Öffentlichkeit

Facebook, Google & Co. fördern und kolonisieren den Journalismus

Sundar Pichai

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Paris, 24. Februar: An der Pariser Universität SciencePo, School of Journalism, tritt Sundar Pichai, CEO von Google, fast wie ein digital-medialer Messias auf, musikalisch begleitet von einem rockigen Tusch, und erläutert, warum Google ein hilfreicher Partner von Medien und Journalismus sei. Und der aus Indien stammende Amerikaner nennt erstmals europäische Medien, die im Rahmen der „Digital News Initiative“ des Suchmaschinengiganten gefördert werden.

Pichai schlägt in Paris den hohen Ton der digitalen Philantrophie an, spricht von der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Medienindustrie und des „high-quality journalism“ und ruft dazu auf, gemeinsam mit Google ein „rich and sustainable knowledge ecosystem“ aufzubauen, also ein Ökosystem für die Verbreitung von Wissen, das reichhaltig und nachhaltig zugleich ist, und das Ganze mit dem Ziel „to make life better for everyone“.

Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Volker Lilienthal. Er ist Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg und Mitautor von „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“. Der Beitrag ist eine leicht gekürzte Fassung seiner Keynote beim lpr forum medienzukunft am 10. März 2016 in Frankfurt am Main.

Wer wollte bei so etwas nicht dabei sein? Und es ist ja wahr: Google hilft uns, in Bruchteilen von Sekunden wunderbare Informationen zu finden. Nur ist der Knackpunkt, dass immer auch Ungeprüftes, ja Unwahres dabei ist, Kommerz, Propaganda und Verschwörungstheorie. Es kann auch nicht anders sein: Google soll nicht für uns selektieren, Missliebiges zensieren. Aber man sollte auch nicht vergessen, dass das von der Suchmaschine destillierte „Wissen“ eben nie ein lupenreines und zweifelfreies ist.

Berlin, 25. Februar: Facebook-Chef Mark Zuckerberg kommt in die deutsche Hauptstadt, joggt durchs Brandenburger Tor und holt sich abends bei Axel Springer einen neugeschaffenen Award ab. „Bild“ titelte: „Zuckerberg wickelt alle ein!“ Ich weiß nicht, ob diese süffisante, dezent kritische und wahrscheinlich zutreffende „Bild“-Schlagzeile mit der Konzernkommunikation abgesprochen war.

Am darauffolgenden Freitag, 26. Februar, stellte sich Zuckerberg in einem „Townhall Q&A“ (FB-Link, Login nötig) in Berlin-Treptow den Fragen eines ausgesuchten Publikums – mehrheitlich junge Deutsche, die der Erfolg von Facebook und wohl auch der 31-jährige US-Milliardär Zuckerberg fasziniert, von dem sie lernen wollen.

Zwischendurch gab Zuckerberg Springer-Chef Mathias Döpfner, bekanntlich gelernter Journalist und gewiss nicht der schlechteste, ein großes Interview, das am 28. Februar in der „Welt am Sonntag“ erschien.

Charmeoffensive mit politischem Hintergrund

Bei diesen beiden dicht aufeinander folgenden Auftritten der beiden Tech-Größen aus Kalifornien handelte es sich wohl zeitlich um eine zufällige Koinzidenz. Die geballte Charmeoffensive, die momentan in und für Europa inszeniert wird, ist aber ganz bestimmt nicht zufällig. Sie ist eine Reaktion auf Jahre der skeptischen Beobachtung von Google, Facebook und anderer Internet-Techs durch die EU-Kommission und viele andere europäische Regulierer, von Kartellbehörden über Datenschützer bis hin zu Landesmedienanstalten. Und sie ist ein Angebot zur friedlichen Koexistenz, die die Webmultis an die hiesigen Marktpartner bei den traditionellen Medien aussenden, eine Konsequenz aus vielen Auseinandersetzungen um faire Wettbewerbsbedingungen, Respekt vor Urheberrechten, Verteilung von Werbeerlösen, Nutzung und Schutz von Kundendaten und vieles mehr, was oft genug streitig diskutiert und häufig auch vor Gericht ausgetragen wurde.

„Wir haben Angst vor Google. Ich muss das einmal so klar und ehrlich sagen, denn es traut sich kaum einer meiner Kollegen, dies öffentlich zu tun. Und als Größter unter den Kleinen müssen wir vielleicht auch in dieser Debatte als Erste Klartext reden.“

Diese mutigen Worte stammen von Mathias Döpfner. Im April 2014 war das, ein offener Brief in der FAZ an den damaligen Google-CEO Eric Schmidt.

Und nun soll alles anders, besser werden? Nicht nur eine friedliche Koexistenz, sondern ein Austauschverhältnis zum beidseitigen Vorteil? Eine neue faire Ökonomie und Ökologie transnationaler, genauer gesagt: transatlantischer Kommunikation und Kooperation?

Döpfner ist von seiner Google-Skepsis bislang nicht abgerückt. Aber er scheint zu glauben, dass Facebook fairer mit den deutschen Verlegern, den Publishern, umgeht. Zur Begründung des „Axel Springer Awards“ für Zuckerberg sagte Döpfner:

„Wir zeichnen Mark Zuckerberg aus, weil er mit Facebook das wichtigste Kommunikationsmittel einer neuen Generation geschaffen hat […] Jeder kann sich jederzeit vor breitem Publikum über alles äußern. Doch wie geht man mit dieser Macht verantwortungsvoll um? Mark Zuckerberg setzt sich mit dieser Frage intensiv auseinander. Für die Medienwirtschaft ist Facebook ein wichtiger Vertriebskanal geworden. Dabei hat das Unternehmen neue Möglichkeiten entwickelt, wie man mit Kreativen und ihren Verlegern fair umgeht. Unser Preis soll Zuckerberg ermuntern, diesen Weg allen Widerständen zum Trotz weiter zu beschreiten.“ (Hervorhebungen vom Autor)

Wahrgenommene Verantwortung also und fairer Umgang miteinander. Was sich in nur zwei Jahren nicht alles zum Besseren wenden kann. Vielleicht sollte Döpfner noch mal seinen Offenen Brief von 2014 zur Hand nehmen, da schrieb er konträr zum heutigen Optimismus:

mark zuckerberg

„Noch beunruhigender ist nur der Satz von Mark Zuckerberg […] Jemand fragte, wie es Facebook mit der Speicherung von Daten und dem Schutz der Privatsphäre halte. Und Zuckerberg sagte: ,Ich verstehe Ihre Frage nicht. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.‘“

