Edward Snowden

  • : Snowden enthüllt Schlumpfparade: Wie das GCHQ Smartphones und Router hackt
    Was weiß der GCHQ-Schlumpf über dein Smartphone? (CC BY-ND 2.0 by <a href="https://www.flickr.com/photos/itsmeng/2224668665/g">Jerrold Connors)</a>
    Snowden enthüllt Schlumpfparade: Wie das GCHQ Smartphones und Router hackt

    Edward Snowden erklärt in einer BBC-Dokumentation (Zugriff nur aus UK), wie Schlümpfe in Smartphones eindringen und das britische GCHQ Router von Cisco infiziert. Weiterhin glaube er nicht, dass wirksame Verschlüsselung mit Hintertüren technisch möglich ist.

    GCHQs Schlumpftruppe

    In den veröffentlichen Snowden-Dokumenten war bislang nicht viel zum konkreten Ausspähen von Smartphones zu lesen. Im Interview enthüllt Snowden nun ein Programm mit dem Decknamen „Smurfs“, zu deutsch: „Schlümpfe“. Die Fertigkeiten des GCHQ zum Zugriff auf Smartphones werden intern nach Charakteren der Schlümpfe benannt: Der „Dreamy Smurf“ bezeichnet die Fähigkeit, Smartphones nach Belieben aus der Ferne an- und auszuschalten, unbemerkt. Der „Nosey Smurf“ kann das interne Mikrofon der Geräte aktivieren und so Gespräche aufzeichnen. Der „Trackers Smurf“ bestimmt die genaue Position des Smartphones – und zwar exakter als dies über die GSM-Ortung des Funknetzes möglich sei.

    Allerdings geht aus der BBC-Dokumentation nicht hervor, ob etwa die drei großen mobilen Betriebssysteme (Android, iOS, Windows Phone) betroffen sind – und wie weitreichend der Zugriff des GCHQ wirklich ist. Schließlich läuft über Smartphones nicht nur die tägliche, digitale Kommunikation. Auch Chat-Nachrichten, Photos, Videos, Dokumente und E‑Mails bleiben darauf gespeichert. Sie seien gewissermaßen der „geheime Türöffner zu den Daten und der Internetnutzung“, so der Autor der BBC-Dokumentation, Peter Taylor. Snowden dazu: „They want to own your phone instead of you.“

    GCHQ infiziert Router

    Neben dem Zugriff auf Glasfaserkabel (Tempora) kommt das GCHQ laut Snowden über einen weiteren Weg massenhaft an Daten. Bei der „Computer Network Exploitation“ (CNE) übernimmt der Geheimdienst aus der Ferne die Kontrolle über die Hardware (Router, Terminals) von Netzwerkdienstanbietern. Die BBC-Dokumentation erwähnt durch ein solches Hacking kompromittierte Geräte des US-Herstellers Cisco Systems. Anders als bei den von Glenn Greenwald enthüllten strategischen Partnerschaften mit Unternehmen findet eine solche Infizierung also auch ohne Wissen des Herstellers statt. Die über diese Geräte übertragenen Daten können dann problemlos ausgelesen, manipuliert oder umgeleitet werden. Snowden bezeichnet diese Methode daher als „digitale Spionage“.

    Auf diese Weise konnte das GCHQ am staatlichen Internetknoten in Pakistan, dem „Pakistan Internet Exchange“, auf große Datenmengen zugreifen (GCHQ Reference A/9014/9105/55, hier gespiegelt). Die entsprechende Autorisierung kam vom Britischen Außenministerium. Womöglich wird die Gesetzeslage in Großbritannien so geändert, dass Genehmigungen dieser Art künftig nur noch von Gerichten erteilt werden können, so die BBC-Dokumentation. Fraglich bleibt, ob es sich dabei dann um geheime Gerichte wie in den Vereinigten Staaten (FISA) handeln wird. Gerade zur Geheimhaltung von Überwachungsmaßnahmen fragt Snowden allgemein:

    Why did that happen in secret? Why did that happen without the public’s awareness? Why didn’t we, the public, have a choice to vote, on whether or not that’s something that we agree with?

    Snowden zu Verschlüsselung und Hintertüren

    Nach den Enthüllungen der anlasslosen, weltweiten Massenüberwachung setzen immer mehr Menschen Verschlüsselungstechnologien ein. Verschlüsselung behindere die Arbeit von Geheimdiensten jedoch nicht prinzipiell, so Snowden: Nur, wenn unterschiedslos der gesamte Datenverkehr abgegriffen werde, werde Verschlüsselung zum Problem. Denn auf der anderen Seite könne etwa die Smartphone-Schlumpftruppe vom GCHQ weiterhin auf direkt auf Zielgeräte zugreifen, jederzeit. Zur Debatte, ob Verschlüsselungstechnologien Hintertüren für Geheimdienste enthalten müssen, gibt Snowden zu bedenken:

    Snowden: The scientific community has arrived at a consensus that it simply cannot be done in a safe and secure way.
    Taylor: Is it technically impossible to devise a backdoor to encrypted communications?
    Snowden: Correct.

    Unklar bleibt dabei die Äußerung eines Facebook-Sprechers in der Dokumentation, dass das Social-Media-Unternehmen angeblich ‚verschlüsselte’ Daten der Nutzer für die Regierung entschlüsselt. Daneben gab er zu Protokoll, dass Facebook neben der Herausgabe von Nutzerdaten kein automatisiertes Durchleuchten der Nachrichten auf den Servern vornehme, etwa nach Handlungen mit terroristischem Hintergrund.

    „If I was a traitor, who did I betray?“

    Die BBC-Dokumentation spricht auch die Vorwürfe von NSA- und CIA-Direktoren an, Snowden gefährde die Sicherheit Amerikas. Der gibt sich gelassen: Solche Äußerungen würden stets ohne weitere, konkrete Beweise getätigt werden. Sobald sich das Gespräch mit Taylor jedoch zu sehr um seine Person dreht, lenkt er den Fokus wieder mehr auf die Überwachungspraktiken:

    Snowden: If I was a traitor, who did I betray? I gave all of my information to American journalists and free society, generally.
    Taylor: You betrayed the intelligence agencies whose prime responsibility is to protect to American people.
    Snowden: An argument could be made that I betrayed the government who protect the people. The question is not: What is the individual who revealed this? A good person or a bad person? The question is: How did these programmes come to be, and how do we stop them from occuring again in the future?

    Was wohl Papa Schlumpf vom GCHQ dazu sagt?

    6. Oktober 2015 17
  • : BBC Newshour Extra: Watching Big Brother
    BBC Newshour Extra: Watching Big Brother

    Der Journalist Owen Bennett Jones diskutierte in der Newshour Extra auf BBC gestern über das Verhältnis zwischen staatlicher Überwachung und Privatsphäre.

    When former CIA employee Edward Snowden blew the lid on the extent of digital surveillance by western governments two years ago, it sparked a fierce debate about the rights of citizens to privacy versus the duty of governments to protect against the threat of global terror. Having been exposed as colluding with these surveillance programmes, communications companies have recently sought to distance themselves from state monitoring and new technologies are emerging designed to give consumers the option of greater privacy. In this week’s Newshour Extra, Owen Bennett and his guests discuss whether Snowden’s revelations have been a gift to terrorists or whether personal freedoms have been rescued from the grip of Big Brother.

    5. Oktober 2015
  • : Live-Blog aus dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss: „USA sind der Elefant, wir sind das Pony.“
    Europasaal vor der Sitzung.
    Live-Blog aus dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss: „USA sind der Elefant, wir sind das Pony.“

    Heute tagt wieder der Geheimdienst-Untersuchungsausschuss im Bundestag. Diesmal ist August Hanning als Zeuge vorgeladen.

    Seit 1986 ist Hanning in die Sicherheits- und Geheimdienstwelt involviert. Damals war er bis 1990 Geheimschutzbeauftragter in der Ständigen Vertretung der BRD in Ost-Berlin. Danach arbeitete er im Bundeskanzleramt mit Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer zusammen und wurde 1996 zum Abteilungsleiter ernannt.

    1998 wurde er nach Hansjörg Geiger Präsident des BND. Er prägte während seiner Amtszeit das Selbstverständnis des BNDs als Dienstleister der Bundesregierung und trug zur Entscheidung bei, die BND-Zentrale von Pullach nach Berlin umzuziehen. Nach seiner Zeit als BND-Präsident war er 2005 bis zu seinem Ruhestand 2009 zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium, unter anderem zuständig für die Innere Sicherheit.

    Hanning war also während der vielen Jahre in zahlreiche Prozesse und Entscheidungen involviert, auch das Auftreten vor Untersuchungsausschüssen kennt er bereits, auch beim NSU-Untersuchungsausschuss trat er als Zeuge auf – fiel aber primär dadurch auf, dass er den Verfassungsschutz lobte.

    Wir sitzen wie immer drin und bloggen live, heute leider ohne zeichnerische Begleitung von Stella Schiffczyk.

    Gliederung

    Vorbemerkungen

    Disclaimer: Dieses Protokoll ist nach bestem Wissen und Können erstellt, erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder umfassende Korrektheit.

    Dargestellte: Abgeordnete und Zeugen, gerne korrigieren und vervollständigen wir Ihre Aussagen. Kontaktieren Sie uns!

    Todo: Links und Zusammenfassung

    Den Podcast zum Untersuchungsausschuss könnt ihr bei Technische Aufklärung nachhören, in der 16. Folge.

    Wer uns unterstützen möchte, darf gerne spenden.

    Update: Das offizielle stenografische Protokoll gibt es auf bundestag.de als PDF (Mirror bei uns).

    Einleitung: Vorsitzender (09:08)

    $Begrüßung

    $Formalitäten

    Zeuge: August Hanning, ehemaliger BND-Präsident

    August Hanning, 69, Invalidenstraße 16, Berlin.

    Eingangsstatement

    War zwischen November 1989 und November 2005 BND-Präsident, dann Staatssekretär im BMI. Untersuchungsgegenstand Zusammenarbeit mit US-Diensten.

    Gab gravierende Ereignisse in Amtszeit. Kosovo, Anschläge auf World Trade Center, Terror in EU und Türkei, Afghanistan. Knappe Ressourcen, alle Möglichkeiten mussten genutzt werden.

    Neben interner Organisation war Kooperation mit AND wichtig. Sowohl EU (F, GB) als auch USA. USA verfügten über mehr Ressourcen als BND. Beispiel:

    BND ist auch militärischer ND, für militärische Lagebeurteilung zuständig. Zusammenarbeit mit NATO/USA nötig.

    Nach 9/11 gab Schröder Regierungserklärung: „uneingeschränkte Solidarität“ mit USA, jede erdenkliche Hilfe.

    Enge Kooperation half, wichtige Informationen zu Attentätern zu ermitteln. Standort in Hamburg war wichtig, besonders für deutsche NDs.

    Nach 9/11 viele Kontakte von Bundesregierung zu US-Regierung und NDs. War selbst regelmäßig in USA, habe Erkenntnisse und Bewertungen ausgetauscht.

    Terroristische Bedrohung präsent, zum Beispiel Al-Quaeda, Anschläge in Madrid, London, Istanbul. Große Gefahr weiterer Terroranschläge.

    Zusammenarbeit mit US-NDs war während Amtszeit und später wichtig, um weitere geplante Anschläge in und außerhalb Deutschlands zu verhindern.

    In NATO eng mit US-NDs kooperiert, Vielzahl von Anschlägen verhindert. Zum Schutz der Soldaten von Bedeutung.

    Deutschland und USA haben unterschiedliche Auffassung über Opportunität des Krieges, aber BND war in der Lage, Bundesregierung optimal zu unterrichten.

    Verhältnis BND/NSA: Habe mich über Probleme unterrichten lassen. Probleme in Abteilung 2 [Technische Beschaffung] kritisch. Technische Entwicklung rasch vorangeschritten und BND hatte nicht notwendige Ressourcen.

    Prüfung von Verbesserungen, wäre nur mit erheblichem Aufwand gegangen. Reformbedarf wurde dringender. 2002 verschiedene Diskussionen, Ergebnis: Dringend zusätzliche Anstrengungen zur Ertüchtigung des BND.

    Habe Breitfelder (ehem. Abteilung 6) als Leiter Abteilung 2 vorgeschlagen. Wesentlich: Enge technische Zusammenarbeit mit NSA. Sowohl bei Vorbereitung als auch Umsetzung sichergestellt, dass deutsches Recht beachtet.

    Ohne Kooperation mit AND wäre BND nicht in Lage gewesen, Aufgaben erfolgreich zu erfüllen. Kein Vorgang, aus dem sich ergeben hätte, dass vereinbarte Koopereration von USA gegen Deutschlands Interessen genutzt wurde. Viele Einzelheiten nach zehn Jahren nicht mehr in Erinnerung. An vielen Besprechungen teilgenommen.

    Fragerunde 1: Vorsitzender (09:23)

    Sensburg: An Aussagen in früherem BND-UA gehalten. Damals SIGINT wenig Untersuchungsgegenstand. Hier stärker im Fokus.

    Möchte nicht großartig Rahmen einordnen, aber nochmal wissen: Wie war vor 9/11 Schwerpunktsetzung SIGINT? HUMINT in Ländern, SIGINT Randerscheinung? Oder weltweit vorne, State of the Art?

    Hanning: SIGINT war immer von Bedeutung. Dank ziviler Aufklärung wichtige Ergebnisse erzielt. Problem: Kommunikationstechnik raschem Wandel unterworfen, mehr Internetverkehr, Glasfaser, neue Technologien.

    BND hatte Schwiergkeiten, zu folgen. BND einordnen fällt mir schwer, habe auf überragende Fähigkeiten US-NDs hingewiesen. BND in EU ganz gut aufgestellt, verglichen insbesondere mit USA-Fähigkeiten verbesserungsfähig.

    Sensburg: Breitfelder u.a. haben Eindruck vermittelt, dass BND Anfang 2000er nicht auf Höhe der Zeit war. USA, GB, F waren deutlich kompetenter bei SIGINT. Will aufhellen, wie Motivation der Kooperationen war, Interessenslagen. Kann mir vorstellen, dass hohe Motivation, Wissensvorsprung aufzuholen.

    Hanning: Ja, bei Amtsantritt war die Frage: Wie können wir verbessern? Bei Diensten war neue Technik große Herausforderung. Man muss Vorkehrungen treffen, dass man überwachen kann. BND hatte Defizite, hatte mit Internetverkehren zu tun. BND hat sich schwer getan, haben wir nicht als gottgegeben hingenommen.

    Wollten uns verbessern. Brauchte Ressourcen, Vertrauen, Zustimmung des Parlaments.

    Sensburg: Grundsätzlich erkannt: Da müssen wir uns verbessern. Welchen Einfluss hatte 9/11 für SIGINT?

    Hanning: Hat sich rausgestellt, dass bei Vorbereitung der Anschläge sehr vernetzt vorgegangen wurde, Hamburg, Kuala Lumpur, Pakistan. Viel Kommunikation, Möglichkeit für NDs, das zu untersuchen und Anschläge zu verhindern. War wichtiger Aspekt. Funkaufklärung bei Terrorismus von Bedeutung. Arbeitsteilig vorgehen, mit Polizei.

    Sensburg: Insgesamt, auch SIGINT: Hatte man Sorge, dass uns Dinge durchgehen. War in Zusammenarbeit wichtig?

    Hanning: Ja, andere waren weiter, mit erheblichen Investitionen. Frage: Was tun wir? Klar und deutlich benannt, dann Programm zur Verbesserung entworfen.

    Sensburg: MoA 2002, Memorandum zu Kooperation mit NSA in Bad Aibling von ihnen unterzeichnet?

    Hanning: Ja.

    Sensburg: Wie damit beschäftigt?

    Hanning: Bad Aibling von US-Armee errichtet, war wichtig für die, zur Auswertung und Erfassung von Krisenkommunikation. Nicht von NSA betrieben, sondern von US-Armee. Relikt aus Besatzungszeit. Unterschiedliche Auffassungen, USA sagten: „Wollen das weiterbetreiben“. Habe dann gesagt: Verletzt deutsche Souveränität.

    Schwierige Diskussionen, auch in US-Kongress. Wollten nicht so wichtige Station abgeben. Mit Michael Hayden gesprochen: Wir müssen eine Lösung finden.

    Sensburg: Wann war das?

    Hanning: Ca. 2001, Monat KA.

    Sensburg: Vor September?

    Hanning: War völlig unabhängig von 9/11. Auf meinen Vorschlag hin Dreiergespräch in Berlin mit General Alexander. Vereinbart, dass Status verändert wird. Bad Aibling unter deutscher Hoheit, USA bekommen über BND die wichtigen Infos. Beachtung deutscher Interessen. Absprachen für MoA, MoA nur juristische Form.

    Bad Aibling dann unter BND-Hoheit gestellt.

    Sensburg: Ausgestaltung MoA: Einhaltung deutschen Rechts wesentlich. Ging um Einhaltung deutscher Interessen…

    Hanning: Interessen hat jeder.

    Sensburg: War nicht die Frage. Hatte man gemeinsames Interesse in MoA fixiert? Oder jeder jeweils eigene Interessen formuliert?

    Hanning: Immer unterschiedliche Interessen, nicht nur Bad Aibling, auch bei Kooperation mit anderen NDs. Geschäftsgrundlage in ND-Bereich. Aber große Schnittmengen: Kommunikation in Krisenregionen, aber beide auch eigene Aufklärungsinteressen. Interessen des anderen sollten nicht beeinflusst werden.

    Sensburg: Gemeinsames Ziel im MoA definiert oder jeder sein Ding?

    Hanning: Kannten nicht Auftragsprofil der NSA, NSA kannte nicht APB. APB ist geheim, das wurde nicht ausgetauscht. Aber war klar, wofür man sich interessierte. Viele gemeinsame Interessen in NATO, sehr breite Schnittmenge. Klar, dass wir andere Sichtweisen haben wie USA.

