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KW 39Die Woche, als im Iran Zensur mit Solidarität umgangen wurde

Die 39. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 20 neue Texte mit insgesamt 134.433 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Anna Biselli
Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski – : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

diesen Wochenrückblick habe ich schon am Donnerstag geschrieben, denn Freitag ganz früh werde ich gemeinsam mit einigen Kolleg:innen aus der Redaktion nach Hamburg aufgebrochen sein – zur Jahreskonferenz des Vereins Netzwerk Recherche.

Auf der Konferenz geht es um journalistische Recherchen: Wie kriegt man was zur Bundeswehr raus? Wie interpretiert man Klimadaten? Wie kann man mit öffentlich verfügbaren Daten spannende Dinge untersuchen? Auch meine Kollegen Alex und Ingo halten dort einen Vortrag über Presse und Plattformen.

Was ich an der Konferenz mag sind neben den spannenden Vorträgen auch die Gespräche mit alten Bekannten und neuen Gesichtern auf dem Hof. Bei der Konferenz tut niemand so, als sei Recherche-Journalismus eine arkane Wissenschaft für Eingeweihte, die in einer nebligen Nacht braune Umschläge aus einer geheimen Mauerritze ziehen. Den Eindruck könnte man manchmal bekommen, wenn man in Medien davon liest, dass Nachrichten aus „informierten Kreisen“ stammen sollen.

Nein, Recherche ist bunt und niedrigschwellig und jede:r kann gleich damit beginnen – auch ohne Zugang zu exklusiven Quellen. Ich finde, alle sollten wissen, dass sie dieses Feld nicht nur den alt-honorigen Investigativjournalist:innen überlassen müssen, die seit Jahrzehnten eine Exklusiv-Veröffentlichung nach der anderen raushauen. Die verschriftlichten Ergebnisse der Fachkonferenzen von Netzwerk Recherche lassen sich übrigens online abrufen.

Wir versuchen in unserer Arbeit für netzpolitik.org soweit es geht offenzulegen, wie wir recherchiert haben. Um das transparent zu machen, aber auch um andere zu ermutigen, selbst zu recherchieren. Wir legen offen, wenn wir Dokumente über Informationsfreiheitsanfragen erhalten haben. Wir veröffentlichen wann immer möglich unsere Dokumente und Daten, damit auch andere sie lesen und untersuchen können. Wir nehmen euch in Podcasts mit auf unsere Recherchewege, die manchmal nicht nur geradeaus führen.

Recherche-Journalismus ist mehr, als geheime Dokumente zu lesen. Oft liegen die Informationen ganz offen auf der Straße oder im Netz, man muss sie nur zusammenbringen. Zusammen geht das meistens besser als allein und beim Recherchieren ist es unerlässlich, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Deshalb freue ich mich auf die zwei Tage in Hamburg. Wir werden sicher mit vielen Ideen für neue Recherchen zurückkommen.

Ich wünsche euch ein spannendes Wochenende!
anna

Unsere Artikel der Woche

Spenden-Masche mit kopierten AccountsWie Betrüger hilfsbereite Menschen auf Twitter abzocken

Betrüger versuchen, mit gefälschten Twitter-Accounts Spenden auf ihre PayPal-Konten umzuleiten. Auf Hinweise und Meldungen von Nutzer:innen reagierten das soziale Netzwerk und der Bezahldienst kaum. Doch dann ging plötzlich alles ganz schnell.

ZensurumgehungMit einem Klick unzensiertes Netz und Anonymität spenden

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Quick Freeze und Login-FalleWas kommt nach der Vorratsdatenspeicherung?

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Kamingespräch am 29. SeptemberDer Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung

Bedeutet das Urteil des Europäischen Gerichtshof das endgültige Aus für die Vorratsdatenspeicherung? Darüber sprechen wir am 29. September in der c‑base und im Stream gemeinsam mit Aktiven der ersten Stunden – in Kooperation mit der Digitalen Gesellschaft.

San FranciscoPolizei erhält Zugriff auf private Überwachungskameras

Die Polizei in San Francisco darf künftig auf Daten privater Videokameras zugreifen. Das ist eine Zäsur in der Überwachungspolitik der Stadt. Bürgerrechtsorganisationen befürchten, dass marginalisierte Gruppen und Protestteilnehmer:innen verstärkt kriminalisiert werden.