Döpfner dazu:

„Immer wieder musste ich über diesen Satz nachdenken. Ich finde ihn schrecklich. Ich weiß, es ist sicher nicht so gemeint. Aber dahinter stehen eine Geisteshaltung und ein Menschenbild, das in totalitären Regimen, nicht aber in freiheitlichen Gesellschaften gepflegt wird. Einen solchen Satz könnte auch der Chef der Stasi oder eines anderen Geheimdienstes einer Diktatur sagen. Das Wesen der Freiheit ist doch gerade, dass ich nicht verpflichtet bin, all das preiszugeben, was ich tue, dass ich das Recht auf Diskretion und, ja, sogar Geheimnisse habe, dass ich selbst bestimmen kann, was ich von mir preisgebe.“

Ob bei Zuckerberg inzwischen ein Umdenken eingesetzt hat? Wir können nicht in sein Innerstes blicken. Aber es lohnt sich, auf seine Worte zu achten – zum Beispiel auf die, die er beim Q&A-Townhall-Meeting in Berlin von sich gab. Da konnte er beim jungen Publikum punkten, mit einer Verbeugung vor der deutschen Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen und mit Klarstellungen wie dieser:

„Hate speech has no place on Facebook.“

Bekanntlich will Facebook in Berlin eine zweihundert Mitarbeiter umfassende Taskforce einsetzen, die Hassrede auf Facebook lokalisieren, löschen und die Urheber identifizieren soll – dabei der deutschen Polizei zuarbeitend, wie Zuckerberg ausdrücklich sagte.

Und dann wurde er auch nach dem Schutz der Privatsphäre gefragt und ob das, was die inzwischen 28 Millionen Deutschen, die Mitglieder von Facebook sind, dort mit ihren Freunden teilen, denn sicher sei. Und natürlich zeigte sich der clevere Zuckerberg da problembewusst. Denn die Menschen würden nicht ihre persönlichsten Momente auf Facebook teilen, wenn sie fürchten müssten, dass die Inhalte in die Hände von, jetzt kommt’s, „the wrong governments“ oder von Hackern kämen. Privacy sicherzustellen – „that’s our job“.

Wohlgemerkt, er sagte nicht: „governments“, er sagte „wrong governments“. In dieser Logik kann man auch sagen, siehe oben: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Für Zuckerberg gibt es offenbar auch richtige Regierungen, denen und deren Geheimdienste man ruhig etwas aushändigen darf. Der Vorstandsvorsitzende von Facebook zeigt sich hier von der NSA-Affäre arg unbeeindruckt – ganz so, als hätte er nie davon gehört. Noch weniger von einem „Safe Harbor“-Urteil des EuGH, wonach die amerikanischen Provider eben keine sicheren Häfen sind, die die Daten europäischer Bürger hinreichend vor unbefugten Zugriff schützen.

Die Journalismus-Programme von Facebook

Kommen wir zu dem, was Facebook aktuell dem Journalismus und seinen Medienorganisationen anbietet. Zu erwähnen ist der „FB Newswire“, ein Service, der Facebook-Inhalte, die Mitglieder auf dem sozialen Netzwerk gepostet haben, nach mutmaßlicher Relevanz für Journalisten aufbereitet (epd 19/2014). Für den Rechercheur, der Social Media auch als Indikator für Meinungs- und Themenkonjunkturen nutzt, ist das ein verlockendes Angebot – aber eben auch eine fremdbestimmte Auswahl, über deren Zustandekommen wir so gut wie nichts wissen.

Mehr noch müssen wir hier auf die Instant Articles zu sprechen kommen, ein im Mai 2015 eingeführtes Angebot für Medienorganisationen, das im Kern Folgendes beinhaltet: Die Medien, die mitmachen, können ausgewählte Artikel direkt bei Facebook hosten – mit der Folge, dass die Artikel insbesondere mobil auf Smartphones zehnmal schneller geladen werden als sonst. Warte-Frust beim ungeduldigen Leser wird also vermieden. Verbunden sind die Instant Articles mit einem Einnahmeversprechen: Erlöse aus Werbung im Umfeld der „Instant Articles“, die die Medien selbst verkaufen, verbleiben zu einhundert Prozent bei ihnen selbst. Gewinnt Facebook einen Werbungtreibenden für das mediengenerierte Umfeld, so behalten die Amerikaner dreißig Prozent der Einnahmen für sich. Drittes Element im Angebot aus dem Silicon Valley: Ein Mehr an Daten über das Nutzungsverhalten der Leser wurde versprochen.

Das hört sich erstmal fair an und womöglich bewog diese Gesamtgestaltung Springer-Chef Döpfner zu seiner zitierten neuen Bewertung von Facebook. „Bild“ war denn auch von Anfang an dabei, ebenso wie „Spiegel Online“ und „tagesschau.de“. Die Instant Articles begegneten aber von Anfang an auch mannigfaltigen Bedenken, weswegen z. B. SPON betonte, man betrachte die Mitwirkung zunächst nur als Experiment. Befürchtet wurde etwa, dass die neuen „Sofort“-Artikel von Lesern als Leistung von Facebook wahrgenommen werden – und weniger als eine des journalistischen Mediums. Eine Erosion der Leserbindung liege nicht im Interesse der Verlage, Redaktionen sollten nicht zu verlängerten Werkbänken von Facebook werden, so sinngemäß die Argumentation von Mathias Müller von Blumencron, Digitalchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (epd 25/2015). Die FAZ beteiligt sich denn auch bis heute nicht an Instant Articles.

Noch hat kein deutsches Medium über seine Erfahrungen berichtet, jedenfalls nicht öffentlich. US-amerikanische Medien, die sich seit dem Start beteiligen, berichten von deutlich gestiegenen Nutzungszahlen – also von einem Erfolg –, aber auch davon, dass die Monetarisierung und die Auswertung der „audience metrics“ noch „in progress“ sei – was wir wohl als entwicklungsbedürftig verstehen müssen.

Für die allermeisten jungen Menschen in Deutschland ist Facebook längst die wichtigste Informationsquelle. Der Druck, der von der massenhaften Nutzung des Netzwerks ausgeht, kann von Medien schlechterdings nicht ignoriert werden. Es genügt offenbar nicht mehr, auf Facebook mit eigenen kleinen Kolonien unter Selbstverwaltung vertreten zu sein, deren Leseangebote in Form von Links zeitraubend zurückführen auf die klassischen Websites der Medien. „Instant Articles“ bedeutet: Journalismus wird integraler Bestandteil von Facebook. Die Plattform profitiert vor allem von der honorarfreien Zulieferung anderer, der Medien, weil es damit seine Reichweite steigern kann.