    Sensburg: Einordnung: Damals Steinmeier festgestellt, dass die Kooperation voll Transparenz unter Achtung deutschen Rechts durchzuführen. Kann das eingehalten werden, wenn jeder sein Ding macht?

    Hanning: War Massengeschäft. Sensibilität in Abteilung war hoch. Bad Aibling wurde deutscher Hoheit unterstellt, weil wir das kontrollieren wollten.

    Sensburg: Das ist Knackpunkt – Massengeschäft. Geht um Vielzahl von Daten, wobei für den Einzelnen sein jeweiliges Datum relevant ist. Vor Hintergrund Feststellung Steinmeier: War das gewährleistet?

    Hanning: Meiner Meinung nach ja. Glaube, Steinmeier war einverstanden, wurde ja auch Bundeskanzleramt vorgelegt. Alle Vorkehrungen getroffen, war auch Meinung von Bundeskanzleramt-Chef.

    Sensburg: Chef Bundeskanzleramt darauf angesprochen, was ihm gemeldet wird. Wenn Mitteilung „Massengeschäft“, dann wirkt Kontrolle und Transparenz unwahrscheinlich, weil individuelle Interessen.

    Hanning: Widerspreche, Großteil der Interessen identisch. Krisenregionen. Intensiver Austausch. Keine großen Gegensätze. 95% Aufklärung keine Gegensätze, nur andere Prioritäten, große Schnittmengen. Hatte keine Bedenken.

    Sensburg: Kommt mir auf die anderen 5% an. Betreffen die Interessen im Negativen deutsche Interessen, weil europäische Belange? Zum Beispiel um politische Entscheidungen der US-Regierung vorzubereiten. Wie hat man das Gewollte denn tatsächlich gewährleisten können, dass nicht EADS und Eurocopter eingesteuert werden?

    Hanning: Mag so sein, fragen sie nicht nach technischen Einzelheiten. Abteilung hat mir das vorgestellt, beraten, erörtert mit Bundeskanzleramt. Bin so unterrichtet worden, gab Mechanismen, die mir von Abteilung vorgestellt wurden.

    Sensburg: Welche Abteilung hat technische Expertise vorgestellt?

    Hanning: Abteilung 2, vermutlich Abteilung 6 mitgewirkt. Verantwortlich für die Umsetzung.

    Sensburg: Kann mir vorstellen, dass Abteilung 2 in positivem Hype war, weil man neues Baby hatte.

    Hanning: Nein. Breitfelder hat seine Bedenken zur Sprache gebracht. War juristisch bestens ausgestattet. Wusste genau, dass USA eigene Interessen hatten und Interessensabgrenzung hohe Bedeutung hat. Euphorie haben wir nicht empfunden. Große Aufgabe, schwierig. Musste erörtert werden, gab Entscheidungen. Dachte, Abteilung schafft das, kann das leisten.

    Sensburg: Zweiter Aspekt: Transparenz durch BND. Wie machte sich das in Kooperation bemerkbar?

    Hanning: KA, in bestimmten Bereichen Transparenz notwendig für Kooperation mit Partner. Muss Mindestmaß gewährleistet sein gegenüber Partner. Wie genau das in Bad Aibling war, KA. Habe von Schwierigkeiten gehört, Abstimmungen, Mechanismen. Führte auch dazu, dass Präsident eingeschaltet wurde.

    Sensburg: Also nicht alles nur entspannt, immer wieder Diskussionen. Kann das mit Machtgefälle zusammenhängen?


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    Hanning: Sicher: USA sind der Elefant, wir sind das Pony. Muss man sich wappnen. Ponys sind schneller, haben sehr qualifizierte Mitarbeiter.

    Hatten zum Teil technische Defizite, aber engagierte Mitarbeiter. Auch das Pony hat Qualitäten, manchmal haben USA sich gewundert.

    Sensburg: Unterschiede der NDs: USA legt viel Wert auf SIGINT, Anhäufen von Daten. BND auf HUMINT und Kombination, relevante Dinge finden?

    Hanning: USA sehr unterschiedlich organisiert. Unterschiedliche Tendenzen, SIGINT fördern, HUMINT war mit Risiken verbunden.

    BND großen Vorteil: Alles unter einem Dach. SIGINT/HUMINT, konnte komplex auswerten. Synergieeffekte. Deshalb Neubau in Chausseestraße.

    USA in vielen Teilen technisch sehr gut, aber Probleme, sich zu koordinieren. BND kann verschiedene Aufklärungsansätze verbinden, ist ziviler und militärischer Dienst.

    Sensburg: Seit halber Stunde MoA-Überlegungen. Hat es so eine Diskussion im Vorfeld auch zum MoA gegeben?

    Hanning: Ja.

    Sensburg: Wer hat das formuliert?

    Hanning: Soweit ich mich erinnere BND. Weiß nicht genau.

    Sensburg: War das Alltagsgeschäft?

    Hanning: Nein, haben das genau erläutert, mit Bundeskanzleramt abgestimmt.

    Sensburg: Mündlich?

    Hanning: Enger Kontakt zu Bundeskanzleramt. Wie genau, KA. MoA wiederholt mit Bundeskanzleramt beraten, schriftlicher Abstimmungsprozess.

    Sensburg: Wieviele Treffen?

    Hanning: KA.

    Sensburg: Aber gab welche?

    Hanning: Ja.

    Sensburg: Wer teilgenommen?

    Hanning: Uhrlau, Abteilungsleiter, Fachebene. Chef Bundeskanzleramt, jeden Dienstag getroffen.

    Sensburg: Wie lange ging der Prozess bis zum Abschluss MoA?

    Hanning: Keine Ahnung, längerer Prozess.

    Sensburg: Hatte Bundeskanzleramt mehr Bedenken als BND?

    Hanning: Ist Aufgabe der Aufsicht, skeptisch zu sein. Wie genau das war, KA. Vermutlich Text wegen Bundeskanzleramt verändert, Details KA.

    Fragerunde 1: Linke (09:58)

    Renner: Sagen, haben Aufklärungsprofil NSA nicht gekannt. Aber NSA hat Suchbegriffe/Selektoren übergegeben. Mind. seit 2005 angesehen und Rückschlüsse auf Aufklärungsziele ziehen können. Kennen sie den Vorgang?

    Hanning: Nein. Nicht im Einzelnen mit den Anforderungen befasst worden.

    Renner: Hieß es: wir haben unter den Suchbegriffen Ziele mit EU-/Deutschland-Bezug gefunden?

    Hanning: Soweit ich mich erinnere nein.

    Renner: Können sie sich vorstellen, warum NSA EADS ausspionieren wollte?

    Hanning: KA, Proliferation hat immer große Rolle gespielt. NSA hat auch deutsche Firmen im Visier, zum Beispiel mit Standorten in Iran. Nicht ungewöhnlich, BND macht das ja auch. Keine Überraschung.

    Renner: Steht in Raum: NSA hört seit vielen Jahren Regierung, Bundeskanzleramt, … ab. Handynummern, Dienstanschlüsse. Spiegel sagt, selbst BND war Aufklärungsziel. Weiß ja, BND war an illegalen Waffengeschäften beteiligt…

    Hanning: War er nie. Dienste können abhören, jeder, der offen kommuniziert, muss damit rechnen, abgehört zu werden.

    Renner: Haben sie das mal der Bundesregierung kommuniziert?

    Hanning: Bin nicht dafür verantwortlich. In Deutschland schlechte Sicherheitskultur, viel über offene Leitungen kommuniziert. Kompensieren das mit Empörung über Dritte.

    Gute Möglichkeit für AND.

    Renner: Das ist vollkommen normal? Sollen wir Straftat „Geheimdienstliche Agententätigkeit“ streichen? Opfer ist schuld?

    Hanning: Verstehe Argumentation nicht. NSA ist nicht deutschen Gesetzen unterstellt. Natürlich verletzen wir nationales Gesetz, wenn wir chinesische Unternehmen ausspähen.

    Renner: NSA in Deutschland agiert auf welcher Grundlage? Rechtsfreier Raum? Ihre Rechtsauffassung, dass sich NSA in Deutschland nicht an deutsche Gesetze halten muss?

    Hanning: Andere Dienste doch auch.

    Renner: Sie sagen, das ist vollkommen ok?

    Hanning: Überhaupt nicht.

    Renner: Also hat sich NSA an deutsche Gesetze zu halten?

    Hanning: NSA hält sich an US-Gesetze, BND an deutsche Gesetze.

    Renner: Eikonal: Abgriff ohne Wissen PKGr, Telekom, Bundeskanzleramt. Wussten sie von Anfang an, dass Operation für NSA gemacht wurde?

    Hanning: War gemeinsame Operation unter Wahrung deutscher Interessen.

    Renner: PKGr war nicht unterrichtet.

    Hanning: Weiß ich nicht.

    Renner: Kennen sie Transit-Vertrag?

    Hanning: KA.

    Renner: Irgendeinen Vertrag?

    Hanning: Vermutlich gelesen.

    Fragerunde 1: SPD (10:08)

    Flisek: Situation vor Memorandum: War nicht auf Grundlage deutschen Rechts, Sonderrecht der Alliierten?

    Hanning: Mit Rechtslage nicht beschäftigt. Mir war klar, dass Relikt aus Besatzungszeit. Haben in Deutschland ja einige Relikte aus der Zeit: Ramstein, Stuttgart.

    Muss anerkennen, dass USA eigenes Interesse am Schutz ihrer Institutionen haben.

    Flisek: Neben Ertüchtigung BND-SIGINT war eine Motivation auch, Bad Aibling in Zustand zu überführen, der deutschem Recht angenähert wird?

    Hanning: Ja, habe gesagt: Wir können das nicht akzeptieren, weil Souveränität.

    Flisek: MoA geistert seit Anfang in UA rum. Sehr komplexes Werk, haben mehrfach Zeugen gehabt, die operativ tätig waren, mit Selektoren, Datenbanken, etc.

    Haben die gefragt, ob ihnen MoA bekannt. Antwort immer: Nein. Gefragt, ob es Richtlinien/Anweisungen über Inhalt MoA gab, zum Beispiel, wie deutsche Interessen definiert sind. Auch durchweg: Nein, nicht bekannt.

    Habe mir immer Frage gestellt: Wie kann man so etwas Komplexes operabel machen, runterbrechen auf Mitarbeiter? Dass sich jeder daran hält. Wie wurde das sichergestellt?

    Hanning: Glaube nicht besonders an Dienstvorschriften. Habe vier bis fünf Ordner gesehen und sie dann eingedampft. Kann unterschiedliche Zwecke haben, Vorgesetzten entlasten.

    Wichtig, dass Leute sich daran halten. Entscheidend ist, dass die am Arbeitsplatz genau wussten, was sie zu tun hatten. Ob durch Belehrung von Vorgesetzten oder Vorschrift, egal. Müssen Vorgesetze dafür sorgen.

    Gab in Bad Aibling sicher Leiter, der das wusste.

    Flisek: Haben Eindruck vermittelt bekommen, 100%-ige Sicherheit kann es nie geben, aber annähernd. Hat sich bei letzten Zeugen geändert, weil viel Wert auf G‑10-Fragen gelegt. Durch Paketvermittlung greift das nicht mehr so, dann Frage gestellt: Wie gut hat das nach Automatisierung funktioniert?

    Wie wurde das sichergestellt, dass deutche und europäische Interessen nicht verletzt wurden? Das ist alles in MoA geregelt, aber Umsetzung … Woran lag das? Habe Eindruck, Dinge wurden nicht so bearbeitet, wie wir uns das vorgestellt haben. Stelle mir die Frage: Wenn sie zurückschauen, sehen sie Defizite?

    Hanning: Kann nur über meine Amtszeit reden. Da war vieles neu. Wie selektiert man? Händisch?

    Sie kommen aus Retrospetive. Schwer, das alles zu bewerten. Filtertechnik geht voran, muss weiterentwickelt werden. KA, ob das immer zuverlässig geschehen ist.

    Aufklärungsschwerpunkt in Bad Aibling waren Krisenregionen: Da stellen sich viele Fragen anders. Nur kleine Teile der relevanten Kommunikationen.

    Zu meiner Amtszeit begonnen, Vorkehrungen zu treffen.

    Flisek: Bis zu welcher Stelle durfte man Text des MoA kennen?

    Hanning: Abteilungsleiter sicher, eventuell auch Sachgebietsleiter. Mussten sich neu einfinden in Kooperation, da spielen die kritischste Dinge wichtige Rolle. Problemlage war allen Beteiligten sehr klar. War schon immer Thema für alle, hinreichend problembewusst.

    Flisek: Kein leichtes Spielfeld. Operative Mitarbeiter haben gesagt: Sie haben gemacht, was Vorgänger gemacht hat, Business as usual. Keine klaren Vorgaben.

    Sie sind kein Techniker, aber als Jurist: Müsste man mal zu Papier bringen, wäre Mehrwert?

    Hanning: Glaube ich nicht. Grenzen der Zusammenarbeit müssen ja immer eingehalten werden. Beteiligten haben das im Hinterkopf. Gab immer unterschiedliche Ansichten. Hatte nicht Eindruck, dass BND-Mitarbeiter konfliktscheu waren. Schon sehr selbstbewusst.

    Alle wussten um Sensibilität.

    Flisek: Zusammengefasst: Von Beginn Kooperation bis Snowden war Schwerpunkt G‑10, was ist G‑10-relevant, Rest eher untergeordnet. Eindruck bei Zeugenvernahme: Bei G‑10-Prüfung auf altbekannte Mittel zurückgegriffen, einfache Filter.

    Richtig?

    Hanning: Wie genauer Vorgang, KA. Bekannt, dass solche Techniken exisitieren. Eindruck: Ausfilterung großzügig, auch Dinge, die nicht G‑10 unterlagen. Wie in anderen Bereichen: Unterschiedliche Kategorien.

    Bad Aibling nicht ganz so kritisch, kein hartes Widersprechen von Interessen.

    Flisek: Haben eingangs politische Lage während Amtszeit geschildert. In der Situation: Gab es von politischer Leitung einen „Freibrief“? Nach dem Motto: „Gehen sie an die Grenzen des Rechts und darüber hinaus – für die Sicherheit“?

    Hanning: Nein, deutsche Behörden halten sich streng an Recht und Gesetz. Auch BND. Dehnung von Recht und Gesetz: Nein.

    Gab immer Rechtsabteilung mit Rechtsbedenken, BND ist da gut organisiert. Gab natürlich politische Weisung, mit USA-NDs zusammenzuarbeiten.

    Flisek: SIGINT: In ihre Zeit fiel enorme technische Entwicklung und immer mehr Bedeutung von Internet. Diese Verkehre um den Globus gehen nach ganz anderen Regularien als leitungsvermittelter Verkehr. Hatten hier Frage: Wie sieht das mit Routineverkehren aus.

    Offensichtlich mit G‑10-Anordnungen tätig gewesen, um Kabelzugriff im Frankfurt am Main zu bekommen (Eikonal). Gibt kein spezielles Anordnungsinstrument für Regelverkehr in Deutschland. Man spricht in Akten von „Türöffner“, um Regelverkehr zu überwachen? Bewertung?

    Hanning: Regelverkehre in Deutschland unterliegen nicht G‑10-Gesetz. Anders bei Verkehren, die deutsche Grundrechtsträger betreffen. Soweit so, dass von Systematik des Gesetzes so, dass G‑10-Kommission den Eingriff in deutsche Grundrechtsträger überwacht. G‑10 aber auf deutsche Grundrechte begrenzt. Und auf deutsche Grenzen.

    Warum Anordnung getroffen wurde: KA. Kann vorsorglich sein. Wie im Einzelnen Diskussion war: KA.

    Fragerunde 1: Grüne (10:32)

    Notz: Erinnerung an Bedenken der Telekom?

    Hanning: Ja, gab Diskussion mit Bundeskanzleramt. Dann Brief geschrieben worden.

    Notz: Von wem?

    Hanning: Soweit ich weiß Bundeskanzleramt.

    Notz: Bitte einordnen, dass von Bundeskanzleramt ein Brief kommt, wo drin steht: Das passt schon.

    Hanning: Rechtliche Auswertung Sache von Bundeskanzleramt.

    Notz: Haben sie darum gebeten, Unterlagen des Vorgangs an BND zurückzuschicken?

    Hanning: KA.

    Notz: Wie erklärt sich so eine Praxis?

    Hanning: KA.

    Notz: Freibrief wurde geschrieben, Unterschied G‑10 und Regelverkehr nicht mehr möglich, brauchte also doch G‑10-Genehmigungen.

    Sind 2005 von BND-Chef zu Innen-Staatssekretär geworden. Da wurde diese merkwürdige G‑10-Genehmigung gestrickt. Warum?

    Hanning: Von einzelnen Sicherheitsbehörden beantragt. Mir vorgelegt worden als Staatssekretär. Auf Schlüssigkeit geprüft, nicht im Einzelnen eingestiegen. Kann Einzelheiten nicht sagen.

    Notz: Wurde G‑10-Kommission informiert, dass es BND primär um Regelverkehr ging, um mit AND zu teilen?

    Hanning: KA.

    Notz: Telekom hat gesagt: Wir lassen sie nur ran mit G‑10-Anordnung. Wenn man Kontrollgremium wie G‑10-Kommission nicht über vollständigen Sachverhalt informiert, was ist das dann?

    Hanning: KA, ob das zutrifft.

    Notz: Wurde G‑10-Kommission informiert, dass Daten mit AND geteilt wurden?

    Hanning: KA.

    Notz: Wissen sie, dass in anderen Ländern strafbar ist, wenn man parlamentarische Kontrollgremien nicht vollständig informiert?

    Hanning: KA. Bin davon ausgegangen, dass vollständig informiert.

    Notz: Ausgeschlossen in MoA, dass NSA noch eigene Erfassungen in Deutschland macht?

    Hanning: KA.

    Notz: Nicht gesagt: So ein bisschen Erfassung dürft ihr noch machen?

    Hanning: Soweit ich weiß, war BND verantwortlich für Betrieb.

    Notz: Ja, aber durfte eigene Erfassung gemacht werden?