Noch mehr DatentauschEU-Abkommen mit Interpol verzögert sich

Bislang dürfen nur EU-Staaten und Europol auf Datenbanken bei Interpol zugreifen, bald soll dies auch Frontex und der neuen Staatsanwaltschaft erlaubt sein. Das EU-Parlament hat für die Verhandlungen rote Linien eingezogen.

Trotz EU-UrteilInnenminister wollen immer noch Vorratsdatenspeicherung

In der Ampel zeichnet sich ein Schlagabtausch zwischen FDP, Grünen und der SPD um die Vorratsdatenspeicherung ab. Die SPD-Innenminister sprachen sich bei einem Treffen in Bayern zusammen mit ihren Kollegen von der Union für eine anlasslose Speicherung von IP-Adressen aus.

Nordrhein-WestfalenPalantir-Software kostet fast drei Mal soviel wie geplant

Das Landeskriminalamt NRW setzt seit 2019 die Datenanalyse-Software Gotham ein. Die Kosten des Projektes sind auf fast 40 Millionen Euro angewachsen. Bürgerrechtler:innen kritisieren zudem Grundrechtsverstöße und kündigen an, Verfassungsbeschwerde einzulegen.

Gräueltaten gegen RohingyaAmnesty International fordert Entschädigung von Meta

Ein Bericht von Amnesty International zeichnet im Detail nach, welche Verantwortung Facebook an den Gräueltaten gegen die Rohingya in Myanmar trifft. Die Menschenrechtsorganisation erhöht den Druck auf den Konzern, den Betroffenen Entschädigungen zu zahlen.

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LeistungsschutzrechtDeutsche Verlage scheitern an Google

Eigentlich sollten Google und weitere Tech-Konzerne den Medien in Europa Geld für die Nutzung ihrer Inhalte zahlen. Doch während die Presse anderswo Millionen an Lizenzgebühren kassiert, kommt hierzulande wenig an. Das Nachsehen haben insbesondere Journalist:innen.

Anhörung zum AI ActKI-Definition spaltet Fachleute

Die EU-Kommission möchte mit dem AI Act ein Regelwerk für künstliche Intelligenz schaffen. Diese Woche hat der Bundestag Sachverständige zu dem Entwurf befragt. Sie sind gespalten – vor allem bei der Grundsatzfrage, welche Technologien die Verordnung überhaupt regulieren soll.

Pornhub vs InstagramDas steckt wirklich hinter dem Streit um die Account-Sperre

Instagram hat Pornhub rausgeschmissen und verrät nicht genau, warum. In einem offenen Brief fordert die Pornoseite Transparenz. Dahinter steckt nicht nur der Streit zwischen zwei Internet-Riesen, sondern ein Kulturkampf um Freiheit im Netz – bei dem auch die EU eine Rolle spielt.

Über die Autor:innen

  • Anna Biselli
    Darja Preuss

    Anna ist Co-Chefredakteurin bei netzpolitik.org. Sie interessiert sich vor allem für staatliche Überwachung und Dinge rund um digitalisierte Migrationskontrolle.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Telefon: +49-30-5771482-42 (Montag bis Freitag jeweils 8 bis 18 Uhr).


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Ein Kommentar zu „Die Woche, als im Iran Zensur mit Solidarität umgangen wurde“


  1. Irene Latz

    ,

    Marco Buschmann (auf twitter) am 30. Sep.
    „Wirksamer Schutz von Hinweisgebern, wirksame Vorkehrungen gegen Missbrauch: Das ist der Ansatz unseres Gesetzentwurfs zum #Hinweisgeberschutz. Wer gravierende Rechtsverstöße zur Sprache bringt, leistet einen Beitrag zur Durchsetzung des Rechts und zu einer positiven Fehlerkultur.“

    Bitte das Thema nicht untergehen lassen, am 19. Oktober um 14 Uhr ist die Anhörung im Rechtsausschuss des Bundestags. Die „nationale Sicherheit“ als Einschränkung, wo Whistleblowerschutz wirksam werden kann, die muss aus dem Gesetz ‚raus. Edward Snowden muss frei leben können. Mit jedem Tag mehr an digitaler Vernetzung wird das bedeutender als am Tag davor.

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