Dass Facebook sprichwörtlich alternativlos ist, zeigt das Beispiel von Bento, des jungen Ablegers von Spiegel Online. Bento ist eine Website und natürlich auch eine App fürs Smartphone. Aber seit dem 23. Februar publiziert Bento eben alles, was die kleine junge Redaktion hervorbringt, auch als Instant Article bei Facebook. Keine Rede mehr von einer kleinen Auswahl, mit der man experimentieren wolle.

Die Medien, die von Anfang an mitmachten, konnten sich einbilden, als erlauchte Schar für etwas Neues, Großes ausgewählt worden zu sein. Mit diesem Privileg ist es nun aber vorbei. Ab dem 12. April werden alle Medienorganisation „instant“ bei Facebook publizieren können. Das wird eine Welle in Gang setzen, der sich kaum noch jemand, auch die Skeptiker nicht, wird entziehen können. Und wenn, dann nur um den Preis, künftig übersehen zu werden, unaufholbar zurückzufallen im Kampf um Aufmerksamkeit.

facebook friend foe

„Media organizations and journalists are an integral part of Facebook“, verkündete das Unternehmen zur anstehenden Öffnung. Was so respektvoll wie eine Verbeugung vor der Leistung anderer klingt, ist aber auch eine Übernahmeerklärung, ein Statement zur zunehmenden Kolonisierung der Medien und des Journalismus.

In einer Podiumsveranstaltung der „Neuen Zürcher Zeitung“ am 30. September vergangenen Jahres in Berlin wetterte der Philosoph Peter Sloterdijk gegen das Silicon Valley als eine „zivile Außenstelle des Pentagon“ und führte aus:

„Die Vorherrschaft der amerikanischen Datentechnologie verkörpert mehr als bloß eine Nebenfront im amerikanischen Krieg gegen den Rest der Welt: Sie bildet die Schlüsseltechnologie, bei welcher ,hard power‘ und ,soft power‘ direkt ineinander übergehen.“

Das ist eine Fundamentalkritik der neuen digitalen Multis, die im internationalen Kontext auch von Denkern wie Shoshana Zuboff, Jaron Lanier und David Gelernter artikuliert wird. Die Kritik am digitalen Kolonialismus und Kapitalismus ist eben keine europäische oder gar nur deutsche Spezialität, die sich aus Kulturpessimismus speiste. Auch bei der internationalen Journalismusforschung finden sich genügend Warner: deutlich kritisch zum Beispiel Emily Bell, die Direktorin des Tow Centers for Digital Journalism an der Columbia Journalism School in New York, und auch Jeff Jarvis von der New Yorker City University, er jedoch deutlich Facebook-freundlicher – er plädiert für „Peace Talks“.

Emily Bell hingegen nutzte in der „Columbia Journalism Review“ das Kofferwort „frenemy“ für Google und Facebook – „frenemy“, ein Hybrid also, vielleicht auch ein Monster aus Freund und Feind. Bell hat aus ihren vielfachen Gesprächen mit Publishern berichtet, dass alle eine „mildly surpressed panic“ hinsichtlich der neuen Machtverhältnisse verbinde: Den Publishern gehören nicht mehr die global meistgenutzten Wege zu den Rezipienten, und sie kontrollieren sie auch nicht. Hohe Abhängigkeit, kleine Gewinne und „little insight“ bei den Nutzungsdaten sind die Folge.

Beide, Bell und Jarvis, sind der Auffassung, dass Facebook für den Journalismus mitverantwortlich ist – und zwar einfach deshalb, weil das weitreichende soziale Netzwerk eine solch starke Rolle in der gesellschaftliche Informationsverteilung und Nachrichtengebung einnimmt. Sie warnen aber davor, Facebook auch für die internen journalistischen Verfahren verantwortlich zu machen, seriöse Nachrichtengebung und akkurate Recherche zu gewährleisten. Denn das würde bedeuten, Facebook ins Innerste des Journalismus vorzulassen – um den Preis des weiteren Verlusts von Autonomie. Oder, andere Alternative: Facebook könnte sich durch die Zuordnung neuer Verantwortlichkeit eingeladen sehen, eigene Redaktionen zu gründen – die dann den Wettbewerb mit den traditionellen Medienorganisationen aufnehmen würden.

Die Journalismus-Initiativen von Google

Wie steht es nun um Google? Auch vom marktbeherrschenden Suchmaschinenkonzern, zu dem neben anderem auch Youtube gehört, haben wir zuletzt eine geballte Charmeoffensive erlebt – wir, das heißt: die Europäer. Und nur die, nicht etwa Amerikaner oder gar Afrikaner. Diese geopolitische Bevorzugung kann man ebenfalls nur aus der in Europa stark verbreiteten Skepsis sowie aus der Beobachtung von Google durch Regulierer wie die EU-Kommission verstehen. Google will zeigen: Wir sind doch gut und sogar großzügig.

DNI projects

Vorrangig ist hier die „Digital News Initiative“ (DNI) zu nennen, ein auf beeindruckende 150 Millionen Euro ausgelegtes Förderprogramm für Projekte des Digitalen Journalismus. Googles CEO Sundar Pichai hat jüngst in Paris die erste Tranche – 27 Millionen Euro an Projekte in 23 Ländern – verkündet. Noch sind nicht alle Geförderten bekannt. Aus Deutschland, wohin fast 4,9 Millionen Euro fließen werden, ist das Start-up Spectrm – ohne „u“ – dabei. Auf Basis Künstlicher Intelligenz soll es hier Publishern ermöglicht werden, direkter mit ihren Lesern zu kommunizieren und Inhalte zu verteilen, und zwar auf Basis von Instant Messaging Apps. Einen technischen Akzent setzt auch das Projekt „Sensorjournalismus“ des Hamburger Journalistenbüros OpenDataCity. Weitere deutsche Medien, die Geld aus dem Silicon Valley bekommen, sind der „Tagesspiegel“, die „Rhein-Zeitung“, die „Wirtschaftswoche“ und die Deutsche Welle.

Die Verbesserung der Kundenbeziehungen spielt in vielen der ausgewählten Projekte eine Rolle. Man fragt sich: Liegt der Schwerpunkt des Geförderten nun bei Technik und Ökonomie? Wo bleibt der originäre Journalismus? Von der Schweizer „Tageswoche“ wurde immerhin das Projekt „Stadtgespräch“ ausgewählt, bei dem die Themen-Interessen von Bürgern, digital artikuliert, in die journalistische Themenwahl einfließen soll.

