Dies ist ein Gastbeitrag von Stefania Milan, erschienen in „Critical Perspectives on Social Media and Protest – Between Control and Emancipation“, herausgegeben von Lina Dencik und Oliver Leistert (Rowman & Littlefield, 2015). Wir veröffentlichen den Beitrag in gekürzter Fassung und mit Erlaubnis der Autorin, des Verlages und der Herausgeber. Von diesem Artikel ist auch das gekürzte englische Original online. Dank an Ben Siegler für die Hilfe bei der Übersetzung.
7. Januar 2015: Der Hashtag #JeSuisCharlie („Ich bin Charlie“) wurde Trending Topic auf der Microblogging-Plattform Twitter. In etwa einer halben Stunde erschienen mehr als 21.000 Tweets, die der Opfer des Angriffs auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo gedachten, die zwölf Leben forderten. In den darauffolgenden Wochen gingen Tausende Menschen in verschiedenen europäischen Städten auf die Straße, Schilder mit dem Slogan hochhaltend. Aber der Hashtag drückte nicht nur Unterstützung für die Opfer aus. Er signalisierte zugleich das unbedingte Festhalten an den Grundwerten der westlichen Demokratie, vor allem der Pressefreiheit.
In ähnlicher Weise entwickelten sich andere Hashtags, mit anderen Blickwinkeln auf die Ereignisse: #JeNeSuisPasCharlie zum Beispiel hinterfragte das widersprüchliche „neoliberale solidarische Nicken“, das die Anschläge allein auf einen Angriff auf die Meinungsfreiheit reduzierte und dabei den gesellschaftlich-historischen Hintergrund ignorierte, der den dahinterliegenden Konflikt angefacht hatte; #JeSuisAhmed ehrte den muslimischen Polizisten algerischer Herkunft, Ahmed Merabet, der dem Anschlag zum Opfer gefallen war.
25. Februar 2015: Der Hashtag #Maagdenhuisbezet („Maagdenhuis besetzt“) entwickelte sich rasch zu einem verbreiteten Hashtag auf Twitter. Er bezog sich auf die Besetzung des Zentralgebäudes der Universität Amsterdam durch Mitglieder der Studentenschaft und Angestellte der Universität. Sie protestierten gegen die vorgeschlagenen Kürzungen des Budgets der geisteswissenschaftlichen Fakultät und forderten eine „neue Universität“, die nicht von Profitdenken geleitet wird. Der Hashtag war außerdem ein Verweis auf eine Besetzung desselben Gebäudes im Jahre 1969, ein Ereignis, das einen Reformprozess anstieß, der ein 1971 verabschiedetes Gesetz hervorbrachte, welches die Rolle der Studenten und der Mitarbeiter in der Führung der Universität bestätigte. Anders gesagt: Der Hashtag beschwor die Gemeinsamkeiten zwischen den damaligen und aktuellen Bewegungen als ein Omen für den bevorstehenden radikalen Wandel.
Soziale Medien sind ein nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Lebens. Ende 2014 gab es zwei Milliarden aktive Social-Media-Accounts bei drei Milliarden Internetnutzern, was einem Anteil von 29 Prozent bzw. 42 Prozent der Weltbevölkerung entsprach. Es ist zu erwarten, dass Entwicklungsländer für das größte Wachstum im Jahr 2016 verantwortlich sein werden. Fünfhundert Millionen Tweets mit maximal 140 Zeichen werden jeden Tag versendet, in 33 Sprachen, und 79 Prozent der Twitter-Accounts sind außerhalb der Vereinigten Staaten – und dennoch ist Twitter nicht die populärste Plattform. Facebook führt das Feld an, gefolgt vom chinesischen Netzwerk QZone und weit abgeschlagen Google+.
Die Identitäten sowohl des Protestes als auch der Protestierenden entfalten sich genau wie im echten Leben in einer Vielzahl von individuellen und kollektiven Erzählungen auf den Social-Media-Plattformen, oftmals gleichzeitig. Ich habe für diese neue Mobilisierungsdynamik den Begriff „cloud protesting“ geprägt, mit Bezug zur digitalen Netzstruktur, die sie ermöglicht.

