Menschenrechte
-
: Initiative gegen Vorratsdatenspeicherung in Norwegen
Banner der Initiative "Stopp Datalagringsdirektivet" : Initiative gegen Vorratsdatenspeicherung in Norwegen Berichten von Datenschutzaktivisten zufolge wird das Thema Vorratsdatenspeicherung auch in Norwegen aktuell. Weil Norwegen kein Mitglied der EU ist, ist es eigentlich nicht verpflichtet die EU-Richtlinie 2006/24/EG zur Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsdaten in nationales Recht umzusetzen. Dennoch gibt es den Angaben nach Bestrebungen, die Vorgaben der Richtlinie zu erfüllen und entsprechende Regelungen in norwegisches Recht zu gießen. Es soll daher demnächst eine öffentliche Anhörung geben, das Parlament könnte dann noch in 2010 über die Einführung der Vorratsdatenspeicherung beschließen. Für IP-Adressen gilt nach Anordnung der Datenschutzbehörden bislang eine maximale Speicherdauer von 3 Wochen.
Norwegische Datenschützer und Bürgerrechtler warnen vor dem Vorhaben, das eine Totalprotokollierung jeglicher elektronischen Kommunikation mit sich brächte. Im November gründeten sie eine überparteiliche Organisation „Stopp Datalagringsdirektivet“, die mit ihrer Kampagne informieren und vor den negativen Konsequenzen einer Vorratsdatenspeicherung warnen möchte und deren Ziel es ist, die Umsetzung in Norwegen zu verhindern. Bereits jetzt haben sich der Initative über 6000 Menschen angeschlossen. Verschiedene Bürgerrechtsorganisationen, Parteien, Jugendverbände und Branchenvereinigungen zählen zu den Unterstützern.Auch in Deutschland führte die Umsetzung zu großen Protesten und zur bislang größten Verfassungsbeschwerde in der Geschichte der Bundesrepublik: Auf Antrag von fast 35.000 Klägern prüft das Bundesverfassungsgericht derzeit die Verträglichkeit einer anlasslosen und verdachtsunabhängigen Vorratsdatenspeicherung mit dem Grundgesetz. In Bulgarien hatte das Verwaltungsgericht die Umsetzung bereits 2008 vorerst gestoppt. In Rumänien hatte das Verfassungsgericht die Regelungen 2009 gar als verfassungswidrig erklärt und somit verworfen. Im Fall einer Vorratsdatenspeicherung könne von Fernmeldegeheimnis und Meinungsfreiheit nicht mehr „frei und unzensiert Gebrauch gemacht werden“ urteilten die rumänischen Richter. Die dauerhafte und die gesamte Bevölkerung betreffende Vorratsdatenspeicherung bedrohe die Unschuldsvermutung und erkläre die gesamte Bevölkerung zu potenziellen Straftätern. Eine solche exzessive Erfassung aller Verbindungsdaten könne „nicht als vereinbar mit den Bestimmungen der Verfassung und der Europäischen Menschenrechtskonvention erachtet werden“.
Weitere Informationen zur norwegischen Initiative sowie Banner zum Unterstützen etc. gibt es unter http://stoppdld.no . Aktuelle Updates gibt es auch auf Twitter.
-
: Eine „Schweiz für Bits“? Wikileaks-Vortrag zum Datenfreihafen Island (Video)
: Eine „Schweiz für Bits“? Wikileaks-Vortrag zum Datenfreihafen Island (Video) Auf dem 26. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs Ende 2009 in Berlin hatten Aktivisten von Wikileaks die Idee präsentiert, Island zu einem „Datenfreihafen“ auszubauen (wir berichteten). Die Videoaufzeichnung des gesamten Vortrags gibt es mittlerweile in sieben Teilen auch bei Youtube zu sehen. Hier der Part, in dem die Idee vorgestellt wird, eine „Schweiz für Bits“ zu schaffen:
Links:
-
: Iran geht gegen konservative Webseiten vor
: Iran geht gegen konservative Webseiten vor Die Zensurwelle im Iran erreicht nun auch konservative Nachrichtenseiten. Die Reporter ohne Grenzen berichten über die vom Teheraner Generalstaatsanwaltes Abbas Dschafari Dolatabadi vor zwei Tagen angekündigte Schließung zweier prominenter Angebote, die eigentlich dem Regierungslager von Präsident Ahmadinejad nahestehen.
Die Seite Alef News wird von Ahmed Tavakoli betrieben, einer der führenden Persönlichkeiten der konservativen Fraktion, aus der es immer wieder Kritik an Ahmadinejad gab. Die führte unter anderem dazu, dass der Innenminister Ali Kordan letztes Jahr zurücktreten musste, weil er sich mit einem falschen Doktortitel schmückte. Im Oktober machte Alef News die verbalen Angriffe Ahmadinejads aus seinen Kontrahenten Moussavi für die Ausschreitungen nach der Wahl im Sommer verantwortlich.
Auch der Betreiber von Jahannews, Aliresa Sakani, galt bis zu diesen Ereignissen als Unterstützer des Präsidenten. Zuletzt hatte er sich wie immer mehr Vertreter konservativer Gruppierungen von der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen durch die Regierung distanziert. Eine weitere Seite, Ayandenews, wurde bereits wegen der „Beleidigung von Regierungsbeamten“ geschlossen. Die Reporter ohne Grenzen schreiben:
-
: Informantenschutz gefährdet – Medienverbände warnen vor Vorratsdatenspeicherung
: Informantenschutz gefährdet – Medienverbände warnen vor Vorratsdatenspeicherung Zwei Tage vor der mündlichen Verhandlung über die Vorratsdatenspeicherung vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe melden sich große deutsche Medien zu Wort und warnen ausdrücklich vor dem Gesetz, das den Informantenschutz und die journalistische Arbeit gefährde. Der Deutsche Bundestag hatte im November 2007 mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD das Gesetz zur Einführung der Vorratsdatenspeicherung in Deutschland beschlossen, wonach Telekommunikationsdienstleister nun verpflichtet sind, die bei elektronischer Kommunikation anfallenden Verbindungsdaten ihrer Kunden ohne konkreten Verdacht und Anlass für sechs Monate auf Vorrat zu speichern. Dies gefährde das Vertrauensverhältnis zwischen Journalisten und potentiellen Informanten „mit bislang nicht gekannter Intensität“, zitiert SPIEGEL Online nun die Medienvertreter aus dem Brief an Bundesverfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier:
Der Staat erhalte durch die Vorratsdatenspeicherung „erstmals Zugriff auf alle elektronischen Kontakte von und mit allen Journalisten“ für das jeweils zurückliegende halbe Jahr, kritisieren nun Journalisten, Sender- und Verlegerverbände. „Allein diese Tatsache wird Informanten massiv abschrecken“, heißt es nach SPIEGEL-Informationen in dem von den Journalistenverbänden DJV, dju in Ver.di, den Verbänden der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, der ARD, dem ZDF und dem Privatsenderverband VPRT mitgetragenen Schreiben an den Verfassungsgerichtspräsidenten Hans-Jürgen Papier.
