Bundesregierung verspricht

Corona-Warn-App soll besser werden

Die Bundesregierung und ihren beiden Vertrags-Unternehmen Deutsche Telekom und SAP haben heute nach 100 Tage Corona-Warn-App Bilanz gezogen. Die Downloads stagnieren. Mit der nächsten Version soll die Usability verbessert werden.

Vielleicht gibts ja mit den Verbesserungen mehr Nutzer:innen?
Vielleicht gibts ja mit den Verbesserungen mehr Nutzer:innen? CC-BY 2.0 Marco Verch

Die Bundesregierung sieht die App als Erfolg, das wurde in der Bundespressekonferenz heute ganz deutlich. Mit 18 Millionen Downloads sei sie erfolgreicher als alle anderen staatlichen App-Versuche in der Europäischen Union zusammengerechnet, rechnete Gesundheitsminister Jens Spahn vor.

Aber hier zeigt sich schon ein erstes Problem: 18 Millionen Downloads sind nicht 18 Millionen Nutzer:innen. Das weiß Jens Spahn und das weiß auch Telekom-Chef Timotheus Höttges, der später trotzdem von 18 Millionen Nutzer:innen spricht. Einige werden die App heruntergeladen haben ohne sie je zu verwenden, andere deinstallieren sie wieder. Ich selbst habe die App bereits mehrfach heruntergeladen, weil es anfangs technische Probleme gab.

Das Robert-Koch-Institut als offizieller Herausgeber der App kennt die genauen Zahlen, gibt sie aber nicht heraus. Aus dem Maschinenraum der App wissen wir jedoch, dass es rund 14 Millionen Kontaktversuche mit den Servern geben soll. Das ist eine realistischere Größenordnung.

Nur die Hälfte aller positiv getesteten warnt Kontakte via App

5032 Personen haben bislang ein positives Testergebnis über die Corona-Warn-App geteilt, sagte Spahn. Die Macher:innen rätseln noch, warum das nur die Hälfte aller Personen ist, die via App über ein positives Testergebnis benachrichtigt wurden. Schließlich hätten sie nur noch auf einen Knopf drücken müssen, um ihre Kontakte zu warnen.

Der SPD-Netzpolitiker Jens Zimmermann erklärte diese Personen in einer Pressemitteilung zu „digitalen Maskenverweigerern“: „Trittbrettfahrer, die von der Vernunft ihrer Mitmenschen einseitig profitieren“. Das dürfte nicht zielführend sein. Realistischer ist, dass offensichtlich die Nutzer:innenführung der App noch ausbaufähig ist. Selbst ich fand die Einschätzung unterschiedlicher Fehlermeldungen und Risikoeinschätzungen etwas kompliziert – und ich habe mich umfassend damit beschäftigt.


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In diesem Punkt haben die Verantwortlichen Besserung versprochen. Zusammen mit Expert:innen für Benutzerführung und Psycholog:innen werde man die App sprachlich und vom Design optimieren. Die Änderungen sollen in einem der kommenden Updates folgen.

Einige Labore nach wie vor ohne Anschluss

Ein weiteres Problem: Erst 81 Prozent der Labore sind an das System angeschlossen, immerhin bilden sie 90 Prozent der Testkapazitäten ab. Mit der Anbindung der Labore soll die Übermittlung der Testergebnisse beschleunigt werden. Vielen Patient:innen sei auch noch nicht bewusst, dass man auf einem Formular ein Häckchen setzen müsste, um an diesem Prozess teilzunehmen. Was mit den verbleibenden Laboren passiert, die sich momentan noch weigern, an der Digitalisierung der Prozesse teilzunehmen, blieb unklar. Hier schob Höttges die Verantwortung an die Bundesregierung, die mehr Druck machen solle.

Auch die Rufe nach mehr Transparenz scheinen angekommen zu sein: Demnächst sollen mehr Daten und Zahlen zur Nutzung auf der Webseite coronawarn.app veröffentlicht werden, sofern dies aufgrund der hohen Datenschutzeinstellungen möglich sei. Auch das wäre ein Fortschritt.

