen für Zwecke der Strafverfolgung. Im Kern geht es dabei um die Entscheidung, ob die Terrorismusbekämpfung Sache von Militär und Geheimdiensten oder rechtsstaatliche Polizeiarbeit ist.

    Viertens schließlich müssen die auf Kuschelkurs bedachten parlamentarischen Gremien zur Geheimdienstaufsicht durch eine ernsthafte demokratische Kontrolle ersetzt werden.

    Der tiefe Staat

    Rechenschaftspflichten und eine bessere Aufsicht über die Geheimdienste, so lautet eine der beliebtesten Forderungen in der Zeit nach Snowden. Das ist eine Herkulesaufgabe, denn, wie ein ehemaliger britischer Richter zurecht erklärte: „Der Sicherheitsapparat ist heutzutage in vielen Demokratien in der Lage, derart stark Einfluss auf die anderen Staatsorgane auszuüben, dass er quasi autonom ist: Er sorgt für eine Gesetzgebung, die seine Interessen über die Individualrechte stellt, dominiert exekutive Entscheidungsprozesse, sperrt seine Gegner aus gerichtlichen Verfahren aus und operiert nahezu jenseits öffentlicher Kontrolle.“

    Es wäre naiv zu glauben, dass Forderungen nach mehr Kontrolle wie selbstverständlich Erfolg haben, wo doch bereits seit einem Jahrzehnt gegen massive Widerstände versucht wird, die USA und ihre Verbündeten für Verschleppung, Geheimgefängnisse, Folter und Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ zur Verantwortung zu ziehen. Versuche, Gerechtigkeit wiederherzustellen, sind trotz vieler Untersuchungen in Europa und Nordamerika immer wieder gescheitert. Standardmäßig haben die Regierungen die Aktionen ihrer Dienste verteidigt, ignoriert oder entschuldigt. Warum? Weil ihre Geheimdienste eng einbezogen sind in alles Militärische und in einen Großteil ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik. Geopolitisch betrachtet stehen Überwachungskapazitäten – oder „Lagebildeinschätzung“ – im Zentrum jeglicher Machtprojektion.

    Die Rufe nach Reformen und Kontrolle stehen vor einem weiteren grundlegenden Problem: Der Aufbau von Kontrollmechanismen für Überwachungsagenturen, die im Geheimen arbeiten, um präventiv „Gefahren“ durch bekannte und unbekannte Feinde zu begegnen, ist eine widersprüchliche Übung. Zu Ende gedacht kann die Forderung, Überwachung auf das Erforderliche und Verhältnismäßige zu reduzieren und angemessener demokratischer und gerichtlicher Kontrolle zu unterwerfen, nur bedeuten, das Mandat und die Befugnisse der Geheimdienste radikal zu beschränken und die Aufgabe der Terrorismusbekämpfung auf die Polizei zu übertragen. Eine solche Konsequenz kommt jedoch in Zeiten, da die Medien fast unisono dem Kult der (Un-)Sicherheit huldigen, einer Blasphemie gleich.

    Gute Geschäfte

    Überwachung findet nicht im luftleeren Raum statt. Die Sicherheitsapparate haben insbesondere seit dem 11. September 2001 eine atemberaubende Entwicklung genommen, deren Auswirkungen auf „verdächtige Gemeinschaften“ wir genauso wenig ignorieren dürfen wie ihre Strategien gegen „Radikalisierung“ und „inländischen Extremismus“. Weltweit sind sozialer Protest und ziviler Ungehorsam unter Druck wie nie zuvor. Der Kampf gegen unkontrollierte Überwachung steht somit im Zentrum der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit.

    Während der Neoliberalismus ständig mehr öffentliche Dienstleistungen zusammenstreicht, können die Hohepriester des Sicherheitsstaates ungezählte Milliarden von Euro ausgeben für Armeen von Auftragsdienstleistern und für Ausrüstung nach dem Vorbild von Hollywood-Ausstattern. Was immer für den Sicherheitsstaat gut ist, ist auch gut fürs Geschäft. Der stark auf Massenüberwachung ausgerichtete „Heimatschutz“ ist bereits heute ein Milliarden-Geschäft. Die Grenzen zwischen Militär, nationaler Sicherheit und öffentlicher Ordnung verschwimmen, und es besteht ein geradezu manisches Interesse an neuen technischen Möglichkeiten: von Drohnen über „weniger tödliche“ Waffen und Technologien zur Kontrolle von Menschenmengen oder zur militarisierten Grenzkontrolle bis hin zu neuen Anwendungen für Massenüberwachung. Der neue Kaiser trägt Designerkleider und eine Designerrüstung. Wir müssen davon ausgehen, dass die einflussreiche Überwachungsindustrie versuchen wird, jede „Sicherheits“-Lücke zu füllen, die sich durch die demokratische Kontrolle der Staatsmacht ergibt. Wenn wir es ernst meinen mit der Begrenzung der Überwachung müssen wir die Staatsmacht gleichermaßen einhegen wie die des Privatsektors.

    4. September 2014 7
  • : Die Geheimdienst-Suchmaschine ICREACH – neue Erkenntnisse aus dem Snowden-Archiv
    Die Geheimdienst-Suchmaschine ICREACH – neue Erkenntnisse aus dem Snowden-Archiv

    Die NSA stellt 23 Sicherheitsbehörden in den USA eine geheime, interne Suchmaschine zur Verfügung. Sie soll über 850 Milliarden (genau: 850.000.000.000) Einträge systematisch durchsuchen können. Das geht aus Snowden-Dokumenten hervor, die gestern von The Intercept veröffentlicht wurden.

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    Daraus soll erstmals hervorgehen, das die NSA seit Jahren Überwachungsdaten an inländische Sicherheitsbehörden wie das FBI (Federal Bureau of Investigation) oder die DEA (Drug Enforcement Administration) weitergibt. Die NSA-Suchmaschine heißt ICREACH und soll angeblich über eine ähnliche Suchmaske wie Google verfügen. The Intercept schreibt dazu:

    Laut einem Memo aus dem Jahr 2010 haben über 1000 Analysten aus 23 US-Regierungsbehörden Zugang zu ICREACH. Ein Planungsdokument aus 2007 listet als Hauptbehörden DEA, FBI, CIA und DIA [Defense Intelligence Agency]. Über ICREACH geteilte Informationen können dazu verwendet werden, Bewegungsprofile und persönliche Netzwerke zu erkennen, zukünftige Handlungen vorherzusagen und potenziell auch religiöse und politische Ansichten aufzudecken.

    ICREACH wird von der NSA als Meilenstein für das Sammeln, Verarbeiten und Speichern von Metadaten gesehen, wie es in einem weiteren Memo heißt, wird seit 2005 daran gearbeitet. Die NSA-Suchmaschine soll in der Lage sein 2 bis 5 Milliarden neue Daten täglich zu verarbeiten, darunter 30 verschiedene Arten an Metadaten über Emails, Telefonanrufe, Faxsendungen, Internetchats, Textnachrichten und Standortdaten von Handys. Metadaten sind zum Beispiel der Zeitpunkt eines Anrufs, der Empfänger und Sender einer Email, und die Dauer eines Telefonats. Warum das Sammeln von Metadaten so gefährlich ist und oft mehr verrät als der eigentliche Kommunikationsinhalt, hatten wir erst kürzlich wieder in einem eindrucksvollen Gastbeitrag erklärt.

    So einfach wie Google

    Der Beschreibung von The Intercept folgend, soll ICREACH so einfach wie Google zu bedienen sein. Man gibt beispielsweise eine Emailadresse ein und erhält als Suchergebnis etwa eine Liste der Telefonanrufe der letzten Monate.

    ICREACH soll, laut The Intercept, keine direkte Verbindung zur großen NSA Datenbank unter Sektion 215 des Patriot Act haben (dazu The Guardian). Die komme nämlich nur in Untersuchungen über Terrorismus zum Einsatz und sei vergleichsweise wenigen Geheimdienstmitarbeitern zugänglich. Dagegen stehe ICREACH einer großen Anzahl an Analysten aus der gesamten „Intelligence Community“ zur Verfügung.

    architecture_intercept_icreachWie The Intercept schreibt, stammen die Daten für ICREACH vor allem aus der Überwachung ausländischer Kommunikation, die von der NSA gebündelt wird. ICREACH sei also keine neue Datenbank sondern ein „one-stop shopping tool“ für das Durchsuchen vieler unterschiedlicher Datenbanken. Also tatsächlich eine Art internes Geheimdienst-Google, ein Dokument aus 2010 nennt es

    „the U.S. Intelligence Community’s standard architecture for sharing communications metadata“.