Der Informant müsse bereits eine Enttarnung fürchten, wenn der Journalist, wie es seine Sorgfaltspflicht gebietet, die von der Information betroffene Organisation konfrontiere – weil sich diese dann zur Ermittlung der undichten Stelle an Strafverfolgungsbehörden wenden könnte. „Gerade in Zeiten des Terrorismus, in denen der Staat Bürgerrechte vermehrt beschränkt und geheim agiert“, heißt es in dem Schreiben, sei aber „die Demokratie auf eine effektive und robuste Pressefreiheit angewiesen“.
Zur Verhandlung am kommenden Dienstag, den 15.12.2009 hat der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, der Zusammenschluss vieler Organisationen und Bürger gegen das Gesetz, eine Spezialseite eingerichtet, auf der sich alle Informationen zum Verfahrensstand und zur mündlichen Verhandlung finden. Für 8:00 Uhr lädt der Arbeitskreis zu einer Pressekonferenz mit Beschwerdeführern (Teilnehmerliste, PDF) ein, die auch live ins Internet übertragen wird.
Um 10:00 Uhr beginnt die mündliche Verhandlung vor dem Gericht (Ablaufplan, PDF) und es wird Live-Updates über den Verlauf geben. Es gibt keinen Live-Stream aus dem Gerichtssaal selbst, sondern nur eine Audio-Übertragung in den Presseraum des Gerichts, daher wird von dort aus berichtet so gut es geht. Außerdem haben sich viele Agenturen, Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender angekündigt. Im eigens eingerichteten Informationsraum im DGB-Haus Karlsruhe (Ettlinger Str. 3a) werden aktuelle Infos auf eine Leinwand übertragen und können gemeinsam verfolgt werden. Außerdem informiert der Arbeitskreis vor dem Bundesverfassungsgericht und in der Fußgängerzone mit Informationsständen und einer großen Tafel über die Vorratsdatenspeicherung.
http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg09-124 -
: Die Wiederauferstehung der französischen Mega-Datenbank „EDVIGE“
: Die Wiederauferstehung der französischen Mega-Datenbank „EDVIGE“ Nathalie Roller hat für Telepolis einen lesenswerten Artikel darüber geschrieben, wie ein Jahr nach den erfolgreichen Protesten gegen die französische Mega-Datenbank „EDIVGE“ das scheinbar tote Projekt unter neuem Namen wieder auf der Tagesordnung gelandet ist.
EDVIGE hatte aufgrund des schieren Umfangs der geplanten Datensammlung für Aufregung gesorgt und musste nach massiven Protesten zurückgezogen werden. Jetzt sind zwei Datenbanken geplant, die weit weniger tiefgreifend sein sollen.
Sieht man sich die zwei Dekrete allerdings genauer an, so muss man feststellen, dass die beiden neuen Datenbanken fast alle bürgerlichen Aufreger von vor einem Jahr nach wie vor enthalten. Nur eben verteilt auf zwei Datenbanken, wozu der Innenminister von Gesetzes wegen gezwungen war. Denn die alte EDVIGE hatte nämlich Äpfel mit Birnen vermischt, was illegal ist und auch damals schon war.
Ein schönes Beispiel für die Salami-Taktik der europäischen Innenpolitiker: Was einmal scheitert, taucht sicher noch ein zweites Mal auf. „Die wundersame Wiederauferstehung einer Scheintoten“ bei Telepolis.
-
: „Google hat ein wirtschaftliches Interesse an Meinungsfreiheit“
: „Google hat ein wirtschaftliches Interesse an Meinungsfreiheit“ Am gestrigen Nachmittag lud Google in Berlin zu der Veranstaltung Breaking Borders, wo eine Reihe illustrer Namen über die Meinungsfreiheit im Zeitalter des Internets diskutierten.
Der Gesamttenor des Nachmittags mit drei Keynotes und einer Podiumsdiskussion war eindeutig, dass „Internet und neue Medien helfen, Redefreiheit auszuweiten“, wie es der Generalsekretär der Reporter ohne Grenzen, Jean-François Julliard, formulierte. Von der in gewissen Kreisen gehegten Mentalität, den Medienwandel nicht wahrhaben zu wollen, war nichts zu spüren. Der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland, wurde da sehr deutlich:
The internet is helping people develop the world – either you understand this or you will disappear like the Communist regimes.
Interessant war, die Haltung von Google zur Redefreiheit zu hören. Rachel Whetstone sprach davon, dass Google ein wirtschaftliches Interesse an Redefreiheit habe: „Je mehr Informationen sich online befinden, desto größere Möglichkeiten haben wir, Geld zu verdienen.“ Deutlich wird, dass Google Informationen vor allem quantitativ sieht. Dazu, dass der Konzern unter anderem in China seine Suchergebnisse zensiert, meinte Whetstone: „Es ist beser, einen Großteil der Informationen anzubieten als überhaupt keine Informationen.“ In solchen repressiven Regimes wirke das Internet wie eine Bresche in einem Damm.
-
: „Threatened Voices“ dokumentiert die Verfolgung von Bloggern
: „Threatened Voices“ dokumentiert die Verfolgung von Bloggern Global Voices Advocacy hat gestern sein neuestes Projekt gelauncht, Threatened Voices. Die Seite ist schon jetzt die wohl umfangreichste Informationsquelle zu politischen Repressionen gegen Blogger. Sami ben Gharbia schreibt in seiner Einführung:
Today, Global Voices Advocacy is launching a new website called Threatened Voices to help track suppression of free speech online. It features a world map and an interactive timeline that help visualize the story of threats and arrests against bloggers worldwide, and it is a central platform to gather information from the most dedicated organisations and activists.
Die Seite enthält Profile der einzelnen Betroffenen mit genauen Angaben zu ihrer Situation. Auf einer Karte wird die weltweite Verteilung der Fälle visualisiert, die sich auch nach der Situation der Blogger – ob inhaftiert, freigelassen oder bedroht – aufschlüsseln lässt. Eine Zeitleiste gibt zudem Übersicht über die historische Entwicklung.