    Hanning: Soweit ich weiß nicht, denke, das wurde umgesetzt wie in MoA.

    Notz: Europäische und deutsche Interessen: Wurden die in MoA geschützt?

    Hanning: Was sind denn europäische Interessen? Mir sind europäische Interessen unklar, alle haben andere Interessen.

    Notz: Das ist Problem bei Kooperationen. Satz von Merkel: Abhören unter Freunden…

    Ist das aus ihrer Sicht naiv?

    Hanning: Will ich nicht kommentieren.

    Notz: Können sie damit etwas anfangen?

    Hanning: Nein.

    Notz: Wissen sie was zu Snowden-Papieren, dass Selektoren eingesteuert werden?

    Hanning: Nicht im Einzelnen gelesen, Herr Ströbele weiß da mehr.

    Notz: Selektorenproblematik: Die liegen im Safe bei BND und Bundeskanzleramt, gibt es wirklich.

    Überrascht sie das, dass viele 10.000 drin sind, die deutsche Interessen verletzen?

    Hanning: KA. Wird immer gleich Spionage unterstellt, kann nur spekulieren. NSA verfügt über große Fähigkeiten, auch, dass deutsche Ziele ausgespäht wurden. Auch in Terrorismusbereich.

    Fragerunde 1: Union (10:43)

    Warken: Eikonal, Transit. Wissen bisher, dass Telekom Bedenken hatte, dann gab es Abendessen zwischen ihnen und Herr Ricke. Näheres dazu? Was besprochen?

    Hanning: Habe gehört, Herr Ricke hat keine angenehme Erinnerung an Abendessen. Ich habe nur angenehme Erinnerungen. Ging nicht um Operationen.

    Warken: Im El Punto in Bonn. Da die Weichen zu Eikonal gestellt?

    Hanning: Nicht im Detail an Gespräch erinnern, ging aber nicht über operative Dinge.

    Warken: Wann von Bedenken der Telekom erfahren?

    Hanning: Von Abteilung aus. Haben das angeschaut, gesagt, Dienststelle muss entscheiden, wie wir agieren, wie wir Telekom überzeugen.

    Warken: Unterschiedliche Ansichten dazu in BND und Bundeskanzleramt?

    Hanning: KA. Entscheidend, was Uhrlau gesagt hat.

    Warken: Ende 2003, als es Überzeugungsbrief gab, der zu Transit-Vertrag geführt hat: Persönlichen Kontakt zu anderen Telekom-Mitarbeitern gehabt?

    Hanning: Soweit ich weiß nein.

    Warken: Wunsch nach was Schriftlichem? Wer geäußert?

    Hanning: Vermute, Telekom war Brief Bundeskanzleramt lieber als Brief von BND.

    Warken: Waren sie beteiligt an Abstimmung?

    Hanning: KA über Details, Brief war ja erfolgreich.

    Warken: Innerhalb Bundeskanzleramt, nur Thema in Abteilung 6 oder auch Spitze Bundeskanzleramt?

    Hanning: KA, in G‑10-Bereich immer enge Kontakte zwischen Abteilung 2 und Bundeskanzleramt. War nicht direkt beteiligt.

    Warken: Kam so ein Überzeugungsbrief öfter vor?

    Hanning: Nein, solche Operationen nicht so oft gestartet. Soweit ich mich erinnere, der einzige in meiner Amtszeit.

    Warken: Wann wurde Vertrag geschlossen?

    Hanning: KA.

    Warken: Wer hat für BND unterzeichnet?

    Hanning: KA, bin bestimmt unterrichtet worden.

    Warken: Was war Inhalt?

    Hanning: Vermute, ging um Genehmigung zum Abgriff.

    Warken: Paket- oder leitungsvermittelt?

    Hanning: KA.

    Warken: Telekom wurde nicht informiert, dass das ein Kooperationsprojekt BND-NSA war?

    Hanning: Anzunehmen, dass nur mitgeteilt, was erforderlich war. Geht um „Need to Know“.

    Warken: Keine Verpflichtung, das zu sagen?

    Hanning: Wie BND mit Verkehren umgeht, ist Sache des BND.

    Warken: Wie denken sie, hätte die Telekom reagiert?

    Hanning: Vor Snowden: Aufregung wäre mäßig gewesen.

    Warken: Paketvermittelte Verkehre: War Telekom zu riskant, das allein auf Grundlage von Transit auszuleiten. Wann sie erstes Mal mit den Bedenken konfrontiert?

    Hanning: KA, wenn, dann bestimmt durch Abteilung 2.

    Warken: Wissen auch nicht genaue Bedenken, Rücksprache mit Bundeskanzleramt?

    Hanning: Kam drauf an, ob man Problem alleine lösen konnte. Wenn es schwierig wird, unterrichtet man den Präsidenten.

    Warken: Besprechung Bundeskanzleramt mit Uhrlau etc. Warum sie da nicht dabei?

    Hanning: BND-Präsident hat Arbeitszeit von 60–70 Stunden und viele Aufgaben. Priorisierung. Rechtsfragen immer gut von Bundeskanzleramt mitbeantwortet. Uhrlau war da. Präsident in der Regel nicht eingebunden.

    Warken: Keine Vorgaben gegeben?

    Hanning: KA.

    Warken: Vermerk zu Ergebnis: Kein Handlungsbedarf, Gutachten und Unterrichtung G‑10-Kommission ausgeschlossen, „nicht vermittelbar“.

    An sie herangetragen worden?

    Hanning: KA.

    Warken: Wie haben sie beurteilt, ob man die Verkehre ausleiten darf?

    Hanning: Bin Zeuge, keine Rechtseinschätzung.

    Warken: Wie haben sie damals darüber gedacht, wie ist Diskussion verlaufen?

    Hanning: KA.

    Warken: Aber Vorgang bekannt, dass kein förmlicher Beschluss von G‑10-Kommission herbeigeführt?

    Hanning: Kommunikation mit G‑10-Kommission lief in der Regel innerhalb der Kommission ab. BND-Präsident in der Regel nicht dabei, nur einmal im Jahr dabei.

    Warken: Pragmatische Begründung dann einfach so gefunden?

    Hanning: KA.

    Ostermann: Glotaic, Spiegelbericht über „Legende von Hilden“. Können sie was in öffentlicher Sitzung dazu sagen?

    Hanning: Fand den Spiegelbericht interessant, habe selbst keine großartigen Erkenntnisse. Soweit ich mich erinnere, Idee der US-Seite, ging nicht um Erfassung deutscher Verkehre. Muss aufpassen – was hab ich gelesen und was weiß ich. Eine Operation unter mehreren und vielen. US-Seite initiativ geworden.

    Wolff: Inhalte der Operation NÖ.

    Ostermann: Was erhoffte sich BND davon?

    Hanning: Terrorismus, natürlich haben wir Interesse daran. USA hatten da besonderes Interesse. US-Dienststellen dahingehend besonders exponiert. Auf deutscher Seite schwer, so einen Vorschlag der USA abzulehnen. Operation wurde dann ja wohl auch durchgeführt.

    Ostermann: Wer hat Grundsatzentscheidung getroffen, die Operation durchzuführen?

    Hanning: Präsident, dafür hält man sich den doch? [lacht]

    Ostermann: Rolle Bundeskanzleramt?

    Hanning: KA, muss nicht immer unterrichtet sein.

    Ostermann: Also bei Glotaic nicht informiert?

    Hanning: Wenn, dann informell.

    Ostermann: Rechtliche Bedenken bei Zusammenarbeit?

    Hanning: Mich erkundigt, ob rechtliche Bedenken vorhanden. Dann Expertise bekommen: Geht so.

    Ostermann: Was ist da zitiert worden?

    Hanning: G‑10-Gesetz, ist ja eventuell Eingriff in deutsche Grundrechtsträger.

    Ostermann: Berichtet, dass Operation abgeschirmt war. Wer kann das veranlassen?

    Hanning: KA, mit Sicherheit der Präsident. Wird Votum von Fachabteilung bekommen. Administrativer Vorgang, kann nicht innere Abläufe sagen. Im Ergebnis wohl der Präsident.

    Ostermann: Haben sie die Abstimmung am 15.08.2003 veranlasst?

    Hanning: KA, wahrscheinlich. Bestimmte Regularien, dass diejenigen, die Einsicht nehmen können, eingegrenzt sind.

    Ostermann: Wie wird Abgeschirmtheit verfügt?

    Hanning: Im Einzelfall.

    Ostermann: Wie in Verhältnis zu Unterrichtung Bundeskanzleramt?

    Hanning: KA. Gibt formelle und informelle Schiene. Wie genau abgelaufen, KA.

    Ostermann: Bei Eikonal?

    Hanning: Bundeskanzleramt involviert.

    Ostermann: Gab es Abstimmung?

    Hanning: Natürlich.

    Ostermann: Presse sagt: Glotaic wurde in Kooperation mit US-Konzernmutter realisiert. Wurde entschieden, deutsche Mitarbeiter im Unklaren zu lassen. Bekannt?

    Hanning: Nein, aber spricht für Erfindungsreichtum der Leute. Hatten wahrscheinlich Gründe dafür, ist Sache der US-Seite.

    Ostermann: Haben Zeuge von Provider gehört. Erzählte, dass deutsche Mitarbeiter ahnten, dass Daten ausgeleitet wurden. Können sie nicht mehr dazu sagen?

    Hanning: Nein, primär US-Entscheidung.

    Ostermann: Finden sie das rechtlich problematisch?

    Hanning: KA, richtet sich nach Statuten der US-Firma.

    Ostermann: Also sie nicht beteiligt an dieser Entscheidung?

    Hanning: Nein, hat US-Seite abgedeckt. Willensbildung etc., kann mich nicht konkret erinnern.

    Ostermann: Spiegel: Sie haben Letter of Authorization an Chef des AND geschickt am 25. Juli 2013.

    Hanning: KA.

    Ostermann: Spekuliere, dass Verschicken des Briefs ohne Beteiligung Bundeskanzleramt unwahrscheinlich.

    Hanning: KA.

    Ostermann: Nicht jeden Brief von Präsident an AND musste Bundeskanzleramt kennen?

    Hanning: Nein, Kreis der Wissenden klein halten.

    Sensburg: Transparenz, Kontrolle. Breitfelder hat gesagt, es gab KO-Kriterien für Eikonal. Darauf eingegangen, dass sehr schwer war, diese Ziele zu erreichen?

    Hanning: Was meinen sie mit KO-Kriterien?

    Sensburg: Bezogen darauf, die gemeinsamen Ziele auch wirklich kontrollieren zu können.

    Hanning: Einhalt G‑10-Regularien schwierig.

    Sensburg: Technisch oder rechtlich?

    Hanning: Primär technisch. USA haben nicht verstanden, wie unser G‑10-Gesetz funktioniert.

    Sensburg: Umkehrschluss: Dinge nicht herausfilterbar, die für uns relevant.

    Hanning: Hatte Gefühl, haben mehr gefiltert wurde als erforderlich.

    Sensburg: Stelle man sich vor, Eindruck täuscht und ausreichende Filterung wäre nicht gelungen. Und: Bei Türöffner wären auch andere Dinge, als von G‑10 beabsichtigt, von statten gegangen. Wer würde da politische Konsequenzen tragen?

    Hanning: Operation ist ja eingestellt worden, weil Deutschland sehr restriktiv war.

    Sensburg: Noch in ihrer Amtszeit. 2005?

    Hanning: Wann eingestellt? 2008?

    Sensburg: Kollege von Notz hat die richtigen Daten. Später.

    Hanning: Zu meiner Amtszeit keine entsprechenden Kenntnisse.

    Sensburg: Und die politische Verantwortung?

    Hanning: Präsident hat immer politische Verantwortung, für ihn trägt Bundeskanzleramt Verantwortung.

    Fragerunde 2: Linke (11:13)

    Renner: Vor Start Eikonal Begehren der USA nach direktem Zugang?

    Hanning: KA.

    Renner: Könnte es sein, dass man gesagt hat, das geht nicht so einfach und man deshalb Türöffner gespielt hat?

    Hanning: Eikonal Türöffner für BND für Technik Kabelerfassung. BND war wichtig, Kabel zu erfassen, für technische Fähigkeiten.

    Renner: Hatte NSA eigenes Begehren, an die Kabel zu gehen und der BND hat das dann für NSA gemacht, weil sonst nicht möglich?

    Hanning: KA.

    Renner: Wie Einsatz von US-Technik bei Erfassung?

    Hanning: Sicher, soweit ich mich erinnere: Technische Möglichkeiten standen BND damals nicht zur Verfügung. USA haben BND ertüchtigt.

    Renner: Hardware/Software zertifiziert?

    Hanning: KA, aber unwahrscheinlich, dass BSI involviert.

    Renner: Zum einen gesagt: Bundeskanzleramt für Rechtsfragen zuständig. Zum anderen: Bundeskanzleramt muss nicht alles zu operativem Geschäft wissen. Wie soll es rechtlich beurteilen, wenn es gar nicht alles weiß?

    Hanning: Gehe davon aus, dass Bundeskanzleramt unterrichtet wurde. In welchem Umfang, KA. Hätte bestimmt keinen G‑10-Antrag gestellt, ohne dass es Bescheid gewusst hat.

    Renner: Erinnern, ob mal Tacheles geredet wurde?

    Hanning: Nein. Gab enge Verbindung zwischen den Juristen, den Technikern.

    Renner: Gestern Mewes hier. Sagt, Schwierigkeiten in Abteilung 2, gewisse Autonomie. Wie soll Bundeskanzleramt dann Fragen beurteilen, wenn man sich so abschirmt?

    Hanning: Hatte selbst Schwierigkeiten mit technischen Details. Aber alles keine Hexerei, kann man ja nachvollziehen. Natürlich technisch, aber halte das nicht für unmöglich.

    Renner: Bundeskanzleramt sagt, hatte nicht die technische Kompetenz so Bescheid zu wissen, um das vollständig beurteilen zu können.

    Hanning: Der deutsche Jurist kann alles. Gehe davon aus, dass die Leute das auch konnten.

    Renner: Ping-Pong-Spiel Rechts- und Fachaufsicht – wird immer hin- und hergeworfen.

    Bad Aibling, Daten aus Eikonal sind auch da verarbeitet worden.

    Hanning: War später, ursprünglich Krisenkommunikation.

    Renner: Ja, uns geht es aber um Erfassung von Routineverkehren. Frage, welche Risiken hat man gesehen, wenn überhaupt?

    Hanning: Im Einzelnen KA. Natürlich welche gesehen.

    Renner: Kennen sie Begriff G‑10-Moratorium?

    Hanning: Kann ich nichts mit anfangen. War in Gremien nicht dabei.

    Renner: Kennen sie Diskussion, dass, wenn Zusammenhänge Provider bekannt werden, dass der rechtlich gegenüber dem BND aktiv werden könnte?

    Hanning: KA, Zweifel, ob das überhaupt geht. ND-Operationen leben von Geheimhaltung. Wenn wir das jedem auf Postkarte mitteilen, kostet das Effizienz.

    Renner: Jemals politische, rechtliche Risiken diskutiert worden?

    Hanning: Ständig.

    Renner: Welche Argumente setzt man den Bedenken gegenüber?

    Hanning: Aufgabe BND ist nicht Neugier, sondern wichtige Interessen der BRD, Bundesregierung. Sicherheit zum Beispiel. Sie bezahlen dafür, das durchzusetzen. Gibt Abwägung. Damals enschieden: Es ist richtig, die Risiken einzugehen.

    Renner: Spielt auch der Glaube eine Rolle, dass das sowieso nie an die Öffentlichkeit geht?

    Hanning: Nein.

    Fragerunde 2: Union (11:24)

    Warken: Inhalt Letter of Authorization?

    Hanning: KA.

    Wolff: NÖ.

    Warken: Zitiere Spiegel: „Hanning hat in Brief versichert, Bundesregierung stimme zu und unterstützt das“.

    Hanning: KA, keine Erinnerung an Brief.

    Warken: Wenn tatsächlich so war, sowas können sie doch als BND-Präsident gar nicht versichern – ohne Rückkopplung Bundesregierung, Bundeskanzleramt?

    Hanning: Kann das nicht beantworten. Vermute, habe informell mit Bundeskanzleramt gesprochen.

    Warken: Wenn stimmt, was Spiegel schreibt, dass sie so etwas versichern: Müssten sie das grundsätzlich rückkoppeln?

    Hanning: Macht keinen Unterschied, ob BND-Präsident oder Minister das sagt. Vermute, habe mit Bundeskanzleramt darüber gesprochen.

    Warken: Wir untersuchen auch, ob sich deutsche Behörden korrekt verhalten haben.

    BND hat auch für die Bundesregierung gesprochen?

    Hanning: Im Außendienst ja, machen andere auch.

    Warken: Brief im Nachhinein an Bundeskanzleramt gegeben?

    Hanning: KA.

    Warken: Wann Operation begonnen?

    Hanning: KA.

    Warken: Erfolgreich?

    Hanning: KA.

    Warken: Gesagt, keine genaue Erinnerung. In meiner Vorstellung: Glaube nicht, dass BND jede Menge solcher Operationen hatte. Intensivere Befassung? Tagesgeschäft? Muss sich doch in täglichem Geschäft abgehoben haben?

    Hanning: Habe heikle Operationen genehmigt, gravierende Dinge. Diese Operation war eigentlich von den Risiken überschaubar, ging nicht wirklich um Deutschlands Interessen, sondern Hilfe in US-Thema.

    Warken: Auch nicht mit Konstrukt, dass deutsche Filiale das nicht weiß?

    Hanning: Kommt vor, dass man das der Filiale nicht zutraut.

    Warken: Wie wurde sichergestellt, dass G‑10-Filterung erfolgt?

    Hanning: Ist ja Methode, darf ich nicht sagen.

    Warken: Herr Wolff ist noch ganz entspannt.

    Hanning: Ich weiß es nicht.

    Warken: Sie schließen, dass es kein G‑10-Problem gab. Weil Technik?