    Der Umfang und die Möglichkeiten von ICREACH übertreffen die Befürchtungen vieler Beobachter in den USA. Juristen halten die Rechtsgrundlage der Suchmaschine für – zurückhalten formuliert – sehr fragwürdig.

    large-scale-expansion_icreachMetadatenspeicherung seit den 90ern

    Die Treibende Kraft hinter dem Projekt soll der ehemalige NSA-Chef Keith Alexander gewesen sein. Er habe ICREACH als eine Weiterentwicklung der CIA-Tools namens CRISSCROSS und PROTON, die seit den 1990er Jahren besteht, gefördert um die Vernetzung der Geheimdienstbehörden zu verbessern. Der Umfang an durchsuchbaren Daten wurde dadurch von 50 Milliarden auf 850 Milliarden Einträge nach oben geschraubt. Auch CRISSCROSS und PROTON galten bereits als effektive Ermittlungswerkzeuge, aber dem NSA Direktor ging das noch nicht weit genug. In einem der geheimen Memos schreibt Alexander, man solle „riesige Mengen an Kommunikations-Metadaten“ sammeln und diese dann teilweise mit den Partnerdiensten der „Five Eyes“ (Großbritannien, Australien, Kanada, Neuseeland) über das Programm GLOBALREACH teilen.

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    Unklar ist bisher, ob ICREACH auch für die sogenannte „parallel construction“ genutzt wird. Damit ist gemeint, dass Inlands-Ermittlungsbehörden unter Zuhilfenahme von Geheimdienstinformationen (z.B. über ICREACH) gegen US-Bürger ermitteln, vor Gericht aber eine andere Datenquelle angeben, also einen anderen Ermittlungshergang konstruieren. Das macht es den Anwälten und Gerichten unmöglich die Legalität der Beweise zu überprüfen. Die Trennung von Geheimdiensten und Polizeiarbeit wäre dadurch faktisch aufgelöst.

    In jedem Fall wissen wir nun, dass Metadatenabfragen für NSA und Co so einfach wie eine x‑beliebige Googleabfrage sind. Eine derart weit entwickelte Infrastruktur wird sicher nicht ungenutzt liegen gelassen.

    Alle Dokumente, die von The Intercept zitiert werden und gemeinsam mit dem Artikel veröffentlicht wurden:

    26. August 2014 4
  • : „Die Welt der Geheimdienste hat offenbar einen schweren Knall“ – Spionage in der Türkei lässt Deutschlands moralischen Vorteil schwinden (Update)
    "Nazar", ein typischer Glücksbringer in der Türkei, der vor bösen Blicken schützen soll - CC-BY-SA 3.0 via wikimedia/Guruharsha
    „Die Welt der Geheimdienste hat offenbar einen schweren Knall“ – Spionage in der Türkei lässt Deutschlands moralischen Vorteil schwinden (Update)

    Nachdem am Samstag durch eine Aussage des im vorigen Monat enttarnten BND-Spitzels bekannt wurde, dass der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND die Türkei und US-Außenminister John Kerry überwacht – offiziell als einmaligen „Beifang“, der sofort gelöscht wurde -, brach zunächst eine Welle der Empörung aus. Aus Regierungskreisen rechtfertigte man jedoch die aktiven Abhöraktionen in der Türkei, in der FAZ hieß es, die Lage in der Türkei sei aus mehreren Gründen relevant für die Sicherheit Deutschlands:

    Das reiche von den Aktivitäten der kurdischen PKK oder links- und rechtsextremistischer türkischer Gruppen in Deutschland über den Drogenschmuggel bis hin zur Schleuserkriminalität. Auch sei bekannt, dass die türkische Regierung versuche, politische Ziele über türkische Vereine und Verbände in Deutschland durchzusetzen.

    Jürgen Trittin von den Grünen riet gegenüber der Berliner Zeitung zu „weniger Wehleidigkeit, mehr eigener Aufklärung und besserer Spionageabwehr“, ein Ausspähen der Türkei sei gerechtfertigt, denn die „Sicherheit Deutschlands ist durch die Vorgänge im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien und dem Irak unmittelbar betroffen.“ Diese Argumentation ist bemerkenswert, denn sie ist derjenigen der USA bei der Rechtfertigung der NSA-Praktiken in Deutschland ähnlich: Besondere geopolitische Lage – hier in der Mitte Europas – und Aktivitäten und Beziehungen zu potentiellen Bedrohungen und Widersachern der nationalen Sicherheit – hier vor allem Russland.

    CDU-Mann Wolfgang Bosbach teilt Trittins Meinung, gibt jedoch zu Bedenken, dass die Nachricht für die USA „ein Geschenk des Himmels“ sei. Damit hat er recht, denn die Doppelmoral, Ausspähung Deutschlands durch die NSA „geht gar nicht“, das Ausspähen anderer ist aber berechtigt, tritt nun deutlich zu Tage und die Bundesregierung verliert ihren vermeintlichen moralischen Vorteil.

    Der Linken-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi findet für die Vorfälle deutliche Worte:

    Die Welt der Geheimdienste hat offenbar einen schweren Knall.

    Den USA könnte der Skandal über ihren Spion demnach im Nachhinein zum Nutzen gereichen. Bisher halten diese sich mit einer Bewertung noch zurück, eine Sprecherin des US-Außenministeriums rückte stattdessen die Zusammenarbeit mit den deutschen Freunden in den Vordergrund:

    Wir haben eine sehr enge Arbeitsbeziehung mit Deutschland, um gemeinsame Bedrohungen zu bekämpfen

    Die Türkei zeigte sich verärgert. Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Reaktion seines türkischen Amtskollegens am Telefon als „sehr ungehalten“. Die Türkei bat daraufhin den deutschen Botschafter am Montag zum Gespräch, das entgegen der Vorzeichen in „freundschaftlicher Atmosphäre“ stattgefunden habe und während dessen der türkische Unterstaatssekretär Erdogan Iscan dem deutschen Botschafter „die Besorgnis der Türkei“ dargelegt habe. Ein Treffen der Geheimdienstchefs beider Länder steht noch bevor.

    Durch die Spähpraktiken gegenüber der Türkei werden noch weitere Fragen aufgeworfen: Wenn der BND die Türkei überwacht, wen überwacht er noch? Es wird beteuert, die Türkei sei nicht mit den „USA oder Ländern wie Frankreich oder Großbritannien vergleichbar“. Was ein Land zu einem sicherheitsrelevanten Ziel macht und was nicht, erfährt man jedoch nicht und der Intransparenz der Dienste ist es inhärent, dass man keine verlässlichen Kriterien für Freund und Feind benennen kann. Eine Bündnispartnerschaft – das weiß man nun – schützt nicht vor Spionage. Und so spekulierte das Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums Hans-Christian Ströbele von den Grünen:

    Man fragt sich schon, ob es vielleicht noch weitere Nato-Länder gibt, die vom BND abgehört werden. Beispielsweise Griechenland.

    Ebenso unklar ist, wer oder was im „Aufklärungsziel“ Türkei abgehört wird. Es wird nicht erwähnt, ob es sich um Politiker oder die gesamte Bevölkerung handelt, ob Metadaten oder Inhalte betroffen sind.

    Und wie stabil ist ein Nachrichtendienstsystem, wenn Praktiken, die man um jeden Preis geheim zu halten versucht, durch einen vermeintlich unbedeutenden BND-Mitarbeiter mit 1500 Euro Monatsgehalt ans Licht gebracht werden können? Der Geheimdienstapparat ist nicht kontrollierbar, aber er ist fragil. Das ist eine Chance, die genutzt werden kann. Wir brauchen mehr Whistleblower, die an die Öffentlichkeit treten und ihre Informationen, nicht als amerikanische Spione, sondern zum Wohl aller nutzen. Dafür brauchen wir mutige Menschen, aber vor allem auch mehr Schutz für diejenigen, die sich durch ihren Mut selbst in Gefahr bringen. Denn eines ist klar: Die Türkei ist sicher nicht das einzige Land, in dem der BND mit fragwürdigen Motiven „Aufklärungsarbeit“ betreibt.