Im Netz von Social Media
Heutige organisierte kollektive Aktionen sind stark durch eine tiefgreifende „Social-Media-Logik“ beeinflusst, die von den „Strategien, Mechanismen und der Ökonomie, die diesen Plattformen unterliegen“, bestimmt wird (van Dijck and Poell 2013, S. 3). Es stellt sich die Frage, ob, und wenn ja wie, diese „Social-Media-Logik“ die Natur der heutigen kollektiven Aktionen verändert.
Wir können eine Vielzahl an Mustern innerhalb der derzeit verbreiteten Social-Media-Systeme feststellen, welche zu einer Neudefinition von Priorisierung, Sichtbarkeit und Popularität von Inhalten führt. Diese Muster beeinhalten
- Öffentlichkeit: Inhalte und Interaktionen sind üblicherweise öffentlich und rückverfolgbar, wenn auch manchmal in „walled gardens“ eingezäunt;
- Mobilität: 77 Prozent der Nutzer nutzen Social Medis über mobile Geräte, was zu einer Änderung der zeitlichen und örtlichen Umstände und der Häufigkeit der Produktion von Inhalten und deren Erfolg führt;
- Echtzeit: die geteilten Inhalte erscheinen nahezu in Echtzeit auf den Bildschirmen, was eine beinahe augenblickliche Reaktion erlaubt;
- „datafication“: Plattformen quantifizieren Austausch und Interaktionen, Nutzer werden schlussendlich auf Profile und Dateneinträge reduziert;
- virtuelle/reale Kopräsenz: das Verschwimmen der Grenzen zwischen virtueller und realer Welt fördert die Überlagerung der beiden Dimensionen;
- automatisierte Störung: hierbei operieren Fake-Accounts und Bots, also virtuelle automatisierte Maschinen, neben regulären Nutzern und stören dabei potentiell deren Aktivitäten und Wahrnehmungen.
Alles in allem ruft Social Media ganz wesentliche Einschränkungen in Bezug auf soziale Angebote hervor. Sie bedeuten gerade nicht ein „Ermöglichen ohne zu Bestimmen“ (Bennett and Segerberg 2013, The Logic of Connective Action: Digital Media and the Personalization of Contentious Politics. Cambridge: Cambridge University Press); sie tragen in erheblichem Maße zur Strukturierung der Art und Weise von Interaktionen und Beziehungen bei.
In diesem Kontext mag meine Idee des Begriffs „cloud protesting“ stark widersprüchlich erscheinen. Die zentralisierte und privatisierte Natur der „cloud“ ist vielleicht nicht die beste Metapher für die dezentralen Bestrebungen gegenwärtiger Mobilisierungen.
Der Bezug zu „cloud computing“ zeigt eine fundamentale Ambivalenz gegenwärtiger kollektiver Handlungen: einerseits ihre Distanzierung von den Werten und der Ausbeutung des digitalen Kapitalismus, während andererseits ihre Entfaltung, Ausbreitung und das Überleben des Protests gleichzeitig in einer essentiellen Abhängigkeit zu dessen Produkten stehen – besonders bei Social Media. Im Folgenden erkunde ich die wichtigsten Charakteristika des „cloud protesting“, mit einem Blick darauf, welche sozialen Dynamiken durch die Logik des kommerziellen Social Media hervorgerufen werden.
Die Mobilisierungsverläufe des „cloud protesting“
Organisationen stellten historisch gesehen den Motor sozialer Bewegungen dar und koordinierten kollektive Handlungen. Werfen wir jedoch einen Blick zurück in die vergangenen sechs Jahrzehnte sehen wir einen Verlauf der progressiven Befreiung in informelle Gruppierungen, kleine Cluster und Individuen. Sehr vereinfacht betrachtet kann diese Entwicklung als eine Funktion von Technologie betrachtet werden, die schrittweise zugänglich wurde, und den Kommunikationsdynamiken, die diese Technologie ermöglicht hat. Wir können dabei drei Phasen unterscheiden, unterteilt in Organisationen sozialer Bewegungen, in Cluster vernetzter Individuen und in das, was ich als „cloud“ bezeichne.
