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KW 06Die Woche, als aus einer über 1.500 Tage alten Recherche ein Gesetz wurde

Die 6. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 15 neue Texte mit insgesamt 79.900 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

vor mehr als vier Jahren habe ich eine Recherche darüber veröffentlicht, wie auf zwei der weltgrößten Pornoseiten Aufnahmen von Menschen kursieren, die offenbar nie gefilmt werden wollten. Damals war das Phänomen in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, vor allem nicht im deutschsprachigen Raum. Meine VICE-Kollegin Yannah Alfering und ich dachten uns zeitweise: Kann das wirklich wahr sein? Und wenn ja, wieso gibt es dann so wenige Berichte dazu? Was, wenn alles nur ein riesiger Irrtum ist?

Mehr als 1.500 Tage – und viele weitere Recherchen – später, wissen wir: Das war kein Irrtum. Vielmehr sind wir auf ein Riesenproblem gestoßen. Und jetzt gibt es sogar ein eigenes Gesetz, das Betroffene genau davor schützen soll. In dieser Woche haben sich Vertreter*innen von EU-Parlament, Rat und Kommission auf eine Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen geeinigt. Und diese Richtlinie enthält (neben vielem anderen) eine ausdrückliche Regelung gegen bildbasierte, sexualisierte Gewalt. So nennt man dieses Phänomen inzwischen, um nicht das unsägliche Wort „Racheporno“ zu verwenden.

Es ist schon ziemlich krass, wenn aus einem Missstand, den man mit als erstes aufdeckt, tatsächlich ein neues Gesetz wird. (Die EU-Organe müssen noch final zustimmen, doch das gilt nach der Trilog-Einigung als Formsache.) Das Thema ist immer größer geworden, zahlreiche internationale Nachrichtenmedien hatten unabhängig voneinander dazu recherchiert. Unsere Recherchen waren nur ein Puzzlestück; vor allem in den USA hatte das Thema heftig Fahrt aufgenommen.

Wir suchen Verstärkung für die Redaktion!

Doch gelöst und abgehakt ist das ganze noch lange nicht. Offenbar wurde das Gesetz bei den Trilog-Verhandlungen verwässert und bei Betroffenen muss erst ein schwerer Schaden vorliegen, bevor es überhaupt greift. Das wäre schon ein ziemlicher Dämpfer. Genauer kann ich das aber erst bewerten, wenn auch der finale Gesetzestext der Einigung vorliegt. Darauf warte ich jetzt gespannt. Und letztlich kann so ein Gesetz auch nur ein Baustein sein, um ein Riesenproblem wie dieses anzugehen.

Dennoch, am Beispiel bildbasierter Gewalt lässt sich sehr gut anschaulich machen, was unsere journalistische Arbeit bedeuten kann. Mit langem Atem und kritischem Blick verfolgen wir Missstände, recherchieren, durchleuchten Gesetze und setzen uns beharrlich für Grundrechte ein. Wenn jemand von euch so etwas auch tun möchte – oder jemanden kennt – dann könnte diese Ausschreibung hier genau das Richtige sein: Wir suchen nämlich Verstärkung in der Redaktion von netzpolitik.org! Bewerbungsfrist ist der 27. Februar.

In der Ausschreibung findet ihr auch unser jüngstes Gruppenfoto. Wir fanden das kreativ, uns etwas auf dem Bild zu verteilen. Der Typ im Strandkorb bin ich. Es wird dann wohl bald Zeit für ein neues Foto, wenn der oder die neue Kolleg*in an Bord ist. Ich bin schon super gespannt, wer es wird!

Euch ein schönes Wochenende
Sebastian

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Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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