    Update: Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Spionage bereits unter der rot-grünen Bundesregierung bestand, mehr hier.

    20. August 2014 11
  • : Interview mit Bill Binney: „Die Geheimdienste haben sich selbst operativ ausgeschaltet“
    <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Binney">William Binney</a>. Bild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Rama">Rama</a>. Lizenz: Creative Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/fr/deed.de">BY-SA 2.0</a>.
    Interview mit Bill Binney: „Die Geheimdienste haben sich selbst operativ ausgeschaltet“

    Der Journalist Erich Möchel hat ein Interview mit dem ehemaligen technischen Direktor der NSA und Whistleblower Bill Binney geführt. Binney erklärt, warum die NSA seiner Meinung nach bei der Geheimdienstarbeit auf der Krim und im Irak versagt haben und ihrem Auftrag nicht mehr nachkommen können – es würden einfach zu viele Daten gesammelt, die nicht mehr auszuwerten seien:

    Durch den wahllosen Abgriff aller Daten, deren man habhaft werden kann, werden die Analysten unter Datenbergen förmlich begraben. Einen großen Teil der Ressourcen verschlingen schon einmal Akquise, das Management und Speicherung der Daten, weil ja alles so lange wie möglich aufgehoben wird

    Deshalb könne man nur noch nachträglich rekonstruieren und analysieren, zu Prognosen sei man nicht mehr in der Lage. Seinerzeit habe noch die Datenminimierung im Vordergrund gestanden, das habe sich zu einem „All you can eat“-Konzept verändert, Externe wurden eingebunden, um Kapazitäten zu vergrößern:

    1999 hatte der damalige NSA-Direktor Michael Hayden mit dem Outsourcing begonnen. Von Hard- und Software angefangen wurde die IT und schließlich die gesamte Infrastruktur an Vertragsfirmen ausgelagert. Man gab also die Kronjuwelen her, um mit den Contractors rundherum eine Art Imperium zu errichten. Diese inzestuöse Beziehung zwischen dem Geheimdienstsektor und den Vertragsfirmen hat die späteren Enthüllungen Edward Snowdens erst ermöglicht.

    Binney kritisierte das scharf, das war innerhalb der NSA nicht erwünscht und Binney wurde schickaniert. Er kehrte der NSA 2001 nach 37-jähriger Arbeit den Rücken und ging mit den Missständen an die Öffentlichkeit.

    14. August 2014 7
  • : Snowdens Asyl ist ausgelaufen – Reaktionen aus Politik und Gesellschaft (Update)
    Die Bundesregierung verschleppt die Klärung der Frage nach Asyl für Edward Snowden seit mehreren Jahren.
    Snowdens Asyl ist ausgelaufen – Reaktionen aus Politik und Gesellschaft (Update)

    440x270-asyl-snowden-aufkleber___440xSeit dem 23. Juni 2013 befindet sich Edward Snowden nach seiner Flucht aus Hong Kong in Russland, er hatte dort ab dem 1. August 2013 Asyl für ein Jahr gewährt bekommen. Dieses Asyl ist mit dem heutigen Tag ausgelaufen. Verlängerung hat Snowden beantragt, eine Entscheidung steht noch aus und wird aber in Kürze erwartet. Russland ist mitnichten das einzige Land, in dem Snowden um Aufnahme gebeten hat. Während seines vorübergehenden Aufenthaltes am Moskauer Flughafen bat er 21 Ländern um Zuflucht. Es hatten sich auch Ecuador, Bolivien, Nicaragua und Venezuela angeboten, Snowden waren jedoch seine Papiere weggenommen worden, was eine Reise unmöglich machte.

    Auch an Deutschland richtete Snowden einen Asylantrag, der aufgrund nicht vorliegender Gründe abgelehnt worden war. Immer noch sind die Debatten kontrovers und vor allem die Oppositionsparteien fordern eine Anhörung Snowdens vor NSA-Untersuchungsausschuss und zwar mit der Garantie auf eine sichere Aufnahme in Deutschland. Andere verweigern sich, teils um die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht zu belasten, teils mit der Ausrede, Snowden habe nichts Relevantes mehr zu erzählen. Zum heutigen Tag wird es wieder viele Stellungnahmen und Aussagen zu der Asylfrage geben, wir werden versuchen, hier einen Überblick zu erstellen.

    Bereits Anfang der Woche hat Justizminister Maas bevormundend erklärt, Snowden solle am besten in die USA zurück gehen, denn:

    Er ist erst Anfang 30 und will sicher nicht den Rest seines Lebens auf der ganzen Welt gejagt werden oder von einem Asyl zum nächsten wandern.

    Heribert Prantl kommentiert dazu und zum generellen passiven Verhalten innerhalb der EU bei der SZ:

    Die EU, die sich „Raum des Rechts, der Sicherheit und der Freiheit“ nennt, ist auch ein Raum der Feigheit; sie traut sich nicht, Snowden irgendeinen Schutz angedeihen zu lasse […] Minister Maas verlangt von Snowden ein Vielfaches des Mutes, den er, Maas, selbst nicht aufbringt, um sich für Schutz und Sicherheit Snowdens einzusetzen. Es wächst offenbar das politische Phlegma gegenüber dessen Schicksal.

    Maas hat bei der Opposition, die in der Vergangenheit immer wieder versuchte, Snowden die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen, einen merklichen Aufschrei ausgelöst. Sie drohte damit, vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen, wenn die Regierung sich weiter einer Aufnahme von Snowden verweigere. Konstantin von Notz, Obmann der Grünen im NSA-Untersuchungsausschuss, sagt dazu:

    Das ist ein notwendiger Schritt, um nochmal Druck aufzubauen. [Ich hoffe,] dass hier die Rechtsstaatlichkeit gegenüber den taktischen und meiner Ansicht nach illegitimen Interessen der Bundesregierung obsiegt.

    In ihrer gestrigen Pressemitteilung zum Anlass des Asyl-Auslaufens bestätigen von Notz und Katrin Göring-Eckart dieses Vorhaben und berichten, eine Klageschrift liege bereits vor.

    Jan Korte von den Linken attestiert der Bundesregierung Zynismus:

    Anderen würde für einen solchen Einsatz für Bürgerrechte und Demokratie das Bundesverdienstkreuz verliehen – für Snowden gibt es seitens der Bundesregierung nur den Rat, sein Glück doch in einem US-amerikanischen Gefängnis zu suchen. Dieser Zynismus ist kaum noch auszuhalten.

    Die Aufnahme Snowdens sei eine politische Entscheidung und die Regierung müsse ihren Schutzpflichten nachkommen. Das tue sie derzeit nicht und er fasst das Verhalten von Bundeskanzlerin Merkel knapp zusammen:

    Ignorieren, Abwiegeln, Blockieren.

    Maas überwiegend negativ rezipierte Aussage hielt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann nicht davon ab, heute ins gleiche Horn zu blasen und ebenso gegen ein Asyl für Snowden in Deutschland zu plädieren, da er sonst Zeit seines Lebens verfolgt bliebe. Man müsse eine humanitäre Lösung in den USA finden. Dabei gibt Oppermann immerhin zu, dass es in Deutschland darum geht, die amerikanischen Freunde nicht zu verärgern und man am liebsten ignorant zur Tagesordnung zurückkehren will, als sei nichts geschehen:

    Wir müssen jetzt zunächst damit leben, dass wir in einer wichtigen Bündnisfrage nicht einer Meinung sind. Es geht nun darum, verlorenes Vertrauen wieder herzustellen und das bewährte Bündnis mit den Amerikanern fortzusetzen.

