Reuters Digital News ReportMehr Menschen meiden News

Zunehmend mehr Menschen meiden internationale Nachrichtenmedien – trotz oder gerade wegen der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine. Die zentralen Ergebnisse aus dem neuen Digital News Report des Reuters Institute.

Müder Mann sitzt am Tisch vorm Laptop
Viele Menschen berichten eine Müdigkeit gegenüber News. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Westend61

Das Reuters Institute gibt jedes Jahr den Digital News Report heraus. Er handelt davon, wie in verschiedenen Ländern der Welt Nachrichten konsumiert werden. Die Zahlen des aktuellen Berichts deuten auf drei wesentliche Entwicklungen hin: Zunehmend mehr Menschen vermeiden es, Nachrichten zu verfolgen. Das Interesse an Nachrichten ist deutlich zurückgegangen. Und die junge Generation nimmt Nachrichten fast ausschließlich über TikTok, Instagram, YouTube und Spotify oder aus Gesprächen mit Freunden und Familie wahr.

Im Jahr 2022 wurden für den Digital News Report über 92.000 Menschen auf sechs Kontinenten befragt. Sponsoren wie Google oder BBC News sowie mehrere Universitäten und Forschungsinstitute finanzieren den Bericht und unterstützen die Datenerhebung.

Im Bericht taucht häufiger das Wort „fatigue“ auf. Damit ist gemeint, dass Menschen müde werden, Nachrichten zu verfolgen. Der Begriff erinnert an Corona-Müdigkeit, von der schon vor zwei Jahren die Rede war, und die sich auch auf die Berichterstattung zur Pandemie bezog. Nun ermüden Menschen offenbar auch an politischen Themen. Die Strategie häufig oder manchmal bewusst keine Nachrichten zu konsumieren, heißt im Bericht „selektives Meiden“. Besonders ausgeprägt sei das in Brasilien mit 54 Prozent der Befragten und in Großbritannien mit 46 Prozent.

Nachrichten-Müdigkeit auch während Krieg in der Ukraine

Selbst ein Ereignis wie Russlands Invasion in die Ukraine hat am internationalen Trend der Nachrichten-Müdigkeit kaum etwas geändert, wie aus dem Bericht hervorgeht. Die primäre Datenerhebung war zwar Anfang Februar, doch die Forschenden haben Anfang April eine weitere Umfrage in fünf Ländern gemacht, um festzustellen, wie sich der Krieg auf den Nachrichtenkonsum auswirkt. Die Mehrheit der Befragten aus USA, Deutschland, Polen, Großbritannien und Brasilien verfolgt die Nachrichten zum Krieg. Einige Menschen meiden sie aber auch – in Deutschland sagten etwa fünf Prozent, dass sie Nachrichten zum Krieg „überhaupt nicht“ verfolgen.

Deutschland ist auch eines der Länder, wo sich seit dem Ukraine-Krieg deutliche Änderungen im Nachrichtenkonsum beobachten lassen. So ist in Deutschland der Anteil der Menschen, die  Nachrichten zumindest teilweise meiden, von 29 Prozent auf 36 Prozent gestiegen.

Die international Befragten begründen ihre Nachrichten-Müdigkeit laut Bericht etwa damit, dass sich Inhalte stark wiederholen und dass es zu viele gibt, vor allem in Bezug auf Covid-19 und politische Themen. Andere geben an, dass Nachrichten sie anstrengen würden. Einige haben kein Vertrauen und bei vielen Menschen unter 35 schlagen Nachrichten auf die Stimmung. Weitere Gründe sind, dass Konflikte mit Familie und Freund:innen entstehen. Genannt wurden auch Gefühle von Ohnmacht oder der Punkt, dass die Nachrichten nur schwer nachvollziehbar seien.

Interesse an Nachrichten geht zurück

Im Jahr 2015 hatten noch 74 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie sich „sehr“ oder „extrem“ für Nachrichten interessieren. Heute sind es laut Bericht nur noch 57 Prozent. Die Forschenden deuten das international zurückgegangene Interesse und schreiben von zwei Gruppen, die kein oder wenig Interesse an Nachrichten haben.

Die erste Gruppen seien jüngere Menschen, die online sehr aktiv seien und häufiger weniger gut ausgebildet. Die zweite, größere Gruppe umfasse Menschen, die sich nicht auf die Neuerungen des Nachrichtenangebots einlassen wollen, beispielsweise das Internet. Im aktuellen Bericht ist erstmals nicht mehr das klassische Fernsehen auf Platz 1 der häufigsten Nachrichtenquellen in Deutschland, sondern das Internet.

TikTok spielt größere Rolle

Die jüngere Generation der Nutzer:innen nennt der Bericht „social natives“. Sie interessieren sich demnach weniger für traditionelle Nachrichtenwebsites oder deren Apps und seien auch weniger bereit, für Inhalte zu zahlen. Zudem konsumieren sie hauptsächlich Audio- oder Videoinhalte und holen sich eher Nachrichten bei Instagram, TikTok, YouTube oder Spotify.

TikTok spielt als Nachrichtenplattform eine immer größere Rolle. Das fügt sich in den Trend, dass soziale Medien immer wichtiger werden. Laut Bericht hat sich die Nutzung von TikTok für Nachrichten bei den 18- bis 24-Jährigen in nur drei Jahren verfünffacht, von 3 Prozent im Jahr 2020 auf 15 Prozent heute.

