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  • : Globaler Nachrichtenkonsum: Plattformen weiter auf dem Vormarsch
    Reuters Institute Digital News Report http://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/Digital-News-Report-2016.pdf
    Globaler Nachrichtenkonsum: Plattformen weiter auf dem Vormarsch

    Eine internationale Studie der Nachrichtenagentur Reuters zeigt: Auch wenn Fernsehen weiter die wichtigste Quelle ist – die Bedeutung von Smartphones und Social Media nimmt für die Nutzung von Nachrichten weiter zu. Nach wie vor gibt es beim Medienkonsum zudem große Generationenunterschiede.

    15. Juni 2016 8
  • : „Körper in unerwünschter Weise dargestellt“ – wie soziale Netzwerke Plus-Size-Frauen zensieren
    Dieses Bild wollte Facebook nicht zulassen, weil es einen "Körper in unerwünschter Weise darstellt". Foto: Tess Holliday / Cherchez La Femme
    „Körper in unerwünschter Weise dargestellt“ – wie soziale Netzwerke Plus-Size-Frauen zensieren

    Reproduzieren soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram mit Hinweis auf ihre Geschäftsbedingungen gängige Schönheitsideale und diskriminieren gleichzeitig davon abweichende Körper? Die Löschpraxis der Unternehmen zeigt, dass es durchaus ein Problem gibt.

    14. Juni 2016 49
  • : Mobilisieren in Zeiten von Social Media
    Mobilisieren in Zeiten von Social Media

    Die Sichtbarkeit wird durch Social Media zweifelsohne gefördert. Aber was heißt das für soziale Bewegungen und diejenigen, die sie unterdrücken? Was ändert sich bei der Mobilisierung und bei kollektiven Handlungen? Stefania Milan schreibt in einem Gastbeitrag über den digitalen Kapitalismus und über eine neue Mobilisierungsdynamik, die sie mit dem Begriff „cloud protesting“ umschreibt.

    13. Juni 2016 14
  • : Hatespeech-Verabredung zwischen EU-Kommission und Internetfirmen: NGOs kritisieren Willkür
    <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" >CC BY 2.0</a> by <a href="https://www.flickr.com/photos/zeevveez/7186553884/" >zeevveez</a>
    Hatespeech-Verabredung zwischen EU-Kommission und Internetfirmen: NGOs kritisieren Willkür

    EU-Kommission und Onlineplattformen feiern sich für freiwillige Maßnahmen gegen Hatespeech, aus der Zivilgesellschaft kommt Widerspruch: Privatisierung von Zensur, schwammige Kriterien, mangelnde Qualitätskontrolle. Aus Protest gegen den Enstehungsprozess beenden NGOs ihre Mitwirkung am EU-Internetforum.

    1. Juni 2016 10
  • : Privacy Shield: Sichere rechtliche Grundlage für transatlantischen Datenverkehr ist nicht in Sicht
    Die EU-Komission steht unter Druck, das Privacy-Shield Abkommen anzupassen.
    Privacy Shield: Sichere rechtliche Grundlage für transatlantischen Datenverkehr ist nicht in Sicht

    Nach den europäischen Datenschutzbeauftragten forderte heute das Europäische Parlament entscheidende Nachbesserungen am EU-US-Datenschutzschild. Die irische Datenschutzbehörde will zudem die aktuelle rechtliche Übermittlungsgrundlage von Facebook und Co. vom EuGH prüfen lassen.

    26. Mai 2016 1
  • : „Terroristisches Material“ im Internet: Noch mehr Löschanträge von Europol erfolgreich
    „Terroristisches Material“ im Internet: Noch mehr Löschanträge von Europol erfolgreich

    Die „Meldestelle für Internetinhalte“ bei Europol ist aktiver als bisher bekannt. Die Partnerschaft mit der „Internetbranche“ soll nun weiter ausgebaut werden. Ziel ist die Einrichtung einer gemeinsamen, polizeilich-privaten Meldeplattform und die Entwicklung von „Gegendiskursen“.

    23. Mai 2016 4
  • : Wer kontrolliert die digitale Öffentlichkeit im Zeitalter von Algorithmen?
    Wer kontrolliert die digitale Öffentlichkeit im Zeitalter von Algorithmen?

    Lesenswert: Das „Data & Society“-Forschungszentrum hat eine Reihe von journalistischen und akademischen Texten zur aktuellen Frage der algorithmischen Medienmacht von Facebook, Google und Co. veröffentlicht. Wir haben uns die Texte angeschaut und geben hier einen Überblick.

    19. Mai 2016 5
  • : Neues Tool zeigt konservative und liberale Filterbubbles bei Facebook
    Screenshot des "Blue Feed, Red Feed" Tools der Washington Post
    Neues Tool zeigt konservative und liberale Filterbubbles bei Facebook

    Facebook wird immer mehr zur primären Informationsquelle für seine fast 1,7 Milliarden Nutzer. Sei es Sport, Klatsch und Tratsch oder Politik – viele Nutzer erfahren Neues vorwiegend über den Facebook Newsfeed. Ein Tool des Wall Street Journals zeigt, wie unterschiedlich liberale und konservative Filterbubbles in den USA aussehen.

    19. Mai 2016 12
  • : Die digitale Müllabfuhr: Kommerzielle Inhaltsmoderation auf den Philippinen
    In den Philippinen ist Business Process Outsourcing (BPO) ein großer Markt. Content Moderation ist dabei eines der Geschäftsfelder.
    Die digitale Müllabfuhr: Kommerzielle Inhaltsmoderation auf den Philippinen

    Unternehmen wie Facebook beschäftigten weltweit Moderatorinnen und Moderatoren, welche die Inhalte der Nutzer filtern und löschen. Die Dienstleistung nennt sich „Commercial Content Moderation“, einer der größten Standorte sind die Philippinen. Dort sollen bis zu 150.000 Menschen in der Branche arbeiten.

    27. April 2016 7
  • : Gemeinsame Polizeiaktion: Internetaufräumer lassen 3.500 „schädliche” und „illegale” Postings entfernen
    Gemeinsame Polizeiaktion: Internetaufräumer lassen 3.500 „schädliche” und „illegale” Postings entfernen

    Unter Führung der britischen Polizei ging am vergangenen Samstag eine 36stündige Operation gegen „Online-Terrorismus und ‑Extremismus“ zu Ende. Unterstützt von der Polizeiagentur Europol nahmen daran laut einer Mitteilung der Metropolitan Police weitere internationale Strafverfolgungsbehörden teil, außerdem „Industriepartner“ und andere Organisationen.

    Insgesamt seien rund 3.500 „schädliche” und „illegale” Postings gefunden und den Seitenbetreibern zur Entfernung gemeldet worden. 1.953 stammten demnach von britischen Strafverfolgern, 1.622 von Europol. Zu den Inhalten zählten „Propagandafilme, Handbücher zum Terror-Training“ sowie Videos, die Terrorismus und Extremismus unterstützen oder „glorifizieren“.

    Es handelte es sich nicht nur um Material von Organisationen wie Daesh/ ISIS und Boko Haram. Die Pressemitteilung spricht von Inhalten weiterer „internationaler Terrororganisationen“ sowie „extrem rechter Gruppen“. Außerdem seien Accounts in Sozialen Medien festgestellt worden, die Bezüge zu „Terroristen und Extremisten“ aufwiesen.

    Vorbild für Europol

    Die Operation wurde angeführt von der „Police Counter Terrorism Internet Referral Unit“ (CTIRU), die seit ihrer Gründung in 2010 nach eigener Darstellung bereits 162.447 Inhalte „entfernt“ hat. Die CTIRU war Vorbild für die Abteilung „EU Internet Referral Unit“ (EU IRU), die bei Europol in Den Haag angesiedelt ist. Der Aktionsradios der Europol-Meldestelle hat sich seit ihrer Gründung im Juli 2015 drastisch erweitert: Zunächst eingeführt gegen „terroristische und extremistische“ Inhalte werden nun auch Fluchthilfe-Webseiten und in Russland vermutete „hybride Bedrohungen“ beobachtet.

    STOP_CTIRUAnders als Europol verfügt britische Polizei über einen Meldebutton für anstößige Inhalte. Unter dem Motto „Stop Terrorists’ & extremists’ Online Presence“ sollte die Aktion von letztem Wochenende den Button in der Öffentlichkeit bekannt machen.

    Unter Federführung der Niederlande hat es ein ähnliches Projekt unter dem Namen „Europäische gemeinsame Initiative zu Internet und Terrorismusbekämpfung“ (EJI-ICT) mittlerweile auf EU-Ebene geschafft. Verfolgt wird die Bekämpfung der Nutzung des Internets „durch Terroristen zu Propagandazwecken, Rekrutierung, Kommunikation und Planung von Anschlägen“. Die Gruppe soll „gemeinsame Strategien gegenüber der Wirtschaft“ ausarbeiten. Sie dürfte auch verantwortlich sein für die Gründung des „Forums der Internetdienstleister“, in dem europäische Innenministerien die Firmen wie Google, Microsoft und Facebook für die verstärkte Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden gewinnen wollen.

    Ähnliche Operation in Spanien

    Welche Polizeibehörden am Wochenende mit den britischen Internetaufräumern kooperierten ist unklar. Auf ähnliche Weise geht die spanische Polizei derzeit gegen anstößige Internetinhalte vor. Unter dem Namen „Spinne“ wurden bereits vier Operationen durchgeführt, bei denen zumeist Personen aus dem linken Spektrum verfolgt wurden.

    Ihnen wird unter anderem die Verunglimpfung von Verstorbenen zur Last gelegt. Die Betroffenen hatten bei Facebook und Twitter satirische Beiträge in Sozialen Medien veröffentlicht, in denen von bewaffneten Gruppen getötete Funktionäre des Franco-Regimes veralbert wurden. Mehr als 70 Personen wurden bereits festgenommen, in rund 20 Verfahren ergingen Urteile von bis zu zwei Jahren Gefängnis.