    Diese Duckmäuserstellung kritisiert Hans-Christian Ströbele, der Snowden im letzten Jahr in Moskau besucht hat und dementiert auch Behauptungen, Snowden wolle überhaupt nicht nach Deutschland kommen:

    Die Bundesregierung behauptet, Herr Snowden wolle nicht nach Deutschland kommen. Das stimmt nachweislich nicht […] Snowden hat ein Dutzend Mal versichert, dass er sehr gerne als Zeuge vor den Untersuchungsausschuss nach Deutschland kommen würde. [Die Bundesregierung lehnt seine Einreise] in Wahrheit nur deshalb ab, weil sie Angst vor der US-Regierung hat.

    [Update]

    Auch die Piratenpartei findet den Vorschlag, in die USA zurückzukehren, untragbar:

    Natürlich würde Edward Snowden ganz sicher gerne wieder in seine Heimat zurückkehren. Er möchte allerdings auch nicht als Landesverräter verurteilt ins Gefängnis. Das Dilemma ist offensichtlich. Ihn in dieser Situation auch noch dazu zu ermuntern, sich in die Hände der US-amerikanischen Justiz zu begeben, ist einer Regierung in einem demokratischen und den Grund- und Menschenrechten verpflichteten Staat wie Deutschland und auch dessen Justizminister unwürdig.

    [/Update]

    Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Patrick Sensburg von der CDU-Fraktion, bleibt undeutlich und proklamiert gegenüber dem RBB Inforadio Mitleid:

    Ein 31-jähriger Mann, der sich in Russland aufhalten muss , nicht frei reisen kann, natürlich leid tut und dass eine Lösung für die Person Edward Snowden kommen muss. Deshalb sage ich auch: es muss möglich sein, dass Edward Snowden sich in einigen Jahren wieder frei bewegen kann – nicht nur in den USA, nicht nur in Russland, sondern auch da, wo er hinreisen möchte. Dass er für das, was er getan hat möglicherweise die Verantwortung übernimmt, dass die aber gemäßigt ist in einer Höhe, die auch seiner Tat gerecht wird, kein Exempel statuiert wird – das ist ganz wichtig.

    Selber dazu bei trägt Sensurg nicht, er verweist auf die Bundesregierung und weist die Verantwortung für sein Nichtstun von sich:

    Die Bundesregierung muss entscheiden, ob sie Edward Snowden ein Aufenthaltsrecht gewährt […] Die Bundesregierung hat eine Abwägung vorgenommen – auf der einen Seite das berechtigte Interesse des Untersuchungsausschusses neben vielen Zeugen auch diesen Zeugen zu hören und auf der anderen Seite, dass Edward Snowden in den Vereinigten Staaten strafrechtlich gesucht wird – es besteht ein Haftbefehl – und das wir natürlich ein Auslieferungsübereinkommen mit den Vereinigten Staaten haben. Und bei dieser Abwägung hat die Bundesregierung gesagt: Wir können hier keine Ausnahmen machen, ihm ein Bleiberecht gewähren, und hat dieses bisher abgelehnt.

    [Update]

    Die Courage Foundation, die Geld für Snowdens Strafverteidigung sammelt, hat Briefe an Staatsvertreter aus den USA, Großbritannien, Russland und Deutschland gesendet, um sie dazu aufzufordern endlich aktiv zu werden. Sarah Harrison, Wikileaks-Journalistin und stellvertretende Geschäftsführerin, kritisierte:

    Es tut gut zu sehen, dass so viele Menschen sich für die Unterstützung Snowdens stark machen. Im Gegensatz dazu haben die meisten Regierungen auf der Welt, mit Ausnahme Russlands, wenig getan um diesen Asylsuchenden zu schützen. Ich hoffe dass in dieser Zeit, in der das Asyl erneuert werden muss, mehr den Mut und das Gewissen haben werden, das zu tun, was ihre Bürger richtig finden.

    Die Courage Foundation hatte zuvor die „Stand with Snowden“-Kampagne gestartet, bei der man man Fotos seine Unterstützung für Snowden mit einer Botschaft ausdrücken konnte.

    Glenn Greenwald zog Konsequenzen aus der fortwährenden Ablehnung der Bundesregierung, Snowden Asyl zu gewähren und verweigert seine Aussage vor dem NSA-Untersuchungsausschuss, bis sie diese Haltung aufgeben:

    Leider haben deutsche Politiker mit ihrer Ablehnung, den Schlüsselzeugen Edward Snowden persönlich anzuhören, gezeigt, dass sie sich viel mehr darum kümmern, die USA nicht zu verärgern als ernsthafte Nachforschungen zu unternehmen.

    Deshalb bin ich nicht gewillt, an diesem Ritual teilzunehmen, dass die Illusion einer Untersuchung erzeugen soll, dass aber tatsächlich dafür durchgeführt wird, echte Untersuchungen zu verhindern und die deutsche Bevölkerung mit leeren Symbolen zu beschwichtigen und die Schuldigen – die US-Regierung – bei Laune zu halten.

    [/Update]

    Und was will Snowden? Er will selbst tatsächlich auch in die USA zurückkehren, er hat während des letzten Jahres mehrmals betont, Russland sei nicht sein Wunschziel gewesen. Dabei ist er sich aber wohl dessen bewusst, dass es unwahrscheinlich ist, einen fairen Prozess zu bekommen. Die Whistleblowerin Chelsea Manning ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Verfahren zwar dazu führen würde, dass Snowden nicht mehr verfolgt würde. Stattdessen könnte er den Rest seines Lebens wegen Geheimnisverrat im Gefängnis verbringen.

    Ich bin hier in Russland wesentlich glücklicher als ich es mit einem unfairen Verfahren wäre, in dem ich nicht einmal vor Geschworenen die Verteidigung vorbringen kann, in öffentlichem Interesse gehandelt zu haben. Wir haben die Regierung wieder und wieder gebeten, ein faires Verfahren zu ermöglichen und sie haben abgelehnt.

    Er erklärt, er hoffe im Zweifel darauf, dass sein Fall vor einem Geschworenengericht verhandelt werden würde. Denn dann wäre er nicht von der Meinung eines einzelnen Richters abhängig, sondern von der Einigung von zwölf Geschworenen.

    Am liebsten, das ist klar, wäre Snowden jedoch wieder ein freier Mensch:

    Ich würde liebend gern wieder in der Lage sein, Westeuropa zu besuchen. Aber das ist nicht meine Entscheidung. Darüber müssen die Öffentlichkeit und die Regierungen der jeweiligen Länder entscheiden.

    Das wird nicht ohne weiteres möglich sein. Aber wir müssen trotzdem dafür Verantwortung übernehmen, Snowden so gut es geht dabei zu helfen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Denn ohne ihn hätten wir vermutlich nie von den Ausmaßen der beispiellosen Geheimdienstmaschinerie erfahren. Und lassen wir zu, dass er wie ein Verbrecher behandelt wird, ersticken wir zukünftige Whistleblower und opfern die Möglichkeit, Einblick in freiheitsverhindernde, intransparente Strukturen zu bekommen.

    [Update]

    Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch digitalcourage e.V.:

    Wenn wir wollen, dass auch zukünftig Menschen ihr eigenes Leben riskieren, um der Gemeinschaft solchen Nutzen zukommen zu lassen, müssen wir deutlich machen, dass wir sie hinterher nicht im Regen stehen lassen. Wir müssen klare gesetzliche Regeln formulieren, unter denen Whistleblowing angebracht ist und geschützt wird. Nach dem, was Snowden derzeit erleben muss, werden es sich andere gut überlegen, ob sie einen ähnlichen Schritt wagen, bzw. es möglicherweise nur aus den falschen Gründen (Ruhm, Verehrung) tun.

    [/Update]

    [doneWeitere Stimmen werden wir im Laufe des Tages sammeln und am Abend aktualisieren. Hinweise dürft ihr gern in den Kommentaren hinterlassen!]

     

     

    1. August 2014 12
  • : Öffentliches Geständnis: Die CIA hat Computer des Geheimdienst-Ausschusses im US-Kongress gehackt
    Öffentliches Geständnis: Die CIA hat Computer des Geheimdienst-Ausschusses im US-Kongress gehackt

    Mark Mazzetti und Carl Hulse berichten heute auf der Titelseite der New York Times: Untersuchung der C.I.A. bestätigt, dass sie Kongress-Ausschuss ausspioniert hat

    An internal investigation by the C.I.A. has found that its officers penetrated a computer network used by the Senate Intelligence Committee in preparing its damning report on the C.I.A.’s detention and interrogation program.