    Hanning: Wenn Gefühl gehabt, dass es Problem gegeben hätte, hätten wir G‑10-Antrag gestellt.

    Warken: Beginn der intensiven NSA-Zusammenarbeit. 9/11. Zustand von Abteilung 2, Reformbedarf geschildert. Einordnen: Schon vor 9/11 entschieden, Zusammenarbeit auszubauen? Überlegungen schildern, wie war der Stand, was hat sich 9/11 verändert, inhaltlich, zeitlich?

    Hanning: Gab Probleme in der Abteilung Techische Entwicklung, Abteilung konnte nicht schritthalten. Frage, wie die Lücke schließen? Ressourcen, Geld. Problem in Deutschland, in anderen Ländern Basis für NDs besser.

    Auf Erfahrungen anderer stützen, nicht nur NSA. Haben versucht, das mit gutem Kosten-Nutzen-Faktor zu machen mit Erfahrungen der anderen Dienste. Das waren Überlegungen nach meinem Amtseintritt. Vor 9/11. Nach 9/11 intensiviert.

    Warken: Gesagt, „wir“ haben überlegt. Wie war Austausch mit Bundeskanzleramt? Politische Grundsatzentscheidung, Zusammenarbeit zu intensivieren: Wer, wann, wie konkret?

    Hanning: Mit Abteilungsleiter gesprochen, in ständigem Dialog. Wenn Defizite festgestellt, überlegen und kommunizieren. Habe wahrscheinlich regelmäßig Stand der Überlegungen dem Bundeskanzleramt mitgeteilt.

    Warken: Wer hat Entscheidung getroffen?

    Hanning: Ich in Zusammenarbeit mit Bundeskanzleramt, wahrscheinlich.

    Warken: Chef des Bundeskanzleramt Startschuss gegeben?

    Hanning: Bundeskanzler hat sich selbst sehr deutlich geäußert, hat über enge Zusammenarbeit der NDs geredet.

    Warken: Gab es Vorgaben von politischer Seite? Wie Zusammenarbeit aussehen soll. Konkret?

    Hanning: Ständiger Dialog.

    Warken: Konkrete Vorgaben?

    Hanning: Dialog. Vorschläge, Anregungen, im Ergebnis Entscheidungen gefällt.

    Warken: Reformbedarf Abteilung 2, Auftrag war, Programm umzusetzen. Was wurde noch umgesetzt?

    Hanning: Im Einzelnen nein. Außenstellen, Beschaffung, Zusammenarbeit mit AND. Haushältern vorgetragen als Konzept, dann konnte es umgesetzt werden.

    Warken: 9/11 inhaltlich den Prozess geändert? Ausgedehnt? Technisch? Beschleunigt?

    Hanning: War Wegscheide für den Dienst. Auswirkungen auf Informationen, die sind exponentiell angestiegen. IT-Infrastruktur auf neue Gleise stellen. Verstärkt um Terrorismus kümmern.

    Warken: Vereinbarungen im MoAs, dass Zusammenarbeit so verläuft, dass keine deutschen Interessen verletzt werden. Gab Diskussion, zum Beispiel Wirtschaftsspionage. Immer wieder Vorwürfe, auch schon vorher. Hayden mal zu Besuch im Bad Aibling, wo über die Vorwürfe gesprochen wurde und USA gesagt haben, dass Erkenntnisse in der Behörde bleiben.

    Erinnern sie den Besuch und das Gespräch? 2001 schonmal darüber nachgedacht?

    Hanning: Wirtschaftsspionage, was heißt das überhaupt? Bekannt, dass USA bei Proliferation aktiv Aufklärung betreiben. Hatten Vermutung, dass Erkenntnisse zu Waffenstandorten etc. aus Quellen der NSA kommen. US-Dienste haben das diskret behandelt. Ist ja auch Wirtschaftsspionage.

    Sonst Konkurrenzspionage: Erkenntnisse, um Vorteile im Wettbewerb zu verschaffen. USA haben mit überzeugender Begründung widersprochen. Problematisch ist Compliance. Mischen sich edle und unedle Motive.

    Warken: Waren davon überzeugt, dass Thema Konkurrenzspionage keine Rolle spielt. Als 2001 Entscheidung zu Zusammenarbeit, wurde nochmal darüber gesprochen? Interne Bedenken, Abwägungen? Oder durch Lage erforderlich?

    Hanning: Naja, lax sind wir nicht gewesen. Unterschiedliche Interessen gesehen. Viele Gründe, besonders intensiv mit USA zu arbeiten. Vermuteten, weitere Anschläge wurden vorbereitet, war auch richtig.

    Immer kritisches Auge, weil gesehen, dass US- und Deutschland-Interessen nicht immer identisch.

    Warken: Gab es Annexe zum MoA?

    Hanning: KA, hat Fachebene gemacht.

    Warken: Also nicht in konkrete Ausarbeitung eingebunden?

    Hanning: Ja, habe irgendwann unterzeichnet.

    Warken: Bundeskanzleramt eingebunden?

    Hanning: KA.

    Warken: Mussten Annexe von ihnen gebilligt werden oder kann das Fachabteilung entscheiden?

    Hanning: KA.

    Warken: Grundsätzlich nichts, wo sie Billigung vornehmen müssten?

    Hanning: Vermute, ich habe das gebilligt. Ob Präsident da viel Einfluss hat, ist die Frage. Wahrscheinlich wurde Bundeskanzleramt unterrichtet.

    Warken: Inhalte? Warum wichtig, das MoA zu konkretisieren?

    Hanning: Teufel steckt im Detail. Vermute, ich wurde begleitend angesprochen. War ein Verhandlungsprozess.

    Warken: Mich beschäftigt Frage, wie sichergestellt wurde, dass keine Daten Deutscher an NSA gelangten. Behauptung, DAFIS habe nicht 100%-ig funktioniert. Zeugen sagen, wurde notfalls nochmal händisch durchsucht.

    Dazu etwas bekannt? Zu Filter, Funktionieren des Filters?

    Hanning: Vermute, Präsident wurde nicht über jedes Problem unterrichtet. Nehme an, ist innerhalb der Abteilung gelaufen. Kann mich nicht an gravierende Probleme erinnern.

    Warken: Davon ausgegangen, dass alles funktioniert?

    Hanning: Ja.

    Fragerunde 2: Grüne

    Ströbele: Davon ausgegangen, dass auch BND von US-NDs ausspioniert wird, gebraucht, missbraucht wird?

    Hanning: Grundsätzlich immer für andere interessant, aber keine konkreten Erkenntnisse. Hätte keinen Bedarf für US-Dienste gesehen, BND aufzuklären, weil so gutes Verhältnis, da sowieso Austausch.

    Ströbele: Meldung in Presse, dass BND-Mitarbeiter gegen Geld Infos an US-Dienst gegeben hat. Überrascht?

    Hanning: Gnade der frühen Amtszeit. Als Person überrascht, aber zur Kenntnis genommen.

    Ströbele: Nachträglich erfahren, dass NSA Suchbegriffe eingestellt hat, die nach BND-Auffassung nicht hätten eingestellt werden dürfen. Eurocopter, EADS und andere Selektoren. Zwischen 10.000 und 30.000.

    Hanning: Zeigt erstmal die Sensibilität des BND.

    Ströbele: 2013.

    Hanning: Auch schon vorher. Auch zu meiner Zeit war man vorsichtig. Hat mich zu meiner Zeit gar nicht erreicht. Natürlich haben USA andere Interessen, das ist sehr deutlich und klar, deshalb bei Kooperation sehr vorsichtig sein.

    Ströbele: Nach unserer Auffassung damit [Selektoren] gegen MoA verstoßen?


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    Hanning: Kommt vor, dass sich der ein oder andere nicht buchstabengetreu verhält. Im Grundsatz relativ problemlos abgelaufen. BND hat stärker profitiert als US-Seite.

    Ströbele: NDs leben von Geheimhaltung, gilt das auch gegenüber parlamentarischen Kontrollgremien?

    Hanning: Will mich da zurückhalten. Je mehr Abgeordnete und Mitarbeiter das wissen, desto größer Gefahr von Verletzung von Geheimhaltung. Risiko steigt sehr stark an, je mehr Leute Kenntnis haben. Grundsatz „Need to Know“.

    Ströbele: Kann das dazu führen, dass sie ihrer Pflicht nicht nachkommen mussten, vollständig zu informieren, wenn es um Anträge an G‑10-Kommission oder PKGr geht?

    Hanning: Glaube, ich habe zu meiner Zeit Gremien gut informiert. Hätte mir auch gewünscht, Interesse der Abgeordneten am Dienst wäre größer gewesen.

    Haben PKGr so unterrichtet, wie Gesetz es vorschreibt.

    Ströbele: Konkreter: Beantragung der Zustimmung G‑10-Kommission Eikonal in Frankfurt am Main. Genehmigung beantragt worden. Antrag völlig willkürlich. Mewes hat erklärt, wir haben Antrag gestellt und mit Proliferation begründet. Weil das der häufigste Fall ist, wo Treffer erzielt werden. Nicht weil Realität.

    Sehe das als völlig willkürlich an. Sie hatten konkreten Anlass, Kommunikation zu prüfen und holen sich dann Genehmigung. Ist das nicht völliger Missbrauch?

    Hanning: War gestern nicht dabei. Glaube, es ist richtig, dass man Gremien ordentlich unterrichten muss.

    Fragerunde 2: SPD (12:03)

    Flisek: Haben Schindler gehört, er sieht sich mit Orga-Mängeln in seinem Haus konfrontiert. Sehr grundlegend angegangen, Eindruck erweckt, dass in Abteilung TA Klima geherrscht hätte, Probleme im operativen Betrieb nicht zu melden. Weil: Spitzen hätten das nicht hören wollen. Hat mit Finger klar auf seinen Vorgänger verwiesen. Bewertung?

    Hanning: Habe dafür gesorgt, dass kritische Stimmen Möglichkeit hatten, mich zu erreichen. Entscheidungen getroffen mit allen Aspekten. War selbst in der Abteilung, von meiner Seite hat es dieses Klima nicht gegeben. Probleme offen angesprochen, nur dann kann man sie lösen.

    Flisek: Mal jemanden aus Unterabteilung direkt bei ihnen gemeldet? Abteilungsleiter übersprungen?

    Hanning: Ja, kam vor. Immer informelle Kanäle.

    Flisek: Gab es klare Weisung, wie mit Vorgängen von besonderer Bedeutung umzugehen ist?

    Hanning: Was sind Fälle von besonderer Bedeutung? Entsteht in Retrospektive, durch Snowden. Viele Dinge erscheinen im laufenden Betrieb nicht bedeutsam. Nach bestem Wissen und Gewissen. Hängt vom Vertrauensverhältnis Bundeskanzleramt/BND ab. Abstrakt nie genau formulierbar, immer wertender Aspekt, der stark von Wahrnehmung abhängt.

    Flisek: Punkt auch: Wenn schon in Anberaumungsphase von Projekten gesagt wird, dass die riskant sind, kann das dann nicht existenziell sein, zu politischen Verwerfungen führen? Würden sie zustimmen, wenn ich sage, das sind per se besondere Vorkommisse, die ins PKGr müssen?

    Hanning: Kritik muss man aushalten, habe nie auf Geheimhaltung vertraut, um Sachen unter den Teppich zu kehren. Fehlerkultur entwickeln, Fehler melden. Nur wenn Fehler erkannt, dann in Zukunft abstellbar. Auch PKGr soll Probleme des Dienstes mitbekommen. Wertung hängt stark von Retrospektive ab. PKGr ist ja auch Unterstützung für die Dienste.

    Flisek: Würden sie sagen, „Need to Know“ ist kompatibel mit rechtsstaatlicher Aufsicht und parlamentarischer Kontrolle?

    Hanning: Ohne Weiteres. Sehe kein Problem, muss man Vorkehrungen treffen. BND unterliegt der selben Kontrolle wie jede andere Behörde.

    Flisek: Kann man so deuten, dass nicht mal sie alles wissen, was vorgeht?

    Hanning: Haben 6000 Mitarbeiter, natürlich erfahren sie nicht alles. Immer nur Auswahl der Vorfälle, dann Entscheidung, was geht an Bundeskanzleramt und Parlament.

    Flisek: Ja, Frage der Kapazitäten, nicht alles muss auf Präsidententisch. Würden sie ausschließen, dass Grundsatz des „Need to Know“ ausschließt, dass selbst BND-Präsident nicht informiert wird, auch wenn es auf seinen Tisch gehören würde?

    Hanning: Ja. Mit Einschränkung sensibler Quellenschutz, v.a. in Abteilung 1, Arabischer Raum. Sonst muss sichergestellt werden, dass Präsident zu allem Zugang hat.

    Flisek: Aktuelle Konstruktion in Bundeskanzleramt: Gibt eigenen Staatssekretär für NDs. Hat der mehr Funktion einer Firewall oder auch prakt. Nutzen, der Defizite abstellt?

    Hanning: [lacht] In meiner Zeit gab es keine Defizite.

    Flisek: Themenwechsel: Michael Hayden kennen Sie persönlich?

    Hanning: Ja.

    Flisek: „We kill people based on metadata“ – Geheimer Krieg. Beurteilung Zitat?

    Hanning: Frage Stecknadel – Heuhaufen. Braucht großen Heuschober, ob da Erkenntnisse zu bekommen. BND hier nicht vergleichbar, hat sich stärker auf relevante Verkehre fokussiert.

    Flisek: Hat BND jemals über Daten verfügt, die für gezielte Drohneneinsätze herangezogen hätten werden können?

    Hanning: Natürlich.

    Flisek: Wie damit umgegangen, bzgl. Kooperation?

    Hanning: Informationen geteilt, v.a. Pakistan, Afghanistan.

    Flisek: Vorfälle bekannt, wo es durch dieses Teilen zu gezielten Tötungen kam?

    Hanning: Gab natürlich Spezialinformationen über geplante Angriffe, dann haben USA und teils Bundeswehr reagiert.

    Flisek: Drohneneinsätze?

    Hanning: Anderes Thema, geht hier um Force Protection. Drohnenthema hat sich bei mir nicht gestellt.

    Flisek: Fragestellung selbst über rechtliche Zulässigkeit hat sie nie erreicht?

    Hanning: Nein.

    Flisek: Aber über Daten verfügt, die dafür qualifiziert gewesen wären und geteilt wurden?

    Hanning: Ja, selbstverständlich weitergegeben, um Bedrohungen zu begegnen.

    Flisek: Unterstellt, es hätte Austausch gegeben, der zu Tötungen geführt hätte: Bewertung?

    Hanning: Sehr hypothetisch. In konkreter Situation viele Fragen: Umstände, Gefahr, gerechtfertigt? Ganz komplex, will ich nicht hypothetisch beantworten. Grundlegend überlegen, hat mit politischer Vorgabe zu tun.

    Flisek: Bei Beratung zu Tötung Bünyamin Erdoğan befasst?

    Hanning: Nein.

    Fragerunde 3: Linke (12:23)

    Renner: Bekannt geworden, dass andere Telekommunikationsanbieter Nachfragen zu bestimmten Kooperationen hatten, außer Telekom?

    Hanning: KA, kann ich nicht ausschließen.

    Renner: Bezüglich Glotaic Bedenken von Mitarbeiter bekannt geworden, dass Daten ungefiltert ausgeleitet werden?

    Hanning: Kann nicht an Einzelheiten erinnern.

    Renner: Sagten, haben sich bemüht, Überblick zu bekommen…

    Hanning: Habe ich. Entscheidend war erstmal Rechtslage.

    Renner: Thema „Audiodateien werden direkt an CIA geroutet“: Bekannt?

    Hanning: KA.

    Renner: Wenn jemand sich in BND beschwert, auf welcher Ebene wird das verhandelt?

    Hanning: Jeder durfte sich an Präsident wenden. Bei Bedenken sollte Abteilungsleiter das an Präsidenten geben. Dann Entscheidungsprozess: Kann man die Bedenken ausräumen? Immer sehr offen damit umgegangen.

    Renner: Schriftl. Bedenken bzgl. Eikonal und Glotaic?

    Hanning: Vermutlich, war ja nicht ganz einfach.

    Renner: Mehr bei Glotaic oder Eikonal?

    Hanning: Erinnere mich nicht richtig an Glotaic.

    Renner: Bei Glotaic Besonderheit, dass Ausleitung über Tarnfirma ging. War das üblich?

    Hanning: Üblich glaube ich eher nicht.

    Wolff: Gehe davon aus, dass sie nur aus der Zeitung zitieren.

    Renner: Zeitungsartikel haben sie gelesen?

    Hanning: Spiegel hat mich vorher angesprochen, ich musste sagen, kann mich nicht erinnern.

    Renner: Schriftliche Beschwerden immer festgehalten?

    Hanning: Nicht immer. Besteht Raum, alle Aspekte mit einzubeziehen.

    Renner: Für umgekehrten Fall: Wenn Meldungen steckenbleiben, was passiert dann?

    Hanning: Passiert überall. Muss man fragen: Stimmt was nicht mit Betriebsklima, Führungsverhalten? Kann man nicht verhindern, aber Strukturen schaffen, um das zu reduzieren. Und aus Fehlern lernen. Habe versucht, das Mitarbeitern klarzumachen.

    Renner: Hatten Sie Fälle von Vertuschen in Amtszeit?

    Hanning: Ja.

    Renner: Bezogen auf Abteilung TA?

    Hanning: Nein, eher operativ.

    Renner: Gab es bestimmte technische Vorkehrungen, wenn man eine Operation besonders abschirmen wollte? Schwarze Kassen, etc.?

    Hanning: Schwarze Kassen? Nicht bekannt.

    Renner: Gerätschaften besorgen und einsetzen an offiziellen Wegen vorbei? Gibt es dafür eingeschliffene Wege?

    Hanning: Unterschätzen die Bürokratie im BND. Genau Buch geführt, etc. Compliance-Problem bei langjährigen Beschaffern, weil persönliche Beziehungen zu Lieferanten.