In Zukunft soll Threatened Voices als Plattform zum Crowdsourcen von Informationen zu Bedrohungen und Verhaftungen von Bloggern etabliert werden. Neue Einträge können über ein einfaches Formular beigetragen werden.
Die bisher von einem Freiwilligen-Team, an dem auch ich mich beteiligt habe, zusammengetragene Datenbank ist bereits ausgesprochen umfangreich. In Zukunft soll die Seite auch eine API erhalten, um einen Zugriff auf die Datenbank zu ermöglichen.
-
: Repressionen gegen Politaktivisten in Großbritannien
: Repressionen gegen Politaktivisten in Großbritannien Der Guardian hat in den letzten Tagen eine Reihe von Artikeln der Autoren Paul Lewis und Rob Evans veröffentlicht, die verschiedene Seiten der Repressionen gegen politisch aktive Menschen in Großbritannien beleuchten.
Am 22. Oktober berichtete der Guardian, dass sich die Polizei in Kent für die „unangemessene und kontraproduktive“ Durchsuchung tausender Umweltaktivisten entschuldigt hat.
A total of 8,218 searches were carried out on protesters at the week-long demonstration last August against the energy company E.ON’s proposed coal-fired power-station, after orders from senior commanders were misinterpreted „as an instruction to search everyone“.
Am Sonntag schrieben die beiden Autoren über die systematische Verfolgung von Aktivisten mittels automatischer Nummernschilderkennung. Die Polizei notiert Kennzeichen von Autos, die bei Demonstrationen gesichtet werden, und speist diese in eine landesweite Datenbank ein. Die Folge für die betroffenen Personen sind regelmäßige Kontrollen. Wenn sich in der Datenbank Notizen mit Verdächtigungen finden, kann es sogar zu Durchsuchungen nach Anti-Terror-Gesetzen kommen.
-
: Press Freedom Index 2009: Reporter ohne Grenzen kritisieren europäische Staaten
: Press Freedom Index 2009: Reporter ohne Grenzen kritisieren europäische Staaten Die Reporter ohne Grenzen haben erneut ihren jährlichen Index zur Pressefreiheit in der Welt herausgegeben. Die Organisation hinterfragt dabei die Vorbildrolle Europas:
It is disturbing to see European democracies such as France, Italy and Slovakia fall steadily in the rankings year after year,
erklärte der Generalsekretär Jean-François Julliard. Deutschland hat sich allerdings leicht verbessern können und ist in der Liste von Platz 20 auf 18 gestiegen. In den USA gibt es einen regelrechten „Obama-Effekt“, die Vereinigten Staaten haben sich von Platz 40 auf 20 verbessert. Die RoG schreiben das auch dem neuen Präsidenten zu, obwohl der Beobachtungszeitraum vom 1. September 2008 bis zum 31. August 2009 lief, Obama also einen großen Teil der Zeit gar nicht im Amt war.
-
: Aktueller Entwurf des Stockholm-Programms geleaked
: Aktueller Entwurf des Stockholm-Programms geleaked Gerade hatten wir noch darüber berichtet, nun ist eine aktuelle Fassung des Stockholm-Programms aus den Verhandlungen im EU-Ministerrat an die Öffentlichkeit gesickert. Hier ist das PDF. Das Dokument zur Inneren Sicherheit in der EU für 2010 bis 2014 ist die Grundlage für die Entscheidung des Rates der Innen- und Justizminister Ende November und den Rat der Staats- und Regierungschefs Anfang Dezember.
Es wäre schön, wenn mal jemand ein übersichtliche Fassung machen könnte, wo man die Unterschiede zur ersten Vorlage der EU-Kommission vom Juni auf einen Blick sieht. Anders formuliert: Wer macht mal ein Diff?
-
: Google-Maps: Chinesische Blogger hinter Gittern
: Google-Maps: Chinesische Blogger hinter Gittern BoingBoing verweist auf eine Karte bei Google-Maps, die viele hinter Gittern sitzende chinesische Blogger mit dem Standort ihres Gefängnis anzeigt.
Ist zwar alles auf chinesisch, aber trotzdem eine schöne Visualisierung.
[Danke an Johannes]
-
: 3sat: Netzsperren weltweit
: 3sat: Netzsperren weltweit Nochmal 3sat neues zur Netzzensur, diesmal der Beitrag „Netzsperren weltweit“.
„neues“ blickt in die weite Welt des Netzes und zeigt, welche Länder bereits Sperrtechnologien einsetzen und dass selbst demokratische Staaten diese Technologien einsetzen.
-
: Lieferte Yahoo Nutzerdaten an Iran?
: Lieferte Yahoo Nutzerdaten an Iran? Das Blog ZDNet Government berichtet „exklusiv“, dass Yahoo während der Proteste im Iran Daten von 200.000 Yahoo-Nutzer der Regierung zur Verfügung gestellt haben soll: Exclusive! Yahoo provided Iran with names of 200,000 users. Die Daten soll es im Austausch für die Rücknahme von yahoo.com von der iranischen Filterliste gegeben haben. Als Quelle wird ein iranisches Blog namens „Iranian Students Solidarity“ genannt, was laut Angaben des ZDNet-Bloggers glaubwürdig sein soll und schon öfters aus iranischen Regierungskreisen solche Informationen geleakt haben soll.
Die Geschichte soll so ausgesehen haben:
Die iranischen Behörden wollten wohl Daten aller Yahoo-Nutzer aus dem Iran haben. Für Yahoo waren das aber zuviele Daten. So hat man nur die Daten von Yahoo-Nutzern,die in Blogs publizieren, verwendet. Google soll auch angefragt gewesen sein, hat aber wohl alles verzögert und nichts ausgeliefert.
Die Geschichte klingt plausibel und Yahoo ist ja bereits negativ in China aufgefallen mit der Herausgabe von Nutzerdaten. Es ist aber bisher unklar, ob die Meldung echt ist oder nicht.
Hier ist die englische Übersetzung des Farsi-Posts:
On 27th of Shahrivar (Day of Qods) when Iranians demonstrated again on the streets, the Iranian authorities in addition to blocking many internet sites, all over Iran, blocked or severely limited access to Yahoo and Google. Google did not react and its problem was resolved with 48 hours, but Yahoo sent a representative to Iran’s telecommunications ministry, to resolve the issue. During the meeting with Iranian Internet authorities and telecommunications authorities, Yahoo representatives were asked to provide Iranian authorities with the names (data) on all Iranian Internet account holders in exchange for removing the block/filter on the Yahoo website.