    The report by the agency’s inspector general also found that C.I.A. officers read the emails of the Senate investigators and sent a criminal referral to the Justice Department based on false information, according to a summary of findings made public on Thursday. One official with knowledge of the report’s conclusions said the investigation also discovered that the officers created a false online identity to gain access on more than one occasion to computers used by the committee staff.

    Nochmal auf deutsch: Die CIA gibt zu, Computer des Geheimdienst-Ausschusses im US-Kongress gehackt zu haben. Also der parlamentarische Ausschuss, der für die Aufsicht und Kontrolle der Geheimdienste zuständig ist. Im eigenen Land.

    Und jetzt stellen wir uns bitte mal vor, wie die amerikanischen Geheimdienste wohl mit Abgeordneten und Ausschüssen anderer Staaten umgehen. Vor allem mit Staaten, die ohnehin zu den am meisten überwachten gelten. Dass sich die Telefone der Mitglieder im deutschen Untersuchungsausschuss merkwürdig verhalten, dürfte also mal wieder nur die Spitze des Eisbergs sein.

    Viel Spass beim neuen Job, Anne! :)

    (Fefe hatte auch Spass mit der Meldung.)

    1. August 2014 5
  • Metadaten: Wie dein unschuldiges Smartphone fast dein ganzes Leben an den Geheimdienst übermittelt
    Metadaten Wie dein unschuldiges Smartphone fast dein ganzes Leben an den Geheimdienst übermittelt

    Geheimdienste sammeln Metadaten über die Kommunikation aller Bürger. Die Politiker wollen uns glauben machen, dass diese Daten nicht allzu viel aussagen. Ein Niederländer hat das überprüft und das Gegenteil demonstriert: Metadaten verraten viel mehr über dein Leben, als du denkst.

    29. Juli 2014 113
  • : Podiumsdiskussion: Viele Worte zu Kontrolle, wenig Fragen zur grundsätzlichen Legitimation von Geheimdiensten
    Podiumsdiskussion: Viele Worte zu Kontrolle, wenig Fragen zur grundsätzlichen Legitimation von Geheimdiensten

    transp_geheimdiensteAm Mittwoch fand bei dem Thinktank stiftung neue verantwortung, der im Mai eine Studie zur Geheimdienstkontrolle veröffentlicht hat, in Zusammenarbeit mit Transparency International eine Podiumsdiskussion zum Thema „Transparente Geheimdienste?“ statt:

    Wie transparent müssen Geheimdienste in einer Demokratie sein? Werden unsere Dienste ausreichend von Gerichten und Parlamenten kontrolliert?  Müssen sie im Dunkeln arbeiten, um ihre Aufgaben erfüllen zu können? Inwiefern tragen sie zu unserer Sicherheit bei? Wie werden Whistleblower geschützt?

    Teilnehmer des Podiums waren Sarah Harrisson – Journalistin bei Wikileaks und Begleiterin Edward Snowdens in Hong Kong -, Markus Löning – ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe und jetzt Projektleiter bei Privacy Project -  sowie Bernd Schmidbauer –  ehemaliger Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung.

    11. Juli 2014 3
  • : Schäuble: Kanzlerin not amused, dass die USA drittklassige Spione bei uns haben
    Schäuble: Kanzlerin not amused, dass die USA drittklassige Spione bei uns haben

    Dabei müssten die USA doch nur direkt oben anfragen und bekämen alle Infos oder wie muss man das verstehen?

    Mit der Anwerbung von deutschen Spionen schürten die USA Gefühle wie Misstrauen und Distanz in Deutschland, sagte Schäuble. „Das ist ja sowas von blöd.“ Zwar hätte Deutschland ohne die Partnerschaft mit US-Geheimdiensten viele Terrorbedrohungen nicht abwehren können, dies heiße aber nicht, „dass die Amerikaner drittklassige Leute bei uns anwerben dürfen“. „Über so viel Dummheit kann man auch nur weinen. Deswegen ist die Kanzlerin da auch ’not amused’.“ Gleichwohl fühle er sich von den „Amerikanern weniger bedroht als von manchen anderen in der Welt“. Man solle „die Kirche zwischendurch auch mal im Dorf lassen“.

    10. Juli 2014 4
  • : Neuer Doppelagent der USA enttarnt. Fall noch ernster. Aber keine Panik, das sind die Guten!
    Neuer Doppelagent der USA enttarnt. Fall noch ernster. Aber keine Panik, das sind die Guten!

    Es scheint ein zweiter Doppelagent bei einem deutschen Geheimdienst („im militärischen Bereich“) aufgeflogen zu sein, dessen Fall „ernster sein soll als der gerade aufgeflogene BND-Agent. Das berichtet der Rechercheverbund aus NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“: Spionageaffäre weitet sich aus – Zweiter Fall.

    Gerade laufen Hausdurchsuchungen in Berlin, mehr Infos gibt es noch nicht.

    Aber keine Panik, das ist vollkommen normal und gehört dazu. Diesen Eindruck vermittelte heute morgen Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, im Deutschlandfunk-Interview.

    Auch wir Deutschen müssen vielleicht zur Kenntnis nehmen, dass es ein anderes Verständnis der Geheimdienste in den USA gibt. Das heißt, wir müssen da selber realistisch werden. Aber wir dürfen übrigens auch nicht den Fehler machen, jetzt die Dummheiten der USA auf dem Gebiet der Geheimdienste zum Maßstab zu nehmen generell für das deutsch-amerikanische Verhältnis. Das wäre sicherlich auch ein Fehler, den wir nicht machen dürfen.

    Wir müssen einfach mal reden (und uns vielleicht an die Hand nehmen):

    Aber auf der anderen Seite gibt es dieses Verständnis in einer Geheimdienstbürokratie, die insbesondere nach dem Anschlag vom 11. September und dem Trauma, das dieser Anschlag ausgelöst hat – das Trauma dauert bis auf den heutigen Tag an, es prägt die Gesellschaft in den USA -, ein anderes Verständnis, das darin besteht, wir sammeln auch alles mal, was es gibt an Informationen mit den enormen Mitteln, mit dem wahnsinnig vielen Geld, das zur Verfügung steht. Darum, glaube ich, ist auch vielleicht so etwas eingetreten wie ein Kontrollverlust einer riesigen Geheimdienstbürokratie. Meine Vermutung ist eher, dass diese Dummheiten nicht auf irgendeiner politischen Ebene stattfinden, sondern im Rahmen einer sich verselbständigenden großen Geheimdienstbürokratie. Auch darüber muss geredet werden.

    Es wird sich übrigens nichts ändern, aber wir können ja mal reden, dass das nicht so toll ist:

    Also die USA sind traumatisiert durch die Erlebnisse vom 11. September, sie haben eine enorme Geheimdienstbürokratie entwickelt mit enormen technologischen Möglichkeiten, enorm viel Geld. Ich rechne nicht mit einer Veränderung, sondern wir müssen darüber reden, ihnen den Schaden vor Augen führen, den wir uns außenpolitisch beide nicht leisten können.

    Apropos, bevor das wieder untergeht: Was ist eigentlich mit der anlasslosen Massenüberwachung unserer Kommunikation durch US-Geheimdienste und ihrer Partner? Was machen wir mit diesen kriminell agierenden Geheimdiensten, die im Namen der Sicherheit nur massive Unsicherheit schaffen und unsere IT-Infrastrukturen kaputt machen?

    9. Juli 2014 10
  • : Neuer Dienst von netzwerk recherche: Frag den Dienst
    Neuer Dienst von netzwerk recherche: Frag den Dienst

    Das netzwerk recherche e.V. veranstaltet heute und morgen seine Jahreskonferenz in Hamburg. Zum Auftakt haben sie einen Dienst gestartet, mit dem Journalisten bei Geheimdiensten anfragen sollen, ob diese Daten über sie gespeichert haben. Dazu haben sie einen Generator für die entsprechenden Anträge entwickelt: Frag den Dienst

    Ziel dieses Projektes ist, in Zeiten der zunehmenden Massenüberwachung den Diensten zu zeigen, dass ihr Handeln von der Öffentlichtkeit kritisch beobachtet wird. Die Aufmerksamkeit für das Problemfeld Geheimdienste im demokratischen Rechtsstaat muss erhöht werden. Insbesondere für investigativ recherchierende Journalisten ist eine Überwachung durch Geheimdienste und eine damit einhergehende Ausforschung ihrer Informanten und Kontakte nicht hinnehmbar.