    Renner: Zusammenarbeit mit GCHQ? SIGINT?

    Hanning: Einzelne Projekte, aber immer angebunden an NSA.

    Renner: Standen die in Konkurrenzverhältnis?

    Hanning: GCHQ und NSA? Nein.

    Sensburg: Unterbrechung wegen namentlicher Abstimmung (12:34)

    Fragerunde 3: Union (13:26)

    Sensburg: Wie wurde überprüft, ob MoAs eingehalten werden, ob Ziele eingehalten werden? Nur im Wege Dienst-/Fachaufsicht, oder gibt es Controlling?

    Hanning: In erster Linie Dienst-/Fachaufsicht. Gab soweit ich mich erinnere auch Controlling. Anlassbezogen Diskussionen geführt, anhand Katalog APB. Welche zusätzlichen Anstrengungen müssen übernommen werden?

    Sensburg: APB hat sich ja verändert. Gabs da eine Art Überprüfung, damit Referate Änderungen auf dem Schirm hatten?

    Hanning: Praxisproblem: Konnten nicht 100%-ig APB abarbeiten. Habe als Staatssekretär BMI britisches System eingeführt: Kuchendiagramm, welche Mittel für welchen Zweck, Priorisierung.

    In Praxis gibt es nur Top-Prioritäten. Das geht nicht, man muss zwangsläufig Entscheidungen fällen. Habe gelernt vom britischen Beispiel. Hatten dann in Prioritätenskala materielle Ressourcen festgelegt, auch Subprioritäten. Habe das später bei BfV gemacht und auch Länder gebeten, das einzuführen. Änderungen leichter durchsetzbar.

    Sensburg: Welche Ressourcen fehlten?

    Hanning: Erfahrung mit Kabelerfassung, Verarbeitung von Massendaten. Dienste müssen heute in IT-Bereich auf neuestem Stand sein, dort Defizite. Hängt auch mit industrieller Balance in BRD zu tun, viele IT-Firmen in den USA.

    Sensburg: Zu ihrer Zeit verändert?

    Hanning: Ja, haben Programm ausgestaltet. Geben in Deutschland für ND nicht sehr viel Geld aus. Sehr begrenzt, muss man optimieren. War ständiges Thema, Schritthalten mit sich verändernder Kommunikationswelt. In vielen Bereichen fehlt industrielle Basis.

    Sensburg: Erweckt Eindruck: Weil nicht genug Haushaltsmittel, deshalb brauchen wir Kooperationen mit Partnern, die uns übern Tisch ziehen?

    Hanning: Nein, ziehen uns nicht über den Tisch. Kooperation als solche immer erforderlich.

    Sensburg: Gilt mit Blick durch unsere Brille? Sieht das NSA genauso?

    Hanning: Unterschied: NSA ist Supermacht. Drückt sich in Ressourcen aus. Exponentiell angestiegen. Deshalb Deutschland stärker auf Kooperation angewiesen.

    Sensburg: NSA-Supermacht. Dann auch Superkontrolle, weil gleichrangig. Meinen sie, Kontrolle bei USA erfolgt adäquat?

    Hanning: Muss besonders auf USA aufpassen, nicht einfach in Zusammenarbeit. Großer Bruder falscher Begriff, aber verfügt über besondere Fähigkeiten. Wichtig ist Einhaltung der Rechtsvorschriften.

    Haben alle gelernt. War ja Neuland, hatte den Eindruck, Leute wie Breitfelder sahen Probleme. Habe von USA Beschwerden über meine Abteilung gehört, da war mir klar: „Ja, wir passen schon auf“.

    Sensburg: Wenn man unterschiedliche Zeugenaussagen anschaut: Eindruck, dass nicht immer alles rund gelaufen. Warum gab es Fehler? Weil man Erfahrungen in HUMINT hatte, auch in Zusammenarbeit mit AND, aber bei SIGINT erstmal den Anschluss wieder bekommen wollte und möglicherweise nicht erkannte, welches Pferd man ritt?

    Scheint bis Snowden nicht die Kompetenz vorhanden gewesen zu sein, um das zu erkennen.

    Hanning: Im Rahmen des UA ist das Retrospektive, ohne Zeitdruck. Im Nachhinein kann man vieles kritisieren. Kann mich nicht besonders beeindrucken.

    Fehler passieren, aber wichtig: Mit welchem Geist wurde an Sache rangegangen? In Bereich Grundrechtseingriffe immer sehr sensibel gewesen, Kooperation mit AND immer schwierig, war Lernprozess.

    Sensburg: Macht Unterschied ob punktuelle Fehler oder strukturelle Probleme, kann viele verschiedene Gründe haben. Frage mich, gibt es strukturelle Defizite, wo wir etwas tun können?

    Wie sensibel war man? Kommen Versäumnisse daher, dass man mit Supermacht zu tun hatte, die IT-Herrschaft wollte?

    Hanning: Bringen mich in Rolle des Sachverständigen. Geben in Deutschland wenig Geld für ND aus. War der Meinung, wir brauchen bessere Ausstattung und technische Ressourcen.

    Glaube, wenn russischer Snowden: UA mit ganz anderer Zielsetzung. Sind verwundbar, das ist Frage der Sicherheitskultur. Die müssen wir verbessern. Zur Kenntnis nehmen, dieses Land wird ausgespäht und dem Rechnung tragen. Rede nicht nur über Ausspähung durch NSA.

    Sensburg: Andere Dienste, die nicht weniger aktiv unterwegs sind?

    Hanning: Russische Freunde sind gut unterwegs. Und ein Staat in Nah- und Fernost.

    Sensburg: Kann man auch als Supermacht bezeichnen?

    Hanning: Bei NSA ahnen wir, was sie können.

    Dieses Land ist so wichtig, dass es ausgespäht wird.

    Sensburg: Haben von Budget geredet. Soweit ich weiß, haben wir Budget knapp über 6 Mio. Euro, USA viel mehr. Direkte Verbindung von Budget zu Effizienz?

    Hanning: Nicht direkt, aber Verbindung.

    Sensburg: Wo fehlts denn?

    Hanning: Vermute, dass NSA 30.000–40.000 Contractors haben, Personalausstattung BND ganz anders. Mit entsprechenden Ressourcen kann man besser kooperieren. Mit IT-Industrie in Silicon Valley auch mehr Möglichkeiten.

    Sensburg: China und Russland genauso?

    Hanning: Nein, aber habe Respekt davor, was andere tun.

    Warken: Was heißt, ganz gut unterwegs?

    Notz: Ist das Untersuchungsgegenstand?

    Warken: Gibt Unterlagen BMI von 2003. Bedenken gegenüber Zuverlässigkeit von Provider, der an Glotaic beteiligt war – MCI. War auch Betreiber des Bundesverwaltungsnetzes [aus Dokument von 6.11.2003 MAT A BMI-7–1g Blatt 230–234]. Bedenken, dass Fernverkehre, die über MCI gehen möglicherweise in USA mitgelesen werden. BND hat das zurückgewiesen.

    Unterrichtung BMI-intern: Gegen MCI lagen konkrete Erkenntnisse vor, Verträge können auf keinen Fall verlängert werden. [Dokument MAT A BMI‑7–1g 2 Blatt 76f]

    Waren damals schon im BMI. Haben sie vielleicht die Erkenntnisse mitgebracht?

    Hanning: KA, schließe das aber fast aus.

    Warken: War Option auf Vertragsverlängerung bekannt?

    Hanning: KA, war anderer Bereich.

    Warken: Denkbar, dass Bedenken aus Erfahrungen bei Glotaic stammen?

    Hanning: War immer vorsichtig.

    Warken: V.a. wenn man bedenkt, wie der US-Mutterkonzern auf deutsche Tochter Einfluss genommen hat…

    Hanning: Als Staatssekretär hatte ich meine Vergangenheit, daher war ich chronisch misstrauisch, wenn es darum ging, ob jemand mit anderen Diensten zusammenarbeitet.

    Warken: Aber im konkreten Fall waren sie nicht derjenige, der Bedenken geäußert hat?

    Hanning: Soweit ich mich erinnere, nein.

    Fragerunde 3: Grüne (13:53)

    Notz: Wie kann man Überwachungssupermacht, die nicht die Caritas ist, in Deutschland an die Glasfaser lassen? In ihrer Verantwortung? Was hätten Kollegen in USA gesagt, wenn sie das gefragt haben, ob sie in Washington an Glasfaser dürfen?

    Hanning: KA. Im Ergebnis war Zusammenarbeit mit NSA von großem Nutzen.

    Notz: Haben sie mehrfach gesagt. Aber die Risiken.

    Hanning: Waren überschaubar.

    Notz: Was hat BND gesagt, was die Risiken sind?

    Hanning: NSA hat andere Interessen.

    Notz: Wenn ich sage: BND hat gesagt, es gebe erheblichen politischen Schaden, wenn das bekannt wird. Angst, dass man nie wieder G‑10-Überwachung machen kann?

    Hanning: Ist bei jeder ND-Operation unangenehm, wenn etwas bekannt wird.

    Notz: Würden Entscheidung heute wieder so treffen?

    Hanning: Ja.

    Notz: Trotz der übergriffigen Selektoren?

    Hanning: Was hat sich heute geändert?

    Notz: Nach Snowden…

    Hanning: Ich glaube, wenn ich damals anders entschieden hätte, dann wäre Aufklärungsfähigkeit des BND eingeschränkt.

    Notz: Wollen meine Frage nicht beantwortet…

    Was ist informeller Weg, das Bundeskanzleramt zu informieren?

    Hanning: Abteilungsleiter-Treffen, dienstags zur ND-Lage getroffen.

    Notz: Außerhalb des Protokolls.

    Hanning: Nein, Protokolle werden nie geführt. (!)

    Notz: Warum muss man informelle Wege gehen?

    Hanning: Geheimhaltung ist wichtiger Produktivitätsfaktor für ND.

    Notz: Warum informell?

    Hanning: Muss immer informelle Wege geben. Über wichtige Dinge auf dem Laufenden halten. Auch für Steinmeier wichtig.

    Notz: In Situation des MdB versetzen: Informelle Wege sind schwierig. Alles heute schwierig verantwortlich festzustellen, weil wichtige Informationen nicht in Akten festgehalten.

    Hanning: Konnte mir nicht vorstellen, dass ich heute vor UA zu Zusammenarbeit mit den USA befragt werde.

    Notz: Aber vielleicht haben sie sie gerade deswegen so gestaltet. Haben ja gesagt: Muss man so auf dem Zettel halten, dass man damit leben kann, wenns rauskommt.

    Frage, wer ist für das Desaster verantwortlich? Für Persönlichkeiten wie sie bedaure ich, dass sie nicht sagen können, da gab es die und die Bedenken.

    Hanning: Völlig andere Wertung. Glaube USA waren und sind wichtigster Verbündeter, auch in NATO. Halte das nach wie vor für richtige Entscheidung. Würde die Zusammenarbeit nicht in Frage stellen.

    Notz: Fange gar nicht von NATO an. Steile These: Zwischen Rechtsstaaten muss man auch rechtsstaatlich kooperieren. Scheint von ihrer Hauskultur aus schwierig zu sein. Sich an Recht und Gesetz halten, etc.

    Bedaure, dass sie mir nicht beantworten wollen, ob sie das heute wieder machen würden. Ob sie lernfähig sind.

    Hanning: Schutz deutscher Interessen in G‑10-Bereich gut gelungen. Habe Probleme mit Behauptung, dass USA kein Rechtsstaat sind.

    Notz: Falsch verstanden!

    Hanning: USA haben andere Rechtsform.

    Notz: Korrigiere: Habe nicht gesagt, dass USA kein Rechtsstaat. Genau weil sie das sind, müssen sie sich auch NDs rechtsstaatlich verhalten. Snowden hat in USA mehr Reformen gebracht als hier in Deutschland.

    Fragerunde 3: SPD (14:06)

    Flisek: BILD-Artikel, Zitat Hanning: „Sämtliche ANDs haben in der Hauptstadt aufgestockt“

    Meinen sie das immer noch?

    Hanning: War damals so.

    Flisek: Bezieht sich das nur auf Personal oder auch auf Gebäude o.ä.?

    Hanning: Auf Personal gemünzt. Bei Spionage von Gebäuden ist BfV zuständig. Aber habe vermutet, dass das möglich wäre.

    Flisek: Unterstelle Mal, wenn BND Erkenntnisse hat, dass die mit BfV ausgetauscht werden. Bekannt, dass Botschaften in Berlin 2000–2004 Gegenstand einer intensiven Prüfung waren?

    Hanning: Ja, nicht genau, wie abgelaufen.

    Flisek: Welches Ergebnis?

    Hanning: KA.

    Flisek: Ist doch auch für Sie interessant. Ist doch nett, zu wissen, was machen die anderen Dienste.

    Hanning: Schätzen sie richtig ein, aber wir brauchen Erkenntnisse. Diplomatische Missionen haben besonderen Schutz, gibt Misstrauen, Skepsis.

    Flisek: Man hat damals nie über Spekulationen hinaus Beweise gehabt, dass von Botschaftsgebäuden anderer in Berlin SIGINT ausgeführt wurde?

    Hanning: Beweise, KA. Immer Spekulationen und Vermutungen.

    Flisek: Im Rahmen von Gesprächen je Thema gewesen?

    Hanning: KA, wäre auch sinnlos gewesen. Andere Dienste hätten keine Auskunft gegeben.

    Flisek: Basierend auf dem Umstand, dass völkerrechtliche Spionage nicht verboten ist?

    Hanning: Nach Wiener Konvention gilt das für Botschaften nicht.

    Flisek: Trotzdem nimmt man das im Zweifel hin.

    Hanning: Das ist Praxis.

    Flisek: Wenn man sowas auf Botschaft vermutet, warum spricht man das nicht an?

    Hanning: Politische Opportunität.

    Flisek: Haben feste Verbindungen zu vielen Ländern, ist das Denken „Alle spionieren gegen Alle“ noch zeitgemäß?

    Hanning: Geht um nationale Interessen. Ist Deutschland- und EU-Interesse das gleiche? Interessen kann man auf unterschiedliche Wege verfolgen. Auch über SIGINT, bekommt da Informationen aus erster Hand. Ist auch in Zukunft verführerisch.

    Bei unterschiedlichen Interessen sinnvoll, zu wissen, was der Verhandlungspartner macht.

    Flisek: Das ist das Wort der Kanzlerin?

    Hanning: Kommentiere ich nicht.

    Flisek: Sie hat ja sehr wenig gesagt, aber Richtlinienkompetenz qua Verfassung.

    Hanning: Will mich zu Kanzlerin nicht äußern. Empörung durch Änderung der Sicherheitskultur ersetzen.

    Flisek: Sagen, wir müssen uns um Sicherheitskultur kümmern, das ist Teil des UA. Aber Frage, auch im Rahmen der technischen Möglichkeiten: Inwieweit ist eine Philosophie „Inland ist Freund, Ausland ist Feind“ zeitgemäß? Müssen wir uns nicht einmal über Standards unterhalten? Geht nicht um ob, sondern wie?

    Hanning: Sehr deutsche Diskussion, wird außerhalb Deutschlands nicht stattfinden. Briten haben Interessen und vertreten die einfach. Gibt auch innerhalb EU unterschiedliche Interessen. Muss man versuchen, innerhalb EU Konsens zu finden. Gibt Schnittmengen, aber immer unterschiedliche Interessen. Deutschland ist gut beraten, das in seine Überlegungen einzubeziehen.

    Flisek: Sehe auch unterschiedliche Interessen. Frage mich, ob das dazu führt, dass alle Gespräche Merkels mit französischem Präsidenten ausgehorcht werden sollen? Ob das Kern einer vertrauensvollen Beziehung ist?

    Hanning: Müssen wir nicht spekulieren. Es ist so, rate der Realität in die Augen zu schauen und nicht Wunschdenken zu folgen. Kann nur raten, uns selbst besser zu schützen und realistisches Vorgehen zu analysieren.

    Flisek: Glotaic: Von wem kam Initiative?

    Hanning: Erinnere ich nicht, aber für mich relativ klar, dass von US-Seite. Die verfügten über Infos und Zugang zu den Betreibern.

    Flisek: Uns hat irritiert, dass das ein Projekt war, wo NSA keine Rolle gespielt hat.

    Wolff: Habe keine Wahl: NÖ, selbst wenn Infos in Zeitung veröffentlicht.

    Hanning: Habe ja auch keine Ahnung, nur Vermutungen.

    Flisek: Kennen sie UAL Dr. M.?

    Hanning: Ja.

    Flisek: Einer der Motoren des Projekts?

    Hanning: Für viele Dinge.

    Flisek: Hauptstelle für Befragungswesen: Traditionelle Einrichtung, 2008 50-Jähriges Jubiläum, ursprünglich multilateral. Richtig?

    Hanning: Soweit ich weiß ja.

    Flisek: In ihrer Zeit Franzosen ausgestiegen?

    Hanning: KA.

    Flisek: Briten noch an Bord?

    Hanning: Soweit ich weiß ja.

    Flisek: Gestern Dr. K hier. Problem, dass einzelne Befrager mit Befragern von ANDs befragt haben, manchmal aber auch AND alleine. Wahrnehmungen?

    Hanning: KA. Glaube, gab gute Kooperation. Im Einzelnen, KA.

    Flisek: Thema bei ihnen nicht gelandet?

    Hanning: Schon ein Thema. Habe selbst gefragt: Warum machen wir das eigentlich?

    Flisek: Antwort?

    Hanning: Wichtig, können auf Erkenntnisse nicht verzichten. Kann man unterschiedlicher Meinung sein, Relikt aus Besatzungszeit, aber später wichtige Erkenntnisse zu Irak etc.

    Flisek: Wer hat das gesagt?

    Hanning: Abteilungsleiter.

    Fragerunde 4: Linke (14:24)

    Renner: Idee Austausch Daten gegen Daten?

    Hanning: Kann ich mir nicht plastisch vorstellen.

    Renner: Hat man auch Daten bekommen?