Die erste Phase wurde von prototypischen sozialen Bewegungen dominiert, deren Mitgliedschaft auf Geschlecht, Religion oder Alter basierte (vgl. beispielsweise Tilly 2009: Social Movements, 1768–2008. 2nd ed. New York: Paradigm Publishers). Ihre Anführer kontrollierten die kulturelle, ideologische und normative Ausrichtung der Bewegung und dienten als Kontaktstelle für Massenmeden und Journalisten. Medienoutlets dieser Bewegungen (Downing, John D. H., ed. 2011. Encyclopedia of Social Movement Media. Thousand Oaks, CA: Sage), besonders populär in Form von freien Radio- oder Piratensendern, alternativen Magazinen und selbstgedruckten Flugblättern, blieben am Rand der Gesellschaft und unter der Kontrolle von wenigen erfahrenen Aktivisten.
In der zweiten Phase, die gleichzeitig mit der Verbreitung des Internets in den späten 1990ern Jahren ablief, verbreiterte sich die interne und externe Kommunikation und wurde in gewissem Maße ungefilterter, ähnlich wie die kulturelle und symbolische Darstellung von sozialen Bewegungen.
Identitäten und Werte wurden produziert und reproduziert durch vernetzte digitale Kommunikation und die Verbreitung von immer günstiger werdenden Camcordern und Computern, die zu einer Vielzahl an selbstproduzierten Medien wie Websites und unabhängigen Videoproduktionen führten. Als eine Metapher: Das Netzwerk inspirierte zu innovativen Experimenten in horizontaler (nicht-hierarchischer) Organisation, mit flexiblen Koalitionen wie etwa Bezugsgruppen, temporären Clustern, am Handeln orientiert und verbunden durch gemeinsame Werte und Ansichten (siehe McDonald 2002: „From Solidarity to Fluidarity: Social Movements Beyond ‚Collective Identity‘ – The Case of Globalization Conflicts.“ Social Movement Studies 1: 109–28).
Sie existierten und wirkten im Kontext breiterer Netzwerke, welche oftmals über Landesgrenzen hinweg reichten. Sie betonten die Rolle des Individuums, dessen Bedürfnisse, Vorlieben und Erfahrungen sowie die Bedeutung von Zusammenarbeit. Es bildeten sich „experience movements“ (Erfahrungsbewegungen), die die erfahrbare Dimension eines Individuums ud dessen Beziehung zu anderen hervorhoben (McDonald 2004: „Oneself as Another: From Social Movement to Experience Movement.“ Current Sociology 52 (4): 575–93). Aber das Aufkommen und die massenhafte Verbreitung von Social Media in der Mitte der 2000er Jahre ebneten den Weg für eine dritte Dynamik, die des „cloud protesting“, in dessen Zentrum Social Media steht.
Wenn wir die Erfahrungsbewegungen der Internet-Ära mit den heutigen „spontanen“ Zusammenkünften vergleichen, die sich in den Social-Media-Communities zusammenballen, können wir sehen, dass der Fokus auf das mikro-interaktionale Level der kollektiven Handlung in Bezug auf soziale Bewegungen nicht neu ist. Was sich durch Social Media verändert hat, ist das Ausmaß direkter individueller Interaktionen (mehr Menschen können potentiell miteinander kommunizieren), ihre Häufigkeit (mobile „always-on“-Geräte bieten direkten Zugang zu Social Media) und ihr Umfang (seit die Grenze zwischen dem alltäglichen Privaten und dem Politischen an Relevanz verloren hat). Zusätzlich wirkt die Öffentlichkeit und Sichtbarkeit dieses mikro-interaktionalen Levels sowohl für externe Beobachter als auch die Beteiligten selbst unterstützend in Hinblick auf Solidarität und Verbreitung von Protesten und fördert und erleichtert die Berichterstattung.
Social Media und mobile Geräte haben einen organisatorischen Rahmen für das „cloud protesting“ bereitgestellt. Gruppierungen erreichen allmählich eine „verteilte und individuelle Anhängerschaft“ (Gerbaudo 2012, 5: Tweets and the Streets: Social Media and Contemporary Activism. London: Pluto Press. (pdf)), die auf flexiblem indviduellen Engagement in der Ich-Form wurzelt. Sie haben die Gestalt von Mikro-Organisationen mit unterschiedlichen Geometrien angenommen, gruppiert um fließende Konstellationen von bereits bestehenden interpersonellen Verbindungen, Interaktionen und Netzwerken.
