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KW 24Die Woche, als Gesundheits-Apps hopsgenommen wurden

Die 24. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 20 neue Texte mit insgesamt 122.560 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck
– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Freund:innen von netzpolitik.org,

rund drei von zehn Deutschen meiden Nachrichten zumindest teilweise, das steht im neuen Reuters Digital News Report. Meine Kollegin Esther Menhard fasst ihn hier zusammen. Als Grund für ihr Verhalten nennt knapp ein Drittel (29 Prozent) der Nachrichten-Muffel: Sie seien erschöpft von der Menge der Nachrichten.

Im ersten Moment dachte ich: Shit, das ist überhaupt nicht gut. Nachrichten sind doch so wichtig. Die Menschen sollten uns Journalist:innen besser mal zuhören. Wie sonst sollen sie informierte Entscheidungen treffen? Doch dann ist mir aufgefallen: Nachrichten vermeiden, genau das mache ich auch.

Bewusst damit angefangen habe ich, als ich in der Anfangsphase der Pandemie ständig aufgewühlt war. Nahezu täglich hatte ich das Bedürfnis, mich mit bissigen Tweets abzureagieren. Das gezielte Dosieren – und damit auch Vermeiden – von Nachrichten hat mir geholfen, mich selbst zu schützen. Erschöpfung vor lauter Nachrichten, das kenne ich gut. Bei mir läuft diese Erschöpfung in drei Schritten ab.

  • Schritt 1: Mein Blick bleibt an einer Schlagzeile hängen. In meinem Beruf nicht zu vermeiden. Diese Woche war es etwa „Datenabfluss auf Rezept“ vom Kollektiv Zerforschung. 
  • Schritt 2: Ich denke mir, wow, ich ahne schon, was gleich kommt. In diesem Fall: Die Kohle von Krankenversicherten fließt in Apps mit peinlichen Sicherheitslücken. Mir ist klar, ich werde diesen Artikel kaum lesen können, ohne mich aufzuregen.
  • Schritt 3: Ich frage mich, wie viel meiner Empörungsenergie ich auf das Thema aufwenden möchte. Will ich mich richtig reinknien und noch mehr ausgraben? Sollte ich alle Details lesen? Wie schlimm wäre das, wenn ich diesen Aufreger einfach… überspringe?

Als Tech-Journalist mache ich es mir leicht: Was in mein Ressort fällt, lese ich. Datenabfluss auf Rezept – das lasse ich mir nicht entgehen. Hier fasst mein Kollege Philipp Groeschel das Wichtigste zusammen. Bei Aufregern aus anderen Ressorts lese ich oft nur die Zusammenfassung. Ich weiß, da haben geschätzte Kolleg:innen in monatelanger Feinarbeit bemerkenswerte Details zusammengekratzt. Aber sorry, auch ich habe Nachrichten-Erschöpfung.

Vermutlich brauchen alle Menschen ihre jeweils eigenen Routinen, welche News sie besser meiden und welche nicht. Ich glaube, Nachrichten-Vermeidung ist kein Problem, sondern eine Lösung. Journalismus soll zwar informierte Entscheidungen möglich machen, aber auch dafür brauchen Menschen Energie. Es bringt wenig, wenn schon das bloße Durchackern der Recherchen alle Reserven an Zeit und Energie verbraucht.

Ich hoffe, dieser Newsletter kann dabei helfen. Wer nicht jeden Tag im Detail mitfiebern möchte, was alles netzpolitisch schiefgeht, kann das hier einmal die Woche überfliegen – und in Ruhe nachlesen, was einen am meisten interessiert.

Ich wünsche euch genug Energiereserven
Sebastian

Unsere Artikel der Woche

Neues aus dem Fernsehrat (89)Von Digitalisierung zu Demokratisierung öffentlich-rechtlicher Medien auf der #rp22

Bei der re:publica habe ich in einem Talk mit dem Titel „Weniger Netflix, mehr YouTube und Wikipedia: Zur Demokratisierung öffentlich-rechtlicher Medien“ skizziert, wie sich Konsum, Produktion und Governance öffentlich-rechtlicher Medien mit Hilfe digitaler Technologien demokratischer gestalten lassen. Es war gleichzeitig mein letzter Vortrag als Fernsehrat für den Bereich Internet.

AuslieferungsverfahrenBoris Johnsons Innenministerin hat das Leben von Assange in der Hand

Julian Assange schmort weiterhin im Hochsicherheitsgefängnis in britischer Auslieferungshaft. Die Entscheidung der britischen Innenministerin muss bis 17. Juni fallen. Der neue australische Premierminister könnte intervenieren, aber ebenso sollten endlich auch die Regierungen demokratischer Staaten im Namen der Pressefreiheit ihr Schweigen brechen.

Nach sieben Monaten im AmtAmpel einigt sich auf Digitalzuständigkeiten

SPD, Grüne und FDP sind sich endlich über die netzpolitische Ressortaufteilung einig. Das Digitalministerium bekommt weniger Zuständigkeiten, als der Name vermuten lässt. Auch die Ministerien für Wirtschaft und Inneres sowie das Kanzleramt werden mitentscheiden. Eine Koordinierungsgruppe soll helfen, Stückwerk zu vermeiden.

Peng!Aktionskunst verklagt Geheimdienst

Der Verfassungsschutz will dem Aktionskunstkollektiv nicht sagen, ob er es geheimdienstlich beobachtet. Die Begründung: Nur natürliche Personen hätten ein Auskunftsrecht, nicht aber Vereine. Dagegen geht Peng nun vor Gericht vor.

InhaltemoderationSoziale Medien als Handlanger autoritärer Staaten

Große soziale Netze wie Facebook, Twitter und Youtube sind auch in autoritären Staaten aktiv. Dabei beugen sie sich immer wieder fragwürdigen Löschanordnungen und verletzen damit die Menschenrechte. Eine Studie fordert nun eine politische Lösung des Problems.

Stadtverwaltung UlmAn Peinlichkeit kaum zu überbieten

Die Stadt Ulm hat eine jahrelange erfolgreiche Zusammenarbeit von Verwaltung und Ehrenamtlichen mit ihrem ignoranten Vorgehen kaputt gemacht. So wird der einstige Leuchtturm nun zum Lehrstück, welche Fehler man nicht machen sollte. Ein Kommentar.

GesundheitsdatenApps auf Rezept teilweise unsicher

Manche Gesundheits-Apps bekommen Patient:innen von der Krankenkasse erstattet – das heißt aber nicht automatisch, dass man ihnen vertrauen kann. Recherchen des Kollektivs Zerforschung zeigen gravierende Sicherheitslücken bei zwei Anwendungen.

NetzneutralitätWeniger Zero Rating, mehr Datenvolumen

Nach einem wegweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs untersagen nun EU-Regulierer sogenannte Zero-Rating-Produkte. Das ist ein großer Erfolg für die Netzneutralität, der Nutzer:innen mehr Freiheit und Datenvolumen bringt. Doch der nächste Kampf um ein diskriminierungsfreies Internet steht vor der Tür.

Auslieferung von Julian AssangeAngriff auf die Pressefreiheit von uns allen

Großbritannien liefert den Whistleblower und Wikileaks-Gründer Julian Assange an die USA aus. Die Auslieferung ist ein feindlicher Akt gegen die Freiheit von Presse und Journalismus. Ein Kommentar.

Reuters Digital News ReportMehr Menschen meiden News

Zunehmend mehr Menschen meiden internationale Nachrichtenmedien – trotz oder gerade wegen der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine. Die zentralen Ergebnisse aus dem neuen Digital News Report des Reuters Institute.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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