    Hanning: KA, vermute nicht, da BND für Erfassung zuständig. Soweit ich weiß, hatte NSA keine eigene Erfassungskapazität.

    Renner: In Deutschland.

    Hanning: Ja, natürlich hat man andere Daten getauscht.

    Renner: Sagen die: Jeder hat eine bestimmte Strecke und jeder hört ein Teil ab?

    Hanning: KA.

    Renner: Solche Überlegungen gab es nicht?

    Hanning: Wurden ja keine ungefilterten Rohdaten ausgetauscht, nur klar definierte Daten zu bestimmten Zielen.

    Renner: Sind tatsächlich Roh- und Metadaten ausgeleitet worden!

    Hanning: Ja, aber nur von BND an NSA.

    Renner: War das mal nur eine Phase, wollte man später unabhängig sein?

    Hanning: Alles weitere muss man sehen, aber Kooperation war erstmal sehr positiv für uns.

    Renner: Sie wussten viel, dass NSA bei US-Telkos exklusive Zugänge hatte. Wurde das mal diskutiert, dass NSA sich möglicherweise über Mitarbeiter Zutritt zu Telkos in Deutschland verschafft?

    Hanning: Nein.

    Renner: In USA?

    Hanning: Glaube es gibt da Kooperation, man hat sich ja über Dinge beschwert.

    Renner: Kam daher die Idee für Glotaic-Legende?

    Hanning: KA, kann ich nicht ausschließen.

    Renner: Rechtliche Grundlage: Haben gesagt, man will wissen, was andere europäische Länder vorhaben, zum Beispiel in Griechenlandkrise. Inwieweit sehen sie das durch BND-Gesetz gedeckt?

    Hanning: Fragen nach aktuellem APB, weiß ich nicht.

    Renner: Haben ja die Beispiele, dass europäische Interessen möglicherweise verletzt wurden…

    Hanning: Five Eyes definieren eindeutiges Interessensspektrum, ist doch klar.

    Renner: Hat BRD Interesse daran, Élysée-Palast vor NSA-Ausspähung zu schützen?

    Hanning: Glaube nicht, dass die Franzosen da Wert drauf legen.

    Renner: Haben wir politisches Interesse, der NSA bei Ausspähen des Élysée-Palasts zu helfen?

    Hanning: Nein.

    Renner: Wenn festgestellt würde, dass NSA das tut, was tut BND?

    Hanning: Ich persönlich: Würde zu den französischen Kollegen gehen, hatten enges Verhältnis.

    Renner: Welche Konsequenzen im BND, wenn in Élysée-Palast mit SIGINT abgehört wird?

    Hanning: Ich hätte es vermutlich abgestellt.

    Renner: Konnten das die Mitarbeiter wissen? Dass soetwas passiert, dass informiert und abgestellt wird?

    Hanning: Spekulative Frage. Glaube, hätte Sensibilität gegeben.

    Renner: Wenn man als Mitarbeiter feststellt, dass das passiert und nicht fragt?

    Hanning: Kann passieren. Hätte erwartet, dass Vorgesetzter gefragt wird.

    Renner: Hätte man melden müssen?

    Hanning: Wäre meine Erwartung gewesen. Hängt von Einzelfall ab.

    Fragerunde 4: Union (14:36)

    Warken: Haben gesagt, sind von HBW überzeugt worden. Dachten sie, das war eine sinnvolle Einrichtung?

    Hanning: Sonst hätte ich sie nicht aufrecht erhalten. Natürlich war meine Frage: Kalter Krieg vorbei, brauchen wir das noch? Aber wurde gesagt, Erkenntnisse aus Nahost etc.

    Hat mich veranlasst zu sagen, na gut, dann machen wir das halt.

    Warken: Inwieweit später noch mit HBW betraut? In Entscheidung eingebunden, das zurückzufahren?

    Hanning: Auf Grundstück in Zehlendorf auch HBW untergebracht. War mir klar, dass Entscheidungen anstanden. Hängt davon ab, wie wichtig Aufklärungsinteresse. Wurde geringer. Damals gesagt, wird tendenziell abgebaut.

    Warken: Operativ nicht in Entscheidungen eingebunden?

    Hanning: Nein.

    Warken: In Zehlendorf viele Befragungen?

    Hanning: Ja, aber auch außerhalb. Verantwortlich für Entscheidung war operative Abteilung.

    Warken: HBW 2014 aufgelöst, würden sie heute HBW nicht mehr als notwendig erachten?

    Hanning: Mir wurde als Präsident erläutert, dass das wichtig ist, will ich mich über Votum nicht hinwegsetzen. War skeptisch, aber wurden Argumente vorgetragen.

    Warken: Einschätzung heute: Wäre das immer noch wichtig?

    Hanning: Hängt vom Aufkommen ab, Zusammenarbeit mit Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, … Auch Frage des Vertrauens, weiteres Problem.

    Wie ich heute entscheiden würde, weiß ich nicht.

    Warken: Waren 2005 Staatssekretär BMI, als BND-Präsident Uhrlau nachgefolgt. Hat da förmliche Übergabe der Dienstgeschäfte stattgefunden, Besprechungen? War Wirtschaftsspionage auf der Tagesordnung?

    Hanning: War fliegender Wechsel, keine Zeit zur Vorbereitung. Uhrlau war in wesentliche Themen eingearbeitet. Kurz gesprochen, aber keine förmliche Übergabe.

    Warken: Erfahrungswerte zu Zusammenarbeit mit USA?

    Hanning: Ab und zu Thema, aber wollte Nachfolger nicht in Handwerk reinreden.

    Warken: Als sie BND verlassen haben, welche Erkenntnisse hatten sie da operativ über Probleme?

    Hanning: Vieles war erst am Anfang, gab Probleme, verschiedene Diskussionsebenen. Im Ergebnis war wichtig, dass wir die Technik bekommen. War große Leistung. Umsetzung der Vereinbarungen war nicht ganz einfach. Insoweit habe ich BND zu Zeitpunkt verlassen, als Zusammenarbeit erst richtig begonnen hat.

    Warken: Keine Veranlassung, zum Beispiel mit Bundeskanzleramt über Erfahrungen zu sprechen?

    Hanning: Nein, konnte davon ausgehen, dass es in vollem Umfang über Informationen verfügte.

    Warken: Als Staatssekretär für Sicherheit zuständig: Da etwas über Five-Eyes-Aktivitäten erfahren?

    Hanning: Weit weg von Funkaufklärung. Spielten bei Terroraufklärung wichtige Rolle, betraf mehr Zulieferung als Gewinnung.

    Warken: Hätten sie die Informationen schon als BND-Präsident haben müssen?

    Hanning: Unterschiedliche Schwerpunkte. BND Ausland, BfV Inland.

    Warken: Konkurrenzspionage, neue Erkenntnisse?

    Hanning: Überbewertetes Thema. Neue Arbeitsgruppe eingerichtet. Fallen mir auch noch andere als NSA ein.

    Warken: Was war Anlass für Einrichtung einer Arbeitsgruppe?

    Hanning: Argumentation Wirtschaftsspionage kommt immer sehr schnell. Da war BfV gefordert.

    Warken: Was hat Abteilung gemacht?

    Hanning: Cybersecurity, wie bei Besuchen von kritischen Staaten vorgehen, Vorsichtsmaßnahmen, Erfahrungsaustausch für erkannte Angriffe und Spähversuche.

    Warken: Arbeitsgruppe auf ihre Veranlassung? Kenntnisse aus BND-Zeit mitgebracht?

    Hanning: Ja, war misstrauischer.

    Sensburg: Unklarheit Begriffe. Europäische Interessen schwierig, aber deutsche Interessen? Gehören da eventuell europäische Suchbegriffe dazu?

    Klärung, ob gegen deutsche Interessen verstoßen wird, wenn gegen europäische Ziele ermittelt wird.

    Hanning: Bin geschädigt, habe auch Verkehre anderer Staaten in Europa gesehen, wo ich nicht glaube, dass das alles freundschaftlich gemeint ist.

    Sensburg: Können europäische Suchbegriffe in deutschem Interesse sein, zum Beispiel europäischer Konzern EADS.

    Hanning: Zulieferung Dual-Use-Güter, Compliance, … Natürlich wussten wir, dass europäische Firmen im NSA-Aufklärungsinteresse standen.

    Sensburg: Wie haben sie reagiert?

    Hanning: Meinen sie, wir hätten das ändern können?

    Sensburg: Wie sind sie damit umgegangen?

    Hanning: Kritisch damit umgehen, akzeptieren, kann man ja nicht ändern.

    Sensburg: Wie hat sich BND konkret verhalten? Hat man gesagt, man lässt USA nicht partizipieren?

    Hanning: Deutsche Politik hat zugeschaut, als Daimler/Siemens durch US-Aufsichtsbehörden eingeschränkt wurden. Das ist die Situation. Wäre vorsichtig, dem BND anzudienen, er soll das Aufklärungsprofil der NSA ändern.

    Sensburg: Darum gehts nicht. Prüfen, ob man Beihilfe leistet zu so etwas?

    Hanning: Wenn sich mich provozieren wollen: Brauchen sie nicht. USA haben ganz andere Zugriffspunkte, da spielen Bad Aibling und Co. nur untergeordnete Rolle.

    Sensburg: Was hat man denn als ND getan?

    Hanning: BND kann Aufklärung der NSA nicht behindern. Aber aufpassen.

    Sensburg: Wie hat sich das Aufpassen gezeigt? Hat man gesagt, schaffen wir eh nicht?

    Hanning: Haben wichtigen Punkt gemacht: Deutsche Interessen, G‑10. Ganz deutlich gemacht. Ganz strikt.

    Dann Problem mit Interessensprofilen. Erstmal mühsam in Gang kommen. Verhandelt, über Suchbegriffe gesprochen. Da war klar, dass wir sensibel sein müssen, wenn wir kooperieren.

    Wenn Zusammenarbeit mit einem Dienst, dann ist klar, dass das nicht zu Lasten von dem Dienst in Herkunftsland sein darf. War auch in MoU.

    Sensburg: Kam immer wieder zur Sprache, dass von Kooperationen, Maßnahmen parlamentarische Gremien nicht unterrichtet wurden. Ist PKGr zu gemeinsamen Erfassungen an Glasfasern nicht unterrichtet wurde?

    Hanning: KA.

    Sensburg: Waren sie mal im PKGr?

    Hanning: Als Gruppenleiter Abteilung 6 und Staatssekretär.

    Sensburg: Hatten sie mal das Gefühl, wir wissen etwas, was die im PKGr nicht wissen?

    Hanning: Denke schon, wir hatten ein Vertrauensverhältnis.

    Sensburg: Ist gesagt worden, PKGr wurde nicht unterrichtet?

    Hanning: PKGr muss ja nicht immer unterrichtet werden, im Einzelfall abwiegen. Soweit ich mich erinnere auch über Abteilung 2 berichtet.

    Fragerunde 4: Grüne (15:00)

    Ströbele: Vorgekommen, dass NSA Sachen gemacht hat, die mit deutschen Interessen unvereinbar waren. Haben sie konkret was getan? Sind sie zu Hayden oder Alexander gegangen? Wie haben sie reagiert?

    Hanning: Weiß nicht, worauf sie anspielen.

    Ströbele: Z.B. Selektoren.

    Hanning: Nicht in meiner Amtszeit.

    Ströbele: Doch.

    Hanning: Nicht zu meiner Kenntnis gelangt. Haben natürlich gerungen. USA haben sich beschwert, wir wären zu restriktiv. Das war Gesprächsthema. Aber NSA und wir haben nicht über wechselseitige Aufklärung gesprochen.

    Ströbele: Mir zu allgemein. Ganz konkret: Wir haben gehört, Ablehnungen von Selektoren wurden USA mitgeteilt. Was darüber hinaus geschehen?

    Hanning: KA, weitgehend auf Abteilungsebene.

    Ströbele: „Need to Know“: Sagen, das kann nicht gegenüber Präsidenten gelten, weil er Verantwortung trägt. Trägt er auch Verantwortung, wenn ers nicht weiß?

    Hanning: Ja, Organisationsverantwortung.

    Ströbele: Wie auf sowas mal reagiert, wenn so was passiert ist?

    Hanning: Ärgerlich. Kam natürlich vor bei 6000 Leuten. Dann muss man den Ursachen nachgehen.

    Ströbele: Haben die nichts gesagt, um sie zu schonen?

    Hanning: Müssen sie Dritte fragen, wollte immer unterrichtet werden. Wollte guten Umgang mit Fehlern. Meiner Meinung nach hatten wir relativ offene Diskussionskultur.

    Ströbele: 2013 haben Mitarbeiter mal gedacht, wir nehmen Snowdendokumente ernst und haben 30.000 Selektoren gefunden. Und angeblich nicht nach oben gemeldet. Wir wissen nicht, warum. Hätten sie das wissen wollen?

    Hanning: Klar, das war besonderes Vorkommnis. Warum nicht passiert, weiß ich nicht. Vielleicht Schlamperei. Müsste man mit Mitarbeiter sprechen.

    Ströbele: Zurückdenken an Eikonal: War das Vorgang von besonderer Bedeutung? Hätte man PKGr berichten müssen?

    Hanning: Sie haben möglicherweise besseres Gedächtnis, kann mich nicht genau erinnern. Meine, dass wir auch berichtet haben.

    Ströbele: Kann das auch umgekehrt gewesen sein? Dass Auffassung war: Auf gar keinen Fall PKGr und G‑10-Kommission mitteilen?

    Hanning: Glaube ich nicht, Vertrauensbeziehung, offen erörtert.

    Ströbele: Nein, deshalb haben die doch ein Moratorium eingerichtet.

    Hanning: Gab keine generelle Scheu, Abgeordnete zu unterrichten. Haben immer erörtert, dass es Defizite gab.

    Ströbele: Zu HBW: Ist ihnen Behauptung bekannt, dass Befragungsinformationen für Drohneneinsatz genutzt wurden?

    Hanning: Zu meiner Amtszeit nicht.

    Ströbele: Sonst?

    Hanning: Habe viel gelesen.

    Ströbele: Zeugin hat ausgesagt, AND hätten auch alleine Flüchtlinge befragt oder in Sprachen, die BND-Mitarbeiter nicht kannten. War das erlaubt? Konnten US-Amerikaner da einfach Informationen erheben?

    Hanning: Kann ich mir nicht vorstellen.

    Ströbele: Fall Curveball auch darüber?

    Hanning: Ja.

    Ströbele: Auch über eine solche Befragung?

    Hanning: Ja, ging an die USA. Mit bekannten Ergebnissen.

    Ströbele: Traurigen Ergebnissen…

    Fragerunde 5: Linke (15:33)

    Hahn: Viele Zeugen sagen, Grundlage für Arbeit ist APB. Parl. Kontrolle so ausgerichtet, dass wir die NDs kontrollieren. Wissen sie, ob APB dem PKGr jemals vorlag?

    Hanning: Glaube nicht.

    Hahn: Sie waren Präsident und dann im BMI. Wie kann Kontrolle funktionieren, wenn man den Auftrag nicht genau kennt? Wie soll man prüfen, ob sich BND daran hält?

    Hanning: Z.T. außerhalb Untersuchungsgegenstand. Parl. Kontrolle soll nicht kontrollieren, ob APB abgearbeitet wird. Ist anderes Thema. Da muss man fragen: Sind Mittel und Methoden angemessen? Das sind unterschiedliche Kontrollgegenstände. Bundesregierungsaufsicht betrifft weniger die Kontrolle: Arbeitet BND mit Methoden, die angemessen sind?

    Hahn: Sie haben doch auch mal mit Bundesregierung gearbeitet. Wir wollen Vorschläge erarbeiten, wie parlm. Kontrolle besser funktionieren kann. Wir haben das APB nur zu Gesicht bekommen, weil Snowden das hatte. [Anmerkung: Ist unklar, ob hier nicht statt Snowden der BND-Spion Markus R. stehen müsste, ich versuche gerade, das bei Herrn Hahn nachzufragen, nicht dass mein Gehirn etwas falsch geparst hat.

    Richtigstellung: Nicht Snowden war gemeint, sondern tatsächlich Markus R., denn im Zusammenhang mit dem Fall konnte das PKGr Einsicht in die Akten des Generalbundesanwalts und damit das APB nehmen.]

    Hanning: Muss man mit der Bundesregierung erörtern. Frage der Geheimhaltung, APB mit hoher Geheimhaltungsstufe versehen, das erklärt den Umgang damit. Letztlich Kanzleramt für Umgang mit APB verantwortlich.

    Fragerunde 5: Grüne (15:19)

    Notz: Was sind Abwägungsgüter bei Kooperation?

    Hanning: APB ist klar, Deutschland definiert klar nationale Interessen. BND ist Instrument zur Wahrnehmung der nationalen Interessen. Unterschiedlich gewichten. Glaube, dass der BND wesentlichen Teil für Wohlergehen von Deutschland trägt. Man muss dazu beitragen, Dienst gut auszustatten.

    Notz: Grundrechte kamen nicht vor.

    Hanning: NDs greifen von deutschen Sicherheitsbehörden am wenigsten in Grundrechte ein.

    Notz: Obwohl man an die Glasfaser geht?

    Hanning: Da sind doch gar keine Deutschen betroffen.

    Notz: Stimmt nicht, klappt nicht. Sie brauchen nämlich G‑10-Genehmigung.

    Geheimdienste haben Grenzen, wenn das Stichwort Grundrechte nichtmal fällt, stimmt etwas nicht.

    Hanning: Doch, viele verdanken BND ihren Schutz. Eingriffe im Vergleich sehr gering.

    Kann sagen, G‑10-Gesetz schützt das. Eingriffe von anderen Sicherheitsbehörden wesentlich gravierender.

    Notz: Würden uns raten, beim BfV nachzuschauen?

    Hanning: Haben gefragt, habe Vergleich gezogen.

    War vier Jahre in der Ständigen Vertretung in der DDR, habe besonderes Verständnis der Grundrechte.