Gerade weil das Alltägliche kaum noch vom Politischen zu trennen ist, ähneln diese Gruppierungen – hier als „clouds“ bezeichnet – zunehmend bekannten Verbünden wie Freundesgruppen oder Interessengemeinschaften, in denen zuweilen auch verschiedene Arten von nicht-politischen Inhalten ausgetauscht werden. Ähnlich wie bei den Erfahrungsbewegungen bemühen sich die Teilnehmer nicht, durch ihre Taten eine Gruppenidentität zu bekunden (ein zusammenhängendes, unzweideutiges „Wir“). Stattdessen streben sie nach „anderen Wirkungen von Handlungen: Regenerierung, Berührung, Zuhören, Fühlen, Sehen, Bewegen“ – „Regeln der Gestaltung“ (McDonald 2006, 37: Global Movements: Action and Culture. Maldena, MA and Oxford: Blackwell, McKelvey, Fenwick Robert. 2014. „Algorithmic Media Need Algorithmic Methods: Why Publics Matter.“ Canadian Journal of Communication 39 (4): 597–613 (pdf)).

Die Folgen der Sichtbarkeit
Der Wechsel zu einer Politik der Sichtbarkeit, der durch Social Media gefördert wird, bringt sowohl beabsichtigte als auch unbeabsichtigte Arten von Präsenz und Öffentlichkeit, die wesentliche Auswirkungen auf kollektives Handeln haben können. Diese Auswirkungen beeinträchtigen das Verhältnis zwischen Bewegungen und dem Staat, aber auch die internen und externen Dynamiken von sozialen Bewegungen. Beide haben mit der ambivalenten Einstellung gegenüber Öffentlichkeit, Sichtbarkeit sowie Überwachung zu tun, welche die gegenwärtigen sozialen Bewegungen charakterisiert (vgl. beispielsweise Leistert 2013: From Protest to Surveillance – The Political Rationality of Mobile Media. Modalities of Neoliberalism. Frankfurt am Main: Peter Lang).
Digitale Überwachung, „sousveillance“ und Selbst-Überwachung sind drei Facetten desselben Phänomens, die im Kern auf die allgegenwärtige Interaktivität zurückzuführen sind. Diese drei Facetten sind in Zeiten von Social Media zu konstitutiven Elementen von Protest-Identitäten geworden, aber sie haben unterschiedliche Wirkungen auf die Entstehung von Protesten, auf ihre Entwicklung und Nachhaltigkeit über die Zeit. Zudem hat eine Politik der Sichtbarkeit auch Folgen für Mobilisierungsdynamiken an sich.
Die Evaporation der Gruppe als eine notwendige Voraussetzung für kollektives Handeln verändert einerseits ausschlaggebende zwischenmenschliche Dynamiken sozialer Bewegungen, etwa die interne Solidarität. Andererseits kann das Streben nach Sichtbarkeit um jeden Preis das Handeln der Gruppe selbst aufheben, wenn ein medienzentriertes Verständnis der Wirkung und Effektivität von sozialen Bewegungen überbetont wird.
Zunächst einmal macht das Praktizieren einer Sichtbarkeit die Bewegungen für ihre Gegner einsehbar, einschließlich des Staates, den Strafverfolgungsbehörden und den Geheimdiensten. Auf diese Weise vereinfacht man sowohl Überwachung als auch Repression drastisch. Die Überwachung wird durch die Zusammenarbeit mit Unternehmen ermöglicht, die als „regulatory agents, turning private centers of power to state purposes“ agieren Braman 2009, 34: Change of State: Information, Policy, and Power. Cambridge, MA: MIT Press), aber auch durch die Nutzer selbst, die freiwillig ihre Informationen herausgeben, im Tauch ihrer Privatsphäre für „bessere“, bequemere Dienstleistungen.