The Yahoo representative subsequently expressed that currently there were more than 20 million email accounts and providing such a list will be a very time-consuming process. To which the IRGC (Islamic Republic Guardian Council) replied by asking the representative to provide email accounts of those individuals who have Yahoo accounts and are publishing blogs. Apparently this made Yahoo’s task a bit easier and the Yahoo representative agreed to provide such a list within a matter of hours. Upon the receipt of such a list, which included approximately 200,000 emails, by the Iranian authorities, the regime immediately unblocked access to the Yahoo.com website. The list went back as far as five years and included active and inactive accounts and blogs.
[via]
Kleine Anekdote am Rande: Ich habe versucht, Yahoo Deutschland für eine Stellungnahme zu kontaktieren. Die auf der Webseite als Pressesprecherin geführte Dame ist bis einschließlich heute im Urlaub und erst wieder am Montag erreichbar. Als Ersatz bietet die Auto-Reply Funktion den Kontakt einer PR-Agentur an. Da gibts auch eine Auto-Reply Funktion, dass der angegebene Kontakt bis Montag nicht erreichbar ist.
Update: Jetzt hat Yahoo doch geantwortet und dementiert:
„The allegations in the story are false. Neither Yahoo! nor any Yahoo! representative has met with or communicated with any Iranian officials, and Yahoo! has not disclosed user data to the Iranian government. Yahoo! was founded on the principle that access to information and communications tools can improve people’s lives, and Yahoo! is committed to protecting and promoting freedom of expression and privacy. To learn more about our human rights efforts, please visit: http://humanrights.yahoo.com.”
Mal schauen, ob da noch was kommt.
-
: Eine kleine Rundreise durch die Welt der Zensur
: Eine kleine Rundreise durch die Welt der Zensur Einen sehr schönen Überblick über (Netz-)Zensur weltweit hat Jens Kubieziel im Anon-Wiki zusammengestellt: Eine kleine Rundreise durch die Welt der Zensur.
Daraus ist auch der Datenspuren 2009 Vortrag „Eine Zensur findet statt – Eine kleine Rundreise durch die Welt der Zensur – Wo, Was und Wie?“ entstanden. Die Folien finden sich hier.
-
: Netzzensur in der Türkei
: Netzzensur in der Türkei In der Türkei gibt es bekanntlich auch eine Zensurinfrastruktur im Internet und dort wird auch rege Gebrauch davon gemacht. Der Deutschlandfunk berichtete heute drüber: „In der Türkei wird alles zensiert“.
Gesperrt sind auch die Seiten vieler kurdischer Medien, denen die Behörden die Untersützung einer terroristischen Vereinigung vorwerfen. Um Copyrightfragen geht es bei myspace und last.fm, um Beleidigungsklagen bei anderen Seiten. Was die Reporter Ohne Grenzen aber vor allem kritisieren an dem Internet-Gesetz:
„Ein Staatsanwalt kann nach diesem Gesetz die sofortige Sperrung einer Webadresse beantragen, der Richter muss binnen 24 Stunden entscheiden. Einen Prozess gibt es nicht.“
Keine Ermittlungen, keine Beweislast und vor allem keine Verteidigung. Um eine gesperrte Website von der Zensur zu befreien, liegt die Beweislast beim Betreiber der Seite – Youtube ist das nach eineinhalb Jahren noch immer nicht gelungen. Dabei sei die Beschneidung der Meinungsfreiheit gar nicht die eigentliche Absicht des Gesetzgebers gewesen, glaubt der Sprecher von Reporter Ohne Grenzen:
„Die Regierung und das Parlament wollten eigentlich ein Gesetz ausarbeiten, das alle Fragen des Internets regelt, also nicht nur Straftaten, sondern etwa auch Regeln für Online-Verkäufe. Aber wegen Überlastung durch viele andere Reformvorhaben haben Regierung und Parlament das damals nicht geschafft und dann beschlossen, zumindest ganz schnell ein Gesetz gegen Straftaten im Internet zu verabschieden und sich dann später um den Rest zu kümmern. Deshalb gilt jetzt seit dem 4. Mai 2007 dieses Gesetz, über dessen Schwächen gar nicht diskutiert werden konnte.“
Über die Internetzensur in der Türkei hatten wir schon im Rahmen der Berichterstattung über das Global Media Forum in Bonn berichtet: Internetzensur international.
-
: Demos, Demokratien und Dienstnummern
: Demos, Demokratien und Dienstnummern Anlässlich der Polizeigewalt auf der Demonstrationen „Freiheit statt Angst“ am vergangenen Samstag (Video) kocht die Diskussion um die Kennzeichnung von Polizeibeamten wieder ein wenig auf: In der Frankfurter Rundschau erhebt die deutsche Sprecherin von amnesty international, Katharina Spieß, erneut die Forderung nach einer eindeutigen Kennzeichnung von Polizisten.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) lehnt eine Kennzeichnung der Beamten im Einsatz jedoch strikt ab: „Es gibt genug Beispiele, dass die Familien der Polizisten bedroht wurden, wenn die Namen der Beamten bekannt geworden waren“, sagte Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender GdP, der FR.
Der Chaos Computer Club fordert ebenfalls eine bundesweit einheitlichen Dienstnummer, dessen Mitglied und Blogger Fefe präzisiert diese folgendermaßen:
Auf den Namen der Beamten bestehen wir nicht. Das kann eine Nummer sein, die nur vor Gericht zugeordnet werden kann. Und vor allem kann man eine neue Nummer für einen Beamten vergeben, wenn die Zuordnung rauskommt. Oder man vergibt die Nummern pro Einsatz neu. Wir sind da nicht dogmatisch. Wir wollen nur eine Möglichkeit haben, wie man einen Prügelpolizisten auf einem verwackelten Foto von einer Demo im Zwielicht mit Helm trotzdem erkennen kann, wenn man ihm vor Gericht etwas anlasten will.
Der Innenausschuss des Berliner Abgeordntenhauses hat nun für kommenden Montag als letzten Punkt eine Besprechung des Polizeieinsatzes auf der Demonstration auf der Tagesordnung, worum die FDP-Fraktion bat.
Ferner findet sich auf der Seite des Ausschusses hat eine Liste aller unerledigten Vorgänge. An oberster Stelle steht – vertagt seit dem 1. Februar 2007 – der Antrag auf „Individuelle Kennzeichnung bei der Polizei“ der Grünen Fraktion (leider nur PDF), der das Einfügen folgenden Passus in das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz Berlins fordert:
§12a Ausweisungspflicht, Kennzeichnung
(1) Die Dienstkräfte der Ordnungsbehörden und der Polizei sind verpflichtet, sich bei Diensthandlungen auszuweisen.