    Notz: Sehe ich auch, deshalb haben wir Kontrollgremien und Untersuchungsausschüsse. Das macht wehrhafte Demokratie aus.

    Begriff „Kronjuwelen“. War das gängiges Wording?

    Hanning: Aus Cybersecurity bekannt. Wenn man Dinge schützen will, erstmal rausfinden, was besonders schützenswert ist.

    Notz: Was sind Kronjuwelen des BND?

    Hanning: Da gibt es viele hoffentlich. [lacht]

    Ströbele: Wenn man PCs, etc. von der NSA benutzt, muss man klären, was das macht. Haben sie mal Fachleute hinzugezogen, unabhängige, zum Beispiel BSI? Ehemaliger Mitarbeiter hat gesagt, sie hätten sich die Prospekte angeguckt. Das kann ja nicht besonders in die Tiefe gehen?

    Hanning: Wer ist kompetent für die Beurteilung? Meiner Meinung nach hatte BND die besten Kompetenzen.

    Ströbele: Private wollten sie nicht ranlassen?

    Hanning: Dürfen fachliche Expertise BND nicht unterschätzen.

    Ströbele: Vor Erscheinen als Zeuge, Unterlagen gelesen?

    Hanning: Ja, vor zwei Tagen angeschaut und habe festgestellt, kann mich an vieles nicht mehr erinnern. Dann Akteneinsicht abgebrochen. Nach ca. 1,5 Stunden.

    Ströbele: Nur Sachen angeschaut, die sie gezeichnet haben?

    Hanning: Ja.

    [Ende der Sitzung, 15:28]

    Menschen in der zweiten & dritten Reihe

    Zweite Reihe:

    • Neist, Bundeskanzleramt
    • Wolff, Bundeskanzleramt
    • Herr Akmann, Bundesministerium des Innern
    • Herr Dr. Brandt, Bundesministerium des Innern
    • Herr Berkemeier, Auswärtiges Amt
    • Frau Lehmann, Auswärtiges Amt
    • Herr Theis, Bundesministerium der Verteidigung
    • Herr Voigt, Bundesministerium der Verteidigung
    • Herr Krüger, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
    • Herr Dr. Kremer, Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit

    Chronisch unterbesucht ist die Reihe der Vertreter der Bundesländer – in dieser wurde nur selten mal einer in freier Wildbahn beobachtet. Es fehlen heute:

    • Kalus, LV Berlin
    • Luderschmid, LV Bayern
    • Dr. Wolf, LV Rheinland-Pfalz
    • Rohlfing, LV Nordrhein-Westfahlen
    • Brosius-Linke, LV Hessen
    • Steinbach, LV Hessen
    • Schmitt, LV Hessen
    • Delmotte, LV Baden-Württemberg
    • Stuhr, LV Saarland
    • Rauth, LV Rheinland-Pfalz
    • Pietsch, LV Niedersachsen
    • Dr. Unterlöhner, Generalbundesanwalt (unklar warum das Schild an diesem Ende liegt)

    U.a. in der dritte Reihe:

    • Herr Bildschun, Bundesministerium des Innern
    • Herr Grätsch, Generalbundesanwalt
    • Oberstleutnant Elmar Henschen, Kommandant der Elektronischen Kampfführung (EloKa) der Bundeswehr [kein Namensschild]

    Folgende Personen sind offenbar angemeldet, weil ein Namensschild für sie bereit steht, was aber nicht genutzt wird:

    • Weiss, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
    • Hodouschek, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
    • Brennecke, Bundeskanzleramt
    • Kämmerer, Bundeskanzleramt
    • Bernard, Bundeskanzleramt
    • Dr. Brunst, Bundeskanzleramt
    • Riecken-Daerr, Auswärtiges Amt
    • Dr. Neuhaus, GBA [Generalbundesanwalt]
    • Dr. Kirchner, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
    • Kraft, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
    • Dr. Milke, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
    • Speicher, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
    • Löwnau, Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die
      Informationsfreiheit
    • Köning-Laforet, Bundesministerium des Innern
    • Geirth, Bundesministerium des Innern

    2. Oktober 2015 33
  • : Edward Snowden ist nun auf Twitter: @snowden
    Edward Snowden ist nun auf Twitter: @snowden

    Edward Snowden ist nun auch auf Twitter mit einem eigenen Account angekommen: @snowden. TheIntercept hat die Hintergründe: Edward Snowden Is On Twitter: @Snowden. In einem Interview mit dem Astronomen Neil deGrasse Tyson fragte dieser Edward nach einem Twitter-Account:

    “You kind of need a Twitter handle. So like @Snowden, maybe? Is this something you might do?” Tyson asked.
    “That sounds good, I think we’ve got to make it it happen,” Snowden replied.
    “You and I will be Twitter buddies,” Snowden told Tyson. “Your followers will be: the Internet, me, and the NSA.”

    Sein erster Tweet ist:

    In diesem Fenster soll ein Twitter-Post wiedergeben werden. Hierbei fließen personenbezogene Daten von Dir an Twitter. Aus technischen Gründen muss zum Beispiel Deine IP-Adresse übermittelt werden. Twitter nutzt die Möglichkeit jedoch auch, um Dein Nutzungsverhalten mithilfe von Cookies oder anderen Tracking-Technologien zu Marktforschungs- und Marketingzwecken zu analysieren.

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    Willkommen auf Twitter, Edward.

    29. September 2015 23
  • : Keine falsche Bescheidenheit beim GCHQ: „weltgrößte Überwachungsmaschine“
    GCHQ Visualisierung der Überwachung von Online-Radios. By <a href="https://theintercept.com/document/2015/09/25/broadcast-analysis/">The Intercept</a>
    Keine falsche Bescheidenheit beim GCHQ: „weltgrößte Überwachungsmaschine“

    Vergangenen Freitag berichtete The Intercept über weitere Details zum Ausmaß der Überwachung durch den britischen Geheimdienst GCHQ. Bisher unveröffentlichte Snowden-Dokumente belegen den gigantischen Umfang und zeigen die Fähigkeiten des GCHQ zur Analyse von Metadaten und Kommunikationsinhalten. Die Enthüllungen betreffen insbesondere ein Programm mit dem Namen KARMA POLICE. Herzstück der Operation ist das massenhafte Erstellen von personenbezogenen User- und Webseitenprofilen.

    Bisherige Snowden-Dokumente hatten das weltweite Abgreifen von Glasfaserverkehren durch das Tempora-Programm dokumentiert. Die neuen Veröffentlichungen geben erstmals Einblick darin, was der GCHQ mit den gewonnen Daten anstellt.

    Seit 2009 läuft das Programm bereits und speicherte bis 2012 etwa 50 Milliarden Metadaten-Records. Das selbst gesteckte Ziel ist es, Profile über das Verhalten von jedeR InternetnutzerIn zu erstellen sowie Nutzerprofile von allen verfügbaren Webseiten weltweit anzulegen. Dafür soll die Speicherkapazität auf 100 Milliarden Metadaten-Einträge ausgebaut werden. Diese Einträge beinhalten E‑Mailkorrespondenz, Skypeanrufe, Messenger-Verkehre sowie Mobilfunkdaten und Informationen aus Sozialen Netzwerken. Hinzu kommen Systeme, die verdächtige Suchanfragen bei Google und dem Kartendienst Maps registrieren.

    Ein großer Teil der gesammelten Daten ist nicht kategorisiert und fließt zunächst in einen gigantischen Datenpool, den der GCHQ unter dem Namen „Black Hole“ betreibt. Darin erfasst der Geheimdienst grundsätzlich sämtliche Internetkommunikation in unaufbereiteter Form. Zwischen August 2007 und März 2009 waren demnach 1,1 Billionen „Events“ darin gespeichert, zu denen täglich weitere 10 Milliarden Metadaten-Einträge hinzu kamen.

    Neben KARMA POLICE, das Browserdaten und Surfverhalten anhand von Cookies ausspioniert, wurden Programme mit den Bezeichnungen MUTANT BROTH, INFINITE MONKEYS und MARBLED GECKO zur Datengewinnung genutzt. Auch Informationen über Anonymisierungstools und Online-Boards werden dafür gespeichert. Wie allumfassend diese Überwachungs- und Auswertungswerkzeuge sind, erkennt der GCHQ selbst an. Die Rede ist stolz von Zielerfassungen über ganze Bevölkerungen hinweg.

    Wie die Analyse von The Intercept darlegt, wurde KARMA POLICE bei seiner Einführung 2009 anhand von Internet-Radiosendungen evaluiert. Dabei sollten weltweit Internet-Radiostationen samt ihrer HörerInnen überwacht werden, um islamistische Propaganda zu identifizieren. In den Fokus rückten Radiosender, die Stellen aus dem Koran rezitiert hatten. Über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg erfasste der GCHQ dafür mehr als 220.000 IP-Adressen von HörerInnen, verknüpfte sie mit weiteren Informationen und durchforstete ihr Surfverhalten anhand von Cookies bei Facebook, Flickr oder Redtube.

    Die Cookies von solchen viel genutzten Webseiten stellen eine wichtige Fundgrube für das Zusammenspiel der Überwachungsbestandteile dar. Über ein halbes Jahr hinweg waren beispielsweise via MUTANT BROTH etwa 18 Milliarden Einträge verfügbar. Der GCHQ gewann dadurch Mitarbeiterdaten für seine Angriffe auf den SIM-Karten Hersteller Gemalto und den belgischen Provider Belgacom.

    Die jetzt veröffentlichten 28 Dokumente belegen das gigantische Ausmaß der GCHQ-Maßnahmen. Daran werden die Anstrengungen deutlich, die der Geheimdienst für die Analyse von Metadaten unternimmt. Bedeutend ist jedoch, dass diese Medatdatenanylse nur einen Bestandteil der Gesamtüberwachung durch den GCHQ ausmacht. Andere Enthüllungen über das Tempora-Programm und das Tool XKeyscore haben bereits in erschreckender Weise die Fähigkeiten gezeigt, die der Geheimdienst zur Überwachung von Inhaltsdaten und Volltextanalyse besitzt.

    28. September 2015 22
  • : Kampagne Intelexit: „Fluchtweg zur Demokratie“ für Geheimdienstangehörige in moralischen Konflikten
    Bild: Nick Jaussi/ Paul Lovis Wagner
    Bild: Nick Jaussi/ Paul Lovis Wagner
    Kampagne Intelexit: „Fluchtweg zur Demokratie“ für Geheimdienstangehörige in moralischen Konflikten

    Als „weltweit erstes Aussteigerprogramm für Angehörige von Geheimdiensten“ ging heute morgen die Kampagne Intelexit online. MitarbeiterInnen des GCHQ, der NSA und des BND werden unterstützt, der „Intelligence community“ den Rücken zu kehren. Ein Video mit Bruce Schneier und Thomas Drake, der Wiener Therapeutin Angelika Schneider und dem früheren Stasi-Offizier Walter Eichner erklärt die Hintergründe, ein Flyer gibt noch mehr Details.

    Adressiert werden alle Angestellten der Behörden, nicht nur jene die an Abhörprogrammen arbeiten oder am Drohnenkrieg beteiligt sind. Betroffenen, die sich in moralischen Konflikten befinden, soll Beratung, Therapie und rechtlicher Beistand vermittelt werden. Wer noch zögert, kann sich auf der Kampagnenwebseite einem Selbsttest unterziehen.

    Wir haben mit den MacherInnen von Intelexit ein Interview geführt, das vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurde.

    Intelexit adressiert Geheimdienstler und deren Angehörige. Schilderst du kurz worum es geht?

    Wer mit der Arbeit für Geheimdienste in moralische Konflikte gerät, hat jedes Recht dort auszusteigen. Das ist die Kernbotschaft. Wir wollen diesen Leuten ein Fenster öffnen und sie in allem unterstützen, was es nach sich zieht sie der „Intelligence community“ den Rücken kehren.

    Wir reden oft sehr abstrakt über komplexe Angelegenheiten wie Privatheit, Grundfreiheiten, Überwachung… Hier geht es aber um die Menschen, die dahinter stecken. Wir wollen mit ihnen reden, wir behandeln die Überwachung als ein menschengemachtes Phänomen: Als Problem von Männern und Frauen, die in diesem „Kaninchenbau“ der Geheimdienstbehörden tätig sind. Menschen, die ZeugInnen von Lügen, Verbrechen und Ungerechtigkeiten werden und sich damit zusehends unwohl fühlen, ohne zu wissen wie sie diesen Zustand beenden sollen.

    Wir strecken ihnen die offene Hand aus und sagen: „Wir interessieren uns für euch. Ihr seid in einer schlimmen Situation der kognitiven Dissonanz eurer Werte, an die ihr glaubt, und eurem Tagesgeschäft. Wir könnten euch unterstützen“.

    Überdies glauben wir, dass je mehr Menschen wir aus diesen Strukturen herauslösen können, umso stärker wird die Durchsage an die Regierungen und die Dienste, dass hier etwas schief läuft.

    Die Reaktionen auf Whistleblower und Menschen, die Wahrheiten aussprechen, sind brutal (denkt an Bradley Manning, Edward Snowden, Julian Assange, Jeremy Hammond, Barrett Brown, Aaron Swartz etc.). Wir wollen deshalb ein positives Signal an die zukünftigen Whistleblower aussenden: Wir können euch in ein normales Leben zurück helfen, in dem ihr wieder zu euren Werten findet.

    Intelexit richtet sich an die Beteiligten der „Intelligence community“ im Ganzen, grenzüberschreitend und unabhängig von den Zuständigkeiten unterschiedlicher Behörden. Unsere ersten weltweiten Aktionen erfolgen in drei Ländern, aber wir hoffen dass wir auch andere AktivistInnen zu eigenen Aktionen inspirieren.

    Welche Länder, welche Dienste?

    Zunächst: BND, GCHQ, NSA.

    Wie wollt ihr die Kampagne verbreiten? Also, wie sollen die Bediensteten überhaupt davon Kenntnis erhalten, nicht nur die Presse und die sowieso schon überzeugten Aktiven?

    Ab Montag bestücken wir Werbetafeln vor den Einrichtungen besagter Geheimdienstbehörden. Dann schicken wir ihnen E‑Mails, Faxe, wir rufen sie im Büro an und verteilen Flugblätter vor den Eingängen der Gebäude.

    Ihr geht davon aus dass Geheimdienstler oder deren Angehörige sich tatsächlich melden? Oder ist das eigentlich eine weitere politische Kampagne zur Abschaffung der Geheimdienste?

    Auf jeden Fall! Wir senden eine unüberhörbare Botschaft, und es ist die erste Initiative dieser Art die vielen Menschen Hoffnung in einer auswegslosen Situation bringen könnte. Bei der Recherche für das Projekt haben wir eine Reihe früherer und immer noch aktiver Mitglieder dieser „Intelligence community“ getroffen, außerdem einige ihrer FreundInnen und Familien. Wir haben immer wieder die gleichen Geschichten gehört und vernahmen darin einen deutlichen Hilferuf. Die Kampagne ist also absolut notwendig.

    Der Ausstieg der Einzelnen ist ein Anfang zur Abschaffung der Geheimdienste, wie wir sie heute kennen. Gemeinsam können wir dann mehr Druck ausüben, um wieder verantwortlich zu handeln und unsere Demokratien zu respektieren.

    Es gab ja eine Reihe von Whistleblowern in den letzten Jahren, du hattest einige vorher aufgezählt. Natürlich war ihr Coming out extrem wichtig, sie schienen aber nicht unbedingt inspiriert voneinander gewesen zu sein?

    Wir haben gesehen wie Edward Snowden durchaus von früheren Whistleblowers inspiriert war und aus ihren Erfahrungen lernte. Er baute auf ihnen auf und arbeitete an einem Ausstiegsszenario, bevor er seine Informationen preisgab. Er hat sichergestellt, dass sich die Dokumente nach der Weitergabe nicht in seinem Besitz befanden und dachte sich eine Strategie zur Veröffentlichung aus.

    Wir wissen, dass da andere sind die etwas verbessern möchten, es könnten noch viele mehr sein. Der Versuch mit ihnen auf menschliche Weise ins Gespräch zu kommen ist kostbar, denn sie könnten die zukünftigen Whistleblower werden.

    Es ist also wichtig, dass die früheren und die zukünftigen Whistleblower einander unterstützen und dabei auf Erfahrungen und bewährte Verfahrensweisen zurückgreifen. Sie können ihr Wissen zur bestmöglichen Veröffentlichung von Informationen teilen und, das ist eigentlich noch wichtiger, danach zu einem guten Leben finden.

    Wir möchten aber nicht nur denjenigen helfen, die später als Whistleblower aktiv werden wollen, denn das ist eine individuelle Entscheidung und dies als Bedingung zu stellen würde den Druck nur unnötig erhöhen. Nicht jeder Mensch muss gleich zum Helden werden. Ein erster Schritt ist: Aufhören dort zu arbeiten. Aufhören unserer Gesellschaft zu schaden. Aussteigen.

    Klingt ein wenig nach Beihilfe zum Landesverrat…

    Landesverrat, genau! Manchmal ist das, was die einen „Landesverrat“ nennen, für die anderen „Tapferkeit“. Manchmal ist das Brechen von Gesetzen die einzige Möglichkeit, ein kaputtes System zu überwinden, die Wirklichkeit offenzulegen und Verbrechen bekannt zu machen. Individuen können sich und ihr Gewissen vor diese Wahl stellen. Wenn wir die gegenwärtigen Veröffentlichungen zur Massenüberwachung anschauen, stellen wir fest dass wir mehr Whistleblower brauchen! Wir benötigen also Eingeweihte, die den Schritt wagen und die Informationen in die Welt schicken. Das könnte der einzige Weg sein, eine öffentliche Debatte darüber zu führen. Als BürgerInnen könnten wir hoffen, die entfesselten, gefährlichen und unverantwortlichen Institutionen unter Kontrolle zu bringen.

    Ein Punkt der Kampagne ist jene zu inspirieren, die nicht unbedingt Whistleblower sein wollen, aber aussteigen wollen. Genauso wie ein Streik funktioniert, wenn die Leute in den Minen ihre Arbeit niederlegen um gegen ihre lausigen Arbeitsbedingungen zu protestieren.