    Zur Erleichterung digitaler Ermittlungen hatte die Polizei in Barcelona EU-Forschungsprojekt zum automatisierten Aufspüren entsprechender Internetinhalte durchgeführt, für das sich auch das deutsche Bundeskriminalamt interessierte.

    22. April 2016 11
  • : #hatespeech im globalen Kontext
    <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" >CC BY 2.0</a> by <a href="https://www.flickr.com/photos/zeevveez/7186553884/" >zeevveez</a>
    #hatespeech im globalen Kontext

    Sie sind wieder da: Die Hetze, die Gewalt, die Glorifizierung und Legitimierung von Rassismus und Intoleranz. Die massenhafte Radikalisierung spiegelt sich als #hatespeech im Netz, wo kommerzielle Plattformen beliebte Trends bekanntermaßen verstärken.

    Auf den Kopf gefallen? #takedown #hatespeech #freespeech

    Als Reaktion präsentierte Heiko Maas (BMVJ) im Januar diesen Jahres eine Kooperation zwischen den „Internetanbietern“ (!) Google, Facebook und Twitter sowie „zivilgesellschaftlicher“ (!) Organisationen: eco – Verband der Internetwirtschaft e.V., die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), jugendschutz.net, klicksafe.de, die Amadeu-Antonio-Stiftung und der Verein Gesicht zeigen! Ziel war es, Mechanismen zum Umgang mit rechtswidrigen Hassbotschaften zu entwickeln: Die Unternehmen sollen #hatespeech als Task Force nach Nutzer_Innenmeldung und Prüfung innerhalb von 24 Stunden löschen. Zusätzlich vereinbarte man einen verstärkten Informationsaustausch, regelmäßige Mitarbeiterschulungen, die gemeinsame Erarbeitung von Informationsmaterialien sowie die Bereitstellug von Anzeigevolumina für die „NGOs“ auf den Plattformen. Seit diesem Monat unterliegt die Umsetzung der Selbstregulierung auch einem Monitoring.

    Eine gute Lösung? Nein.

    Klingt schön einfach und effektiv, stellt aber nicht nur die weltweite Presse- und Meinungsfreiheit infrage: Wie bereits in der Zensursula-Debatte (2009), erscheint zunächst Skepsis angebracht hinsichtlich der Effektivität der Maßnahme – hier mit Blick auf Filter Bubbles, die #hatespeech oft nur seinen Sympathisant_Innen offenbaren, deren Meldung unwahrscheinlich ist (zu gezielten Attacken weiter unten). Die enorme Menge und Verbreitungsgeschwindigkeit von Inhalten stellen darüber hinaus die Effizienz des Ansatzes in Frage, wie international vergleichbare Projekte zeigen: In Australien beispielsweise kombinierte das Monitoringprojekt fightagainsthate.com des Online Hate Prevention Institutes nach Frustration mit klassischen Analyseinstrumenten ein Crowdsourcing der Meldungen von #hatespeech mit Formen der automatisierten Datenanalyse, kollektiven Intelligenz und menschlichen Expertise – und erhielt im Ergebnis nicht nur interessante Einsichten in die unterschiedlichen Funktionsweisen der Plattformen, sondern ein Realtime-Monitoring, so CEO Dr. Andre Oboler auf dem UN Symposium Tracking Hatred: An International Dialogue on HATE SPEECH in the Media (Dezember 2015). Das Beispiel zeigt in die Zukunft von Content Moderation.

    Wiewohl sie auf den ersten Blick vermutlich humaner erscheint als das Outsourcing der Drecksarbeit in die Philippinen, ist auch diese Entwicklung nicht unkritisch: Wie die Verge in The Secret Rules of the Internet jüngst anschaulich illustrierte, muss die #hatespeech-Diskussion einerseits die fundamentalen Abweichungen von elementaren Anforderungen an verantwortungsvolle Content Moderation und Selbstregulierung berücksichtigen – beispielsweise Transparenz, Konsistenz, die Möglichkeit der Revision, andererseits die äußerst geringe Motivation der Plattformanbieter, die Verfahren zu ändern. Verbunden mit Technologien der automatisierten Daten – und Netzwerkanalyse sowie der kollektiven Intelligenz, stellten sich die Moderationspraktiken hierzulande mindestens als höchst undurchsichtig dar. Weltweit birgten sie ein enormes Mißbrauchspotential für weitere Zensurmaßnahmen und engten damit den in autoritären Regimen ohnehin äußerst engen und vor allem durch Social Media geschützten öffentlichen Diskursraum weiter ein.

    #hatespeech im globalen Kontext

    Was tun? Angesichts der traditionellen Alternativlosigkeit der deutschen Diskussion, die dem Löschen von Inhalten lediglich recht unkonkrete #counterspeech-Ansätze gegenüberstellt, konsultierte ich das Netz, weltweit, und fand ein paar bedenkenswerte Einsichten und Vorschläge, insbesondere im bereits erwähnten UN Symposium Tracking Hatred: An International Dialogue on HATE SPEECH in the Media (Dezember 2015) die ich hier exemplarisch vorstellen, diskutieren und zur Diskussion stellen möchte:

    Dimensionen: #incitementspeech, #hatespeech , #offensivespeech/ #strategiclitigation

    Zunächst einmal unterscheide man grundlegend #incitementspeech, #hatespeech und #offensivespeech voneinander, so Dr. Agnès Callmard (Columbia University Global Freedom of Expression, UN Symposium). Nicht aus Gründen der analytischen Spitzfindigkeit, sondern mit Blick auf Wirkung und Einschränkung: #incitementspeech als Aufforderung zu Gewalt, Terrorismus und Völkermord sei international beispielsweise auf Basis der UN Genocide Convention, der UN Convention on Racism sowie dem International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR) illegal (Factsheet Europa). #hatespeech, begriffen als Aufforderung zu Diskriminierung oder als Glorifizierung, Förderung oder Legitimierung von Rassismus und Terrorismus sei dagegen nicht international, aber zumeist national illegal (mit Ausnahme der USA, in Deutschland beispielsweise durch die Schranken zu Art. 5 GG sowie den Artikel der Volksverhetzung). #offensivespeech als Verbreitung und Propaganda von Fremdenfeindlichkeit und Stereotypen ist zumeist legal, eine häufige Ausnahme beträfe Blasphemie. Die rechtliche Einordnung eröffnet die Möglichkeit strategischer Gerichtsverfahren.

    Varianz: #hatespeech, #netzwerkeffekte, #strategies, #context

    Zudem schlug Callamard sinnvolle Differenzierungen von #hatespeech-Akten vor, beispielsweise nach Einfluss der Speaker_In, Zusammensetzung des Publikums, Intention, Inhalt, und Ziele des Sprechaktes, Zielgruppe/-objekt und Medium etc. Diese unterstützen die Analyse von #hatespeech als politische Strategie, beispielsweise zur Rekrutierung von Sympathisant_Innen oder zur Einschüchterung von Aktivist_Innen. Die Unterscheidungen implizieren einerseits die Sinnhaftigkeit von ebenso strategischen Reaktionen, die andererseits variierende Netzwerkeffekte der großen Plattformanbieter berücksichtigen muss: Aufrufe zu Gewalt verbreiteten sich besonders schnell über Twitter, die Holocaust-Leugnung sei besonders bei Facebook virulent, so Oboler über die australischen Einsichten ebenfalls auf dem UN Symposium.

    Anhand der Einordnung der Entstehung, Verbreitung und Politisierung der umstrittenen Videos „The Innocence of Muslims“ (2012) pointierte Dr. Moustafa Bayoumi (Brooklyn College, Autor: „How Does It Feel To Be A Problem? Being Young and Arab in America?“, UN Symposium), dass nicht nur die Ursachen von #hatespeech in lokalen und globalen Konflikten liegen. Sondern, dass #hatespeech auch erst im Kontext dieser Konflikte Geltung erlangt, ein Fakt, der reale Verantwortlichkeiten von Führungspersönlichkeiten und Publikum hervorhebt.

    #wastun? #targetingtheaudience, #protectingthevictims, #preventingviolence

    Der Komplexität des Problems stehen zahlreiche Ansätze und Initiativen gegenüber, ein Versuch einer Ordnung:

    #targetingtheaudience: Mit dem Ziel, #hatespeech seinen fruchtbaren Boden beim Publikum zu entziehen bzw. seine Wirkung auf reale Gewaltausbrüche so reduzieren, initiierten Minderheiten in Wien und Südkalifornien beispielsweise Nachbarschaftskontakte, die von enger Kooperation mit lokalen Mainstreammedien, massiver Advocacy/ Sensibilisierung und Preisverleihungen begleitet waren. Den in der UN Diskussion als erfolgreich eingeschätzten Projekten stehen in diesem Kontext umstrittene #shaming-Ansätze aus Brasilien gegenüber: Hier soll #hatespeech auf Plakate ausgedruckt und in der Nähe der Wohnorte der Speaker_Innen verteilt werden. Als kritisch werden dabei Datenschutzbedenken und Wirkung eingeschätzt.

    Auf Plattformen übertragen, bietet der #targetingtheaudience-Ansatz beispielsweise die Möglichkeiten, Nutzer wie bei Advertisement auf besonders dubiose Quellen oder Alternativangebote aufmerksam zu machen oder dem Konsum rassistischer Angebote gezielte Alternativinformationen voran zu stellen, wie das Projekt Search Racism. Find Truth eindrücklich belegt.

    #protectingthevictims/ #counterspeech: #hatespeech wirkt traumatisch. Um die toxische Wirkung auf Betroffene und Aktivist_Innen zu lindern und einzugrenzen, empfehlen sich #counterspeech, #campaigns, #awareness und #medialiterary, allerdings unter Bedingungen und in Grenzen, so scheint mir: Ihre Effektivität erforderte wohl zunächst ein adäquates Capacity Building für die engagierte Zivilgesellschaft, nicht nur hinsichtlich von Training und Awareness, sondern im Zweifelsfall auch mit Blick auf Sicherheitsvorkehrungen für Aktivist_innen, wie Sicherheitsprobleme bei der Ausrichtung des Online Harassment Summit (SXSW Festival) jüngst zeigten.