(2) Auf Verlangen ist die Dienstkarte mit der Dienstnummer auszuhändigen. Im geschlossenen Einsatz stellen die Vorgesetzten das Aushändigen sicher, wenn die besonderen Umstände des Einsatzes ein direktes Aushändigen nicht zulassen.
(3) Bei geschlossenen Einsätzen müssen die Polizeibeamten eine zur Identitätsfeststellung geeignete individuelle Kennung deutlich sicht- und erkennbar an den Uniformen tragen.
Alle Protokolle der öffentlichen Sitzungen, in denen der Antrag behandelt wurde, finden sich auf der Website zum Antrag (PDF-Links rechts am Rand).
Am kommenden Montag, den 21. September, findet also ab 10 Uhr die Sitzung im Abgeordnetenhaus, Raum 311 – wie immer öffentlich – statt. Wer sie sich anschauen will, sollte sich vorsichtshalber vorher anmelden. Die Einladung samt Tagesordnung gibt es leider nur als PDF. (Vorher macht die CDU noch ein paar – parlamentarsich scheinabr hilflose – Unternehmungen mehr Videoüberwachung zuzulassen. Der Antrag der Grünen steht nicht auf der aktuellen Einladung.)
Fefe „formuliere mal die Ziele“, wie sie sich aus seiner Sicht darstellen, der ich mich gerne anschließe:
1. Die beiden Prügelpolizisten müssen mindestens suspendiert werden, besser ganz gefeuert. Zum Verlust des Beamtenstatus ist nötig, dass ein Beamter rechtskräftig wegen einer vorsätzlichen Straftat zu Freiheitsentzug von zwölf Monaten oder mehr verurteilt wird.
2. Polizisten müssen ab jetzt per Nummernschild (am besten bundesweit einheitlich) von einem Gericht identifizierbar sein, z.B. so wie hier [Anm. siehe unten] beschrieben.
3. Für die Zukunft müssen wir Ausschreitungen wie diese verhindern, indem Polizisten psychologisch betreut und überwacht werden, und nur solche Beamte „an die Front“ gelassen werden, die nicht zu Gewalt neigen und sich auch nicht von ein paar blöden Sprüchen provozieren lassen.Zu seiner konkreten Vorstellung der Umsetzung, angelehnt an die in den USA immer gängige Polizeikennzeichnung schreibt Fefe:
Also, was mir vorschwebt, wenn ich eine Polizisten-ID fordere, ist ein Nummernschild wie beim Auto. Z.B. „B‑2201–12“ zeichnet Beamten 12 aus der Berliner Einheit 2201 aus. Das dann bitte wie beim Auto mit genormter OCR-Schrift, damit man es aus Fotos sauber rausextrahieren kann. Und das einmal auf dem Rücken und einmal auf der Brust. Es muß nicht so groß sein wie beim Auto, man ist ja beim Fotografieren näher dran und es muß ja nicht affig und degradierend aussehen. Aber so wäre der Datenschutz der Beamten gesichert, weil man mit der Nummer ja noch nicht an den Namen rankommt, das kann dann das Gericht im Falle einer Klage zuordnen. Dieses System entkräftet die Argumente der Polizeigewerkschaft vollumfänglich.
Es bleibt zu hoffen, dass in dieser Sache nun vielleicht endlich mal etwas passieren könnte. Ein bundesweit-einheitliches System müsste eh auf einer Innenministerkonferenz, durch eine Bundesratsinitative oder dem üblichen parlamentarischen Prozess in Gang gebracht werden. Ob nun per Fraktion, Petition oder gar EU-Richtlinie. Bleibt kreativ.
-
: Freiheit statt Angst: Die größte Bürgerrechts-Demo aller Zeiten steht bevor
: Freiheit statt Angst: Die größte Bürgerrechts-Demo aller Zeiten steht bevor Die gute Nachricht vorweg: Wie wir mittlerweile seit drei Jahren wissen, ist Petrus Datenschützer. Oder wie Markus auch immer sagt: Irgendein Hacker hat da ein Script gebaut, das bei unseren Demos die Regenwolken vertreibt. Jedenfalls meldet der Deutsche Wetterdienst für die Großdemo „Freiheit statt Angst“ am Samstag in Berlin:
Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg
Vorhersage für Region Nordost für Samstag, 12.09.2009Am Sonnabend wird es noch einmal heiter bis wolkig und trocken sein. Die Temperatur steigt auf 17 bis 21 Grad. Der Wind weht schwach bis mäßig um Nord.
Auch ansonsten sieht alles danach aus, dass es wieder mal eine richtig fette Sache wird, wenn wir uns alle um 15:00 am Potsdamer Platz treffen.
Unterstützer: Es haben mittlerweile 163 Unterstützerorganisationen, ‑verbände, ‑bands, Firmen und Initiativen den Demo-Aufruf unterzeichnet. Das ist das breiteste Bündnis für Bürgerrechte und ein freies Internet und gegen Überwachung, das Deutschland je gesehen hat. Nach vorsichtigen Schätzungen repräsentieren diese Unterstützer mehr als drei Millionen Mitglieder (Doppelmitgliedschaften schon statistisch rausgerechnet), das ist mehr als die Summe aller Parteimitglieder der Großen Koalition und aller Mittel- und Kleinparteien zusammen.
Bühnenprogramm: Es gibt mal wieder eine Reihe hochkarätiger Redner und Rednerinnen, darunter
- Frank Bsirske (Vorsitzender der Gewerkschaft ver.di)
- Franziska Heine (Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur)
- Thilo Weichert (Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein)
- Patrick Breyer (AK Vorratsdatenspeicherung)
- Rolf Gössner (Internationale Liga für Menschenrechte).
Musikalisches Rahmenprogramm bieten die Bands „Die Schwesta“ sowie „mono & nikitaman“. Da die Demo diesmal bis 22:00 Uhr angemeldet ist, gibt es noch ein paar DJs zum Abschluss, darunter gerüchteweise auch ein sehr bekanntes Urgestein der Techno-Szene.
Demozug: Die Demo wird natürlich wieder sehr bunt werden. Neben den mehr als 12 Wagen von Initiativen wie den Hedonisten, diversen Bürgerrechts- und Datenschutzgruppen und natürlich wieder der großen Datenkraken vom FoeBuD werden auch die mit aufrufenden Parteien vertreten sein. Die Piraten bringen sogar ihren fetten 40-Tonner mit.