Obwohl (soziale) Bewegungen historisch betrachtet immer Gegenstand von Kontrollen und Repressionen waren, hat die Überwachung nunmehr neue Dimensionen erreicht und die Kosten für massenhafte Überprüfungen immens verringert (Bankston and Soltani 2014). „Connective surveillance“, wie Libert (2015: „The Logic of Connective Surveillance: Distributed Social Movements and the Surveillance State.“ Unveröffentlichtes Manuskript. Annenberg School for Communication, University of Pennsylvania.) die Logik der Überwachung nennt, die durch kommerzielle soziale Netzwerke ermöglicht wird, erlaubt es Behörden, die vorgefertigten „Überwachungs-Knotenpunkte“ staatlicher und nicht-staatlicher Akteuren auszunutzen Haggerty and Ericson 2000: „The Surveillance Assemblage.“ British Journal of Sociology 51 (4): 605–22 (pdf).
Anstatt eine von Grund auf neue Überwachungsinfrastruktur zu entwickeln, kann der Staat einfach „diese Systeme miteinander verknüpfen“ (Libert 2015, 9). Strafverfolgungsbehörden können Social Media für präventive Überwachung nutzen und die Kommunikation von Gruppen infiltrieren. „Connective surveillance“ macht es Behörden überdies möglich, neu aufkommende Bewegungen zu beobachten und möglicherweise zu unterdrücken, bevor sie in Erscheinung treten können.
Obwohl Überwachung historisch gesehen in autoritären und demokratischen Systemen gleichermaßen ein Schreckgespenst für soziale Bewegungen darstellte, scheint es, dass Social-Media-Gepflogenheiten diesbezügliche Bedenken verdrängt haben. Hinzu kommt eine Aura der Unvermeidbarkeit, gepaart mit einem Gefühl von Resignation bis hin zu Gleichgültigkeit. Protestierende setzen sich digitaler Überwachung aus, indem man sich auf kommerzielle Dienste oder „tethered devices“ verlässt (c.f., Zittrain 2008: The Future of the Internet—And How to Stop It. New Haven, CT: Yale University Press (pdf)); es laufen Ortungsdienste auf den Geräten, was dazu beiträgt, die Reichweite der Überwachungsmaschinerie zu erweitern.
Hierdurch vermehren sie drastisch die Informationen, die Polizei, Geheimdienste und andere Interessierte nutzen können, und die Diskrepanz zwischen (Informations-)Ressourcen zwischen Bewegungen und ihren Gegnern verstärkt sich. Aber die digitale Überwachung, angespornt durch die Ausübung von Sichtbarkeit, hat auch einen Effekt auf die Identität der Bewegung, und zwar einen nur selten produktiven. Wenn auf der einen Seite Überwachung als eingraviert in das Medium wahrgenommen und daher zum größten Teil unbeachtet bleibt, dann behindert auf der anderen Seite die Einfachheit, mit der eine digitale Persönlichkeit erschaffen werden kann, sowie die Aktivität von Bots die Kollegialität in der Gruppe. Während Repression normalerweise ein „kollektives Wir“ bekräftigt, führt eine subtilere Überwachung auf lange Sicht zu Misstrauen. Sie ist schädlich für interne Erwägungen und politische Partizipation generell und kann zu Selbstzensur führen.
In einer zweiten Hinsicht trägt die Betonung der Sichtbarkeit dazu bei, interne Grenzen zu schaffen und Insider und Outsider auf der Basis von bürgerinitiierten Demaskierungen zu bestimmen, basierend auf Präsenz und Öffentlichkeit, dabei möglicherweise den internen Zusammenhalt einer Bewegung untergrabend. Social Media ermöglicht tatsächlich neue Formen der Selbst-Überwachung, wodurch eine Bewegung ihre Grenzen ausdefinieren kann, in einem Zusammenspiel von Inklusion und Exklusion, das ultimativ zu einer Stärkung des „kollektives Wirs“ führt.