    Mit Blick auf eine strategische #counterspeech-Ausrichtung, eine zielgerichtete Reaktion auf Anführer_Innen, Angreifer_Innen und Angriffe mittels sozialer Netzwerke, stellt sich die Frage nach einer Nutzung aktueller Daten- und Netzwerkanalysetools: Dürfen die Methoden der kommerziellen Plattformen, der Onlineüberwachung und der Wählermanipulation auch zur zivilgesellschaftlichen De-Radikalisierung eingesetzt werden? Und wenn ja, unter welchen (technologischen) Bedingungen? Hier liefert der Online Harassment Research Guide ebenso wertvolle Diskussionbeiträge wie das Coral Projekt, einer Kooperation zwischen Mozilla, der New York Times und der Washington Post zur Entwicklung und Erprobung besserer Community-Technologien.

    Abschließend sei im Kontext von #counterspeech die Frage gestellt, ob es Sinn macht, die Konflikte online über den Schutz von Betroffenen hinaus zu verstärken: Erfahrungen im Kontext des Arabischen Frühlings deuten letztlich nur auf Konflikt-Eskalation und die Zerstörung verbliebener öffentlicher Diskursräume. Mit Blick auf die aktuelle Hartz4-Reform lassen sich womöglich konstruktivere #counterstrategies ausmachen.

    #preventingviolence: Monitoringprojekte werden aktuell vielfältig propagiert und ins Leben gerufen, bspw. in Deutschland (Meldung und #takedown) und in Australien (Meldung, Prüfung, #takedown). Außerhalb des Selbstregulierungsmonitoring und auf Basis transparenter Verfahren und offener Technologien könnten solche Projekte einerseits wertvolle Einsichten zu Keyplayern, Inhalten und Adressaten von #hatespeech geben, andererseits vor allem die Wirkungsweise von #hatespeech untersuchen: Es gelte letztlich zu verhindern, dass #hatespeech in Gewalt resultiert, bspw. im Falle von Wahlen! Mit diesem Ziel entwickelte iHuB in Kenia Tools mit Vorbildwirkung.

    Countering #hatespeech in Deutschland: #dagehtnochwas

    Die Übersicht zeigt: Entgegen der scheinbaren Alternativlosigkeit zu Löschforderungen an kommerzielle Plattformanbieter zeigen sich international vielfältige soziale und technische Ansätze, dem komplexen Problem von #hatespeech zu begegnen. Herausgefordert sind #nerds und #alliens gleichmaßen, zur Debatte stehen mal wieder (und deshalb nicht weniger) Frieden und Freiheit:

    „Slavery, the Gulag, the Holocaust (…) Ruanda (…) required a complete monopoly over the media, over expression, a complete monopoly over, in fact, consciousness, at times through the church. So I’m asking you (…) Where are the greatest dangers to our common values? (…) What are the sources of the greatest risks to our common humanity in contexts where governments are using state of emergencies to curtail dissent, are using counter-terrorism to put in prison people who are at the frontline of combatting terrorism and calling for tolerance? (…) I want you (…) to think (…) seriously about the response we are gonna bring to hate speech, and whom are we gonna target, and whom are we gonna try to bring back to the respect for human rights!“ (Dr. Agnes Callamard, UN Symposium Tracking Hatred).

    Gute Fragen! Kommerzielle Medienmonopole sind nicht minder gefährlich als staatliche Medienmonopole. Ausgestattet mit Exekutivfunktionen, einer intransparenten und mißbrauchbaren Zensurinfrastruktur und ‑hoheit, stellen Social Media Plattformen ein globales Risiko dar. Deshalb braucht es auch im Kampf gegen #hatespeech einen Wettbewerb um sozio-technische Alternativen, eine Sicherung pluraler Medien, Presse- und Meinungsfreiheit und (!) Netzneutralität!

    22. April 2016 7
  • : Analyse: Das neue Anti-Terror-Paket der Großen Koalition
    Anti-Terror-Paket (Symbolbild) Foto: CC-BY-NC-ND 2.0 <a href="https://www.flickr.com/photos/archivalproject/3355176148/sizes/l">Angela Rutherford</a>
    Analyse: Das neue Anti-Terror-Paket der Großen Koalition

    Die Große Koalition plant ein weiteres umfangreiches Anti-Terror-Paket. Vor lauter Böhmermann-Debatte ist dieses Projekt in der Berichterstattung der letzten Woche fast komplett unter den Tisch gefallen. Wir haben uns den Katalog jetzt im Hinblick auf Grundgesetzkonformität, Verhältnismäßigkeit und Privatsphäre mal genauer angeschaut.

    21. April 2016 25
  • : Mausrede des Tages: Pegida-Bachmann will auf Facebook gehackt worden sein
    Mausrede des Tages: Pegida-Bachmann will auf Facebook gehackt worden sein

    Pegida-Gründer Lutz Bachmann steht derzeit vor wegen Volksverhetzung vor Gericht, weil er auf Facebook Geflüchtete als „Viehzeug“, „Dreckspack“ und „Gelumpe“ bezeichnet haben soll.

    Vor dem Dresdner Amtsgericht ließ der Anführer der rassistischen und islamfeindlichen Proteste mittels seiner Anwältin ausrichten, dass er die Postings nicht selbst verfasst habe. Facebook-Profile könne man hacken. Bachmann selbst hatte sich blöderweise auf einer Pegida-Demonstration schon für seine Aussagen entschuldigt – und damit schon öffentlich anerkannt, dass die Aussagen von ihm stammen.

    Ein klarer Fall für unsere Mausrede des Tages. Und bestimmt waren diese Tweets, die uns aus dem mittlerweile gelöschten Twitter-Account von Bachmann vorliegen, auch nur gefälscht volksverhackt:

    bachmann-migrantenhaufen

    bachmann-ueber-claudia-roth

    19. April 2016 28
  • : EU Internet Forum: Anbieter sollen „freiwillig“ das Netz filtern
    CC-by <a href="https://www.flickr.com/photos/opensourceway">opensourceway</a>
    EU Internet Forum: Anbieter sollen „freiwillig“ das Netz filtern

    Die EU will mehr gegen den ganzen Terrorismus im Netz machen. Seit einem Jahr treffen sich daher Beamte der EU-Kommission und Europol regelmäßig mit fünf großen amerikanischen Internetanbietern, um den Zugang zu „terroristischen Inhalten“ einzuschränken – ganz ohne Richtervorbehalt oder lästige Gesetzgebungsprozesse.

    Hintergrund

    Der Grundstein für die Initiative wurde von EU-Kommissarin Cecilia Malmström gelegt, als diese noch für Inneres zuständig war. Anfang Januar 2014 kündigte die Kommission (pdf) an, sie werde…

    …ein Forum mit den zentralen Akteuren der Kommunikationsindustrie ins Leben rufen, um alle Facetten des Problems, einzelne Vorgehensweisen und Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit zu erörtern. […] Dabei wird es auch darum gehen, wie den Nutzern die Meldung von Anstoß erregendem oder potenziell illegalem Material erleichtert werden kann, wie Gegen-Narrative im Netz geschaffen werden können und wie leicht erreichbare alternative Botschaften ins Netz gestellt werden können, die zu kritischem Denken anregen.

    Nur einige Jahre zuvor vergab Malmströms Generaldirektion Fördermittel an ein sehr ähnliches Projekt namens CleanIT, das damals kläglich scheiterte. Das „Internet Forum“ ist quasi ein zweiter Anlauf für die gleiche Idee. Unternehmen sollen freiwillig und ohne Richtervorbehalt Inhalte im Netz unzugänglich machen, frei nach dem Motto: Wer braucht schon Internetsperren, wenn es Nutzungsbedingungen gibt?

    Treffen hinter verschlossenen Türen

    Wie das Netz genau gefiltert werden soll, bleibt Verschlusssache. Denn die Treffen des EU Internet Forums finden im Geheimen statt, Dokumente werden nicht veröffentlicht. Die europäische Menschenrechtsorganisation EDRi stellte daher regelmäßig Dokumentenanfragen an die Kommission. Seitdem ist bekannt, dass Microsoft, Ask.fm, Twitter, Google und Facebook am Forum teilnehmen. Ziele, Diskussionen und Sitzungsprotokolle wurden aber auch auf Anfrage nicht herausgegeben – und wenn, dann nur als fast komplett geschwärzte Versionen (Übersicht über alle Dokumente).

    Die ursprünglichen Ziele des Forums waren:

    i) reducing accessibility to terrorist material online (removal of content),
    ii) making better use of the internet to challenge the terrorist narrative (development and dissemination of counter narratives) and
    iii) Exploring the concerns of law enforcement on new encryption technologies.

    Im Laufe des Jahres weitete die Kommission jedoch den Arbeitsumfang des Forums auf „Hassreden in Online-Medien“ aus und kündigte nach mehreren undurchsichtigen Vortreffen am 3. Dezember den offiziellen Start des Forums an. Bei der Lancierung wurde den anwesenden Internetanbietern eine Wunschliste mit geplanten Maßnahmen (pdf) vorgestellt. Ein erstes Unternehmen soll seitdem bereits seine Nutzungsbedingungen geändert haben, um den Bitten der Kommission nachzukommen.

    Die europäische Wunschliste soll auf einem deutschen „Ergebnispapier“ (pdf) aufbauen, das Heiko Maas etwa zur gleichen Zeit von einer „Task Force“ gegen Hasskommentare im Netz ausarbeiten ließ. Das Dokument wurde vom Spiegel zur Zeit der Veröffentlichung hauptsächlich als warme Luft abgetan, ist aber bei genauerem Hinschauen um einiges gefährlicher – vor allem, da es nun auf europäischer Ebene exportiert wird.

    Meinungsfreiheit wird verletzt

    Das Ergebnispapier liest sich in der Tat zunächst wie ein recht inkohärenter Maßnahmenkatalog. Das Papier würfelt dabei „rechtswidrige Inhalte“, „problematische Inhalte“ und andere Inhalte durcheinander, die zwar legal sind, aber gegen unternehmenseigene Richtlinien (wie etwa Facebooks Gemeinschaftsstandards) verstoßen könnten. Unternehmen sollen gemeldete Inhalte „in weniger als 24 Stunden“ prüfen und, falls erforderlich, ohne vorherigen Richterbeschluss entfernen.

