Pornhub vs InstagramDas steckt wirklich hinter dem Streit um die Account-Sperre

Instagram hat Pornhub rausgeschmissen und verrät nicht genau, warum. In einem offenen Brief fordert die Pornoseite Transparenz. Dahinter steckt nicht nur der Streit zwischen zwei Internet-Riesen, sondern ein Kulturkampf um Freiheit im Netz – bei dem auch die EU eine Rolle spielt.

Pornhub und Instagram ringen miteinander
Kampf zweier Internet-Riesen (Symbolbild) – Illustration: DALL-E-2 (epic fight between two smartphones, colorful comic, highly detailed); Logos: Instagram/ Pornhub; Montage: netzpolitik.org

Es ist ein Streit zwischen zwei Internet-Riesen: Auf der einen Seite Instagram, eine der mächtigsten Social-Media-Plattformen der Welt. Auf der anderen Pornhub, eine der weltgrößten Pornoseiten. Instagram hat jüngst den Account von Pornhub gesperrt – und zwar dauerhaft, wie der Konzern diese Woche mitgeteilt hat. Pornhub will den Account zurückhaben.

Hinter dem Streit steckt ein Problem, das große soziale Medien und die Erotikbranche seit Jahren plagt. Soziale Medien drosseln und löschen zunehmend als sexuell verstandene Inhalte und stehen dafür in der Kritik. Zum Beispiel sind weiblich gelesene Nippel auf Instagram bis auf wenige Ausnahmen verboten – ein Umstand, der bereits Straßenproteste ausgelöst hat.

Unter diesem Overblocking auf Instagram und anderen Plattformen leiden auch viele Beruftstätige, deren Arbeit irgendwie mit nackter Haut zu tun hat, von Sexarbeiter:innen über Pornomodels bis hin zu Tätowierer:innen. Wenn soziale Medien ihre Accounts einschränken, so verlieren sie den Kontakt zu ihren Kund:innen und damit auch ihre wichtigste Einnahmequelle.

Der Streit zwischen Instagram und Pornhub steht also stellvertretend für einen Kulturkampf. Es geht um die Frage, welchen Raum Sexualität und sexuelle Dienstleistungen im Internet einnehmen dürfen – und wie frei Menschen im Netz ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ausleben können. Zumindest in Zukunft werden frisch beschlossene Gesetze der EU die Kräfteverhältnisse noch einmal ändern, dazu später mehr.

Pornhub wirft Instagram Diskriminierung vor

Angeheizt wird dieser Kulturkampf zunächst durch fundamentalistische Aktivist:innen aus den USA, die gleich die gesamte Erotikbranche abschaffen wollen, inklusive Pornografie. Sie handeln auf Grundlage einer religiös geprägten Ideologie, in der sogar Masturbation etwas Schlechtes ist. Ihre Ansichten sind vor allem bei konservativen Politiker:innen und Parteien anschlussfähig. Über die Lobby-Arbeit der Fundamentalist:innen haben wir hier berichtet. Und dann gibt es natürlich noch die Werbekund:innen von Instagram, die bei Berichten über angeblich problematische Inhalte nervös werden. Beide Streitparteien fürchten ums Geld, es gibt reichlich Potenzial für Frust.

Pornhub hat am 27. September einen offenen Brief auf Twitter veröffentlicht, unterzeichnet von mehr als 60 Vertreter:innen der Branche, darunter die Free Speech Coalition, ein US-amerikanischer Verband der Erotikindustrie. Der Brief richtet sich direkt an Mark Zuckberg, Chef der Instagram-Mutter Meta, und weitere Top-Manager:innen des Konzerns.

