Kontaktverfolgung

Deutsche Corona-Warn-App lernt Italienisch

Die EU-Kommission testet ab heute ein neues System, das Corona-Tracing-Apps der meisten EU-Länder miteinander verknüpfen soll. Wer in den Herbstferien Italien-Urlaub macht, bekommt dann auch die Warnungen aus dem dortigen System. Doch ausgerechnet im Risikogebiet Frankreich wird die Lösung nicht funktionieren.

Café in Venedig
Die deutsche App hilft bald in italienischen Cafés beim Corona-Tracing Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Clay Banks

Auf Backend-Servern der EU-Kommission in Luxemburg startet am heutigen Montag ein Testlauf, um den verschiedenen Corona-Warn-Apps der EU-Staaten den Austausch von Kontaktdaten zu ermöglichen. Bislang können die Apps etwa aus Deutschland und Italien nämlich nicht miteinander kommunizieren. Das soll sich ab Oktober ändern.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie haben die meisten EU-Staaten eigene Apps entwickelt, mit denen Menschen Kontakte zwischeneinander aufzeichnen können. Im Infektionsfall verständigt die Software dann diejenigen, mit denen der oder die Betroffene auf Tuchfühlung war. Obwohl inzwischen fast alle Apps auf der in die Smartphones integrierten Technologie von Google und Apple basieren, sind sie bislang nicht miteinander kompatibel.

Um dem Abhilfe zu schaffen, arbeitet die Kommission seit einigen Monaten an einer europaweiten Infrastruktur zum Austausch von Kontaktinformation und Infektionsmeldungen. Das ursprünglich bereits für den Sommer angekündigte Projekt verzögerte sich aber: Erst Ende Juli unterschrieb die Kommission Verträge mit den Firmen SAP und T-Systems für den Aufbau der Serverinfrastruktur.

Test startet in sechs Ländern

Ab heute testet die Kommission den Austausch zunächst zwischen sechs Ländern: Neben Deutschland sind das Dänemark, Tschechien, Italien, Irland und Lettland. Im Oktober soll die Infrastruktur in den Regelbetrieb übergehen. Die verschiedeneń Apps können ab dann tatsächlich Kontaktinformation austauschen.

Corona-Warn-Apps gibt es bislang in 14 EU-Staaten, weitere fünf arbeiten an einer App. Einige weitere Länder haben hingegen keine App angekündigt.

Diesen Ländern könnte ein Update von Google und Apple bald helfen. Die nächste Version von iOS erlaubt einen App-losen Kontaktaustausch direkt im Betriebssystem. Lediglich für eine Infektionsmeldung ist dann bei den Apple-Handys noch eine App notwendig. In Android wird es so ein Feature entgegen erster Ankündigungen zwar nicht geben, allerdings bietet Google mit der nächsten Version des Betriebssystems schlüsselfertige Apps für Gesundheitsbehörden an.

Die Grenzen des Austausches

Die EU-Kommission lobt die Apps als „machtvolle Werkzeuge“ im Kampf gegen die Pandemie. „Da die Zahl der Fälle wieder zunimmt, können Apps andere Maßnahmen wie verstärkte Tests und manuelle Kontaktverfolgung ergänzen“, sagt EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides.

Ausgenommen vom Corona-App-Roaming ist allerdings zumindest ein EU-Land: Frankreich. Die dortige App speichert Kontakte nämlich zentral auf Servern, statt sie wie im Google/Apple-System dezentral auf den Geräten aufzuzeichnen. Dieses System, das von Datenschützer:innen kritisiert wird, ist schwer mit dem der meisten anderen EU-Staaten zu verknüpfen. Frankreich, wo die Fallzahlen derzeit wieder dramatisch steigen, bleibt daher zumindest fürs Erste außen vor.

Ebenfalls vom App-Austausch ausgeschlossen sind die Nicht-EU-Länder Schweiz, Norwegen und das kürzlich ausgetretene Großbritannien. Das sorgt für Kritik von EU-Abgeordneten, die die Aufnahme der Schweiz in das europäische System fordern. Die EU-Kommission antwortete jedoch am Montag nicht direkt auf eine Frage von netzpolitik.org, ob der Ausschluss der drei Länder politische Gründe habe.

Die Kommission betonte in ihrem täglichen Briefing, dass diese Länder nicht Teil des eHealth-Netzwerks seien, das die Interoperabilität der Apps vorbereitet habe. Wenn ein Drittstaat teilnehmen wolle, brauche es ein bilaterales Abkommen zwischen dem Land und der EU. Es gebe allerdings bereits Kontakt mit der Schweizer Regierung in der Sache.

Update vom 14.09.2020: Die Antwort der Kommission im letzten Absatz wurde nach Erscheinen des Artikels hinzugefügt.

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