    Problematisch ist eine solche Aufforderung, wenn man bedenkt, dass sich US-amerikanische Unternehmen bereits zu globalen Sittenwächtern aufschwingen und tagtäglich vollkommen legale Inhalte zensieren, beispielsweise Homosexualität, stillende Mütter oder Fotos von Aborigines. Das Projekt onlinecensorship.org sammelt solche Fälle und hat etliche Löschungen in einem ersten Bericht analysiert. Fazit: Richtige Berufungsverfahren gibt es in sozialen Netzwerken nicht – meist führt ein Widerspruch ins Leere, an Wiedergutmachung ist gar nicht erst zu denken.

    Strafverfolgung bleibt auf der Strecke

    Weiterhin problematisch ist bei diesem rein kosmetischen Ansatz, dass die Strafverfolgung meist auf der Strecke bleibt. Im deutschen Ergebnispapier werden die Unternehmen nirgends gebeten, Informationen über klar illegale Kommentare oder Einträge an die Polizei weiterzugeben, um eine effektive Strafverfolgung zu ermöglichen. Dies hat dann zur Folge, dass gelöschte Inhalte leicht an anderer Stelle wieder hochgeladen werden können, ohne dass sich die Täter um eine Verfolgung sorgen müssten.

    Auch das EU Internet Forum bekämpft lediglich Symptome, anstatt die Ursachen anzugehen. Schlimmer noch, es schlägt – mit dem deutschen Papier als Vorlage – ein und denselben Ansatz für sehr verschiedene Probleme (Hasskommentare und (nicht definierten) „Terrorismus“) vor.

    Private Repression statt Demokratie

    Seit Zensursula hat man auf deutscher und auf europäischer Ebene anscheinend dazugelernt: Durch öffentlich-private Partnerschaften regelt man das mit dem Sperren und Löschen sehr viel effizienter, indem man den Rechtsstaat umgeht – Gesetze erregen viel zu viel Aufsehen, dauern zu lange und machen einem danach einen enormen Verwaltungsaufwand.

    Im Guardian beschreibt Evgeny Morozov diesen Trend passend: Unsere politische Führungsebene gibt die Verantwortung für die Lösung von sozialen bis hin zu militärischen Fragen immer öfter ans Silicon Valley ab – und verschlimmert das Demokratiedefizit unserer Institutionen.

    Unsere Demokratien werden von steigender Ungleichheit und Terrorismus bedroht. Google und Facebook haben übernommen.

    18. April 2016 18
  • : Bundestagsanhörung zum Wettbewerbsrecht bei Online-Plattformen
    Markt ist in Deutschland nur, wenn mit Geld bezahlt wird. Wer mit Daten bezahlt, befindet sich bislang auf einem "Markt ohne Gegenleistung" angesehen. Foto: CC-BY-NC-ND 2.0 <a href="https://www.flickr.com/photos/angelo_antonelli/6133680241/sizes/l">Angelo Antonelli (Flickr)</a>
    Bundestagsanhörung zum Wettbewerbsrecht bei Online-Plattformen

    Am vergangenen Mittwoch hat der Ausschuss Digitale Agenda zum Thema „Wettbewerbsrecht bei Online-Plattformen“ öffentlich getagt. Als Sachverständige waren Andreas Mundt (Präsident des Bundeskartellamtes), Dr. Michael Menz (Zalando), Ansgar Baums (HP), Prof. Dr. Justus Haucap (Düsseldorf Institute for Competition Economics) und Dr. Miika Blinn (Verbraucherzentrale, Bundesverband) geladen.

    Im Kern (Tagesordnung, PDF) ging es um die Frage, ob das Instrumentarium des nationalen und europäischen Kartell‑, Wettbewerbs- und Fusionskontrollrechts ausreiche, um den Wettbewerb bei Plattformanbietern sicherzustellen – und ob es Bereiche gäbe, die reguliert werden sollen.

    Andreas Mundt machte klar, dass die wirtschaftliche Macht mancher Unternehmen „für die Konsumenten und für das Funktionieren von Märkten tatsächlich gefährlich werden“ könne. Er wies dabei explizit auf das Verfahren des Bundeskartellamts gegen Facebook hin:

    [..] Facebook ist besonders gelagert, weil die Nutzerdaten, die Facebook erhebt von ganz herausragender Bedeutung für das Geschäftsmodell von Facebook sind – und deswegen sind wir der Ansicht, dass wir einen Link haben, wenn wir Marktbeherrschung feststellen, dass dann eine ganz besondere Pflicht auf Facebook ruht, die Datenschutzgesetze tatsächlich einzuhalten.

    Grundsätzlich habe man es bei den neuen Plattformen sehr oft mit „Märkten ohne Gegenleistung“ zu tun, weil die deutsche Rechtsprechung unentgeltliche Dienste nicht als Markt sehe. Das Bundeskartellamt halte das „für nicht zeitgemäß und nicht richtig im Hinblick auf die Märkte, die wir im Internet vorfinden. Im Bundeskartellamt möchte man eine Regelung, „dass Märkte auch dann vorliegen, wenn die Leistung unentgeltlich erbracht wird, respektive wenn Daten als Zahlungsmittel gegeben werden.“ Dazu werde das Bundeskartellamt einen Vorschlag machen.

    Deutsche Rechtsprechung sieht es nicht als Markt an, wenn unentgeltlich mit Daten bezahlt wird

    Der nächste Sachverständige, Michael Menz von Zalando, nutzte seine fünf Minuten Redezeit vornehmlich dazu, die Größe und Wichtigkeit seines Arbeitgebers zu betonen. Am Ende forderte er, dass die vorhandene Regulierung genutzt werden und die digitale Ökonomie national gestärkt werden solle.

    Ansgar Baums von HP warnte vor einer Zuspitzung des Begriffes digitale Plattform auf Unternehmen, die personalisierte Werbung als Geschäftsmodell hätten. Sonst könne dies zu einem Kollateralschaden bei Industrie 4.0 führen. Er halte zudem die Gleichsetzung von Plattform und Monopol für falsch und plädierte dafür, keine Veränderungen im Wettbewerbsrecht vorzunehmen.

    Professor Justus Haucap formulierte seine Sorge vor Konzentrationsprozessen. Es sei deshalb auch sehr wichtig, sehr kritisch mit Exklusivklauseln umzugehen. Solche Exklusivklauseln beinhalten, dass zum Beispiel ein Taxifahrer nur bei einer Plattform sein dürfe. Großen Anpassungsbedarf sah er dafür im Kartellrecht aber nicht. Haucap fragte auch, ob Daten heute „Essential Facilities“ seien. Es stelle sich die Frage, wie z.B. ein Unternehmen an Daten rankomme um auch zielgerichtete Werbung zu machen.

    Marktmacht ins Verhältnis zu Datenmacht setzen

    Miika Blinn von der Verbraucherzentrale Bundesverband, betonte dass Wettbewerb ein „solider Schritt zum Verbraucherschutz“ sei. Bei der Marktmacht von Unternehmen, die quasi alternativlos seien, könnten die Betreiber der Plattform vor diesem Hintergrund die Entgelte, also die Menge an Daten, die erhoben wird, erhöhen. Es sei wichtig Marktmacht ins Verhältnis zu Datenmacht zu setzen. Er verglich das mit der Situation, dass es nur noch einen Cola-Produzenten gäbe und dieser dann 50 Euro für eine Flasche des Getränks verlange.

    Alle Statements und die nachfolgende Debatte lassen sich im Archiv bei bundestag.de als Mitschnitt verfolgen.

    17. April 2016 5
  • : Report: Social Media Unternehmen löschen wegen Nacktheit und falschen Namen
    Bei Facebook werden auch wissenschaftliche Darstellungen von Nacktheit gelöscht. Foto: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anterior_view_of_human_female_and_male,_with_labels_2.png">CC0 1.0 / public domain</a>
    Report: Social Media Unternehmen löschen wegen Nacktheit und falschen Namen

    Die Webseite onlinecensorship.org will Social Media Unternehmen zu mehr Transparenz bei ihren Löschentscheidungen bewegen. Auf der Seite, die von EFF und Visualizing Impact initiiert wurde, können Nutzerinnen und Nutzer melden, wenn ihre Inhalte von einem Unternehmen gelöscht werden.

    Nun hat onlinecensorship.org den ersten Report veröffentlicht (PDF). Seit November 2015 meldeten Nutzer nur 161 Fälle, die in den Report einflossen. Die meisten Löschungen nahm Facebook vor, bei der Mehrheit der gelöschten Inhalte lautete die Begründung „Nudity“ und „False Identity“. Letzteres ist auf die Klarnamen-Politik bei Facebook zurückzuführen.

    Facebook löschte laut onlinecensorship.org mit der Begründung Nudity auch gemäß ihrer Richtlinien erlaubte Bilder, die zum Beispiel Frauen beim Stillen zeigten. Oder wissenschaftliche Darstellungen nackter Menschen, wie ein Wikipedia-Schaubild.

    Bei den Initiatoren von Onlinecensorship ist man sich bewusst, dass der Report nur einen sehr kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Löschungen abbildet. Dennoch sei der Datensatz geeignet, Muster im Löschverhalten der Unternehmen aufzuzeigen.

    Von den Social Media Unternehmen fordert der Report:

    • mehr echte Menschen, die Inhalte moderieren
    • einen verbesserten Beschwerdeprozess für die Menschen, deren Inhalte gelöscht wurden
    • ein Überdenken der Klarnamen-Politik bei Facebook

    Der Report steht unter einer Creative Commons Lizenz.

    1. April 2016 3
  • : Dokumentarfilm: Mit Likes Geld verdienen
    Still aus "Like". Foto: Garrett Bradley
    Dokumentarfilm: Mit Likes Geld verdienen

    Garrett Bradley hat einen Kurzfilm über Menschen in Bangladesch gemacht, deren Job es ist Postings und Seiten auf Facebook zu liken.