Unten auf der Website www.digitalnewsinitiative.com gibt es die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Bis vor wenigen Tagen waren es derer nur zwei. Ein gewisser Xocu vermisst einen Bescheid von Google – ist sein Antrag überhaupt angekommen?

Ein Anonymus übt scharfe Kritik an der für ihn nur theoretisch noblen Fördermaßnahme DNI. Die 1,4 Millionen Euro, die nach Polen flössen, kämen vor allem drei Medien zugute, die kaum als Nachrichtenquelle gelten könnten, sondern politisch agitieren, so die Unterstellung. Die drei – eine Tageszeitung, ein Radiosender und ein Webmedium – hätten es vor allem darauf angelegt, Menschen auf Demonstrationen gegen die umstrittene polnische Regierung der PIS-Partei zu treiben. Die Wortmeldung zeigt, dass ein Mäzen wie Google mitten hinein in politische Auseinandersetzungen geraten kann. Und was würde Mark Zuckerberg sagen? „Wrong government“?

Wie Facebook sorgt sich auch Google um den schnelleren Seitenaufbau in Zeiten, in denen immer mehr Content auf mobilen Endgeräten rezipiert wird. AMP, Accelerated Mobile Pages, ist hier das Stichwort. Eine dritte Unterstützungsleistung von Google ist das „Project Shield“, eine Schutzmaßnahme gegen DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service), mit denen Hacker oder Zensoren anderer Staaten eine Medien-Website lahmlegen können. Sundar Pichai stellte das in Paris in direkten Zusammenhang mit kritischer Berichterstattung, die anderen nicht gefalle – und für weniger als einhundert Euro sei es möglich, eine solche Attacke auszulösen. Dagegen helfe „Project Shield“, welches „all the world’s independent news agencies“ angeboten werde – wobei der Google-CEO das Eigenschaftswort „independent“ beim Aussprechen merkwürdig verschluckte. Aber das wollen wir mal nicht auf die Goldwaage legen.

Etwas im Windschatten der DNI segelt das Google News Lab – obwohl es doch im Grunde Teil der DNI ist. Was wird hier angeboten? Eine Sammlung von Tools, ein digitaler Werkzeugkasten, den nicht nur Medienorganisationen auf der Makro-, sondern auch freie Journalisten und Blogger auf der Mikroebene nutzen können, und zwar in den Bereichen: Recherchieren, Berichten, Veröffentlichen, Optimieren. Zur Einführung gibt es Online-Tutorials. Die Nutzung von Google Trends für Datenvisualisierung ist ein weiteres Thema, jeweils hinterlegt mit interessanten Beispielen. Storytelling, Virtual Reality und TV-Aufnahmen mittels Drohnen – solche technischen Optionen für journalistische Sinneserweiterungen interessieren im News Lab vor allem.

Das Google News Lab bietet seinen Support aber nicht nur virtuell an, sondern kommt auch mit Trainern in Redaktionen, um z. B. die Fähigkeiten von Journalisten zur Suche mit Google zu verbessern. Laut Isa Sonnenfeld, der Leiterin des News Lab für den deutschsprachigen Raum, wird das Trainer-Netzwerk derzeit ausgebaut.

Medien haben keine andere Wahl

Die von Facebook, Google und anderen aufgelegten Programme zur Kooperation mit Medien und zur Förderung von Journalismus haben zweifelsohne ihr Gutes. Man sollte diese Offerten nicht um eines kritischen Prinzips willen ausschlagen.

Mag auch das Bundeskartellamt seit neuestem gegen Facebook wegen des Verdachts der Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung ermitteln – die Akzeptanz, die das soziale Netzwerk genießt, macht es Medien schlicht unmöglich, es zu ignorieren. Dies hat die turnusmäßige Untersuchung der Nachrichtenverbreitung in sozialen Netzwerken, die die Technischen Universitäten von Darmstadt und Dresden seit 2012 unternehmen, erneut bestätigt. Für das Jahr 2015 gingen mehr als 487.000 Artikel in die Untersuchung ein. Die Leser gaben diese Artikel mehr als 123 Millionen Mal weiter (2014: 83,0 Millionen Mal) – 116,7 Millionen Mal über Likes auf Facebook, 4,3 Millionen Mal über Tweets auf Twitter und 2,8 Millionen Mal über One ups auf Google+. „Marktbeherrschendes Medium für die Weitergabe von Nachrichten ist also weiterhin Facebook“, so die Informatiker und Medienökonomen aus Darmstadt und Dresden, „mit einem noch wachsenden Marktanteil von 94 Prozent (2014: 90,8 Prozent).“

Unter dem Druck der schieren Vormachtstellung auf dem Markt der webbasierten Kommunikation können Medien gar nicht anders, als zu versuchen, ihr Stückchen vom Kuchen der hier kollektiv organisierten Aufmerksamkeit für Nachrichteninhalte – und, nicht zu vergessen, Meinungen – abzubekommen. Doch sollten wir alle die Probleme, die sich daraus ergeben können, nicht aus den Augen verlieren.

Debundling – Abschied von Komposition und Integration

Nicht erst mit den „Instant Articles“, einer Art „Reader’s Digest“ des digitalen Zeitalters, hat die große Entbündelung von Medienprodukten eingesetzt. Das „Debundling“ hat erstens ökonomische Konsequenzen, weil nicht mehr konfektionierte Produkte mit einem höheren Preis und besser noch im Abonnement, früher waren das für Medien fest kalkulierbare Einnahmeposten, verkauft werden können, sondern zunehmend nur noch Einzelstücke – welche besonders gut nachgefragt werden, meldet uns dann Facebook mit seinem „Metrics“.

Das hat dann zweitens auch journalistische Konsequenzen, und zwar schon auf der Ebene der Aussagenproduktion: Formate, wie sie eine Zeitung mit ihren fest definierten Spalten und – anzeigenabhängig variierend – ihrer Seitenzahl darstellten, lösen sich auf. Es werden nicht mehr alle Spalten gefüllt, nicht mehr alle Ressorts bedient – jedenfalls nicht die, die nicht nachgefragt werden. Das klassische Blattmachen oder, moderner ausgedrückt mit Jakob Vicari, die publizistische Komposition eines Medienprodukts, das seine Abnehmer insgesamt und nicht nur interessenselektiv schlauer machen möchte –, diese aufklärungsverpflichtete Komposition wird obsolet. Ebenso die Integrationsfunktion von Journalismus: Das ganze Bild zu bieten, nicht nur einen Ausschnitt – das wird immer schwerer möglich sein.