    Anlaß des Projektes ist der Fall Andrea Röpke. Beim niedersächsischen Verfassungsschutz wurden offensichtlich rechtswidrig Daten über sie gesammelt. Als sie einen Antrag auf Aktenauskunft stellte, vernichtete die Behörde ihre Akte und behauptete, es gäbe keine Akte über sie. Erst ein Machtwechsel in Hannover offenbarte die Vertuschung – die politische Aufarbeitung läuft bis heute.

    Nutzer des Projektes können einfach auswählen, an welche Dienste sie einen Antrag auf Aktenauskunft stellen wollen.

    4. Juli 2014 4
  • : Eine Krise der Verantwortlichkeit – Bericht über das Scheitern im NSA-Skandal
    Eine Krise der Verantwortlichkeit – Bericht über das Scheitern im NSA-Skandal

    privacy-surgeon_1Die Plattform Privacy Surgeon hat heute einen Bericht mit dem Titel „A Crisis of Accountability“ veröffentlicht, der sich mit dem Scheitern der Regierungen in Hinblick auf die Reaktionen bezüglich der Snowdenenthüllungen beschäftigt. Privacy Surgeon kommt in Zusammenarbeit mit vielen weiteren NGOs zu dem Schluss, dass in den 29 untersuchten Ländern nur sehr wenige greifbare Konsequenzen und Reformen aus der NSA-Affäre hervorgingen und diese wenigen ihrerseits keinen wirksamen Schutz der Privatsphäre bieten könnten. Ebenso verhalte es sich mit Maßnahmen, die von Unternehmen ergriffen wurden. Oftmals seien diese „rein kosmetisch“.

    Die Medienberichterstattung über die Enthüllungen sei – im Gegensatz zu dem was man in Deutschland wahrnimmt, wo dem Spiegel ein Teil des Originalmaterials vorliegt – in den meisten Staaten sehr gering gewesen, da die Inhalte jeweils nur spezifische Nationen betroffen haben. Und sie sei weiter abnehmend, dem Bericht zufolge flache das Interesse stetig ab. Gering sei auch die Zusammenarbeit bei der Implementierung und der Vereinigung von technischen Lösungen. Signifikant sei der Effekt hingegen in der generellen öffentlichen Wahrnehmung zu beobachten. Privatsphäre und Geheimdienstkontrolle seien ins Bewusstsein der Zivilgesellschaft gerückt. Es heißt dementsprechend, diese Bewusstwerdung auch in konkrete Aktionen zu überführen und gegen ein Ermüden der Aufmerksamkeit anzukämpfen.

    Und so moniert „A Crisis of Accountability“ nicht nur den Ist-Zustand, sondern gibt auch einen Ausblick. Privacy Surgeon kündigt eine Initiative mehrerer NGOs mit dem Namen „Code Red“ an. Sie soll sich damit befassen, die Zusammenarbeit von Technikern, Juristen und anderen besser zu koordinieren und entschiedener voranzutreiben. Für mehr Informationen dazu muss man sich aber bis September gedulden.

    10. Juni 2014 3
  • : Antworten aus HH und NRW zu Aktivitäten des US-Geheimdienstpartners Computer Science Corporation (CSC)
    Antworten aus HH und NRW zu Aktivitäten des US-Geheimdienstpartners Computer Science Corporation (CSC)

    Nach Berichten der Süddeutschen Zeitung zur US-Firma Computer Science Corporation (CSC) haben wir uns auch bei Netzpolitik mehrmals mit CSC-Ablegern in Deutschland befasst (1 | 2 | 3). Hintergrund der Berichte war, dass CSC beste Beziehungen zu US-Geheimdiensten pflegt und beispielsweise an Entführungen mit sogenannten „rendition flights“ beteiligt war. Die Firma ist auch in viele große IT-Vorhaben in Deutschland eingebunden, darunter De-Mail, nPa, ePa, Staatstrojaner, Waffenregister, E‑Gerichtsakte oder das E‑Strafregister.

    In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der grünen Fraktion hatte die Bundesregierung wenige Wochen später zu Verträgen mit CSC und deren Tochterfirmen Stellung genommen. Zusammengefasst: CSC sei kein Sicherheitsrisiko, man habe volles Vertrauen, von Entführungen habe man nur in der Presse gelesen.

    Nach und nach erreicht das Thema auch die Landtage. Die Linksfraktion Hamburg hatte im März eine entsprechende Anfrage gestellt. Laut der Antwort des Senats habe CSC insgesamt 6,9 Millionen Euro für Dienstleistungen und Software erhalten. Das sei unproblematisch, denn CSC habe „keinen Zugang zu Daten, die als sensibel einzustufen sind“, gehabt. Die ebenfalls mitgelieferte Beschwichtigung, der mit CSC geschlossene Vertrag enthalte die „üblichen Pflichten zur Geheimhaltung“, überzeugt aber nicht. Auch der Hinweis des Senats, alles Personal von CSC müsse sicherheitsüberprüft sein, ist kaum geeignet einen Verdacht der Weitergabe von Informationen durch CSC zu zerstreuen: Möglich wäre dies nach dem „Patriot Act“, der amerikanische Unternehmen bei Bedarf zur geheimdienstlichen Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen verpflichtet. In Hamburg vertraut man aber auf ein Dementi von CSC:

    CSC hat gegenüber Dataport [dem Hamburger Vertragspartner] vor dem Hintergrund der öffentlichen Berichterstattung schriftlich erklärt, dass von dem Unternehmen keine Kundendaten an Dritte weitergegeben wurden und werden, insbesondere auch nicht an ausländische Behörden oder Regierungsstellen.

    US-Geheimdienstzusammenarbeit? Macht ja nix

    Die FragestellerInnen hatten sich aber auch erkundigt, ob der Senat Anstoß daran nimmt eine Firma zu beauftragen, die ihr Geld mit geheimdienstlichen Entführungen verdient. Die Antwort ist Jein:

    Der Senat hat die öffentliche Berichterstattung zur Kenntnis genommen. Dataport und die zuständige Behörde prüfen derzeit, ob und ggf. durch welche zusätzlichen vertraglichen Regelungen möglichen Interessenskonflikten innerhalb komplexer internationaler Konzerne begegnet werden kann.

    Doch was ist mit „Interessenskonflikten innerhalb komplexer internationaler Konzerne“ gemeint? Womöglich geht es dabei nicht um die unterschiedlichen Geschäftsfelder Entführungen und Softwareimplementierung. Sondern um die Frage, wie mit einer Firma zu verfahren ist die eine Einhaltung von Geheimschutzauflagen zwar zusichert, aber gleichzeitig in einem „Patriot Act„zur Herausgabe von Informationen verpflichtet werden kann.

    Nun liegt auch aus Nordrhein-Westfalen eine entsprechende Antwort auf eine Anfrage der Fraktion der Piraten vor. Zunächst werden die CSC-Ableger aufgeführt, die im Bundesland tätig sind bzw. waren. Zahlen zu Verträgen werden jedoch nur für die letzten fünf Jahre vorgehalten. Diese liegen bei über 5 Millionen Euro und beziehen sich auf das Rechenzentrum der Landesfinanzverwaltung, den Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) sowie das Oberlandesgericht Köln. Zudem war auch Nordrhein-Westfalen Teil eines Rahmenvertrages der Bundesregierung zur Projektunterstützung des „Elektronischen Gerichts- und Verwaltungspostfachs“.

    Wie der Hamburger Senat vertraut die Landesregierung in NRW auf Regelungen zu Datenschutz, Geheimhaltung und Sicherheit, die von CSC unterschrieben wurden. CSC verspricht darin, alle „im Rahmen des Vertragsverhältnisses erlangten vertraulichen Informationen, Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse vertraulich zu behandeln“ und diese nicht an Dritte weiterzugeben.

