Neues aus dem Fernsehrat (92)Ein Panel ist noch kein Dialog

Im Fernsehrat verkündete das ZDF Pläne für ein ständiges Publikumspanel mit bis zu 100.000 Mitgliedern. Doch auch wenn das viele wertvolle Einsichten verspricht, es wird nicht reichen, um den vom neuen Medienstaatsvertrag geforderten, “kontinuierlichen Dialog” mit der Bevölkerung zu etablieren.

Youtube-Kommentare und ein Tablet mit Diagrammen
Ein echter Dialog ist mehr als die Auswertung von großen Befragungen (Symbolbild) Screenshots: funk auf YouTube, Hintergrund: Adeolu Eletu, Bearbeitung: netzpolitik.org

Von Juli 2016 bis Juni 2022 vertrat Leonhard Dobusch den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat, seit Juli 2022 ist er Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats. Neue Vertreterin des Bereichs “Internet” ist Laura-Kristine Krause. Eine nun gemeinsame Reihe.

Der aktuell verhandelte Medienänderungsstaatsvertrag (MÄStV-E, PDF des Entwurfs) fordert von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland einen stärkeren Dialog mit der Bevölkerung ein. In der aktuellen Änderungsvorlage heißt es in § 31 Abs. 6 MÄStV-E:

Die Anstalten treffen Maßnahmen, um sich in einem kontinuierlichen Dialog mit der Bevölkerung, insbesondere über Qualität, Leistung und Fortentwicklung des Angebots, auszutauschen.

Schon jetzt bereiten sich das ZDF und die ARD darauf vor, diese Anforderung bei Inkrafttreten (voraussichtlich 2023) erfüllen zu können. Beim ZDF läuft der Strategieprozess „Ein ZDF für Alle“ des seit April neu amtierenden Intendanten Norbert Himmler. In diesem Rahmen wurden erste Vorschläge gemacht. So wurde bei der September-Sitzung des ZDF-Fernsehrats das Konzept für einen „ZDF Kompass“ vorgestellt. Darin vorgesehen: ein Publikumspanel, für das regelmäßig 50.000 bis 100.000 Menschen befragt werden sollen.

So ein Panel ist, wie auch der ZDF Kompass allgemein, prinzipiell eine gute Idee: Hier wird – durchaus ambitioniert – versucht, mit zeitgemäßen sozialwissenschaftlichen Methoden Qualität, Wirkung und Akzeptanz der ZDF-Angebote zu erfassen. Erfreulich ist vor allem, dass die Messgrößen lineare und non-lineare Nutzung öffentlich-rechtlicher Angebote gleichermaßen messen. „Adieu“ sagen wir der reinen Fokussierung auf den Marktanteil und Quoten.

Grenzen auch großzahliger Panels

Dennoch ist auch ein derart großes geplantes Publikumspanel nicht ausreichend, um den im Medienänderungsstaatsvertrag angelegten Dialog-Auftrag zu erfüllen:

  1. Das geplante Panel ist ganz schlicht gesprochen eine Methode zur regelmäßigen Befragung von (sehr vielen) Menschen über standardisierte Fragebögen. Panels sind Meinungs- oder Marktforschung, aber kein Dialog. Woran es Panels mangelt, ist der Austausch, die Möglichkeit, seine Meinung zu erläutern oder eine Rückmeldung auf eine gemachte Äußerung zu bekommen.
  2. Gerade großzahlige Panels arbeiten notwendigerweise mit stark (vor-)standardisierten Antwort- und Auswertungskategorien, um die Antworten von Tausenden von Menschen verarbeiten zu können. Befragte können also nur die Rückmeldung geben, nach der sie gefragt wurden, auch Freitextantworten werden mehr oder weniger standardisiert ausgewertet.
  3. Gleichzeitig ist es selbst bei großen Panels schwer, die Breite der Angebote ausreichend zu erfassen und abzubilden: Gerade Online- und Nischenangebote werden auch bei 100.000 Teilnehmenden im besten Fall nur von einigen wenigen Panelmitgliedern gesehen. Dementsprechend wenig repräsentativ sind deren Rückmeldungen.

Deshalb: Das geplante Publikumspanel wird dem ZDF voraussichtlich relevante Erkenntnisse zu Akzeptanz und Reichweite des Programms liefern. Den Dialog mit „dem Publikum“ kann es aber weder ersetzen noch leisten. Dieser muss stattdessen auf anderen Wegen, auf Social Media und über die ZDF-eigenen digitalen Plattformen stattfinden – doch gerade auf letzteren ist er bisher wenig bis gar nicht möglich.