Traditionelle Nachrichtenmedien meiden es dagegen, auf TikTok zu veröffentlichen, weil sie befürchten, dass sich die Unterhaltungsplattform nicht für seriöse Inhalte eignet. In Deutschland ist etwa die Tagesschau auf TikTok vertreten. Die britische BBC News hat TikTok-Kanäle auf Russisch und Englisch eingerichtet, nachdem sich herausgestellt hat, dass auf der Plattform irreführende Informationen über den Krieg in der Ukraine kursieren.

Der Wert genauer Berichterstattung

Während sich Medienschaffende also Gedanken machen müssen, auf welchen Wegen sie ihr Publikum erreichen und die Balance finden zwischen Tagesaktualität und einer verständlichen Vermittlung der Inhalte, müssen Nutzer:innen lernen, wie sie mit der Masse an Nachrichten umgehen, um nicht zu resignieren.

Die Macher:innen der Studie stellen fest: „Immer mehr Menschen sind nicht mehr vernetzt, das Interesse an Nachrichten ist gesunken, das selektive Vermeiden von Nachrichten hat zugenommen, und Vertrauen ist alles andere als selbstverständlich.“ Die Ukraine-Krise und davor die COVID-19-Pandemie hätten die Menschen daran erinnert, wie wichtig eine genaue und faire Berichterstattung sei, die der Wahrheit so nahe wie möglich komme.

„Wir finden aber auch Belege dafür, dass die überwältigende und deprimierende Art der Nachrichten, das Gefühl der Machtlosigkeit und toxische Online-Debatten viele Menschen ablenken – vorübergehend oder dauerhaft“, schreiben die Forschenden.

Mehr Zeit für kritische Berichterstattung

Ihr kennt es: Zum Jahresende stehen wir traditionell vor einer sehr großen Finanzierungslücke und auch wenn die Planung und Umsetzung unseres Spendenendspurts viel Spaß macht, bindet es doch sehr viele Ressourcen; Ressourcen, die an anderer Stelle für unsere wichtige Arbeit fehlen. Um Euch also weniger mit Spendenaufrufen auf die Nerven zu gehen und mehr Recherchen und Hintergründe bieten zu können, brauchen wir Eure regelmäßige Unterstützung.

Jährlich eine Stunde netzpolitik.org finanzieren

Das Jahr hat 8.760 Stunden. Das sind 8.760 Stunden freier Zugang zu kritischer Berichterstattung und wichtigen Fragestellungen rund um Internet, Gesellschaft und Politik bei netzpolitik.org.

Werde Teil unserer Unterstützungs-Community und finanziere jährlich eine von 8.760 Stunden netzpolitik.org oder eben fünf Minuten im Monat.

Jetzt spenden


Jetzt spenden

3 Ergänzungen

  1. Nunja, die „Nachrichten“ sind in den Hype-Cyclen der Aufmerksamkeisoekonomie verloren gegangen. Sehr viel Rauschen, wenig Kontextualisierung oder Einordnung, oft wenig Sachverstand oder Themenverstaendnis, oft reiner Verlautbarungsjournalismus, wichtige Theman fallen schnell wieer unter den Tisch. Totalversagen beim Thema Klima.

    Mein Nachrichtenkonsum ist zurueckgegangen, mein Informationskonsum nicht.

    Gesellschaftlich ist das natuerlich fatal. Und ebenso natuerlich das Ziel privater Medienkonzerne alter wie neuer Art.

    1. Der „Fairness“ halber könnte man versuchen, leicht abzufedern: Viele, wie ich auch, gucken die Onlineversion an, wo es eben Aufgrund von Geld nicht so rosig aussieht.

      Aber: die deutsche Presselandschaft hat es bisher hervorragend verstanden, jegliches Zutrauen in Alternativen kleinzuhalten (Werbung und/oder Tracking trotz Bezahlung, Urheberrechtsreform, …). Zudem fragt man sich bei der Onlineversion, was einen zum Kauf der Bezahlversion verleiten sollte. Bei einigen gucke ich nur drauf, um eine Perspektive zu erahnen, manches kaufe ich dann in Papier. Vielleicht sollten die anonyme Spenden annehmen?

  2. Naja, die Qualität der klassischen Berichterstattung hat sich in de letzten Jahren enorm verschlechtert, was dem Umstand geschuldet ist, dass wirklicher investigativer Journalismus eben nicht mehr durch die klassischen Nachrichten erfolgt, sondern durch alternative Medien-Kanäle.
    Darüber hinaus werden sämtlich in den klassischen Medien verbreitete Nachrichten über wenige zentrale Redaktions-/Medien-Netzwerke (RND, Reuters, BBC) kanalisiert und priorisiert. Das ist auch der Grund, warum auf fast allen Sendern das Gleiche veröffentlicht wird. Eine Prüfung der Qualität erfolgt nicht, man beruft sich einfach auf die entsprechenden Quellen der Mediennetzwerke. Ob die entsprechende Meldung wahr ist oder fake news, ist dabei völlig egal. Solange die anderen auch alle das Gleiche schreiben, muss es ja wahr sein und man ist in der richtigen Gesellschaft. Wie heißt es so schön: „Leute, fresst mehr Sch…, 10 Mrd Fliegen können sich nicht irren.“
    Die durchgeführte Umfrage hat sich übrigens auf Grund der Sponsoren selbst disqualifiziert und als irrelevant markiert.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge! Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.