    „Potenziell möglich, dass ausländische Nachrichtendienste Erkenntnisse auch mit Hilfe privater Firmen sammeln“

    Weil diese für die Auslandsaufklärung zuständig sei, wird von NRW im Übrigen auf eine Antwort der Bundesregierung verwiesen. Auf eine gleichlautenden Anfrage der grünen Fraktion hieß es dort, es gebe keine Anhaltspunkte dass die CSC Deutschland „in irgendeiner Weise gegen Sicherheits- oder Vertraulichkeitsauflagen verstoßen hat”. Allerdings steht auf der gleichen Seite, nämlich in der Antwort auf Frage 9a), auch folgendes:

    Es ist potenziell möglich, dass ausländische Nachrichtendienste Erkenntnisse auch mit Hilfe privater Firmen sammeln.

    Bisher sei dies laut der Landesregierung aber zu CSC nicht bekanntgeworden. Also lägen die „vertragsrechtlichen Voraussetzungen für eine Kündigung nicht vor“.

    Die Piraten hatten auch danach gefragt, inwiefern Nordrhein-Westfalen ein Problem damit hat dass CSC bei Entführungen hilft, bei denen Betroffene vom US-Geheimdienst CIA gefoltert und unrechtmäßig inhaftiert werden. Die Antwort verblüfft: Das Vergaberecht des Landes lege zwar großen Wert auf Mindestlohn, Kernarbeitsnorm, Frauenförderung und „soziale Kriterien“. Dubiose Geheimdienstmissionen interessieren nicht:

    Die Prüfung der Eignung im Rahmen eines Vergabeverfahrens betrifft die Fachkunde, die Leistungsfähigkeit sowie die Gesetzestreue und Zuverlässigkeit. Die Anforderungen hierfür sind individuell und auftragsbezogen zu bewerten. Es ist in Bezug auf den konkreten Einzelfall zu betrachten, ob in irgendeiner Weise Zweifel an der persönlichen Kompetenz des Unternehmens für die Durchführung des jeweiligen Auftrages bestehen.

    Die gleichzeitigen Anfragen zu CSC in mehreren Landtagen sind ein gutes Beispiel, wie Piraten, LINKE und Grüne zur Überwachung durch Geheimdienste zusammenarbeiten können. Vielleicht folgt ja noch eine weitere Serie zu Booz Allen Hamilton, ebenfalls eine US-Firma die mit US-Geheimdiensten kooperiert und in Europa unter anderem grenzpolizeiliche Kontrollsysteme vertreibt.

    16. April 2014 3
  • : Verhandlungen des BND zum EU-No-Spy-Abkommen sind geheimer als „Streng geheim“ (Update: Statement von Korte)
    Verhandlungen des BND zum EU-No-Spy-Abkommen sind geheimer als „Streng geheim“ (Update: Statement von Korte)

    Heute morgen hatten wir darüber berichtet, dass Jan Korte von Die Linke unter anderem eine Kleine Anfrage zu den Verhandlungen des EU-No-Spy-Abkommens - Achtung: nicht das gescheiterte deutsche No-Spy-Abkommen – gestellt hatte. Da dachten wir noch, es herrsche Schweigen der Bundesregierung. Mittlerweile liegt uns die Antwort vor und wir stellen fest: Das Schweigen hat einen Umfang von insgesamt drei Seiten.

    Weitergehende Ausführungen [außer denen, dass der BND vertrauliche Gespräche aufgenommen hat] haben insbesondere aus Gründen des Staatswohls zu unterbleiben. Nach einer umfassenden Abwägung überwiegt in diesem Fall ausnahmsweise [sic!] das Staatswohl den parlamentarischen Informationsanspruch.

    2. April 2014 2
  • : Interessantes und Kurioses zur parlamentarischen Kontrolle von Geheimdiensten – Rote Hilfe bremst Abhörmaßnahmen aus
    Ein Kampagnenbild der linken Solidaritätsorganisation Rote Hilfe - Angesichts einer Geheimdienstposse in Sachsen-Anhalt mit ganz neuer Bedeutung.
    Ein Kampagnenbild der linken Solidaritätsorganisation Rote Hilfe - Angesichts einer Geheimdienstposse in Sachsen-Anhalt mit ganz neuer Bedeutung.
    Interessantes und Kurioses zur parlamentarischen Kontrolle von Geheimdiensten – Rote Hilfe bremst Abhörmaßnahmen aus

    Vor zwei Wochen hatte die Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage erneut zu den Überwachungsmaßnahmen des Bundesnachrichtendienstes (BND) Stellung nehmen müssen. Die Fragesteller erkundigten sich nach der „strategischen Rasterfahndung“ des BND im Zeitraum von 2002 bis 2012. Gemeint ist die „strategische Fernmeldeaufklärung“, mit der der Auslandsnachrichtendienst laut dem G 10-Gesetz 20% aller Telekommunikationsverkehre überwachen darf.

    Zum eigentlichen Procedere des Abhörens ist Einiges unklar. So existieren beispielsweise unterschiedliche Annahmen, ob die Messlatte von 20% vor oder nach dem Ausfiltern von Spam angelegt wird. Zuletzt wurde auch in mehreren Medien berichtet, die Bundesregierung habe auf Drängen der britischen Regierung das G 10-Gesetz anders ausgelegt. Gemutmaßt wurde, dass der BND Internetverkehre fortan stets als Auslandskommunikation kategorisiert, für dessen Abhören er dann qua Auftrag zuständig ist. Die Bundesregierung dementiert das. In der Anfrage wird auch dem Verdacht nachgegangen, dass westliche Geheimdienste untereinander einen „Tauschring“ betreiben würden. Weil sie selbst nicht auf Inlandskommunikation zugreifen dürfen, würden die abgehörten Gespräche bei ausländischen Partnern bestellt: Denn dort firmieren sie als „Auslandskommunikation“.

    Im Vorwort führen die Fragesteller die Entwicklung des G 10-Gesetzes seit 1999 – also noch vor den Anschlägen des 11. September 2001 – aus. Demnach seien Erweiterungen hinzugefügt worden, „die über den Regelungsauftrag des Gerichts hinausgingen“. Hierzu habe die Ausweitung der „Überwachungsverfügbarkeit“ für die von und nach Deutschland geführte internationale Telekommunikation auf 20 % gehört. Begründet wurde dies mit der Paketvermittlung eines Telefaxes, das über einen Lichtwellenleiter, über Satellit und über Koaxialkabel geroutet werde. Weil die Pakete erst kurz vor Erreichen der EmpfängerInnen zusammengesetzt würden, sei die „strategische Fernmeldekontrolle“ ohne das Aufspüren der einzelnen Pakete „sinnlos und unverwertbar“.

    18. März 2014 3
  • : Eine Runde Mitleid: US-Geheimdienst-Budget für 2015 gekürzt
    Eine Runde Mitleid: US-Geheimdienst-Budget für 2015 gekürzt

    In einer Pressemitteilung gab der Direktor der Nationalen Geheimdienste bekannt, dass das Geheimdienstbudget der USA für das Haushaltsjahr 2015 bei 45,6 Milliarden Dollar läge. Für 2014 lag es zuerst bei 48,8 Milliarden und wurde später auf 52,5 Milliarden aufgestockt. Den Gesamtbetrag teilen sich 17 amerikanische Geheimdienste, darunter auch NSA und CIA. Militärische Nachrichtendienste verfügen über einen separaten Geldtopf, der vermutlich von 14 auf 13,3 Milliarden Dollar gekürzt werden wird.

    Arme Geheimdienste. Erst kommt Edward Snowden und dann kürzt man noch die Haushaltsgelder. Aber zum Glück sieht ja immerhin keiner, wie das ganze ‚Black Budget’ letztlich aufgeteilt wird. Aus Gründen der nationalen Sicherheit natürlich.

    7. März 2014
  • : Wer kontrolliert die Kontrolleure?
    Wer kontrolliert die Kontrolleure?

    Die Sendung Breitband auf Deutschlandradio Kultur hat am Wochenende über die Frage der Geheimdienstkontrolle in Deutschland berichtet: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Markus Löning im Gespräch zur Kontrolle der deutschen Geheimdienste.