    Die Dokumentarfilmregisseurin erwartete im Vorfeld eigentlich eine Ausbeutungssituation mit schlechten Arbeitsbedingungen und langen Arbeitszeiten. Doch alles kam ganz anders, verrät sie im Interview mit The Intercept:

    When I pitched the story, I pitched it sort of as a sweatshop/labor story — this thing where people were getting paid very low wages and working very long hours, and that this was something that we shouldn’t be supporting. But when I got to Bangladesh, it was immediately clear to me that it’s like a complete opposite scenario. That this work was really no different from what web developers in the early 2000s were doing — where it was a really cool job, you didn’t have to have a boss, you could work from home, you had a sense of autonomy and authority over your own life. And most of the people doing this work were young men who were educated, had gone to college. This was a choice, it wasn’t something they were falling into.

    Der Film „Like“ ist auf The Intercept in voller Länge zu sehen.

    Mit einem ähnlichen Thema beschäftigt sich am 26. April auch eine Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Unter dem Motto „Die Müllabfuhr im Internet“ werden die Arbeitsbedingungen philippinischer „Content Moderators“ gezeigt, die in ihrer Arbeit einem endlosen Strom von Bildern, die als „unangemessen“ markiert wurden, ausgesetzt sind.

    30. März 2016 3
  • : Hate Speech: Bundesregierung plant kein Vorgehen gegen Anonymität und Pseudonymität
    Hate Speech: Bundesregierung plant kein Vorgehen gegen Anonymität und Pseudonymität

    Die kleine Anfrage der Grünen zu Hate Speech ist nun öffentlich verfügbar. Aus der umfangreichen Anfrage (PDF) geht hervor, dass die Bundesregierung zwar Hate Speech als Problem ansieht, aber selbst für ihre eigenen Social-Media-Präsenzen keine eindeutige und einheitliche Strategie verfolgt. Trotz Gesprächen mit Facebook weiß die Bundesregierung nach eigener Aussage immer noch nicht, wieviele Mitarbeiter der Konzern zur Moderation von Hate Speech eingestellt habe.

    Immerhin plant die Bundesregierung keine Einschränkung von Anonymität oder Pseudonymität im Netz. Dies war aus Aussagen von Vertretern der Regierungskoalition immer wieder herauszulesen gewesen.

    In der Antwort der Bundesregierung heißt es:

    Eine Abkehr von der Anonymität, hin zu einer Verpflichtung, sich namentlich zu einer bestimmten Meinung zu bekennen, würde dazu führen können, dass der Einzelne aus Furcht vor Repressalien oder sonstigen negativen Auswirkungen sich dahingehend entscheidet, seine Meinung nicht zu äußern.

    Folglich verneint die Bundesregierung Pläne zu Gesetzesänderungen in diese Richtung.

    29. März 2016 3
  • : Facebook, Google & Co. fördern und kolonisieren den Journalismus
    Facebook, Google & Co. fördern und kolonisieren den Journalismus

    Sundar Pichai

    Paris, 24. Februar: An der Pariser Universität SciencePo, School of Journalism, tritt Sundar Pichai, CEO von Google, fast wie ein digital-medialer Messias auf, musikalisch begleitet von einem rockigen Tusch, und erläutert, warum Google ein hilfreicher Partner von Medien und Journalismus sei. Und der aus Indien stammende Amerikaner nennt erstmals europäische Medien, die im Rahmen der „Digital News Initiative“ des Suchmaschinengiganten gefördert werden.

    Pichai schlägt in Paris den hohen Ton der digitalen Philantrophie an, spricht von der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Medienindustrie und des „high-quality journalism“ und ruft dazu auf, gemeinsam mit Google ein „rich and sustainable knowledge ecosystem“ aufzubauen, also ein Ökosystem für die Verbreitung von Wissen, das reichhaltig und nachhaltig zugleich ist, und das Ganze mit dem Ziel „to make life better for everyone“.

    Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Volker Lilienthal. Er ist Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg und Mitautor von „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“. Der Beitrag ist eine leicht gekürzte Fassung seiner Keynote beim lpr forum medienzukunft am 10. März 2016 in Frankfurt am Main.

    Wer wollte bei so etwas nicht dabei sein? Und es ist ja wahr: Google hilft uns, in Bruchteilen von Sekunden wunderbare Informationen zu finden. Nur ist der Knackpunkt, dass immer auch Ungeprüftes, ja Unwahres dabei ist, Kommerz, Propaganda und Verschwörungstheorie. Es kann auch nicht anders sein: Google soll nicht für uns selektieren, Missliebiges zensieren. Aber man sollte auch nicht vergessen, dass das von der Suchmaschine destillierte „Wissen“ eben nie ein lupenreines und zweifelfreies ist.

    Berlin, 25. Februar: Facebook-Chef Mark Zuckerberg kommt in die deutsche Hauptstadt, joggt durchs Brandenburger Tor und holt sich abends bei Axel Springer einen neugeschaffenen Award ab. „Bild“ titelte: „Zuckerberg wickelt alle ein!“ Ich weiß nicht, ob diese süffisante, dezent kritische und wahrscheinlich zutreffende „Bild“-Schlagzeile mit der Konzernkommunikation abgesprochen war.

    Am darauffolgenden Freitag, 26. Februar, stellte sich Zuckerberg in einem „Townhall Q&A“ (FB-Link, Login nötig) in Berlin-Treptow den Fragen eines ausgesuchten Publikums – mehrheitlich junge Deutsche, die der Erfolg von Facebook und wohl auch der 31-jährige US-Milliardär Zuckerberg fasziniert, von dem sie lernen wollen.

    Zwischendurch gab Zuckerberg Springer-Chef Mathias Döpfner, bekanntlich gelernter Journalist und gewiss nicht der schlechteste, ein großes Interview, das am 28. Februar in der „Welt am Sonntag“ erschien.

    Charmeoffensive mit politischem Hintergrund

    Bei diesen beiden dicht aufeinander folgenden Auftritten der beiden Tech-Größen aus Kalifornien handelte es sich wohl zeitlich um eine zufällige Koinzidenz. Die geballte Charmeoffensive, die momentan in und für Europa inszeniert wird, ist aber ganz bestimmt nicht zufällig. Sie ist eine Reaktion auf Jahre der skeptischen Beobachtung von Google, Facebook und anderer Internet-Techs durch die EU-Kommission und viele andere europäische Regulierer, von Kartellbehörden über Datenschützer bis hin zu Landesmedienanstalten. Und sie ist ein Angebot zur friedlichen Koexistenz, die die Webmultis an die hiesigen Marktpartner bei den traditionellen Medien aussenden, eine Konsequenz aus vielen Auseinandersetzungen um faire Wettbewerbsbedingungen, Respekt vor Urheberrechten, Verteilung von Werbeerlösen, Nutzung und Schutz von Kundendaten und vieles mehr, was oft genug streitig diskutiert und häufig auch vor Gericht ausgetragen wurde.

    „Wir haben Angst vor Google. Ich muss das einmal so klar und ehrlich sagen, denn es traut sich kaum einer meiner Kollegen, dies öffentlich zu tun. Und als Größter unter den Kleinen müssen wir vielleicht auch in dieser Debatte als Erste Klartext reden.“

    Diese mutigen Worte stammen von Mathias Döpfner. Im April 2014 war das, ein offener Brief in der FAZ an den damaligen Google-CEO Eric Schmidt.

    Und nun soll alles anders, besser werden? Nicht nur eine friedliche Koexistenz, sondern ein Austauschverhältnis zum beidseitigen Vorteil? Eine neue faire Ökonomie und Ökologie transnationaler, genauer gesagt: transatlantischer Kommunikation und Kooperation?

    Döpfner ist von seiner Google-Skepsis bislang nicht abgerückt. Aber er scheint zu glauben, dass Facebook fairer mit den deutschen Verlegern, den Publishern, umgeht. Zur Begründung des „Axel Springer Awards“ für Zuckerberg sagte Döpfner:

    „Wir zeichnen Mark Zuckerberg aus, weil er mit Facebook das wichtigste Kommunikationsmittel einer neuen Generation geschaffen hat […] Jeder kann sich jederzeit vor breitem Publikum über alles äußern. Doch wie geht man mit dieser Macht verantwortungsvoll um? Mark Zuckerberg setzt sich mit dieser Frage intensiv auseinander. Für die Medienwirtschaft ist Facebook ein wichtiger Vertriebskanal geworden. Dabei hat das Unternehmen neue Möglichkeiten entwickelt, wie man mit Kreativen und ihren Verlegern fair umgeht. Unser Preis soll Zuckerberg ermuntern, diesen Weg allen Widerständen zum Trotz weiter zu beschreiten.“ (Hervorhebungen vom Autor)

    Wahrgenommene Verantwortung also und fairer Umgang miteinander. Was sich in nur zwei Jahren nicht alles zum Besseren wenden kann. Vielleicht sollte Döpfner noch mal seinen Offenen Brief von 2014 zur Hand nehmen, da schrieb er konträr zum heutigen Optimismus:

    mark zuckerberg

    „Noch beunruhigender ist nur der Satz von Mark Zuckerberg […] Jemand fragte, wie es Facebook mit der Speicherung von Daten und dem Schutz der Privatsphäre halte. Und Zuckerberg sagte: ‚Ich verstehe Ihre Frage nicht. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.‘“

    Döpfner dazu:

    „Immer wieder musste ich über diesen Satz nachdenken. Ich finde ihn schrecklich. Ich weiß, es ist sicher nicht so gemeint. Aber dahinter stehen eine Geisteshaltung und ein Menschenbild, das in totalitären Regimen, nicht aber in freiheitlichen Gesellschaften gepflegt wird. Einen solchen Satz könnte auch der Chef der Stasi oder eines anderen Geheimdienstes einer Diktatur sagen. Das Wesen der Freiheit ist doch gerade, dass ich nicht verpflichtet bin, all das preiszugeben, was ich tue, dass ich das Recht auf Diskretion und, ja, sogar Geheimnisse habe, dass ich selbst bestimmen kann, was ich von mir preisgebe.“

    Ob bei Zuckerberg inzwischen ein Umdenken eingesetzt hat? Wir können nicht in sein Innerstes blicken. Aber es lohnt sich, auf seine Worte zu achten – zum Beispiel auf die, die er beim Q&A‑Townhall-Meeting in Berlin von sich gab. Da konnte er beim jungen Publikum punkten, mit einer Verbeugung vor der deutschen Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen und mit Klarstellungen wie dieser:

    „Hate speech has no place on Facebook.“

    Bekanntlich will Facebook in Berlin eine zweihundert Mitarbeiter umfassende Taskforce einsetzen, die Hassrede auf Facebook lokalisieren, löschen und die Urheber identifizieren soll – dabei der deutschen Polizei zuarbeitend, wie Zuckerberg ausdrücklich sagte.