Aber wer auf den letzten „Freiheit statt Angst“-Demos war, der wird sich erinnern, dass das Beeindruckendste die ganzen Transparente und Schilder waren, die die TeilnehmerInnen (also Ihr!) selber gemalt und mitgebracht hatten. Seit heute Mittag steht in Berlin auch bis Samstag ganztägig und-nächtlich ein eigener Raum zum Transparente-Malen zur Verfügung (offene uni berlin). Helfer und Material (Bettlaken oder große Stoffreste, Latten z.B. auch aus losen Lattenrosten, Sperrholz, große stabile Pappen oder Pressholz wie z.B. alte Schrankrückwände, Farben wie z.b. weiße Wandfarbe als Hintergrund) werden jederzeit gebraucht und sind willkommen.
Mithelfen: Auch für viele andere Sachen sind wird noch Hilfe benötigt. Ihr könnt euch für den Fahrdienst melden, der das ganze Material wie Generatoren, Zelte und Laptops zum Potsdamer Platz und wieder zurück fährt. Ihr könnt Demo-Ordner oder ‑Beobachter werden. Ihr könnt beim Presseteam mithelfen. Ihr könnt bei der Verpflegung für die Helferinnen und Helfer mithelfen. Und und und. Die FDP hat übrigens netterweise für Sonntag alle HelferInnen zum Dankeschön-Brunch eingeladen. Das Aktionsbüro (das wieder von den Grünen zur Verfügung gestellt wurde, auch dafür danke) mit Ober-Koordinatorin Nina von der Humanistischen Union und den vielen Freiwilligen vom AK Vorrat und anderswo her nimmt auch sonst alle Hilfsangebote gerne entgegen. Wer sich direkt im Wiki in die Helferlisten einträgt, erspart denen allerdings Arbeit und trägt zum kollaborativen und verteilten Gelingen der ganzen Sache bei.
Werbung: Der FoeBuD-Shop ist „ausverkauft“. Alle Flyer und Plakate, die noch übrig waren, sind jetzt in Berlin und können im Aktionsbüro abgeholt werden. In Berlin läuft bereits auch wieder ein kleiner Werbefilm in der U‑Bahn, der durch zusätzliche Spendengelder finanziert wurde.
Presse: Morgen um 11:00 findet eine Pressekonferenz des Demo-Bündnisses im Haus der Demokratie und Menschenrechte statt. Die Pressemappe gibt es hier. Auf der Kundgebung selber wird es diesmal eine eigene Aussichts-Plattform für Pressefotografen geben, damit die etwas bessere Fotos machen können.
Anreise: Wer noch nicht weiß, wie er nach Berlin kommt, kann sich bei den Mitfahrgemeinschaften (für Autos und Bahn) eintragen oder sich einem der Sonderbusse des FoeBuD oder der Piraten anschließen. In dem ermäßigten Bus der Grünen aus Hamburg sind offenbar noch viele Plätze auch für Nichtmitglieder frei. Auch Piraten sind willkommen zum entern, höre ich gerade (full disclosure: Mein neuer Chef Jan Philipp Albrecht ist einer der Sponsoren des Busses).
Spenden: Die ganze Demo ist über Spendengelder finanziert. Bisher fehlen noch grob 10.000 Euro, die durch eine Ausfallbürgschaft des AK Vorrat gedeckt sind. Der muss aber auch nicht jedes Jahr nach der Demo wieder komplett pleite sein, daher sind Spenden weiterhin gern gesehen. Auch kleine Beträge helfen. Spendenkonto: Humanistische Union, Kontonummer 30 74 250, Bankleitzahl: 100 205 00, Bank für Sozialwirtschaft, Verwendungszweck: „Demo Freiheit statt Angst“.
Soviel erstmal als kleiner Überblick. Mal sehen, was noch so an Updates in den nächsten zwei Tagen reinkommt. Wir versuchen, hier den Überblick zu behalten, aber das ist bei der Breite an Aktivitäten schon kaum noch zu schaffen.
-
: EU will weiter Finanzdaten an die US-Geheimdienste geben
: EU will weiter Finanzdaten an die US-Geheimdienste geben Der Ministerrat der Europäischen Union hat gestern beschlossen , den USA auch dann noch Zugriff auf Überweisungsdaten in der EU zu geben, wenn der Finanzdienstleister SWIFT im September sein neues Rechenzentrum in der Schweiz in Betrieb nimmt. Ein entsprechendes Abkommen mit der US-Regierung soll die EU-Kommission nun schnell verhandeln. Gegen dieses Vorhaben wendet sich momentan eine große Koalition die von Datenschützern, Linkspartei und Grünen über die FDP bis zu Sozialdemokraten, Konservativen und der Wirtschaftspresse reicht. Mehrere Europa-Abgeordnete haben deswegen bereits die Wiederwahl von Kommissionspräsident Manuel Barroso in Frage gestellt. Das Vorhaben steht auch im Kontext des geplanten Stockholm-Programms der EU, das die Innen- und Justizpolitik für den Zeitraum 2010–2014 vorgibt und vor allem aus Überwachung und Grenzabschottung besteht.
Hintergrund des Abhörskandals
Die belgische Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) ist Infrastrukturdienstleister u.a. für den internationalen Überweisungsverkehr. Sie betreibt bislang zwei Rechenzentren in den Niederlanden und im US-Bundesstaat Virginia, deren Daten identisch sind. Nach dem 11. September 2001 hatten US-Geheimdienste die Daten in Virginia abgegriffen und im Rahmen ihres „Terrorist Finance Tracking Programme“ (TFTP) ausgewertet. Als die Sache 2006 herauskam, gab eine große öffentliche Aufregung, die unter anderem zu scharfen Resolutionen des Europäischen Parlamentes führte. SWIFT unterliegt nämlich den EU-Datenschutzgesetzen, die so etwas verbieten.