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Die Unterzeichnenden kritisieren die Regeln von Instagram als „undurchsichtig, diskriminierend und heuchlerisch“. Selbst wenn Nutzer:innen aus der Erotikbranche besondere Sorgfalt darauf anwenden, sich an Instagrams Regeln zu halten, würden ihre Inhalte gedrosselt oder gelöscht. Die Unterzeichnenden deuten das als Zensur und Silencing. Instagram entziehe ihnen die Existenzgrundlage. „Wir fordern faire Behandlung“, heißt es in dem Brief. „Wir fordern, dass Instagram sofort jegliche Diskriminierung gegen Beschäftigte in der Erotikbranche beendet.“ Dazu würden volle Tansparenz und klare Erklärungen für gelöschte Inhalte gehören.

Instagram äußert sich nicht zu offenem Brief

Wie zum Beweis, dass Overblocking in sozialen Medien ein Problem ist, stuft Twitter den offenen Brief von Pornhub als „möglicherweise sensiblen Inhalt“ ein. Die Bilddatei enthält nur Text und ist mit Sicherheit jugendfrei. Dennoch lässt sie sich auf Twitter erst durch einen gesonderten Mausklick anzeigen.

Instagram teilt uns auf Anfrage mit, man habe den Pornhub-Account wegen wiederholter Verstöße gegen die Richtlinien gesperrt. Die Verstöße hätten sich bei dem mehr als zehn Jahre alten Account gehäuft. Welche Posts gegen welche Regeln verstoßen haben sollen, verrät Instagram allerdings nicht. Unsere Frage, wie Instagram auf den offenen Brief von Pornhub reagiere, ließ der Konzern unbeantwortet. Dem US-Magazin TechCrunch sagte Instagram: „Wir haben keine Richtlinien, die sich gegen Creator:innen aus der Erotikbranche richten“.

Gebt den Porn frei!

Ein Blick in die Richtlinien von Instagram vermittelt dagegen durchaus den Eindruck, dass fundamentalistische Hardliner:innen bei dem Konzern am Hebel sitzen. Seit 2020 verbietet Instagram sexuell motivierte Kontaktaufnahme. Verboten sind auch das „Anbieten oder Nachfragen von pornografischem Material“ und explizite Sprache, die im Detail sexuelle Erregung beschreibt. Die Regeln sind so streng, dass Instagram darin ausdrücklich klarstellen muss: „Wir erlauben es, den Wunsch nach sexueller Aktivität zu äußern.“ Damit dürften zumindest Instagram-Posts erlaubt sein, in denen eine Person schreibt, sie sei gerade einsam und suche jemandem zum Knutschen.

Wie Instagram zur sexfreien Zone wird

Schwierig wird es, falls die Person aus dem genannten Beispiel zusätzlich ein sexuell lesbares Emoji nutzen würde, etwa einen Pfirsich, und erwähnen würde, dass man ihr eine Nachricht schreiben könne. In diesem Fall hätte sie laut Instagram-Richtlinien schon beide Kriterien für einen verbotenen Post erfüllt: ein „anzügliches Element“ (Emoji) und die Anfrage einer sexuellen Kontaktaufnahme. Regelverstoß!

Offiziell möchte Instagram dadurch „Transaktionen verhindern, die möglicherweise Menschenhandel, Nötigung und nicht-einvernehmliche sexuelle Handlungen betreffen“. Einvernehmliche, sexuelle Kontakte mit Gewalt gleichzusetzen, ist genau das, was Fundmentalist:innen propagieren. Instagram gibt sich selbst mit seinen Richtlinien wenig Raum für Differenzierung.

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Die verschärften Regeln hat Instagram Ende 2020 nicht ohne Grund eingeführt. Der Konzern reagiert damit wohl auf US-amerikanische Gesetzgebung der Trump-Regierung, die unter dem Schlagwort FOSTA/SESTA bekannt ist. In den USA ist Sexarbeit weitgehend illegal. Das Gesetzpaket macht Plattformen direkt für Inhalte haftbar, wenn diese für illegale Sexarbeit werben. Es würde Anbieter wie Instagram viel Zeit und Geld kosten, sorgfältig zu prüfen, ob potenziell sexuelle Inhalte tatsächlich illegal sind. Viel einfacher ist es, die eigene Plattform durch besonders strikte Regeln zur weitgehend sexfreien Zone zu machen.