    Und dann wurde er auch nach dem Schutz der Privatsphäre gefragt und ob das, was die inzwischen 28 Millionen Deutschen, die Mitglieder von Facebook sind, dort mit ihren Freunden teilen, denn sicher sei. Und natürlich zeigte sich der clevere Zuckerberg da problembewusst. Denn die Menschen würden nicht ihre persönlichsten Momente auf Facebook teilen, wenn sie fürchten müssten, dass die Inhalte in die Hände von, jetzt kommt’s, „the wrong governments“ oder von Hackern kämen. Privacy sicherzustellen – „that’s our job“.

    Wohlgemerkt, er sagte nicht: „governments“, er sagte „wrong governments“. In dieser Logik kann man auch sagen, siehe oben: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Für Zuckerberg gibt es offenbar auch richtige Regierungen, denen und deren Geheimdienste man ruhig etwas aushändigen darf. Der Vorstandsvorsitzende von Facebook zeigt sich hier von der NSA-Affäre arg unbeeindruckt – ganz so, als hätte er nie davon gehört. Noch weniger von einem „Safe Harbor“-Urteil des EuGH, wonach die amerikanischen Provider eben keine sicheren Häfen sind, die die Daten europäischer Bürger hinreichend vor unbefugten Zugriff schützen.

    Die Journalismus-Programme von Facebook

    Kommen wir zu dem, was Facebook aktuell dem Journalismus und seinen Medienorganisationen anbietet. Zu erwähnen ist der „FB Newswire“, ein Service, der Facebook-Inhalte, die Mitglieder auf dem sozialen Netzwerk gepostet haben, nach mutmaßlicher Relevanz für Journalisten aufbereitet (epd 19/2014). Für den Rechercheur, der Social Media auch als Indikator für Meinungs- und Themenkonjunkturen nutzt, ist das ein verlockendes Angebot – aber eben auch eine fremdbestimmte Auswahl, über deren Zustandekommen wir so gut wie nichts wissen.

    Mehr noch müssen wir hier auf die Instant Articles zu sprechen kommen, ein im Mai 2015 eingeführtes Angebot für Medienorganisationen, das im Kern Folgendes beinhaltet: Die Medien, die mitmachen, können ausgewählte Artikel direkt bei Facebook hosten – mit der Folge, dass die Artikel insbesondere mobil auf Smartphones zehnmal schneller geladen werden als sonst. Warte-Frust beim ungeduldigen Leser wird also vermieden. Verbunden sind die Instant Articles mit einem Einnahmeversprechen: Erlöse aus Werbung im Umfeld der „Instant Articles“, die die Medien selbst verkaufen, verbleiben zu einhundert Prozent bei ihnen selbst. Gewinnt Facebook einen Werbungtreibenden für das mediengenerierte Umfeld, so behalten die Amerikaner dreißig Prozent der Einnahmen für sich. Drittes Element im Angebot aus dem Silicon Valley: Ein Mehr an Daten über das Nutzungsverhalten der Leser wurde versprochen.

    Das hört sich erstmal fair an und womöglich bewog diese Gesamtgestaltung Springer-Chef Döpfner zu seiner zitierten neuen Bewertung von Facebook. „Bild“ war denn auch von Anfang an dabei, ebenso wie „Spiegel Online“ und „tagesschau.de“. Die Instant Articles begegneten aber von Anfang an auch mannigfaltigen Bedenken, weswegen z. B. SPON betonte, man betrachte die Mitwirkung zunächst nur als Experiment. Befürchtet wurde etwa, dass die neuen „Sofort“-Artikel von Lesern als Leistung von Facebook wahrgenommen werden – und weniger als eine des journalistischen Mediums. Eine Erosion der Leserbindung liege nicht im Interesse der Verlage, Redaktionen sollten nicht zu verlängerten Werkbänken von Facebook werden, so sinngemäß die Argumentation von Mathias Müller von Blumencron, Digitalchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (epd 25/2015). Die FAZ beteiligt sich denn auch bis heute nicht an Instant Articles.

    Noch hat kein deutsches Medium über seine Erfahrungen berichtet, jedenfalls nicht öffentlich. US-amerikanische Medien, die sich seit dem Start beteiligen, berichten von deutlich gestiegenen Nutzungszahlen – also von einem Erfolg –, aber auch davon, dass die Monetarisierung und die Auswertung der „audience metrics“ noch „in progress“ sei – was wir wohl als entwicklungsbedürftig verstehen müssen.

    Für die allermeisten jungen Menschen in Deutschland ist Facebook längst die wichtigste Informationsquelle. Der Druck, der von der massenhaften Nutzung des Netzwerks ausgeht, kann von Medien schlechterdings nicht ignoriert werden. Es genügt offenbar nicht mehr, auf Facebook mit eigenen kleinen Kolonien unter Selbstverwaltung vertreten zu sein, deren Leseangebote in Form von Links zeitraubend zurückführen auf die klassischen Websites der Medien. „Instant Articles“ bedeutet: Journalismus wird integraler Bestandteil von Facebook. Die Plattform profitiert vor allem von der honorarfreien Zulieferung anderer, der Medien, weil es damit seine Reichweite steigern kann.

    Dass Facebook sprichwörtlich alternativlos ist, zeigt das Beispiel von Bento, des jungen Ablegers von Spiegel Online. Bento ist eine Website und natürlich auch eine App fürs Smartphone. Aber seit dem 23. Februar publiziert Bento eben alles, was die kleine junge Redaktion hervorbringt, auch als Instant Article bei Facebook. Keine Rede mehr von einer kleinen Auswahl, mit der man experimentieren wolle.

    Die Medien, die von Anfang an mitmachten, konnten sich einbilden, als erlauchte Schar für etwas Neues, Großes ausgewählt worden zu sein. Mit diesem Privileg ist es nun aber vorbei. Ab dem 12. April werden alle Medienorganisation „instant“ bei Facebook publizieren können. Das wird eine Welle in Gang setzen, der sich kaum noch jemand, auch die Skeptiker nicht, wird entziehen können. Und wenn, dann nur um den Preis, künftig übersehen zu werden, unaufholbar zurückzufallen im Kampf um Aufmerksamkeit.

    facebook friend foe

    „Media organizations and journalists are an integral part of Facebook“, verkündete das Unternehmen zur anstehenden Öffnung. Was so respektvoll wie eine Verbeugung vor der Leistung anderer klingt, ist aber auch eine Übernahmeerklärung, ein Statement zur zunehmenden Kolonisierung der Medien und des Journalismus.

    In einer Podiumsveranstaltung der „Neuen Zürcher Zeitung“ am 30. September vergangenen Jahres in Berlin wetterte der Philosoph Peter Sloterdijk gegen das Silicon Valley als eine „zivile Außenstelle des Pentagon“ und führte aus:

    „Die Vorherrschaft der amerikanischen Datentechnologie verkörpert mehr als bloß eine Nebenfront im amerikanischen Krieg gegen den Rest der Welt: Sie bildet die Schlüsseltechnologie, bei welcher ‚hard power‘ und ‚soft power‘ direkt ineinander übergehen.“

    Das ist eine Fundamentalkritik der neuen digitalen Multis, die im internationalen Kontext auch von Denkern wie Shoshana Zuboff, Jaron Lanier und David Gelernter artikuliert wird. Die Kritik am digitalen Kolonialismus und Kapitalismus ist eben keine europäische oder gar nur deutsche Spezialität, die sich aus Kulturpessimismus speiste. Auch bei der internationalen Journalismusforschung finden sich genügend Warner: deutlich kritisch zum Beispiel Emily Bell, die Direktorin des Tow Centers for Digital Journalism an der Columbia Journalism School in New York, und auch Jeff Jarvis von der New Yorker City University, er jedoch deutlich Facebook-freundlicher – er plädiert für „Peace Talks“.

    Emily Bell hingegen nutzte in der „Columbia Journalism Review“ das Kofferwort „frenemy“ für Google und Facebook – „frenemy“, ein Hybrid also, vielleicht auch ein Monster aus Freund und Feind. Bell hat aus ihren vielfachen Gesprächen mit Publishern berichtet, dass alle eine „mildly surpressed panic“ hinsichtlich der neuen Machtverhältnisse verbinde: Den Publishern gehören nicht mehr die global meistgenutzten Wege zu den Rezipienten, und sie kontrollieren sie auch nicht. Hohe Abhängigkeit, kleine Gewinne und „little insight“ bei den Nutzungsdaten sind die Folge.

    Beide, Bell und Jarvis, sind der Auffassung, dass Facebook für den Journalismus mitverantwortlich ist – und zwar einfach deshalb, weil das weitreichende soziale Netzwerk eine solch starke Rolle in der gesellschaftliche Informationsverteilung und Nachrichtengebung einnimmt. Sie warnen aber davor, Facebook auch für die internen journalistischen Verfahren verantwortlich zu machen, seriöse Nachrichtengebung und akkurate Recherche zu gewährleisten. Denn das würde bedeuten, Facebook ins Innerste des Journalismus vorzulassen – um den Preis des weiteren Verlusts von Autonomie. Oder, andere Alternative: Facebook könnte sich durch die Zuordnung neuer Verantwortlichkeit eingeladen sehen, eigene Redaktionen zu gründen – die dann den Wettbewerb mit den traditionellen Medienorganisationen aufnehmen würden.