Das hat dann drittens Folgen für die Informationsökologie der Gesellschaft: Die blinden Flecken nehmen zu, die unterbelichteten Sektoren der Wirklichkeit, über die man nichts, nichts Verlässliches oder nichts Hinreichendes weiß, um sich ein Urteil bilden zu können.

Natürlich ist das eine hypothetische Extrapolation, die ich hier auf dünnem empirischen Eis anstelle. Prognosen sind immer riskant und eigentlich kein wissenschaftliches Geschäft. Dennoch denke ich, es gibt einige empirische Indizien, warum wir diese mögliche negative Entwicklung im Auge behalten sollten – um gegenzusteuern, damit eben nicht eintritt, was zu befürchten ist.

Gibt es ein Leben danach, ohne Facebook & Co.?

Der schon zitierte Jeff Jarvis sieht keine Alternative für Medien, als Brücken zu den neuen globalen Plattformen wie Facebook zu bauen – oder sie würden einer Marginalisierung in der öffentlichen Wahrnehmung unterliegen und zu abgelegenen Inseln werden. Ein schönes Bild, aber Jarvis weiß hoffentlich auch, dass in der Zukunft Zwang dadurch entstehen kann, dass der Landbesitzer und Brückenbetreiber Facebook plötzlich Brückenzoll verlangt – und die Medienorganisationen zu Bittstellern werden.

Was, wenn der verlangte Preis zu hoch ist? Die Medienorganisationen könnten sich von Facebook trennen. Aber können sie das wirklich? Das weltweit stärkste, meistgenutzte Social Network – 1,6 Milliarden Mitglieder – ist eben nur auf den ersten Blick eine neutrale, nicht diskriminierende Vertriebsplattform, sondern vor allem ein Verkehrsleitsystem, das seine Mitglieder vor allem nach deren – intransparent gemessenen – Vorlieben beliefert, ja mehr noch: ein System zur Steuerung von Verhalten, das im Alltag von bald zwei Milliarden Menschen weit mehr als nur Mediennutzungsgewohnheiten habitualisiert.

Dass die Medienunternehmen weltweit mit Facebook einen Faustischen Pakt eingegangen seien, dieser Vergleich wurde schon oft gezogen, übrigens gerade auch in den USA. Und der Vergleich trifft. Denn was passiert, wenn sich Facebook und Medien trennen – sei es wegen plötzlicher Preisforderungen, sei es wegen möglichen Streits über Zensur, über Löschungen, die Facebook – oder auch Apple! – eigenmächtig vornehmen, weil bestimmte Inhalte nicht opportun erscheinen oder einfach weil Facebook allmählich Reichweite verliert? Auch das ist ja nicht ausgeschlossen, auch digitale Reiche sind ja keine Gebilde mit Ewigkeitsgarantie, auch deren virtuelle Völker können irgendwann zu neuen, scheinbar attraktiveren Angeboten abwandern.

Wenn einer der drei genannten Trennungsgründe einträte, dann ist jedenfalls für die Medienunternehmen nichts mehr wie vorher. Sie würden ihre „Stunde Null“ erleben und von vorne neu anfangen müssen. Denn die Reichweiten, die die vielleicht noch existierenden autonomen Websites oder Apps von Medienorganisationen erreichen, werden in der Zwischenzeit, in der Ära Facebook, marginalisiert worden sein. Ähnliches wird wohl für die verbliebenen Kundenbeziehungen gelten.

Für verantwortungsvoll geführte Medienunternehmen kann das heute nur bedeuten, die bisherige Multi-Channel-Strategie eben nicht aufzugeben, so aufwändig und kostenträchtig sie auch sein mag: sich also nicht allein mit Facebook einzulassen, sondern autonome Vertriebskanäle und Kundenbeziehungen, seien die digital oder analog auf Papier, aufrechtzuerhalten.

Datenschutz: Leser dürfen nicht ausgeforscht werden

Beim Datenschutz geht es um mehr als um die Naivität, die eine Regierung für gut und die andere für „wrong“ zu halten. Die NSA-Affäre hat uns einen Vorgeschmack auf das gegeben, was selbst in einem demokratischen Rechtsstaat wie den USA an Angriffen auf die Freiheit der eigenen Bürger und der anderer Staaten möglich ist. In Deutschland gilt das Fernmeldegeheimnis, doch Journalisten hier können am Telefon nicht mehr arglos mit ihren zu schützenden Informanten sprechen.

Ein möglicher neuer US-Präsident namens Donald Trump stimmt noch pessimistischer für die Zukunft. Schon hat Trump eine restriktive Gesetzgebung gegen Journalisten angekündigt – was alles steht uns noch ins Haus? Dass Eric Schmidt, der CEO der Google-Holding Alphabet, seit neuestem für das Pentagon arbeitet und dort ein Gremium für digitale Innovationen leitet, kann man auch nicht wirklich als vertrauensbildende Maßnahme werten.

Der gebotene Schutz sensibler Daten ist ein hohes Gut, auf das es keinen Rabatt gibt. Dieses Gut ist nicht verhandelbar, erst recht nicht im Verhältnis zu Facebook. Hier geht es nicht nur um geheime Text- oder Bild-Materialien, die verantwortungsvolle Journalisten schon lange nicht mehr auf US-Servern wie Dropbox oder Microsofts OneDrive speichern. Und doch musste ich gerade lesen, Spiegel Online verwalte seine Themenplanung immer noch in einem Google Doc – ein Unding, wie ich finde. Es geht auch um die Nutzungsdaten, die Verhaltensspuren, die Leser deutscher Medien in den USA, bei Google und Facebook, hinterlassen können. Von diesen Spuren kann man auf politische Überzeugungen schließen – und das geht Staaten, geht Geheimdienste gar nichts an.

Transparenz auch und gerade beim Algorithmus

Eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit den Tech-Multis aus dem Silicon Valley ist bis auf weiteres nicht vorstellbar. Die ideale Gleichberechtigung kann es aufgrund der absoluten Machtposition der Techs, resultierend aus ihrer fast totalen Akzeptanz, nicht geben. Ein zweites kommt hinzu: Was für Demokratien typisch ist, die Brechung und Milderung von Macht durch Verfahren, als da wären: Deliberation, Transparenz, checks and balances – das eben ist mit Mark Zuckerberg und Eric Schmidt nicht zu machen. Ich meine hier etwas sehr Konkretes und doch Sagenumwobenes: die Algorithmen der Suchmaschinen und Netzwerke. Staatsgeheimnisse sind eine Sache von vorgestern. Aber „in Digitalien“ gelten sie noch, die bestgehüteten Geschäftsgeheimnisse der Techs. Kaum einer traut sich noch, danach zu fragen und Transparenz einzufordern.