Es ist jedoch ein zweischneidiges Schwert: Während Selbst-Überwachung dazu beiträgt, ein „Wir“ zu formen, bereitet es den Weg für ungesundes Zusammenarbeiten zwischen Bewegungen und jenen, die sie unterdrücken. Selbst-Überwachung wird dann besonders gefährlich, wenn es auf eine Taktik trifft, die unter Ermittlungsbehörden weit verbreitet ist, nämlich den Versuch, sich die internen Spaltungen in Bewegungen zum Vorteil zu machen, um eine Bewegung aufzubrechen. Wenig überraschend ist dann, dass Behörden Selbst-Überwachung zunehmend fördern und Aktivisten darauf ansprechen, ihnen bei der Aufdeckung von Randgruppen zu helfen, die für gewalttätig oder subversiv gehalten werden. Somit funktioniert Selbst-Überwachung wie ein trojanisches Pferd: Sie wird von Aktivisten und Behörden gleichmaßen genutzt und von ersteren zum Vorteil der letzteren verordnet. Es erlaubt der Polizei, Teile ihrer Voraussetzungen und Aufgaben outzusourcen und einen Vorteil aus dem Insider-Wissen der Aktivisten zu ziehen. Außerdem schaltet es die traditionelle Trennung zwischen Demonstranten und dem Staat aus und untergräbt damit die Regeln des Protestspiels; das könnte weitreichende Konsequenzen für die interne Solidarität haben.
Die dritte Facette des Überwachungsregimes bei Social Media kann als Möglichkeit der Subversion und taktischen Aneignung festgestellt werden, die es Aktivisten bietet, vor allem „sousveillance“. Es ist heutzutage nicht ungewöhnlich, Protestierende zu finden, die Polizisten im Einsatz filmen, während diese Proteste und Lager kontrollieren. Danke Smartphones und Digitalkameras ist „das Aufnehmen von Polizisten und die Veröffentlichung der Aufnahmen einfacher denn je“ (The Economist 2011).
Spezielle Anwendungen wurden entwickelt, „um Protestierende während Demonstrationen zu schützen“, indem Aufenthaltsorte der Polizei und deren Aktionen ausgetauscht werden (Sukey 2011). In einer Untersuchung der Twitter-Nutzung während des G20-Gipfels im US-amerikanischen Pittsburgh im Jahr 2009 konnte gezeigt werden (Earl et al. 2013. „This Protest Will Be Tweeted. Twitter and Protest Policing during the Pittsburgh G20.“ Information, Communication & Society 16 (4): 459–78.), wie umfangreich der Microblogging-Service genutzt wurde, um Informationen über Polizeiaktionen – insbesondere ganz bestimmte Einheiten, Waffen oder Ausrüstung – und auch Interaktionen zwischen Polizei und Demonstranten weiterzuverteilen.
Weitere Beispiele für die taktische Nutzung einer Politik der Sichtbarkeit beinhaltet die Nutzung von Überwachung in Social Media zum Vorteil von Bewegungen durch absichtliche falsche Darstellung von Aktionen, Plänen und Motiven zur Irreführung von Behörden. Alles in allem kann „sousveillance“ und die Unterwanderung von staatlicher Überwachung einen produktiven Effekt auf Bewegungen haben. Da das Erschaffen einer gemeinsamen Identität das Ausmachen eines „Die“, das im Gegensatz zum „Wir“ steht, impliziert, führen Überwachungspraktiken und andere taktische Nutzungen von Überwachung in vielen Fällen zur Stärkung der Identität und des Zusammenhalts der Gruppe.

Abschließend ist es sinnvoll, einen kurzen Blick auf die Konsequenzen zu werfen, die der Wechsel zu einer Politik der Sichtbarkeit auf die Dynamik einer Bewegung hat, sowohl intern (zwischen Mitgliedern) als auch extern (zwischen Aktivisten und Beobachtern). Sichtbarkeit wird zu einem Stellvertreter für das „kollektive Wir“, zum Nachteil von kritischen Gruppendynamiken wie Engagement, interner Solidarität und Verantwortlichkeit gegenüber Mitaktivisten (c.f., Hunt and Benford 2004: „Collective Identity, Solidarity, and Commitment.“ In The Blackwell Companion to Social Movements, edited by David A. Snow, Sarah A. Soule and Hanspeter Kriesi, 443–547. Oxford: Blackwell).
Während die „cloud“ traditionelle Versammlungen verdrängt, indem sie Aktivisten ein (loses, wankendes) Zugehörigkeitsgefühl gibt, verlangt sie weniger Verantwortung gegenüber dem Kollektiv: Anders gesagt bietet es Identifikation ohne daran geknüpfte Bedingungen. Die marginale Rolle der Gruppe in einem Prozess, der mit dem Individuum beginnt und endet und das „kollektive Wir“ lediglich als Zwischenschritt setzt, könnte auf lange Sicht einen dramatischen Effekt auf die Nachhaltigkeit von Bewegungen und deren inneren Zusammenhalt haben.