Das daraus resultierende Overblocking nimmt Instagram offenbar in Kauf. Im März hat Instagram versehentlich den Account von „Strippers United“ blockiert, einem Bündnis aus Pole-Tänzer:innen, die für bessere Arbeitsbedingungen protestiert haben. Erst nach einer Anfrage des US-Mediums BuzzfeedNews hat Instagram einen Fehler eingestanden und den Account wiederhergestellt.

Das Digitale-Dienste-Gesetz kann Betroffene stärken

In dem Konflikt wird es bald eine weitere Akteurin geben: die Europäische Union. Sie hat im Frühjahr das Digitale-Dienste-Gesetz (DSA) beschlossen. Es ist ein umfassendes Paket, das beim Kulturkampf um Sexualität im Netz eine Rolle spielen wird. Wenn die US-amerikanischen Regeln rund um FOSTA/SESTA in diesem Kampf ein Schwert sind, dann könnte der europäische DSA ein Schild sein.

Denn laut DSA muss ein Anbieter wie Instagram bei einer Account-Sperre die Gründe auf den Tisch legen – und eine Möglichkeit bieten, die Entscheidung anzufechten. „Zum einen müssen Plattformen einen internen Beschwerdemechanismus aufsetzen, zum anderen außergerichtliche Schlichtung anbieten“, erklärt der Europa-Abgeordnete Tiemo Wölken (SPD) gegenüber netzpolitik.org. Falls eine Plattform ihre Entscheidung auf Basis ihrer eigenen Richtlinien oder der Rechtsgrundlage nicht ausreichend begründen kann, müsse sie diese widerrufen.

Auch die Europa-Abgeordnete Alexandra Geese (Grüne) schätzt, dass der DSA die Moderation von Inhalten transparent machen und Overblocking verhindern wird. „Das gilt für die Erotikbranche genauso wie für alle anderen Nutzer:innen.“ Ein Präzedenzfall für den DSA ist der aktuelle Streit zwischen Pornhub und Instagram jedoch nicht, denn der DSA ist noch nicht in Kraft. „Das ist spätestens ab dem 1. Januar 2024 der Fall“, schreibt Woelken. Sobald die Betroffenen dann von ihrem Recht Gebrauch machen, dürfte auf Instagram eine Menge neuer Arbeit zukommen.

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2 Ergänzungen

  1. Irgendwie kauf ich Instagram die Angst vor gesetzlichen Reglungen nicht ab. Wäre das wahr, dann würden sie *IIIIIIIRGENDWAS* gegen die unzähligen Sex- und Scambots tun, denen sie ja liebend gerne, absolut ungehindert und ungefiltert eine Plattform in den Kommentaren und den Direktnachrichten bieten.

  2. Spannender Artikel – vielleicht kann an der Stelle auch mal auf Pixelfed aufmerksam gemacht werden, was eine ähnliche Plattform zum Bilder teilen ist, wie Instagram, allerdings ist Pixelfed freie Software und kann auf einem eigenen Server gehostet werden: https://pixelfed.org/
    Mit mehr und mehr föderierten Instanzen mit ihren jeweiligen Regeln kann so vielleicht das Problem der Zensur von Instagram auch bekämpft werden.
    Es gibt die eine Möglichkeit, Instagram in die Schranken zu weisen und zu „bekämpfen“, aber auch die Möglichkeit, Alternativen zu schaffen, die Instagram hinfällig machen. Ich bin für zweiteres.
    Gar noch besser ist, dass Pixelfed Teil des „Fediverse“ ist, wozu noch viele weitere Alternativen zu Facebook, Twitter, YouTube etc. gehören, die alle auf einem gemeinsamen Protokoll basieren, wodurch sie miteinander kommunizieren können. Wer mehr darüber erfahren möchte: https://de.wikipedia.org/wiki/Fediverse

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