Die EU-Kommission versuchte damals, die Kritik zu entschärfen, indem eine Untersuchung eingeleitet wurde. Der französischen Richter Jean-Louis Bruguière, den der damalige EU-Innenkommissar und Überwachungsfreund Franco Frattini im Frühjahr 2008 dafür eingesetzt hatte, sollte prüfen, ob die USA wirklich wie versprochen die Daten nur für den Antiterror-Kampf verwenden. Sein erster Bericht wurde dem EU-Parlament am 17.2.2009 vorgelegt. Die Pressemitteilung der Kommission dazu war nur lobend – alles ist gut und so :
Anlässlich der Vorstellung des Zwischenberichts vor dem Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres des Europäischen Parlaments zeigte sich der für Justiz, Freiheit und Sicherheit zuständige Kommissions-Vizepräsident Barrot „erfreut, dass das US-Finanzministerium von Anfang an sehr auf die Wahrung der Datenschutz-Vorkehrungen geachtet hat, die die Vereinigten Staaten uns in unseren Verhandlungen 2007 zugesichert hatten, insbesondere die ausschließliche Verwendung der Daten für die Terrorismusbekämpfung. Das TFTP hat gerade in Europa viel zur Terrorbekämpfung beigetragen.“
Diese „Überprüfung“ war allerdings ein Witz. Bruguière ist der oberste französische Ermittlungsrichter und Vizepräsident des Tribunal de Grande Instance in Paris, einem Tribunal für schwere Staatsverbrechen. Er hat sich seit 25 Jahren einen Ruf als Frankreichs „führender Terroristenjäger“ verschafft. So jemand wird natürlich nicht viel an dieser Überwachungsmaßnahme auszusetzen haben.
Nach viel hin und her willigte SWIFT damals ein, ein neues Rechenzentrum in der Schweiz aufzubauen, wo die inner-europäischen Überweisungen verarbeitet werden sollen. Die USA hätten darauf dann keinen Zugriff mehr gehabt.
Neues Abkommen mit den USA: Ausverkauf von EU-Daten
Gestern hat nun der Ministerrat der EU beschlossen, dass dieser Schutz des Bürgerrechts auf informationelle Selbstbestimmung doch nicht nötig ist. Die Vertreter der Mitgliedsstaaten haben einstimmig der EU-Kommission das Mandat erteilt, ein neues Abkommen mit den USA zu verhandeln. Dieser Plan war erst vor zehn Tagen ans Licht gekommen, als Eric Bonse bei ZEIT Online darüber schrieb . Das Europäische Parlament ist nicht einbezogen, weil es im Bereich der Innen- und Sicherheitspolitik erst nach dem Inkrafttreten des Lissabonner Vertrages mitreden darf.
Bereits im Vorfeld gab es Kritik an dem gesamten Vorhaben:
Europas Datenschutzbeauftragter Hustinx sieht die geplante Weitergabe der Daten äußerst kritisch. Bisher habe Brüssel die Notwendigkeit eines Abkommens mit Washington nicht nachgewiesen, schreibt er in [einem] Brief an [EU-Kommissionspräsident] Barroso. Die EU verfüge selbst über ein Instrumentarium zur Terrorabwehr. Zudem sei die Rechtsgrundlage fragwürdig. Es sei nicht einzusehen, warum die Kommission nicht auf den Reformvertrag von Lissabon warte, der die Rechte der EU in der Innen- und Justizpolitik stärkt.
Viele EU-Abgeordnete fühlen sich übergangen und äußerten letzte Woche massive Kritik an dem da noch geplanten Beschluss des Ministerrates. Der Leiter der österreichischen Sozialdemokraten im EP, Jörg Leichtfried, sagte gegenüber Futurezone:
„Es war ein Fehler, der Kommission das Mandat zu erteilen. Ich finde die Tendenz, die Bürger grundsätzlich als Verbrecher zu behandeln, fatal. Die EU ist keine Kolonie der USA. Sie sollte ihre Bürger vor den USA schützen. Das können die einzelnen Mitgliedsstaaten nicht leisten.“
Aus Deutschland meldeten sich unter anderem die EU-Abgeordneten Markus Ferber (CSU), Jan Philipp Albrecht (Grüne) und Helmut Scholz (LINKE) mit deutlicher Kritik an dem geplanten Abkommen.
Mittlerweile haben sich auch prominente Politiker aus der ersten Reihe gegen das neue Abkommen eingeschossen. Die Süddeutsche berichtet :
CSU-Chef Horst Seehofer zum Beispiel wettert heftig gegen die EU-Kommission: Deren Pläne seien ein „absolutes Unding“, sagte er nach einer Sitzung des CSU-Vorstands: „Ein Stoppschild muss her!“. Der Grünen-Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit wurde noch deutlicher. Er bezeichnete EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sogar als „Handlanger der USA“.
Auch FDP-Chef Guido Westerwelle sagte : „Dieses Vorhaben muss gestoppt werden“.
Als Reaktion auf die Kritik soll das Abkommen nun auf ein Jahr befristet werden. Es sollen auch nur einzelne Datensätze auf konkrete Anfrage herausgegeben werden, die US-Dienste bekommen also keinen Vollzugriff auf das System wie bisher. Wenn man sich die Entwicklungen der letzten Jahre im transatlantischen und europäischen Austausch von Geheimdienst- und Polizeidaten ansieht, ist aber nicht abzusehen, dass hier irgendwer der CIA mal sagen würde „nö, diese Daten bekommt ihr nicht“. Es gibt auch weiterhin keine richterliche Kontrolle.
Eigene Auswertung durch EU-Behörden?
Laut Eric Bonses Recherchen wollten die Minister zunächst, dass die EU diese sensiblen Informationen „zu Fahndungszwecken“ selbst auswertet. Letzte Woche hieß es noch , man wolle selber ein „Terrorist Finance Tracking Programme“ aufbauen:
Die EU will (…) prüfen, selbst ein Kontrollsystem für Finanzdaten nach US-Vorbild aufzubauen. Als „Follow-up“ zu einem Abkommen mit den USA müsse man die „Möglichkeit für ein EU-TFTP erwägen“, schreibt die Kommission. Damit würde auch der europäische Zahlungsraum (Sepa) ins Visier der Terrorfahnder geraten. Bisher hatte die EU stets beteuert, dieser sei von der Terrorfahndung nicht betroffen.
Eine Ausweitung auf die Daten des SEPA-Systems („Single Euro Payment Area“) würde noch viel mehr Überweisungen ausspähen. SEPA-Überweisungen werden nicht über das das SWIFT-Netz abgewickelt, sondern über TARGET II. Target ist das seit 1999 existierende Echtzeit-Überweisungssystem der nationalen Zentralbanken der EU-Staaten. SEPA-Überweisungen sind standardisierter auswertbar, denn SWIFT-Überweisungen bestehen im Gegensatz zu SEPA aus viel Freitext.
Das wurde nun dementiert. Die Süddeutsche Zeitung berichtet heute in der Printausgabe:
Allerdings denkt nach Angaben eines Sprechers der EU-Kommission niemand daran, von den Amerikanern im Gegenzug Einblick in deren Finanzströme zu bekommen. Es gebe auch keine Pläne, ein eigenes System der Analyse der Bankdaten aufzubauen.