    In Berlin trafen sich in dieser Woche etliche Experten – Staatsrechtler, Wissenschaftler, Richter – um über Geheimdienstaktivitäten in Deutschland zu sprechen. Eine Elefantenrunde, die sich mit den rechtlichen Grundlagen der Arbeit von BND und Co beschäftigte, aber auch mit den praktischen Fragen. Einigkeit bestand in der Einschätzung, dass die Kontrolle der Geheimdienste in Deutschland nicht ausreicht. Darüber haben wir auch mit Markus Löning gesprochen – früher Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung und heute Mitarbeiter der Stiftung “Neue Verantwortung”. Die zentrale Frage dabei: Warum greift die Kontrolle der deutschen Geheimdienste nicht wirklich – ist das sogenannte parlamentarische Kontrollgremium nicht ausreichend befugt oder sitzen da schlicht die falschen Menschen drin?

    Das ausführliche, ungekürzte Interview mit Markus Löning gibt es im Netz als (MP3)

    3. März 2014 1
  • : IM Friedrichs Erbe: Neue EU-Vorratsdatenspeicherung aller Ein- und Ausreisen nur mit Zugriff durch Polizei und Geheimdienste
    IM Friedrichs Erbe: Neue EU-Vorratsdatenspeicherung aller Ein- und Ausreisen nur mit Zugriff durch Polizei und Geheimdienste

    Die EU-Kommission ist dabei, eine Vorratsdatenspeicherung aller ausländischen Reisenden in der Europäischen Union anzulegen. Dies beträfe sämtliche Ein- und Ausreisen, egal ob diese aus geschäftlichen, touristischen oder schutzbedürftigen Gründen erfolgen. Das geplante „Ein/Ausreiseystem“ käme mit einem weiteren Programm zur Bevorzugung von „vertrauenswürdigen Vielreisenden“, die zuvor ihre biometrischen Daten abgegeben haben („Registrierungsprogramm für Reisende“). Zusammen bilden sie das „Maßnahmenpaket intelligente Grenzen“, das nach gegenwärtigem Stand 1,35 Milliarden Euro kosten würde. Die genauen Ausgaben können nicht beziffert werden: Die Kommission hat noch keine Übersicht über ihre Verteilung auf den EU-Haushalt bzw. die Haushalte der Mitgliedstaaten vorgelegt. Eine Studie soll nun die verschiedenen Möglichkeiten für die Errichtung der beiden Systeme prüfen. Ergebnisse könnten im Herbst vorliegen.

    Die Programme des „Maßnahmenpakets intelligente Grenzen“ wurden ursprünglich mit einer grenzpolizeilichen Nutzung begründet. Sie sollen dafür sorgen, dass jederzeit die Anzahl ausreisepflichtiger MigrantInnen bestimmt werden kann. Im Fokus stehen mit den sogenannten „Over-Stayern“ jene Personen, deren Visa abgelaufen sind. Zwar werden ihre Ein- und Ausreisen in den meisten Mitgliedstaaten schon protokolliert. Die Systeme sind aber nicht grenzüberschreitend vernetzt. Es kann also nicht festgestellt werden, ob eine Person, die über den Flughafen Frankfurt einreiste, längst über eine EU-Landgrenze wieder ausgereist ist. Mindestens 14 Mitgliedstaaten verfügen bereits über ein nationales Ein- und Ausreisesystem. Hierzu gehören Spanien, Litauen, Polen, Rumänien, Bulgarien, Zypern, Portugal und Großbritannien. Womöglich können die Systeme später in die geplante europäische Plattform integriert werden.

    16. Februar 2014 6
  • : Wie die Konservativen im Europaparlament den Überwachungsbericht torpedieren
    Wie die Konservativen im Europaparlament den Überwachungsbericht torpedieren

    Heute traf sich der Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Inneres und Justiz im Europäischen Parlament, um die Änderungsanträge für den Bericht zur Untersuchung der „Globalen Überwachungs- und Spionageaffäre“ zu besprechen.

    Wir erinnern uns: Der Berichterstatter Claude Moraes (S&D) hatte vor drei Wochen einen Entwurf vorgelegt, in dem fein säuberlich die Erkenntnisse aus den vorherigen Sitzungen zusammengetragen wurden und Konsequenzen für die europäische Politik in Bezug auf Geheimdienstkontrolle, Infrastruktur und Datentausch mit Drittstaaten (bzw. Drittstaat) gezogen wurden (deutsche Fassung).

    Bloß keine Konsequenzen, ist doch nix passiert!

    Der Entwurf stieß bei der Vorstellung auf recht viel Lob, unter anderem wegen seiner klaren Sprache. Trotzdem, oder bei manchen auch eher gerade deswegen, gab es für die Abgeordneten noch Anlass, mehr als 500 Änderungsvorschläge zu machen. Trotz aller Respektsbekundungen für den Berichterstatter, die standardmäßig den heutigen Redebeiträgen in der öffentlichen Aussprache vorangeschickt wurden, wird bei einigen Abgeordneten bzw. ihren Fraktionen deutlich, dass sie das Dokument praktisch nutzlos machen wollen.

    Nicht verwunderlich ist dies bei Timothy Kirkhope. Der Tory-Politiker hatte bereits in den Sitzungen immer wieder durchblicken lassen, was er von Snowden, Greenwald und ähnlichen subversiven Elementen hält. Seine Vorschläge sind größtenteils Streichungen: Besorgnis wegen möglichen Einschränkungen für die Pressefreiheit (341), und jede Art von Konsequenzen (Safe Harbour, TTIP und andere) sollen ihm zufolge weichen. Ebenso wie die schwedische Konservative Anna Maria Corrazza Bildt will Kirkhope den Vorschlag für eine Aufsicht für Datentransfers streichen (515, 516). Eine Beobachtung von Enthüllungen, die noch kommen könnten, halten beide ebenso für überflüssig (512, 513).

    30. Januar 2014 8
  • : No Spy vs. No Spy [Update]
    No Spy vs. No Spy [Update]

    Das Protokoll der gestrigen Debatte im Bundestag zum angeblich gegroundeten „No Spy“-Abkommen ist online. Zu den Stilblüten gehört, dass ein Abgeordneter der CDU/CSU zwar „ungern“ Sascha Lobo zitiert, wie dieser allerdings betont dass „das Internet und seine Zukunft“ gefährdet sei, wenn man „dieses Problems nicht Herr werden“ würde. Lobo und der konservative MdB wollen die Geheimdienste stärken:

    Das ist für uns – das sage ich noch einmal in Richtung der Amerikaner – der große Wert dieses Abkommens: erstens Freiheit im Internet und zweitens Sicherheit, aber bitte unter Freunden auch auf die richtige Art und Weise. […] Wir würden uns freuen, wenn weitere im Gleichschritt mit uns marschieren würden und verhandeln.

    Bereits im Dezember hatten wir berichtet, dass der Bundesnachrichtendienst auf EU-Ebene für ein Spionage-Agreement („Entwicklung gemeinsamer Standards in der nachrichtendienstlichen Arbeit“) wirbt. Hierzu Klaus-Dieter Fritsche, Staatssekretär im Bundesinnenministerium:

    Der Bundesnachrichtendienst hat im Auftrag der Bundesregierung Gespräche mit den EU-Partnerdiensten aufgenommen. Ziel ist die Entwicklung gemeinsamer Standards in der nachrichtendienstlichen Arbeit. Im weiteren Verlauf der Gespräche und Verhandlungen gilt es zu prüfen, inwieweit diese gemeinsamen Standards in einen größeren Rahmen einfließen sollen.

    Es habe hierzu bereits drei Treffen gegeben, berichtet heute die Süddeutsche. Der „Anti-Spionage-Pakt für Europa“ soll Abhörmaßnahmen nur für „zuvor verabredete Zwecke erlauben“. Es soll auch dafür sorgen, dass „nationale Schutzbestimmungen für Bürger“ nicht mehr ausgehebelt werden, etwa indem befreundete Diensten über eigene Staatsangehörige ausgehorcht werden.

    16. Januar 2014 1