Weil Externen jeglicher Einblick in die Algorithmen verwehrt wird, ist es unmöglich, letztgültig zu beurteilen, ob Google, Facebook und all die anderen fair mit ihren Partnern umgehen – und fair mit der Öffentlichkeit freier Gesellschaften, die nicht den Wärmetod in Filter Bubbles erleiden wollen.

Legt den Algorithmus offen! Das ist eine utopische Forderung, auch wenn es ja Vorbilder gibt, wie es gehen könnte. Das ist der neuere Umgang mit den TTIP-Verträgen. Wenig genug, aber im Januar konnten immerhin Bundestagsabgeordnete die Verträge einsehen. So könnten auch die amerikanischen Techs in abgeschotteten Data Rooms wenigstens Berufenen, also zum Beispiel legitimierten Abgesandten der EU, Einblick gewähren. Nach Lage der Dinge könnten das aber nicht einfach Politiker sein. Sie müssten sich ihre Experten mitbringen, um die Funktionsweise des Algorithmus überhaupt zu verstehen.

Netzneutralität und Medienvielfalt wahren

Einige werden sich noch an Leo Kirch und seine erste d-box erinnern. Ein Decoder für Digitalfernsehen, der proprietär programmiert war: Andere Programmveranstalter sollten nur über Kirch Zugang erhalten. Kleiner Ausflug in die Mediengeschichte, aus dem ich das Stichwort „proprietär“ mitnehme. Frei übersetzt bedeutet es „im Eigentum befindlich“ und in seinem Bedeutungshof schwingen „Monopol“ und „Ausschluss“ mit. Proprietäre Geschäftspläne kamen aus München-Unterföhring, sie kommen heute aus dem Silicon Valley. Man höre nur, was Apple als Vorzug seiner neuen „News App“, hierzulande noch nicht verfügbar, beschreibt:

„News collects all the stories you want to read, from top news sources, based on topics you’re most interested in — so you no longer need to move from app to app to stay informed.“

„You no longer need to move from app to app“ – das eben soll vermieden werden, der User eingefangen werden in einem geschlossenen Universum, in einer exklusiven Verwertungskette, die nur einem Anbieter – hier: Apple – oder wenigen zugutekommt. Der moderne Gegenbegriff zum Proprietären ist die Netzneutralität, ein wichtiger Grundsatz auch der deutschen Medienregulierung.

DNI projects

Danach handeln übrigens auch die indischen Telekom-Aufsichtsbehörden, die Mark Zuckerberg jüngst eine herbe Niederlage beigebracht haben: Er wollte eine Milliarde Menschen auf dem Indischen Subkontinent, die noch nicht online sind – nur dreihundert Millionen sind es – mit einem kostenlosen „Free Basics“ beglücken – einer rudimentären Version von Netzvielfalt, die fast nur Facebook enthalten hätte. Die Aufsichtsbehörde TRAI untersagte das.

Ein empfindlicher Rückschlag für Zuckerberg, von dem wir vermuten dürfen, dass er im Interesse des eigenen Wachstums zwei Zahlen fest im Blick hat: Ende 2015 waren 3,2 Milliarden Menschen online – eine gigantische Zahl. Aber verglichen mit der Weltbevölkerung zeigt sie eben auch an: 4,1 Milliarden sind noch nicht an das Internet angeschlossen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Volker Lilienthal. Er ist Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg und Mitautor von „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“. Der Beitrag ist eine leicht gekürzte Fassung seiner Keynote beim „lpr forum medienzukunft“ am 10. März 2016 in Frankfurt am Main.

Bilder:
Sundar Pichai: CC BY 2.0, via flickr/vuhung, Mark Zuckerberg: CC BY-NC 2.0, via flickr/jdlasica, DNI-Projekte: Screenshot www.digitalnewsinitiative.com, FB-Logo: CC BY-SA 2.0, via flickr/AngsCopy, Volker Lilienthal, Foto: privat.

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23 Kommentare
  1. Es gibt ein Leben ohne Google, Facebook, Amazon & Co.

    Wer nicht will, dass diese wirtschaftliche Giganten noch mehr Einfluss auf das Internet nehmen und noch mehr unversteuerte Profite dem Gemeinwohl entziehen, der muss dafür sorgen, dass keinerlei Verbindungen zu den Servern dieser Konzerne mehr möglich ist. Werder absichtliche noch unabsichtliche Verbindungen. Dies ist technisch möglich, mit etwas Aufwand, der überschaubar ist.

    Unser Netz beansprucht diese Konzerne nicht mehr und trägt auch folglich nicht mehr dazu bei, dass diese weiter mit unserer Unterstützung wachsen können. Wie vermissen dabei nichts.

    Die Interessen der großen Internet-konzerne sind nicht in unserem Interesse. Wir fühlen uns nicht den Aktionären dieser Konzerne verpflichtet. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen von einem freien und nützlichen Internet, dass frei von Ausbeutung, Spionage, Tracking und Datamining ist.

  2. Die Google-Suchmaschine mag gut sein, aber gut für wen?
    Google gewichtet nach Relevanz, doch wer bestimmt, was relevant ist?

    Gut für Google ist, was deren Gewinn steigert. Relevante Suchergebnisse sind jene, die Google den meisten Profit bringen. Google ist nicht anderes als ein Filter. Google entscheidet, was ihr vom Internet zu sehen bekommt.

    Wer nach Nachrichten im Internet sucht und dabei Google benutzt, der akzeptiert, dass Google die oberste Redaktionsbehörde ist. Google entscheidet, welches die ersten Treffer sind, die präsentiert werden und Google entscheidet, ob ein Treffer überhaupt angezeigt wird.

    Wer sich in der Google-Blase befindet, der entkommt ihr nicht mehr so schnell. Google entscheidet, was für dich wichtig ist und was du besser nicht zu Gesicht bekommst. In dieser Blase IST Google das Internet. Facebook geht einen ähnlichen Weg. Manche User bezeichnen schon Facebook als DAS Internet.

  3. Die Medienorganisationen könnten sich von Facebook trennen. Aber können sie das wirklich?

    Anstalten des öffentlichen Rechts fördern Facebook in einer Weise, die nicht legal ist. Mittlerweile setzen ARD und ZDF darauf, dass man Facebook benutzen soll, um Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Alternative Kommunikationswege werden schon gar nicht mehr genannt. Ich halte das nicht für rechtmäßig, weil es ein unzulässiges Produkt-Placement ist. Das müsste mal konsequent „geschremst“ werden!

