Schauplatz Instagram: Vor drei Wochen veröffentlicht die Influencerin Franziska Lohberger ein Bild auf Instagram. Sie trägt darauf eine Leggins, durch die sich ihre Vulvalippen klar abzeichnen. Der Beitrag soll diesen Zustand, den sogenannten Cameltoe, normalisieren. Kurz darauf wird sie mit Hass überschüttet, unter anderem durch den Comedian Hendrik Nitsch, bekannt als „Udo Bönstrup“. Unter seinem Künstlernamen ahmt er ihren Instagram-Beitrag nach, darunter schreibt er: „Wisst ihr, was ICH widerlich finde? Eure belanglosen künstlichen Probleme, mit denen ihr in irgendeiner Form versucht Aufmerksamkeit zu erlangen.“ Der Vorfall stößt eine Welle von Gewalt los. Kristina Lunz, Mitbegründerin vom Centre For Feminist Forein Policy (CFFP) veröffentlicht infolgedessen ihre eigenen Erfahrungen mit Online-Gewalt und fordert Nitsch auf, damit aufzuhören – ihre Kommentare hierzu sind unter ihren Story-Highlights verfügbar.
Als nächstes schaltet sich die feministische Aktivistin Luisa Dellert ein. Sie sucht das Gespräch mit Nitsch. Seine Fans beleidigen sie daraufhin mit den Worten: „typisch öko links fotze“ und Nitsch veröffentlicht Bilder und Videos, in denen er sich als Frau verkleidet und vorspielt, Feministin zu sein. In einer privaten Sprachnachricht an den Account catcallsof.bonn bezeichnet er Feministinnen als „hässliche, ungefickte Speckstücke“.
https://www.instagram.com/p/CHgC6EbjNij/
https://www.instagram.com/p/CHh1mclpqJ-/
Satire darf eben nicht alles
Auch Nitsch veröffentlicht auf Instagram eine offizielle Stellungnahme zu dem Konflikt. Auf die Anfrage von netzpolitik.org antwortet er nicht. Er fühle sich von der Kritik in die Enge getrieben, denn die auf Instagram veröffentlichten Screenshots von Chatverläufen und die Sprachnachricht würden ohne den dazugehörigen Kontext die Fakten verdrehen.
Die Fakten gemäß seiner Schilderung: Udo Bonstrüp ist eine Kunstfigur, das Gesagte dieser Person ist Satire und nicht ernst zu nehmen. Sein Verhalten sieht er als Spaß und er kritisiert den Ton seiner Gesprächspartner:innen. Die Beleidigungen hätten beidseitig stattgefunden. Seinen Screenshots zufolge könnte das zumindest in Bezug auf catcallsof.bonn stimmen: „Ach Bönstrup, wärst du doch lieber in deinem Keller geblieben und hättest an deinem Pimmel rumgespielt, anstatt dich bei Instagram anzumelden und hier Menschen auf widerlichste Art zu diffamieren.“
Franziska Peil von catcallsof.bonn entgegnet im persönlichen Austausch mit netzpolitik.org jedoch: „Ich habe aber ganz klar an Udo Bönstrup geschrieben, was ich mehrmals in der Nachricht auch betone. Das bedeutet ich habe faktisch eine fiktive Kunstfigur beleidigt. Die Sprachnachricht an mich kam aber von der Privatperson Nitsch. Womit eigentlich bewiesen wäre, dass es die Kunstfigur nicht wirklich gibt, sondern Herr Nitsch, so wie er es braucht, von Person zu Person switchen kann.“ Das ändert nun wieder Einiges an der Stichhaltigkeit seiner Argumentation.
Udo Bonstrüp hat als Kunstfigur das Profil einer realen Person angegriffen, nämlich das von Lohberger. Er hat ihren Beitrag geteilt und sich vor 161.000 Menschen über sie lustig gemacht. Im Gegensatz zu seiner Comedy-Persona sind Lohberger, Lunz, Dellert und andere Feministinnen, die ihn konfrontieren, keine Figuren, sondern echte Menschen, die nun mit den Folgen der Gewalt kämpfen, die Nitsch gegen sie in Gang gesetzt hat. Da kann er sich nicht heraus argumentieren, egal wie sehr er sich in der Opferrolle sieht.
Ein Anwalt hat Nitsch bei diesem Fall unterstützt und beraten und man könnte ihn sogar kennen. Medienanwalt Ralf Höcker verteidigt nicht nur den Comedian, sondern auch einst Recep Tayyip Erdogan gegen Jan Böhmermann, Alice Weidel und weitere AfD-Mitglieder. Der Fall bringt einen Stein ins Rollen, denn Feminist:innen solidarisieren sich im Netz mit den betroffenen Frauen, mit der Intention ein Zeichen zu setzen – gegen #teamudo im Speziellen und digitale Gewalt im Allgemeinen.