Die Telekom-Hotlines haben bisher rund 1000 Anrufe (Update: pro Tag) erhalten, so Höttges zur Bilanz. Sie dauerten im Durchschnitt 20 Minuten, weil man hier auch „Seelsorge“ betreiben würde.

Apple-Nutzer:innen würden die App häufiger installieren als Android-Nutzer:innen. Hier gibt es die Vermutung, dass Apple-Produkte alleine schon wegen des Preises eher von Menschen mit höherer Bildung gekauft werden. Die Nutzung und Akzeptanz der App ist somit wahrscheinlich auch eine soziale Bildungsfrage.

Wer WhatsApp nutzt, sollte die Corona-Warn-App nicht fürchten

Für die Zukunft haben die Verantwortlichen neben der besseren Verständlichkeit weitere Features versprochen. Eine freiwillige Symptomabfrage soll dabei helfen, das eigene Infektionsrisiko besser bewerten zu können. Für den Herbst soll die App an das europäische System angeschlossen werden, das ebenfalls von SAP und Deutsche Telekom gebaut wird und über das Corona-Warn-Apps der EU-Länder miteinander kommunizieren werden.

Immer noch gäbe es viele Datenschutzbedenken gegen die Nutzung der App. In diesem Fall sehe ich die persönlich nicht. Wenn man bereits ein Smartphone hat, sammeln Google und Apple viel mehr Daten als es die Corona-Warn-App nach aktuellem Stand könnte. Wenn nur ein Teil der vielen Millionen Nutzer:innen des Datenschutz-Desasters Whatsapp parallel die Corona-Warn-App installieren würden, hätten wir die Pandemie möglicherweise besser unter Kontrolle.

Aber auch hier trifft die Bundesregierung eine Teilschuld: Zu lange wurde über falsche Wege zur App diskutiert, die viel mehr Überwachungsmöglichkeiten gebracht hätten. Und auf ein Begleitgesetz, das den Zugriff auf die kaum anfallenden Daten noch weiter beschränken würde, möchte die Große Koalition verzichten. Hier ist eine Chance vertan, weitere Bedenken abzubauen und das Vertrauen in die App und ihre Infrastruktur zu steigern.

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19 Ergänzungen
  1. „Einige Labore nach wie vor ohne Anschluss“
    offenbar – und wenn man z. b. zur stationären Behandlung ins Krankenhaus muss, wird zwar ein Corona Text gemacht, aber ein negatives Testergebnis in die App zu bringen scheint nicht möglich.
    Bei einigen Praxen wird auch zwischen Kassen- und Privatpatienten unterschieden. Bei Kassenpatienten scheint die Vergabe des QR-Code kein Problem, aber Privat-Patienten wohl nur unter Umwegen bzw. Nutzung eigentlich „falscher“ Formulare…

  2. Habe bisher drei Tests in München bei verschiedenen Ärzten gemacht. KEINER hat die Möglichkeit des QR-Codes zum scannen mit der App angeboten. Daher wundert es mich nicht, dass wenige Leute positive Ergebnisse mit der App melden.

    1. Ein Test mit QR Code. App zeigt spät am Abend an, Arzt ruft früh am nächsten Tag an.

      Dauer: 5 Volle Tage, mit Test am Tag vorher und Arztanruf am Tag nachher.

      Und jetzt gemeinsam: Rück-ver-fol-gen!

  3. Mir war das insgesamt zu PR-lastig, habe zum Glück nicht jede Sekunde mitbekommen, leider einige Fragen auch nicht.

    „digitalen Maskenverweigerern“ – Das ist Endzeit. Fachbefreit vorwärts, los geht’s!