    Die Medienanstalten tun dies nicht, weil es im Interesse des Nutzers ist. Im Gegenteil, denn so können sie von der Datamining-Industrie profitieren und ihre Kunden/Hörer/Zuschauer besser ausforschen, als sie es jemals zuvor konnten. Darüber hat der durchschnittliche Kunde/Hörer/Zuschauer aber keinerlei Kontrolle. Die meisten jedoch ahnen es nicht einmal.

    1. „Die meisten jedoch ahnen es nicht einmal.“
      Und woher nimmst Du die Sicherheit, daß bei den Medienanstalten nicht einfach die gleiche Dummheit regiert?

      1. Man ist dort nicht einseitig intelligent. Der Nutzen ist zum ausnützen da, und wird auch im großen Stil betrieben. Einschaltquoten z.B. werden nicht mehr mühsam erfragt, sondern realtime ermittelt. Dabei wird auch heftig ausgeforscht, welcher Zielgruppe man angehört, und ob der Werbeblock gut ankommt.

    2. Konnte ich mir spontan nicht vorstellen und habe mal ard.de aufgerufen und auf „Kontakt“ geklickt. Ich werde auf ein stinknormales Kontaktformular weitergeleitet, dass nichts mit Facebook zu tun hat. Genauso bei zdf.de.
      Aber klar, auch die ÖR-Sender setzen auf Facebook, ganz einfach, weil sich ein großer Teil der angestrebten Zielgruppen dort antreffen lässt – und das sind nicht nur die „jungen Leute“. Ich finde das eigentlich auch wunderbar, so ein direkter Austausch zwischen Medium und Konsument war noch vor zwei Jahrzehnten undenkbar.
      Problem hierbei ist nur der unkritische Umgang mit Facebook und Co. und die fehlenden europäischen / deutschen Alternativen, die es mangels geeigneter Politik nicht geben kann.

      1. Der Verweis auf Facebook geschieht in den Sendungen, nicht auf der Kontaktseite auf deren Website.

  4. Google dreht, wann immer sie wollen, beliebigen Medium die Besucher ab – der heilige Algorithmus – kann man nichts machen.

    Dann nehmen sie einzelne an den Tropf – solange wie sie wollen – und erntet sogar noch Sympathiepunkte.

    So produziert man sich Hörige und Abhängige. Aber alles wird gut ;-(

  5. Nachdem mein Post der Tagesschau, die den Extra 3 Beitrag Erdowie Erdowo gezeigt hatte, von Facebook gelöscht wurde, bin ich geneigt dieses Unternehmen für nicht besser als den Karikierten zu halten. Was für erbärmliche Wichte, aber mit unseren Daten Geld verdienen.

    1. > aber mit unseren Daten Geld verdienen.

      Gut erkannt!

      Nun liegt es an Dir, den nächsten Schritt zu tun: Gib den Kraken kein Futter mehr!

      Nein sagen macht stark!

  6. Bei der ZEIT online werden die Redakteure streiken, weil sie höhere Löhne und einen Tarifvertrag wollen. Den Zeitungen geht es schlecht, die Werbeeinnahmen brechen weg (wobei die Konsumenten, von deren Käufen die Werbung bezahlt werden keinerlei Einfluss darauf haben, für welche Werbung ihr Geld weggeschmissen wird). Verlage stiften Lehrstühle an öffentlichen Universitäten, damit ihre Propaganda gesichert sind. Weltweit einzigartig wird in Deutschland das Internet durch ein „Leistungsschutzrecht“ behindert. Durch Lobby bei der Bundesregierung und der Landesregierung NRW durch genau die herbeigeführt, die am lautesten über den Niedergang der deutschen Zeitung weinen und mit der Digitalisierung nicht zurecht kommen.
    Bei Google und Facebook werden personenbezogene Daten dazu verwendet, den Nutzern „passende“ Werbung anzuzeigen. Die Daten werden nicht illegal wie im BKA erhoben, dass ohne Konsequenzen die Festplatten von Bürgern durchsuchen konnte, der Datenschutzbeauftragte Schaar aber angeblich kein Geld für eine Sourcecode-Inspektion der kriminellen BKA-Software hatte.

    Es ist ziemlich unglaubwürdig, wenn ein Betroffener und Befangener, der von einem Verlag bezahlt wird, dann wehklagt, wie schlimm Google und Facebook seien. Interessanter als das ständige Geweine wäre es, darüber zu diskutieren wie man Journalismus aufrechterhält, wenn die traditionellen, papierbasierten Geschäftsmodelle nicht mehr greifen:
    – müssen wir öffentlich-rechtliche Auffanggesellschaften wie bei Rundfunk und Fernsehen bauen für Journalisten?
    – reichen Werbung und Crowdsourcing wie bei netzpolitik.org für Qualitätsjournalismus?
    – sollen Werbegelder von Google und Facebook für Journalismus genutzt werden?
    – gibt es Flatrateangebote von 10 € im Monat mit denen man weltweit alle Zeitungen onlien lesen kann? Immerhin sind die Druck- und Papierkosten vollständig entfallen und man kann online zu Grenzkosten von nahezu Null distributieren. 1968 brachte die Mitarbeiter des Berliner Verfassungsschutzes die Molotowcocktails, die man den Demonstranten unterjubelte, noch dahin, wo die Auslieferungsfahrzeuge die Zeitung aus dem Veraag abholte.

    Das antiamerikanische Wehklagen hilft dich nicht weiter. Wir sehen doch, wie Deutschland in vielen Bereichen bei der Digitalisierung zurückfällt. Wo ist die frische Luft, die tragenden Gedanken? Sicherlich nicht beim Datenschutz. Es gibt ja nicht eine einzige Initiative, in einem globalen Medium den Datenschutz auch global zu organisieren wie wir Atomwaffensperrvertrag, WTO oder WIPO auch nicht regional organisieren wie absurderweise die DSGVO der EU.

    Facebook und Google macht das einzig richtige: da von den regionalen Journalisten keine intelligenten Impulse ausgehen, gestalten sie auch in dem Thema selbst. Die Tatenlosigkeit und Obstruktion der Döpfners ist da keine Hilfe. Wer schläft, wird gestaltet.

    1. > – sollen Werbegelder von Google und Facebook für Journalismus genutzt werden?