Das ist vermutlich nicht mal gelogen, denn einen offiziellen Beschluss gibt es dazu noch nicht. Im Entwurf für das oben erwähnte Stockholm-Programm ist es aber vorgesehen:
Die Instrumente zur Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung müssen bei neuen potenziellen Schwachstellen des Finanzsystems und neuen Zahlungsmethoden, die sich Terroristen zunutze machen, ansetzen. Diese Instrumente müssen gewährleisten, dass die Finanzströme in geeigneter Weise überwacht werden (…).
Hier wird auch deutlich, dass die EU-Sicherheitspolitiker solche Finanzströme nicht nur zur Terrorbekämpfung auswerten wollen, sondern auch zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Eine zentrale Idee dabei ist mal wieder, EUROPOL zur europaweiten Datensammel- und Überwachungsbehörde auszubauen:
Im Bereich der Geldwäsche ist eine bessere Abstimmung zwischen den zentralen Meldestellen (Financial Intelligence Units) erforderlich. Ihre Analysen könnten auf der Grundlage des europäischen Informationsmodells in eine beispielsweise bei Europol angesiedelte Datenbank über verdächtige Transaktionen einfließen. Zur Feststellung verdächtiger Bargeldbewegungen müssen alle verfügbaren Informationsquellen herangezogen und miteinander abgestimmt werden.
Das genannte „europäischen Informationsmodell“ ist ein ebenfalls im Stockholm-Programm geplanter Standard für Datenformate, der den Austausch zwischen den Sicherheitsbehörden erleichtern und den Abgleich von verschiedenen Datenbanken möglich machen soll.
Einschätzung
Die Kritik an dem geplanten neuen Abkommen mit den USA hat zwei Dimensionen: Die eine ist inhaltlich, denn diese Überwachung von Finanzströmen ohne Anfangsverdacht bricht mit allen Grundsätzen von Datenschutz und Rechtsstaatlichkeit. Sie steht daher in einer Reihe mit der Speicherung und Weitergabe von Flugpassagierdaten und (zumindest was die anlasslose Speicherung angeht) mit der Vorratsdatenspeicherung. Es gibt bereits weitergehende Pläne, z.B. in Großbritannien, auch Bahn- und Schiffsreisende flächendeckend zu überwachen . Hier muss dringend grundsätzlich geklärt werden, dass so eine pauschale Überwachung verfassungswidrig und mit EU-Menschenrechtsstandards nicht vereinbar ist. Das für den Herbst erwartete Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung dürfte hier eine wichtige Vorentscheidung bringen.
Die zweite Dimension betrifft die europäische Demokratie. Die EU-Abgeordneten regen sich auch so über das geplante neue SWIFT-Abkommen auf, weil sie bei der inneren Sicherheit anders als bei der Binnenmarkt-Regulierung überhaupt noch nicht mitreden können. Falls nach der erneuten Volksabstimmung in Irland der Lissabonner Vertrag im nächsten Jahr in Kraft tritt, wird sich das ändern. Die schnellen Verhandlungen zwischen Kommission und US-Regierung, die bis September abgeschlossen werden sollen, sind daher ein Affront gegen die immer selbstbewussteren EU-Abgeordneten. Ob sich allerdings mit dem Lissabon-Vertrag inhaltlich etwas ändern würde, ist nicht so sicher, denn das neue Europaparlament ist von konservativen Parteien dominiert.
Es kommt also wieder einmal darauf an, dass sich der Widerstand gegen eine Europäische Überwachungsunion außerparlamentarisch organisiert, eine europaweite öffentliche Debatte anzettelt, und so Druck auf Ministerrat, Kommission und Parlament aufbaut. Eine Zusammenarbeit zwischen den Gruppen, die gegen das Stockholm-Programm protestieren und es verhindern oder massiv verbessern wollen, besteht zwar schon teilweise. Sie ist aber noch massiv ausbaufähig.
-
: Iran bekommt Vorratsdatenspeicherung
: Iran bekommt Vorratsdatenspeicherung Im Iran wurde jetzt ein weiteres Gesetz zur besseren Kontrolle der Telekommunikation beschlossen und damit bekommt man auch eine Vorratsdatenspeicherung. Bei der Propaganda zur Einführung hat man sich offensichtlich an westlichen Staaten orientiert. Nichts weniger als mehr Datenschutz und mehr Sicherheit soll das Gesetzes-Paket bringen. Klingt wie aus dem Munde von Unions-Politikern.
Heise berichtet: Iran verschärft Internetkontrolle.
Nach den Protesten, die auf die Präsidentenwahl folgten, und aufgrund der anhaltenden Konflikte, die bis in die politische und religiöse Elite hineinreichen, war abzusehen, dass die Machthaber im Iran die Zensur und Überwachung der Medien weiter anziehen werden. Auf die Schnelle wurde jetzt ein Gesetz im Parlament durchgepeitscht, vom Wächterrat gebilligt und dessen Umsetzung durch eine Eilanordnung vom umstrittenen Präsidenten Ahmadinedschad beschleunigt, das angeblich Cyberkriminalität bekämpfen und die Internetnutzer besser schützen soll. So begründete Generalstaatsanwalt Qorban-Ali Dorri-Najafabadi das Gesetz mit dem Schutz der Rechte der Menschen und der Stärkung des Datenschutzes.
Die Hardware und Software für die Vorratsdatenspeicherung kommt sicherlich auch von Siemens-Nokia, bzw. ist die wahrscheinlich schon eingebaut.
-
: Liebe Frau Krogmann, das mit Kasachstan habe ich geklärt!
: Liebe Frau Krogmann, das mit Kasachstan habe ich geklärt! Falls gerade der Eindruck entsteht, ich würde mich nur noch mit Frau Krogmann (parlamentarische Geschäftsführerin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) beschäftigen, muss ich dementieren. Dem ist nicht so. Zur Zeit beschäftige ich mich vor allem mit einem Fremdkörper in meiner rechten Ferse, den ich mir am Baggersee eingetreten habe. Aber genug von mir, es gibt auch gute Nachrichten.
Die Sache mit Kasachstan („Frau Krogmann und das wilde Kasachstan“, 16.06.) wäre geklärt. Adilbek Alzhanov, Gesandter der kasachischen Botschaft in Berlin schrieb mir gerade, dass Kinderpornographie in der Republik Kasachstan selbstverständlich ebenso illegal ist, wie in Deutschland.