    1. Als Spahn von der Zahl 5000 auf „10-20 Kontakte seien ja normal“ und dann mit Multiplikation…

      Gesundheitsämter kommen auch mal auf 5, ich komme auf ca. 0-1. Hinzu „kommt“ der betrachtete Zeitraum, der schön verwischt wird. Kontakte pro Woche, 5000 in 100 Tagen, …

      Implementierungsdetail. Hinzu kommt ja die Frage wo der Unterschied zur normalen Kontaktverfolgung ist, die man aufgrund des Designs aber nicht ohne weiteres beantworten kann. Hier könnten wirklich anonymisierte Umfragen unter Infizierten helfen, an wie viele Kontakte bzw. Situationen mit Potential man sich konkret erinnert. Da müsste das Gesundheitsamt aber verfahrenstechnisch ran, und da ist dann die Frage der Manpower und Differenzierungsfähigkeit.

      Differenziert geworben wird aber nicht.

      1. Manuelle Kontaktverfolgung dauert wohl 1 Stunde pro Kontakt und funktioniert nur mit Kontakten, die man persönlich kennt oder die nicht mit Mickey Mouse unterschrieben haben.

        Das ist der Unterschied.

        1. Naja, man kann auch Orte und Zeiten erinnern.

          Die App muss ja erst einmal auf einem kompatiblen Geräte installiert sein, und dann noch zufällig funktionieren. Und gerne ohne falsche Positive.

          Im derzeitigen Regierungsklima ist die App sicherlich ein verhältnismäßiger Lichtblick. Ich hätte mir ein kompatibles Geräte Mockup aus Open Source Hardware nur für diesen Zweck gewünscht, das hätte man ja parallel anbieten können, Fertiger hätten das gerne kurzfristig und energieeffizient umgesetzt. Leider kennt man in Berlin nur die Konzernadressen. So sollen alle gerne Apple oder Google füttern – installiert die App!

  4. Also wenn schon die Big Business Hanserln da was zu sagen durften, soltet ihr auch das wichtigste Zitat der PK bringen, um „extremen Datenschutz“ herum.

  5. Meines Erachtens sind Apple- Benutzer nicht besser gebildet, eher das Gegenteil könnte zutreffen.
    Apple Produkte sind mehr Statussymbol als vergleichbare Android Geräte.
    Technisch gesehen sind viel mehr Android Geräte “ High End “ und bieten mehr Möglichkeiten der eigenen Kontrolle über das Gerät, Stichwort root und custom Rom usw.
    Bildungsarme Schichten möchten ihren eigenen Status gerne mit solchen Symbolen, weil auch überteuert, aufwerten.
    Vertrag sponsoring macht das möglich.
    Meiner Meinung nach ist auch Der nicht überdurchschnittlich schlau, wer sich durch das Apple – Marketing beeindrucken lässt.
    Fazit:
    Der Herleitung das Apple Nutzer wegen des hohen Geräte Preises intelligenter sind kann ich nicht zu stimmen.
    Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig ;-)

    1. Es gibt schon potentiell unterscheidbare Merkmale, dann Bedienbarkeit/Konzept und ein paar Jahre Ruhe mit dem Gerät.

      Das muss keine dumme Entscheidung sein, wenn man „ein von zweien“ nehmen muss.

    2. Die Herleitung das Apple Nutzer intelligenter sind als die Android Nutzer ist ja mal sowas von Niveau los, dass wird nur dazu führen das sich Android Nutzer verarscht vorkommen werden und daher eine Grundverweigerungshaltung einnehmen werden.

      Eher ist es umgekehrt, die Apple Nutzer brauchen ihren Goldenen Käfig weil sie sonst mit ihrem Gerät nicht klar kommen :P

  6. Bessere Zahlen als die 14 Mio aus dem „Maschinenraum“ der App hat das RKI auch nicht.
    Worin sollten diese Zahlen auch bestehen? Die einzige Rückmeldung über die Anzahl der User ist die Anzahl der Requests auf den zentralen Server. Mehr gibt die CWA nicht preis.