      Damit die Filterblase noch weiter optimiert wird? Die sollen erst mal ihre Einnahmen ordentlich versteuern!

    2. Steuern zahlen? Das wäre Aufgabe der nationalen Parlamente. Von denen war in dem Artikel nicht die Rede. Die haben ja keine Steuern hinterzogen wie unsere Sportskanonen und diese Dame von der „Emma“-Zeitung. Sollen die IT-Unternehmen also auf Spenden verzichten und warten, bis die Parlament die Steuergesetzgebung so weit ändern, dass sie steuerpflichtig werden?

      1. Moralisch ist beides kaum unterscheidbar. Niemand hielte sie davon ab, in D (und diversen Ländern) eine – in dem Fall auch gern – Briefkastenniederlassung zu errichten und schlicht die im jeweiligen Land erzielten Einnahmen zu versteuern. Jeder, der dort kauft schaufelt sich sehend sein Grab und wenigstens sein schlechtes Einkommen.

      2. @c5695zb0
        Moralisch ist es verwerflich, sich in einer Demokratie zu wähnen, sich ein Parlament zu wählen, dass solche Steuergestaltungsmöglichkeiten schafft, und dann moralisch darüber zu klagen, dass sich Unternehmen an diese Gesetze, die im Namen des Souveräns beschlossen werden, halten. Es ist sehr bigott.

        Das mit dem Grab habe ich nicht verstanden. Man kauft in der Regel nichts bei Google oder Facebook. Unternehmen, bei denen Verbraucher kaufen, nehmen eine Teil ihres Umsatzes und geben denen Google oder Facebook für Werbung. Ist Werbung jetzt unmoralisch? Oder sollen wir weiter so machen wie bisher: Wir kaufen bei Lidl, ein Teil des Umsatzes geht für Werbung an Google und Facebook und dann blocken die Cleveren moralisch gut mit Adblock die Werbung? Cashburning?

    3. Man wird älter und der Kopf voller, also lagert man besser einiges aus und schreibt es auf.

      Da ich sehr lange als Berater für den Öffentlichen Dienst tätig bin, kann es eine leichte Verzerrung geben zum E-Government als letzter großer Herausforderung des Abendlandes.

      Nebenbei wird auch gebastelt: Ich nutze die freie Software WordPress für den Blog. Ein wenig Werbung über Google adsense soll geschaltet werden/. Und was man sonst noch so als neumodischen Schnickschnack findet.

      Wenn ich jemals eine Überdosis Ksoll bräuchte, dann gehe ich zu http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de

      TL;DR

  7. Es gibt genügend europäische Unternehmer mit ausreichend finanziellen Mitteln und den notwendigen Netzwerken um eine ernsthafte Konkurrenz zu gründen.

    Aber denen mangelt es anscheinden an einer wichtigen Zutat.
    Vielleicht Mut, Kreativität, KnowHow oder Idealismus. Vielleicht fehlt auch von allem ein bisschen?

    Vielleicht sind deutsche Unternehmer aber auch zu korrekt und denken sie müssten das Spiel fair spielen. Dann hat man natürlich keine Chance, gegen jemanden der Schummelt.

    1. Der Springer-Verlag fair spielen? So wie bei den geheimen Treffen im Kanzleramt, wo man die Teilnehmerliste nicht rausrücken wollte? Oder Augstein, wo man die Meinung über öffentliche Hochschulen spielt? Der war gut :-)
      https://netzpolitik.org/2016/verwaltungsgericht-kanzleramt-muss-kabinettsprotokolle-teilweise-herausgeben-wir-klagen-weiter/
      https://netzpolitik.org/2015/neuer-job-neue-meinung-piraten-mda-christopher-lauer-ist-jetzt-fuer-leistungsschutzrecht/

  8. Ein schöner Artikel aus dem Bernie-Sanders-Umfeld in den USA, warum es nicht unkritisch ist, wenn jemand aus dem Umfeld der Pressezaren über Internet-Firmen sich auslässt:
    http://www.huffingtonpost.com/brian-hanley/bernie-sanders-is-exactly_b_9559188.html
    Man kann nicht ausschließen, dass der Geldadel mit solcher Rede seine Pfründe sichern will und sich der Neuzeit in den Weg stellt. Ein etwas unabhängigerer Autor wäre hier vielleicht nützlicher gewesen.

  9. Auf einer Netzwerk Recherche-Tagung zum „Gemeinnuetzigen Journalisnus“ ,antwortete Prof. Lilienthal
    auf meine Frage ,wie hoch er im heutigen digitalen Zeitalter das (potentielle) Spektrum im Medienbe- reich einschaetzt ,dass sich eine Aktualisierung einer „Alternativen Medientheorie und -Praxis nach B. Brecht + W.Benjamin vorstellen kann? Er antwortete mir :“Ca. 8%“. Meine Nachfrage:“Nur oder immer- hin 8% ,die als zu aktivierendes Potential fuer o.g. Aktualisierung derzeit zu gewinnen waeren“ ,liess er offen. Leider auch kein Wort von ihm im obigen Artikel ,was (auch gesetzlich) geschehen muesste ,um neue ,insbesondere gemeinnuetzige Medieninitiativen zu foerdern ,um langfristig dieser geballten , global agierenden Medienmacht etwas entgegenzusetzen. Z.B. Hans Leyendecker war da konkreter , was die Notwendigkeit von Alternativen zum herrschenden Medienbetrieb betrifft. Hier solltet Ihr von
    „netzpolitik.org“ da noch einmal bei Prof. Lilienthal nachhaken ,um auszuloten ,wie konkret oder „wachsweich“ seine Vorstellungen hierzu sind. Seine obige Analyse in Ehren ,aber das medienpra-
    xisorientierte „Fussvolk“ braucht manchmal auch Orientierung durch Medienwissenschaftler. Zum Ab- schluss hier der Dialog von Herrn K.und Herrn Wirr aus Bert Brechr’s Keunergeschichten (1930) :

    >Herr K. trifft Herrn Wirr ,den Kaempfer gegen die Zeitungen (damals „Medienzar“ Hugenberg & Co).
    Herr Wirr:“Ich bin ein grosser Gegner der Zeitungen. Ich will keine Zeitungen,“ Herr K. erwiderte ihm : „Ich bin ein noch groesserer Kaempfer gegen die Zeitungen. Ich will andere Zeitungen“< (und eben nicht nur andere Inhalte ,sondern auch andere Formen von Medienproduktion – Brecht's Erwiderung zu Fritz Lang in Hollywood/USA in den 1940er Jahren) – .

    Peter Schmidt

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