    Die Journalismus-Initiativen von Google

    Wie steht es nun um Google? Auch vom marktbeherrschenden Suchmaschinenkonzern, zu dem neben anderem auch Youtube gehört, haben wir zuletzt eine geballte Charmeoffensive erlebt – wir, das heißt: die Europäer. Und nur die, nicht etwa Amerikaner oder gar Afrikaner. Diese geopolitische Bevorzugung kann man ebenfalls nur aus der in Europa stark verbreiteten Skepsis sowie aus der Beobachtung von Google durch Regulierer wie die EU-Kommission verstehen. Google will zeigen: Wir sind doch gut und sogar großzügig.

    DNI projects

    Vorrangig ist hier die „Digital News Initiative“ (DNI) zu nennen, ein auf beeindruckende 150 Millionen Euro ausgelegtes Förderprogramm für Projekte des Digitalen Journalismus. Googles CEO Sundar Pichai hat jüngst in Paris die erste Tranche – 27 Millionen Euro an Projekte in 23 Ländern – verkündet. Noch sind nicht alle Geförderten bekannt. Aus Deutschland, wohin fast 4,9 Millionen Euro fließen werden, ist das Start-up Spectrm – ohne „u“ – dabei. Auf Basis Künstlicher Intelligenz soll es hier Publishern ermöglicht werden, direkter mit ihren Lesern zu kommunizieren und Inhalte zu verteilen, und zwar auf Basis von Instant Messaging Apps. Einen technischen Akzent setzt auch das Projekt „Sensorjournalismus“ des Hamburger Journalistenbüros OpenDataCity. Weitere deutsche Medien, die Geld aus dem Silicon Valley bekommen, sind der „Tagesspiegel“, die „Rhein-Zeitung“, die „Wirtschaftswoche“ und die Deutsche Welle.

    Die Verbesserung der Kundenbeziehungen spielt in vielen der ausgewählten Projekte eine Rolle. Man fragt sich: Liegt der Schwerpunkt des Geförderten nun bei Technik und Ökonomie? Wo bleibt der originäre Journalismus? Von der Schweizer „Tageswoche“ wurde immerhin das Projekt „Stadtgespräch“ ausgewählt, bei dem die Themen-Interessen von Bürgern, digital artikuliert, in die journalistische Themenwahl einfließen soll.

    Unten auf der Website www.digitalnewsinitiative.com gibt es die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Bis vor wenigen Tagen waren es derer nur zwei. Ein gewisser Xocu vermisst einen Bescheid von Google – ist sein Antrag überhaupt angekommen?

    Ein Anonymus übt scharfe Kritik an der für ihn nur theoretisch noblen Fördermaßnahme DNI. Die 1,4 Millionen Euro, die nach Polen flössen, kämen vor allem drei Medien zugute, die kaum als Nachrichtenquelle gelten könnten, sondern politisch agitieren, so die Unterstellung. Die drei – eine Tageszeitung, ein Radiosender und ein Webmedium – hätten es vor allem darauf angelegt, Menschen auf Demonstrationen gegen die umstrittene polnische Regierung der PIS-Partei zu treiben. Die Wortmeldung zeigt, dass ein Mäzen wie Google mitten hinein in politische Auseinandersetzungen geraten kann. Und was würde Mark Zuckerberg sagen? „Wrong government“?

    Wie Facebook sorgt sich auch Google um den schnelleren Seitenaufbau in Zeiten, in denen immer mehr Content auf mobilen Endgeräten rezipiert wird. AMP, Accelerated Mobile Pages, ist hier das Stichwort. Eine dritte Unterstützungsleistung von Google ist das „Project Shield“, eine Schutzmaßnahme gegen DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service), mit denen Hacker oder Zensoren anderer Staaten eine Medien-Website lahmlegen können. Sundar Pichai stellte das in Paris in direkten Zusammenhang mit kritischer Berichterstattung, die anderen nicht gefalle – und für weniger als einhundert Euro sei es möglich, eine solche Attacke auszulösen. Dagegen helfe „Project Shield“, welches „all the world’s independent news agencies“ angeboten werde – wobei der Google-CEO das Eigenschaftswort „independent“ beim Aussprechen merkwürdig verschluckte. Aber das wollen wir mal nicht auf die Goldwaage legen.

    Etwas im Windschatten der DNI segelt das Google News Lab – obwohl es doch im Grunde Teil der DNI ist. Was wird hier angeboten? Eine Sammlung von Tools, ein digitaler Werkzeugkasten, den nicht nur Medienorganisationen auf der Makro‑, sondern auch freie Journalisten und Blogger auf der Mikroebene nutzen können, und zwar in den Bereichen: Recherchieren, Berichten, Veröffentlichen, Optimieren. Zur Einführung gibt es Online-Tutorials. Die Nutzung von Google Trends für Datenvisualisierung ist ein weiteres Thema, jeweils hinterlegt mit interessanten Beispielen. Storytelling, Virtual Reality und TV-Aufnahmen mittels Drohnen – solche technischen Optionen für journalistische Sinneserweiterungen interessieren im News Lab vor allem.

    Das Google News Lab bietet seinen Support aber nicht nur virtuell an, sondern kommt auch mit Trainern in Redaktionen, um z. B. die Fähigkeiten von Journalisten zur Suche mit Google zu verbessern. Laut Isa Sonnenfeld, der Leiterin des News Lab für den deutschsprachigen Raum, wird das Trainer-Netzwerk derzeit ausgebaut.

    Medien haben keine andere Wahl

    Die von Facebook, Google und anderen aufgelegten Programme zur Kooperation mit Medien und zur Förderung von Journalismus haben zweifelsohne ihr Gutes. Man sollte diese Offerten nicht um eines kritischen Prinzips willen ausschlagen.

    Mag auch das Bundeskartellamt seit neuestem gegen Facebook wegen des Verdachts der Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung ermitteln – die Akzeptanz, die das soziale Netzwerk genießt, macht es Medien schlicht unmöglich, es zu ignorieren. Dies hat die turnusmäßige Untersuchung der Nachrichtenverbreitung in sozialen Netzwerken, die die Technischen Universitäten von Darmstadt und Dresden seit 2012 unternehmen, erneut bestätigt. Für das Jahr 2015 gingen mehr als 487.000 Artikel in die Untersuchung ein. Die Leser gaben diese Artikel mehr als 123 Millionen Mal weiter (2014: 83,0 Millionen Mal) – 116,7 Millionen Mal über Likes auf Facebook, 4,3 Millionen Mal über Tweets auf Twitter und 2,8 Millionen Mal über One ups auf Google+. „Marktbeherrschendes Medium für die Weitergabe von Nachrichten ist also weiterhin Facebook“, so die Informatiker und Medienökonomen aus Darmstadt und Dresden, „mit einem noch wachsenden Marktanteil von 94 Prozent (2014: 90,8 Prozent).“

    Unter dem Druck der schieren Vormachtstellung auf dem Markt der webbasierten Kommunikation können Medien gar nicht anders, als zu versuchen, ihr Stückchen vom Kuchen der hier kollektiv organisierten Aufmerksamkeit für Nachrichteninhalte – und, nicht zu vergessen, Meinungen – abzubekommen. Doch sollten wir alle die Probleme, die sich daraus ergeben können, nicht aus den Augen verlieren.

    Debundling – Abschied von Komposition und Integration

    Nicht erst mit den „Instant Articles“, einer Art „Reader’s Digest“ des digitalen Zeitalters, hat die große Entbündelung von Medienprodukten eingesetzt. Das „Debundling“ hat erstens ökonomische Konsequenzen, weil nicht mehr konfektionierte Produkte mit einem höheren Preis und besser noch im Abonnement, früher waren das für Medien fest kalkulierbare Einnahmeposten, verkauft werden können, sondern zunehmend nur noch Einzelstücke – welche besonders gut nachgefragt werden, meldet uns dann Facebook mit seinem „Metrics“.

    Das hat dann zweitens auch journalistische Konsequenzen, und zwar schon auf der Ebene der Aussagenproduktion: Formate, wie sie eine Zeitung mit ihren fest definierten Spalten und – anzeigenabhängig variierend – ihrer Seitenzahl darstellten, lösen sich auf. Es werden nicht mehr alle Spalten gefüllt, nicht mehr alle Ressorts bedient – jedenfalls nicht die, die nicht nachgefragt werden. Das klassische Blattmachen oder, moderner ausgedrückt mit Jakob Vicari, die publizistische Komposition eines Medienprodukts, das seine Abnehmer insgesamt und nicht nur interessenselektiv schlauer machen möchte –, diese aufklärungsverpflichtete Komposition wird obsolet. Ebenso die Integrationsfunktion von Journalismus: Das ganze Bild zu bieten, nicht nur einen Ausschnitt – das wird immer schwerer möglich sein.

    Das hat dann drittens Folgen für die Informationsökologie der Gesellschaft: Die blinden Flecken nehmen zu, die unterbelichteten Sektoren der Wirklichkeit, über die man nichts, nichts Verlässliches oder nichts Hinreichendes weiß, um sich ein Urteil bilden zu können.

    Natürlich ist das eine hypothetische Extrapolation, die ich hier auf dünnem empirischen Eis anstelle. Prognosen sind immer riskant und eigentlich kein wissenschaftliches Geschäft. Dennoch denke ich, es gibt einige empirische Indizien, warum wir diese mögliche negative Entwicklung im Auge behalten sollten – um gegenzusteuern, damit eben nicht eintritt, was zu befürchten ist.

    Gibt es ein Leben danach, ohne Facebook & Co.?

    Der schon zitierte Jeff Jarvis sieht keine Alternative für Medien, als Brücken zu den neuen globalen Plattformen wie Facebook zu bauen – oder sie würden einer Marginalisierung in der öffentlichen Wahrnehmung unterliegen und zu abgelegenen Inseln werden. Ein schönes Bild, aber Jarvis weiß hoffentlich auch, dass in der Zukunft Zwang dadurch entstehen kann, dass der Landbesitzer und Brückenbetreiber Facebook plötzlich Brückenzoll verlangt – und die Medienorganisationen zu Bittstellern werden.