Zu dieser Form von Gewalt zählen etwa digitale Spionage, Hasskommentare und Mobbing in sozialen Netzwerken, oder das Veröffentlichen intimer Bilder ohne die Zustimmung der abgebildeten Person. Dellert fordert Feminist:innen auf, sich davon nicht einschüchtern zu lassen:
(…) genau dieser Ablauf führt dazu, dass ganz wenige Menschen sich öffentlich trauen, Stellung zu beziehen. Zu sagen, wenn man das Gefühl hat, dass etwas uncool ist, kann einen Shitstorm auslösen, inklusive einem krassen Hate als kostenlose Zusatzleistung. Bitte traut euch trotzdem. Es braucht laute Stimmen. Es braucht konstruktive Unterhaltungen. Aber vorallem braucht es Männer, die anderen Männern zeigen und sagen, wie es besser geht. Männer, die kapiert haben, dass Feminismus uns alle betrifft.
https://www.instagram.com/p/CHmozIqAriI/
Vorschläge gegen digitale Gewalt
Laut einer Studie der Initiative D21 zum Thema „Digitales Leben“ äußern Frauen sich seltener politisch auf sozialen Medien. Sie sind oft Opfer von sexualisierter Belästigung im Netz, wesentlich häufiger als Männer. Mehr als 50 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren sind von digitaler Gewalt betroffen, dies geht aus einer Studie von Babbel über verbale Gewalt im Netz hervor. Vorwiegend wird digitale Gewalt, mit einem Anteil von 40,1 Prozent, über soziale Netzwerke erfahren. Zugleich steigen die Beratungsnachfragen beim Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) in Bezug auf digitale Gewalt bereits seit Jahren an, berichtet Jenny-Kerstin Bauer vom bff.
Eine Problembewältigung ist also gefragt. Am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, haben Maren Jasper-Winter, frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion Berlin, und Ann Cathrin Riedel, Vorsitzende des Vereins LOAD, sieben Vorschläge gegen Hass im Netz im Tagesspiegel veröffentlicht.
Anlass war laut Jasper-Winter der Instagram-Konflikt mit Nitsch, wobei der Gleichstellungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus sich schon im Sommer mit dem Thema digitale Gewalt und Hate Speech befasste. Riedel kritisiert per E‑Mail: „(…), dass zu wenig Forderungen an die richtigen Adressaten geäußert werden. Vermutlich weil gerade Betroffene es nicht besser wissen. Damit will ich nicht schlecht reden, dass die betroffenen Frauen in diesem Fall klar Instagram adressiert haben – das ist notwendig und richtig – aber nachhaltig kann eben nur etwas passieren, wenn wir unser Justizsystem und Ermittlungsbehörden generell modernisieren und handlungsfähig machen.“
Sie betont vor allem, dass Frauenhass in unserer Gesellschaft tief verankert sei, dies öffentlich anzuerkennen sei Voraussetzung zur Bekämpfung des Problems. Es sei vor allem wichtig, dass digitale Gewalt und die Auswirkungen auf betroffene Personen ernst genommen werden. Die Taten dürften gesellschaftlich und strafrechtlich nicht toleriert werden.
Die Beratungsmöglichkeiten, beispielsweise über HateAid müssten zudem in den Vordergrund gerückt und erweitert werden. Die Verantwortung spiele ebenfalls eine entscheidende Rolle: Einerseits seitens der Polizei und Justiz und andererseits bei Betreiber:innen sozialer Netzwerke – ein technischer Sachverstand und angemessene Schulungen sollten verpflichtend sein. Seitens der Social-Media-Plattformen sei eine geregelte Anzahl von ausgebildete Moderator:innen Voraussetzung, um unangemessene, verletzende Inhalte kontrollieren zu können.
https://www.instagram.com/p/CIAgu2RJE3q/
Solidarität statt Hass
Das #teamudo-Fallbeispiel zeigt, wie digitale Gewalt sich äußern kann. Zugleich veranschaulicht es aber auch, dass Solidarität und der Zusammenschluss von Stimmen etwas bewegen können. Die Organisation HateAid fordert daher ein Maßnahmenpaket, das der derzeitigen Lage im digitalen Raum gerecht werden soll. Die Petition wird unter anderem auf Instagram verbreitet, unter dem Hashtag #NoSpaceForHate.
Zentrale Punkte der Petition sind die Erweiterung von Beratungsangeboten und Anlaufstellen, Ausweitung des Anwendungsbereichs des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes, Umstrukturierung der Polizei und Staatsanwaltschaft, etwa durch Sensibilisierung bezüglich digitaler Gewalt.
https://www.instagram.com/tv/CIANexXKSQ9/
Franziska Lohberger wollte mit ihrem Post Frauen ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit vermitteln. Menschen wie Nitsch gefährden dieses Sicherheitsgefühl, indem sie sich darüber lustig machen und eine Welle von Hass in Gang setzen. Nitsch wollte womöglich witzig sein, doch seine vermeintliche Satire wurde dadurch nicht weniger sexistisch und beleidigend. Auf Gegenkritik reagierte er mit allgemeinen Beleidigungen gegen Feministinnen. Den Mut sollte man sich von Aktionen dieser Art nicht nehmen lassen, doch dies ist leichter gesagt als getan.
Du bist betroffen von digitaler Gewalt? HateAid und der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) bieten kostenlose Beratungsangebote zur Bewältigung von Hass und Hetze, Beleidigungen, Bedrohungen und (Online-)Gewalt.