Die Politik der Sichtbarkeit betrifft also Bewegungstaktiken und die Definition davon, was Einfluss und Effektivität ausmacht. Die Bestrebungen, Proteste und andere Formen gemeinsamer und individueller Aktionen einzufangen und aufzuzeichnen, um Sichtbarkeit deutlich zu machen („Ich war hier, denn ich habe Beweise dafür, dass ich da war“), resultiert darin, dass Präsenz wichtiger wird als die tatsächliche Handlung.
Selbstentfaltung könnte Selbstorganisation übergeordnet sein, und die Präsenz könnte ausschließlich online verbleiben. Im Gegenzug aber klnnten Wirkung und Effektivität allein durch Medienpräsenz definiert sein, ohne dass dies tatsächlich einer gesteigerten Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger gleichkommt. Und auch wenn die gegenwärtige Faszination für alles was, mit Social Media zu tun hat, in die Hände dieser verzerrten Dynamiken spielt, müssen sich Bewegungen gegebenenfalls neu formieren, sobald die Aufmerksamkeit der Medien vorbei ist, oder sie verschwinden andernfalls.
Fazit
Es gibt bestimmte Typen von Mobilisierung und kollektiver Handlung, die in Social Media „eingebaut“ sind, was eine direkte Konsequenz des spezifischen Regimes der Materialität bei sozialen Netzwerken ist. Social Media und „Mobile Media“ bieten den organisatorischen Rahmen für das Aufkommen einer neuen Mobilisierungsdynamik, die ich als „cloud protesting“ bezeichnet habe. Sie gestalten den Prozess der Identitätsbildung um, fördern eine Politik der Sichtbarkeit, die auf Materialität, Öffentlichkeit und Reputation beruht, wie sie durch Social Media verstärkt werden, und betont die Erfahrung von Zugehörigkeit.
Der Verlauf von Mobilisierung bei „cloud protesting“ beginnt und endet mit dem Individuum und seiner Selbstdarstellung. Das „kollektive Wir“ wird reduziert auf eine Vermittler-Plattform, ein Filter, der einen flexiblen Kontext zum unabhängigen Selbst liefert. Sichtbarkeit wird zu einem Stellvertreter für eine kollektive Identität.
Es ist unbestreitbar, dass Social Media auch seine Vorteile hat. Es hat die Diskussionen in Bereiche verlagert, die auf andere Weise kaum erreichbar wären; es hat Proteste mit einem Minimum an personellem Aufwand in die Aufmerksamkeit der Massenmedien gebracht. Dennoch ist das blinde Vertrauen der Protestierenden in kommerzielle Plattformen ein Omen für die mangelnde, aber notwendige Kritik an den sich ändernden Machtverhältnissen im kapitalistischen Internet. Es ist nicht nur widersprüchlich gegenüber den Werten, die progressive Aktivisten gern bekunden; es ist zugleich eine verpasste Gelegenheit, Selbstreflexion und Selbstorganisation im Bereich der Kommunikation tatsächlich auszuüben, im Gegensatz zu einer bloßen Selbstdarstellung.
Das deutsche radikale Technik-Kollektiv Nadir plädiert an seine Aktivisten, das „trojanische Pferd“ Facebook aufzugeben, „die ausgetüftelste, billigste und beste Pberwachungstechnologie, die es gibt“. „Das Facebook-Geschwätz reproduziert politische Strukturen der Herrschenden und der Unternehmen“, schrieb Nadir. „Facebook-Aktivisten füttern die Maschine und legen ihre Strukturen offen – ohne Not, ohne Gerichtsbeschlüsse, ohne Druck. […] Sie exponieren Strukturen und Individuen, die selbst wenig oder gar nicht bei Facebook aktiv sind. Wir sehen Facobook-Nutzer als echte Gefahr für unsere Kämpfe an.“ Das ist ein Plädoyer, das es Wert ist, darauf zu hören.