    Was, wenn der verlangte Preis zu hoch ist? Die Medienorganisationen könnten sich von Facebook trennen. Aber können sie das wirklich? Das weltweit stärkste, meistgenutzte Social Network – 1,6 Milliarden Mitglieder – ist eben nur auf den ersten Blick eine neutrale, nicht diskriminierende Vertriebsplattform, sondern vor allem ein Verkehrsleitsystem, das seine Mitglieder vor allem nach deren – intransparent gemessenen – Vorlieben beliefert, ja mehr noch: ein System zur Steuerung von Verhalten, das im Alltag von bald zwei Milliarden Menschen weit mehr als nur Mediennutzungsgewohnheiten habitualisiert.

    Dass die Medienunternehmen weltweit mit Facebook einen Faustischen Pakt eingegangen seien, dieser Vergleich wurde schon oft gezogen, übrigens gerade auch in den USA. Und der Vergleich trifft. Denn was passiert, wenn sich Facebook und Medien trennen – sei es wegen plötzlicher Preisforderungen, sei es wegen möglichen Streits über Zensur, über Löschungen, die Facebook – oder auch Apple! – eigenmächtig vornehmen, weil bestimmte Inhalte nicht opportun erscheinen oder einfach weil Facebook allmählich Reichweite verliert? Auch das ist ja nicht ausgeschlossen, auch digitale Reiche sind ja keine Gebilde mit Ewigkeitsgarantie, auch deren virtuelle Völker können irgendwann zu neuen, scheinbar attraktiveren Angeboten abwandern.

    Wenn einer der drei genannten Trennungsgründe einträte, dann ist jedenfalls für die Medienunternehmen nichts mehr wie vorher. Sie würden ihre „Stunde Null“ erleben und von vorne neu anfangen müssen. Denn die Reichweiten, die die vielleicht noch existierenden autonomen Websites oder Apps von Medienorganisationen erreichen, werden in der Zwischenzeit, in der Ära Facebook, marginalisiert worden sein. Ähnliches wird wohl für die verbliebenen Kundenbeziehungen gelten.

    Für verantwortungsvoll geführte Medienunternehmen kann das heute nur bedeuten, die bisherige Multi-Channel-Strategie eben nicht aufzugeben, so aufwändig und kostenträchtig sie auch sein mag: sich also nicht allein mit Facebook einzulassen, sondern autonome Vertriebskanäle und Kundenbeziehungen, seien die digital oder analog auf Papier, aufrechtzuerhalten.

    Datenschutz: Leser dürfen nicht ausgeforscht werden

    Beim Datenschutz geht es um mehr als um die Naivität, die eine Regierung für gut und die andere für „wrong“ zu halten. Die NSA-Affäre hat uns einen Vorgeschmack auf das gegeben, was selbst in einem demokratischen Rechtsstaat wie den USA an Angriffen auf die Freiheit der eigenen Bürger und der anderer Staaten möglich ist. In Deutschland gilt das Fernmeldegeheimnis, doch Journalisten hier können am Telefon nicht mehr arglos mit ihren zu schützenden Informanten sprechen.

    Ein möglicher neuer US-Präsident namens Donald Trump stimmt noch pessimistischer für die Zukunft. Schon hat Trump eine restriktive Gesetzgebung gegen Journalisten angekündigt – was alles steht uns noch ins Haus? Dass Eric Schmidt, der CEO der Google-Holding Alphabet, seit neuestem für das Pentagon arbeitet und dort ein Gremium für digitale Innovationen leitet, kann man auch nicht wirklich als vertrauensbildende Maßnahme werten.

    Der gebotene Schutz sensibler Daten ist ein hohes Gut, auf das es keinen Rabatt gibt. Dieses Gut ist nicht verhandelbar, erst recht nicht im Verhältnis zu Facebook. Hier geht es nicht nur um geheime Text- oder Bild-Materialien, die verantwortungsvolle Journalisten schon lange nicht mehr auf US-Servern wie Dropbox oder Microsofts OneDrive speichern. Und doch musste ich gerade lesen, Spiegel Online verwalte seine Themenplanung immer noch in einem Google Doc – ein Unding, wie ich finde. Es geht auch um die Nutzungsdaten, die Verhaltensspuren, die Leser deutscher Medien in den USA, bei Google und Facebook, hinterlassen können. Von diesen Spuren kann man auf politische Überzeugungen schließen – und das geht Staaten, geht Geheimdienste gar nichts an.

    Transparenz auch und gerade beim Algorithmus

    Eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit den Tech-Multis aus dem Silicon Valley ist bis auf weiteres nicht vorstellbar. Die ideale Gleichberechtigung kann es aufgrund der absoluten Machtposition der Techs, resultierend aus ihrer fast totalen Akzeptanz, nicht geben. Ein zweites kommt hinzu: Was für Demokratien typisch ist, die Brechung und Milderung von Macht durch Verfahren, als da wären: Deliberation, Transparenz, checks and balances – das eben ist mit Mark Zuckerberg und Eric Schmidt nicht zu machen. Ich meine hier etwas sehr Konkretes und doch Sagenumwobenes: die Algorithmen der Suchmaschinen und Netzwerke. Staatsgeheimnisse sind eine Sache von vorgestern. Aber „in Digitalien“ gelten sie noch, die bestgehüteten Geschäftsgeheimnisse der Techs. Kaum einer traut sich noch, danach zu fragen und Transparenz einzufordern.

    Weil Externen jeglicher Einblick in die Algorithmen verwehrt wird, ist es unmöglich, letztgültig zu beurteilen, ob Google, Facebook und all die anderen fair mit ihren Partnern umgehen – und fair mit der Öffentlichkeit freier Gesellschaften, die nicht den Wärmetod in Filter Bubbles erleiden wollen.

    Legt den Algorithmus offen! Das ist eine utopische Forderung, auch wenn es ja Vorbilder gibt, wie es gehen könnte. Das ist der neuere Umgang mit den TTIP-Verträgen. Wenig genug, aber im Januar konnten immerhin Bundestagsabgeordnete die Verträge einsehen. So könnten auch die amerikanischen Techs in abgeschotteten Data Rooms wenigstens Berufenen, also zum Beispiel legitimierten Abgesandten der EU, Einblick gewähren. Nach Lage der Dinge könnten das aber nicht einfach Politiker sein. Sie müssten sich ihre Experten mitbringen, um die Funktionsweise des Algorithmus überhaupt zu verstehen.

    Netzneutralität und Medienvielfalt wahren

    Einige werden sich noch an Leo Kirch und seine erste d‑box erinnern. Ein Decoder für Digitalfernsehen, der proprietär programmiert war: Andere Programmveranstalter sollten nur über Kirch Zugang erhalten. Kleiner Ausflug in die Mediengeschichte, aus dem ich das Stichwort „proprietär“ mitnehme. Frei übersetzt bedeutet es „im Eigentum befindlich“ und in seinem Bedeutungshof schwingen „Monopol“ und „Ausschluss“ mit. Proprietäre Geschäftspläne kamen aus München-Unterföhring, sie kommen heute aus dem Silicon Valley. Man höre nur, was Apple als Vorzug seiner neuen „News App“, hierzulande noch nicht verfügbar, beschreibt:

    „News collects all the stories you want to read, from top news sources, based on topics you’re most interested in — so you no longer need to move from app to app to stay informed.“

    „You no longer need to move from app to app“ – das eben soll vermieden werden, der User eingefangen werden in einem geschlossenen Universum, in einer exklusiven Verwertungskette, die nur einem Anbieter – hier: Apple – oder wenigen zugutekommt. Der moderne Gegenbegriff zum Proprietären ist die Netzneutralität, ein wichtiger Grundsatz auch der deutschen Medienregulierung.

    DNI projects

    Danach handeln übrigens auch die indischen Telekom-Aufsichtsbehörden, die Mark Zuckerberg jüngst eine herbe Niederlage beigebracht haben: Er wollte eine Milliarde Menschen auf dem Indischen Subkontinent, die noch nicht online sind – nur dreihundert Millionen sind es – mit einem kostenlosen „Free Basics“ beglücken – einer rudimentären Version von Netzvielfalt, die fast nur Facebook enthalten hätte. Die Aufsichtsbehörde TRAI untersagte das.

    Ein empfindlicher Rückschlag für Zuckerberg, von dem wir vermuten dürfen, dass er im Interesse des eigenen Wachstums zwei Zahlen fest im Blick hat: Ende 2015 waren 3,2 Milliarden Menschen online – eine gigantische Zahl. Aber verglichen mit der Weltbevölkerung zeigt sie eben auch an: 4,1 Milliarden sind noch nicht an das Internet angeschlossen.

    Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Volker Lilienthal. Er ist Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg und Mitautor von „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“. Der Beitrag ist eine leicht gekürzte Fassung seiner Keynote beim „lpr forum medienzukunft“ am 10. März 2016 in Frankfurt am Main.

    Bilder:
    Sundar Pichai: CC BY 2.0, via flickr/vuhung, Mark Zuckerberg: CC BY-NC 2.0, via flickr/jdlasica, DNI-Projekte: Screenshot www.digitalnewsinitiative.com, FB-Logo: CC BY-SA 2.0, via flickr/AngsCopy, Volker Lilienthal, Foto: privat.

    29. März 2016 23
  • : ZDFinfo: Doku-Marathon zu Internet-Themen in der Mediathek
    ZDFinfo: Doku-Marathon zu Internet-Themen in der Mediathek

    Karfreitag ist der Wortbedeutung und ‑tradition zufolge eigentlich ein Tag der Stille und Abstinenz. Für Freundinnen und Freunde des Internets hat ZDFinfo den Tag jedoch uminterpretiert und zu vielen netzpolitischen und Digitalkultur-Themen programmiert. Die folgenden Dokumentationen (manche neu, manche in Wiederaufnahme) sind jetzt zum feiertäglichen Dauerglotzen in der Mediathek verfügbar. Viel Spaß mit:

    Edit:

    27. März 2016 8