  7. Ich stehe da ein wenig auf dem Schlauch, aber woher weiß man überhaupt, das nur die Hälfte über die App ein positives Testergebnis gemeldet hat und die andere nicht? Wie kann man das denn feststellen, wenn die App eigentlich anonym/pseudonym sein soll?

    1. Also Apple bzw. Google wissen das natürlich aus Telemetriedaten, bestimmt vollverkokst anonymisiert :).

      Ich vermute eine „Umfrage“ seitens des Gesundheitsamtes, also unter Strafandrohung bei Informationsverweigerung, im Zuge der dann ja immer noch stattfindenden Kontaktrückverfolgung.

    2. Ich vermute mal es gibt einfach eine Differenz zwischen positiv gemeldeten Appnutzern (das Formular mit dem Kreuz) und wieviele wirklich eine Warnmeldung rausgeben.
      Ist aber vermutlich eh egal. Die die Bedenken wegen Corona haben und die die keine haben leben inzwischen in verschiedenen Welten. Ich kenne einige die sich nach wie vor kaum aus dem Haus trauen und andere die es nicht interessiert. Gestorben an Corona ist bisher in keiner der beiden Gruppen worden. Interessant ist, die die ich kenne die Corona hatten und das teilweise mit recht happigen Verläufen (um genau zu sein zwei mit Atemnot eine davon fast siebzig, Beatmung nichtinvasiv, Blutverdünner und acht Symptomlose), die ganze Sache inzwischen eher locker sehen und wieder beschwerdefrei sind.
      Ich persönlich habe auch einfach keinen Bock mehr auf Dauerpanik. Händewaschen und einen gewissen Abstand habe ich schon immer praktiziert. Mit einer Virusgrippe bin ich auch in der Vergangenheit nicht auf Konzerte gegangen und angespuckt habe ich auch noch nie jemanden. Bei Personen mit Imundepression war ich schon immer viel vorsichtiger. Der Ganze Rest der Massnahmen ist, sagen wir es mal so, eigenartig.
      Ein gewisses Restrisiko zu erkranken oder zu versterben hat man nun mal einfach ab Geburt.

      1. Das klingt logisch: (Positives Testergebnis an App verschickt) – (per App positives Ergebnis „gemeldet“)

        Das geht natürlich ohne Befragung, sowie wirklich anonymisiert, wobei man nicht weiß, wie fein die intern gehaltenen Datensätze dann so sind.

  8. Ja, die App ist Datenschutz freundlich.
    Es gibt aber Grenzfälle: Android 6 erwartet die Standortfreigabe für die korrekte Nutzung der Apps auf Grund einer mangelhaften Bluetooth Implementierung von Google.

    D.h. Die App ist sicher, aber die Google Play Dienste haben Zugriff auf den Standort.
    Ok, man kann dies einzeln abwählen, jedoch ist nicht zuerwarten, dass die Nutzer von Android 6 dies auch durchgängig vornehmen zumal es die Galerie-App (Eine völlig irre Google Implementierung) betrifft.

    Hier ist Datenschutz leider nicht End-to-End vorhanden.

    1. Und es zementiert die Rolle der Konzerne, was ein strategisches Problem darstellt. Die Regierung sollte nicht noch Werbung DAFÜR machen.

      Der Zweck heiligt die Mittel, Probleme gibt es nicht.

  9. Ich sehe das genauso wie Paul oben. Es ist bei Corona und der App eine ähnliche Kluft in der Bevölkerung entstanden wie zuvor schon bei FFF / Klimawandel und in der Flüchtlingskrise. Deswegen auch auch die sehr unterschiedliche Akzeptanz der App. Kenne einige Firmen, bei denen die App den Angestellten „empfohlen“ wird, aber aus dieser Nicht-Überzeugung heraus resultiert dann vllt. auch die sehr unterschiedliche Rückmeldung im Falle einer Ansteckung / Quarantäne.

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