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Mediatheken zu Gesprächskanälen mit dem Publikum ausbauen

Zwar haben die Mediatheken von ARD und ZDF durchaus wichtige Schritte nach vorne gemacht in den letzten Jahren, aber Diskussionen und Konzepte zum Ausbau der Mediatheken zu Gesprächskanälen mit dem Publikum stecken noch in den Kinderschuhen. Dabei liegt hier Potenzial, die Mediatheken eben nicht nur als „Fernsehen im Internet“ zu verstehen, sondern als personalisierte und responsive digitale Orte, an denen Zuschauer:innen auch Rückmeldung bekommen.

Unbestritten bleibt dabei, dass Moderation von Kommentaren und anderen Nutzerbeiträgen mit Aufwand und Arbeit verbunden ist. Diese Arbeit auf den Plattformen privater Social-Media-Konzerne wie Twitter, Instagram und YouTube (Google) zu leisten, dafür haben die Sender in den vergangenen Jahren viel Geld investiert. Schon alleine wegen des eigenen demokratischen Auftrags lohnt es aber darüber hinaus nachzudenken, wie Gesprächskanäle auf den eigenen, und damit viel stärker selbst gestaltbaren Plattformen geschaffen werden können.

Wiedermal: Vorbild Funk

Welch einen Mehrwert Kommentare auch aus redaktioneller Perspektive liefern können, zeigte Anfang des Jahres Funk, das Jugendangebot von ARD und ZDF. Wie die regelmäßigen, per Gesetz öffentlichen Berichte zu Stand und Entwicklung von Funk dokumentieren, spielen Kommentare und andere Rückkanäle für Funk eine große Rolle. Ein besonders beeindruckendes Beispiel war die systematische Auswertung von rund 30.000 Kommentaren bereits zwei Tage nach Russlands Überfall auf die Ukraine. Auf diese Weise konnte viel über die Nachrichtenbedürfnisse des Publikums in Erfahrung gebracht werden – etwa: Wie mit Mediennutzung in Kriegszeiten umgehen? – und entsprechend reagiert werden, beispielsweise auf Instagram.

Eine Voraussetzung für diese rasche und fundierte Auswertung von Kommentaren ist der systematische Aufbau von Kompetenzen im Bereich Software-gestützter Textanalyse. So wurden Werkzeuge entwickelt, um Kommentare automatisch und anonymisiert auszulesen und zu analysieren, zum Beispiel um organisierte Desinformationskampagnen frühzeitig zu erkennen.

Fazit

Den vom neuen Medienstaatsvertrag geforderten, kontinuierlichen Dialog mit dem Publikum entweder nur auf private Plattformen auszulagern, greift genauso zu kurz, wie ihn durch – noch so großzahlige – Publikumspanels zu erfüllen. Zwar sind echte Dialogangebote und -räume auf eigenen Plattformen aufwändig, machen dafür aber das Programm besser und erfüllen den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zur demokratischen Meinungsbildung beizutragen. Hierzu Ideen zu entwickeln, da ist noch Luft nach oben.

4 Ergänzungen

  1. >> Im Fernsehrat verkündete das ZDF Pläne für ein ständiges Publikumspanel mit bis zu 100.000 Mitgliedern.

    Hmm, 100.000 Intellektuelle! Woher nehmen?

  2. Dachte Du bist Österreicher? Wieso landet man dann im ZDF Fernsehrat?

    Im Fernsehrat sind lauter Leute, die da nicht hingehören, die Zivilgesellschaft von 1953, Pfaffen, Ministerialbeamte und Spitzenpolitiker:innen. Alles nicht mehr zeitgemäß.

    Man könnte einfach aus Kandidaten der Beitragszahler zufällig Fernsehratmitglieder auswürfeln. Durch die Lotterie wäre alle Interessen fair vertreten.

    1. Alle Antworten auf diese Fragen finden sich in der Reihe. Ich habe über zehn Jahre in Deutschland gelebt, die meiste Zeit davon in Berlin, und den Ruf an die Uni Innsbruck habe ich just in dem Jahr bekommen, als ich auch von vier Vereinen in den Fernsehrat nominiert worden war. Inzwischen bin ich aber eh nicht mehr im Fernsehrat, sondern im Verwaltungsrat, als eines der 8 vom Fernsehrat mit 3/5-Mehrheit gewählten Mitglieder.

      Und was den Vorschlag mit gelosten Mitgliedern betrifft, auch dazu gibt es einen Beitrag in der Reihe hier. Ich finde das eine gute Idee, zumindest einen wesentlichen Teil der Mitglieder per Los zu entsenden.

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