    Wieso adressiert ihr nur Geheimdienste, die sowieso allerorten im Fokus stehen und von Kampagnen zu deren Abschaffung überhäuft werden. Wäre es nicht genauso wichtig, Polizeiangehörige zu überzeugen den Korpsgeist zu durchbrechen damit Korruption, Misshandlungen und polizeiliche Morde geahndet werden können?

    Es gibt eine Menge wichtiger Anliegen in der Welt… Oft hängen sie zusammen.

    Wir finden es wichtig, die Angehörigen der Geheimdienste in den Blick zu nehmen, denn im Gegensatz zu anderen Behörden leben und arbeiten sie in totaler Undurchsichtigkeit, tief unten in ihrem „Kaninchenbau“. Sie haben dort nicht mit „echten Menschen“ außerhalb dieser Maschine zu tun. Sie können nicht einmal mit FreundInnen und der Familie über ihre wirkliche Tätigkeit sprechen.

    Die vielfältige Missachtung unserer Freiheiten durch die Geheimen im Geheimen ist in vielerlei Hinsicht merkwürdig. Intelexit könnte ein kollektiver Pfad sein, Licht in diesen „Kaninchenbau“ zu bringen.

    Es geht nicht nur um die Kritik an Massenüberwachung, sondern auch an Drohnenkriegen?

    Massenüberwachung zur Vorbeugung von Terrorismus ist wirkungslos. Heutzutage wird sie vielmehr für eine Reihe tief gehender Grundrechtsverletzungen genutzt: Wirtschaftsspionage (auch im Dienst von Konzernen), politische Spionage, sozialer Druck und Manipulation. Sie dient der Sammlung von Metadaten. Die erlangten Profile bilden die Grundlage für vorhersagende Algorithmen, um damit Einzelne herauszufiltern und sie noch intensiver auszuspähen oder auch zum Ziel von Drohnenangriffen zu machen.

    Es ist wichtig dass wir sichtbar machen, wie Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen weltweit mithilfe von Drohnen getötet werden, weil sie zuvor Datenspuren hinterlassen haben. Sie wurden durch Massenüberwachung erhoben und zwischen Geheimdiensten unterschiedlichen Regierungen ausgetauscht, ohne dass dies demokratisch kontrolliert werden könnte.

    Warum erwähnt ihr in euren Veröffentlichungen nicht Russland, China oder Israel? Leute wie Andrej Soldatov oder die 43 früheren Mitglieder der israelischen „Unit 8200“ weisen darauf hin, wie auch ihre Regierungen Freiheitsrechte im Internet aushöhlen?

    Wir starten diese Kampagne in drei westlichen Demokratien, deren Geheimdienstapparate außer Kontrolle geraten sind. Wir kritisieren das Konzept solcher geheimen und machtvollen Strukturen in heutigen Demokratien. Wir hoffen, dass Menschen in anderen Ländern zu uns stoßen und die Mitglieder ihrer eigenen Apparate ansprechen.

    Geheimdienste schnorcheln nicht nur im Internet, sie (und Polizeibehörden) bezahlen auch Informanten oder sind sogar selbst mit Legende in verschiedenen Szenen unterwegs. Ist das auch Ziel der Kampagne?

    Mit Intelexit richten wir nicht nur an MitarbeiterInnen der Abteilungen zur Massenüberwachung, sondern an alle Angestellten. All jene, die in ihrer täglichen Arbeit Lügen, Verbrechen und Ungerechtigkeiten beobachten, sich damit schlecht fühlen und einen Ausweg suchen.

    Angehörige der Geheimdienste dürften sich selbst als Demokraten, vielleicht sogar Patrioten betrachten. Was bringt euch zur Überzeugung dass sie diese sichere Überzeugung (und auch Stellung) aufgeben, was sie in Konflikt mit der – aus ihrer Sicht – jahrelang verteidigten Verfassung bringen wird?

    Viele haben die Arbeit begonnen, weil sie in Ideale und Werte geglaubt haben und diesen dienen wollten – ihre Verfassung, Freiheit oder Demokratie. Nun sehen sie sich deren permanenter Verletzung gegenüber. Das kann zu enormen Stress führen. In Fällen wo sie keine Hoffnung auf Veränderung haben, geben wir ihnen diese!

    In unseren Treffen mit Geheimdienstangehörigen waren wir von deren tiefen moralischen Konflikten überrascht. So etwas zwischen „ich verteidige hier die Verfassung meines Landes, meine geliebten bürgerlichen Freiheiten und die Demokratie“ und einer Realität von „ich bin beauftragt die Verfassung, die Freiheit und die Demokratie zu brechen“. Das erzeugt heftigen persönlichen Stress, den manche einfach deckeln oder sich gefühlsmäßig einigeln. Andere kompensieren das mit Alkohol, Drogen und Gewalt.

    Ihr beratet die Leute also in Strategien zum Ausstieg?

    Genau. Wir versuchen, menschliche und rechtliche Ressourcen zusammenzubringen. So wollen wir denjenigen helfen, die sich in diesem „Kaninchenbau“ verloren haben, einen ehrenhaften Ausstieg zu finden, der ihnen und der Demokratie gleichermaßen gerecht wird.

    Der Ex-Drohnenpilot Brandon Bryant hat nach 1.626 getöteten Menschen den Bruch gewagt. Verständlicherweise hat er nun arge psychische Probleme. In solchen Fällen bietet ihr Therapie an. Wie wollt das gewährleisten?

    Wir behandeln die Angehörigen der Geheimdienste genauso menschlich und nicht feindlich, wie wir selbst aufeinander acht geben, so wie FreundInnen die auf einen falschen Weg geraten sind. Im Falle von Brandon würden wir uns natürlich um die professionelle Unterstützung bemühen, wie sie in unter solch besonderen Umständen benötigt wird.

    Wir glauben, dass dies eine Dynamik entfalten könnte, in der Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und Perspektiven mithelfen könnten. Das können AnwältInnen und Medienschaffende sein, aber auch psychotherapeutische oder andere Pflegekräfte – warum nicht auch Lehrerende für Yoga oder Entspannungstechniken?

    Was macht ihr mit eingestuften Informationen die euch zugetragen werden?

    Darum geht es erstmal nicht. Vor allen Dingen rufen wir die Leute zum Ausstieg auf. Whistleblower zu werden ist eine sehr individuelle Entscheidung. Dafür braucht es natürlich sichere Kommunikationsmittel. Wir haben keinen Zweifel dass Geheimdienstbehörden neugierig sind was wir so tun. Wahrscheinlich versuchen sie, unsere Kommunikation abzuhören. Wir wollen deshalb so viele sichere Kommunikationskanäle wie möglich anbieten. Es soll ein .onion-Kontaktformular geben das mit GPG verschlüsselt. Aber noch wichtiger ist die Betonung der menschlichen Aspekte von Sicherheit, an die Angehörige von Geheimdiensten natürlich denken müssen: Benutze niemals deinen alltäglichen Rechner und auch nicht deine Mailadresse um mit uns in Kontakt zutreten. Macht das am Besten über jemand anderen – das kann auch ein Proxy sein.

    Erst danach helfen wir bei den ersten, notwendigen Schritten damit diese Leute ihren Frieden mit sich und der Gesellschaft machen können. Dann können sie überlegen, ob sie Whistleblower werden möchten. Wenn sie sich zur Veröffentlichung eingestufter Informationen entschließen, könnte das mit Unterstützung von Wikileaks oder dem Spiegel erfolgen. Unsere Kampagne ist also eine Brücke, über die Leute gehen können, ein Fluchtweg zur Demokratie, raus aus dem Kaninchenbau.

    IntelExit-Backdoor
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    IntelExit-HelfenSie
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    28. September 2015 22
  • Generalanwalt am EuGH: Safe-Harbor-Abkommen mit den USA verstößt gegen Datenschutzrecht und ist ungültig
    Sitz des EuGH in Luxembourg. Bild: <a href="https://www.flickr.com/people/14254333@N08">Cédric Puisney</a>. Lizenz: Creative Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">BY 2.0</a>.
    Generalanwalt am EuGH Safe-Harbor-Abkommen mit den USA verstößt gegen Datenschutzrecht und ist ungültig

    Das Safe-Harbor-Abkommen mit den USA verstößt gegen Datenschutzrecht und ist ungültig. Zu diesem Fazit kommt der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof in seinem Schlussantrag. Folgt das Gericht diesem Antrag, hat das weitreichende Konsequenzen auf den transatlantischen Transfer personenbezogener Daten.

    23. September 2015 13
  • : „SIGINT Philosopher“-Kolumne der NSA veröffentlicht – Wenn gescheiterte Autoren zu Geheimdiensten wechseln
    „SIGINT Philosopher“-Kolumne der NSA veröffentlicht – Wenn gescheiterte Autoren zu Geheimdiensten wechseln

    The Intercept enthüllte heute neue Snowden-Dokumente, die Teile der „SIGINT Philosopher“-Kolumne enthalten, die im internen Netz der NSA veröffentlicht werden. Die Kolumnen sollen philosophische und ethische Aspekte der Überwachung beleuchten. Sie stammen aus der Feder eines gescheiterten Autors, der nach eigenen Ausführungen generell überwachungskritisch war und eine große Portion Skepsis gegenüber den von der NSA eingesetzten Polygraphen hat, dann aber einen Sinneswandel durchlaufen zu haben scheint und begann, bei der NSA zu arbeiten:

    One of the many thoughts that continually went through my mind was that if I had to reveal part of my personal life to my employer, I’d really rather reveal all of it. Partial revelation, such as the fact that answering question X made my pulse quicken, led to misunderstandings.

    Amüsanterweise wurde der Autor der Kolumne vom Autor des Intercept-Artikels via Google-Recherche identifiziert und kontaktiert. So viel Transparenz wie seinem Arbeitgeber gegenüber will selbiger der Öffentlichkeit jedoch nicht entgegenbringen. Auf The Intercept werden dennoch weitere Details aus dem Leben des NSA-Mitarbeiters und ‑Schreibers ausgeführt, auch privat betreibt er ein Blog, das identifiziert werden konnte.

    „SIGINT Philosopher“ ist nicht die einzige NSA-Kolumne. Vor einiger Zeit demonstrierte uns „Ask Zelda“ bereits, wie man sich abseits von den eigentlichen Arbeitsaufträgen in dem Geheimapparat mit seinen Aufgaben auseinandersetzt.

    11. August 2015 4
  • : Lügenpresse, Snowden und Griechenlandbashing: Alle Vorträge der Netzwerk Recherche Jahreskonferenz online
    Titelmotiv Netzwerk Recherche
    Lügenpresse, Snowden und Griechenlandbashing: Alle Vorträge der Netzwerk Recherche Jahreskonferenz online

    Die Netzwerk Recherche Jahreskonferenz fand am 3. und 4. Juli statt. Dabei ging es vor allem um netzpolitische Themen. Vorherrschende Themen waren, wie Journalisten auf das zunehmende Misstrauen gegenüber den Medien reagieren sollen und wie Recherche sich in Zeiten von geleakten Daten aussehen kann, welche Verantwortung sich daraus ergibt und wie Journalisten sich selbst schützen können bzw. geschützt werden. Das volle Programm findet sich hier.

    Es gab unter anderem einen Vortrag zum Umgang von Journalisten mit geheimen Dokumenten, besonders im Bezug auf Snowdens Entscheidung, was mit den von ihm geleakten Daten passieren soll. Snowden entschied sich bewusst dafür, diese Entscheidung abzugeben und damit der Presse zu überlassen was, wann und wie veröffentlicht wird.

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    Wer möchte, kann sie sich die Vorträge auch herunterladen. Bilder der Vorträge und von was sonst so auf der Konferenz passiert ist gibt es hier. Hier noch die Playlist zu allen Vorträgen:

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    13. Juli 2015 3
  • : SZ: US-Spionage ist eine Demütigung für Deutschland
    SZ: US-Spionage ist eine Demütigung für Deutschland

    In der Süddeutschen Zeitung kommentiert der Journalist Tanjev Schultz: US-Spionage ist eine Demütigung für Deutschland.

    Deutschland hätte in der NSA-Affäre von Anfang an offensiver auftreten müssen; es ist groß und mächtig genug, um sich das leisten zu können. Und es war ein Fehler, den Whistleblower Edward Snowden Russland zu überlassen. Deutschland hätte ihm Asyl anbieten und ihn schützen müssen. Wenn es den politischen Willen dafür gegeben hätte, wäre dies möglich gewesen. Vielleicht ist es, wenn Snowden es noch wollen würde, noch immer nicht zu spät. Die US-Spionage ist eine Demütigung für Deutschland, aus der die Bundesregierung Konsequenzen ziehen muss. Geht es um Edward Snowden, gibt es schon lange keinen Grund mehr, auf die USA Rücksicht zu nehmen.

    9. Juli 2015 11
  • : Happy birthday Edward Snowden
    Happy birthday Edward Snowden

    Heute ist der 32. Geburtstag von Edward Snowden, den dieser leider im Exil in Moskau und nicht mit Asylstatus bei uns in Sicherheit feiern muss. Wir gratulieren ganz herzlich, bedanken uns für den Mut und die Zivilcourage und freuen uns auf kommende Enthüllungen.

    10733899_681837365276828_1949900654256912748_o

    21. Juni 2015 7
  • : Dresden bekommt einen Edward-Snowden-Platz
    Dresden bekommt einen Edward-Snowden-Platz

    snowden-maskeAm 21. Juni wird in Dresden ein „Edward-Snowden-Platz“ eingeweiht:

    Diesen Sonntag wird Edward Snowden 32 Jahre alt. Der amerikanische Whistleblower, der mit seinen Enthüllungen über das Ausmaß der weltweiten Überwachung durch US-Geheimdienste Geschichte schrieb und derzeit im russischen Exil lebt, erfährt pünktlich zu seinem Geburtstag in Dresden eine besondere Ehrung. Unweit des Albertplatzes wird ein kleiner Platz auf dem Gelände Bautzner Straße 6 auf seinen Namen getauft. Mit dieser deutschlandweit ersten derartigen Würdigung möchte Markwart Faussner, Miteigentümer des Grundstückes, ein Zeichen setzen und den mutigen Einsatz von Whistleblowern weltweit und damit auch in Deutschland würdigen.

    17. Juni 2015 8
  • : Sunday-Times-Korrespondent im CNN-Interview: „Wir veröffentlichen einfach die aktuelle Meinung der britischen Regierung“
    Screenshot
    Sunday-Times-Korrespondent im CNN-Interview: „Wir veröffentlichen einfach die aktuelle Meinung der britischen Regierung“

    Nachdem am Wochenende erschienenen Artikel aus der britischen Sunday Times (Paywall), – zum Beispiel hier auch ohne Bezahlung einsehbar – über den wir schon hier berichtet haben, wonach angeblich russische und chinesische Geheimdienstmitarbeiter Snowden-Dokumente gehackt oder zugespielt bekommen hätten und dadurch britische „Agenten“ in Gefahr gebracht worden wären, führte CNNs George Howell mit einem Korrespondenten der Sunday Times ein Interview. Schnell wird klar, dass außer Informationen durch „various sources“, „multiple sources“, „highly placed sources“ und sonstigen – nicht benannten – Informanten keinerlei Beweise für auch nur eine der gemachten Behauptungen im Artikel der Sunday Times vorliegen. Der Bericht hat wohl nur einen Zweck, den der nette Korrespondent auch im Interview benennt.

    We just publish the position of the British Government at the moment.

    George Howell (CNN) fragt aber nochmal ganz genau nach, möglicherweise, weil er es selbst nicht so richtig glauben kann.

    So, essentially you’re reporting what the government is saying but as far as the evidence, you know, to substantiate it, you’re not really able to comment or explain that at this point, right?

    Tom Harpers (Sunday Times) Antwort:

    No, [we are not able to comment or explain that at this point] … unless you actually have leaked intelligence documents, like Snowden had, it’s very difficult to say anything with certainty.

    Leider weiß man also gar nichts. Schuld am Unwissen ist aber nicht die fehlende Recherche oder gar die Sunday Times selbst. Man könnte einfach gar nichts genau wissen, gar keine Faktenbasis haben, weil man dafür offizielle geheimdienstliche Dokumente, wie die von Snowden, brauchen würde. Das ist wirklich „Journalism at its worst“ (Artikel von Glen Greenwald zum Thema).

    Schade ist, dass sich die Tagesthemen mit der Berichterstattung auf Basis einer nicht vorhandenen Faktenlage auf ein Niveau begeben, das man sonst so nur von der „Bild“ kennt.

    16. Juni 2015 10
  • : Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung – Transkriptionen von Redebeiträgen und Grußwort von Edward Snowden
    Quelle: Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung
    Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung – Transkriptionen von Redebeiträgen und Grußwort von Edward Snowden

    Am 30. Mai demonstrierten die „Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung“. Wir dokumentieren die Transkripte der Reden von Dr. Burkhard Hirsch, Peter Schaar sowie das Grußwort von Edward Snowden. Die Videos (nur Flash) zu den Transkriptionen findet ihr hier, wie auch weitere Videos zu anderen Redebeiträgen der Demonstration.

    Grußwort von Edward Snowden an die „Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung“

    Lawyers have a special understanding of the importance of confidential communications. Discussions between lawyers and their clients are privileged. This is a cornerstone of the profession and of any modern legal system.

    The reason for this is that an individual could not seek or receive honest and effective legal advice without a binding assurance that the communication would be seen only by lawyer and client. Clients trust lawyers with sensitive information that they rightfully expect will be shared with no one — in some cases‚ they may trust lawyers with their lives.

    In the past, securing this communication may have meant locking file cabinets and not discussing legal matters outside of the office. Today, lawyers are on notice that they must do more to protect their communications.

    In this new and challenging environment of governments collecting our personal information en masse, communications between attorneys and clients are vulnerable.

    Lawyers have an ethical and professional responsibility to push back. Lawyers must encrypt.

    We need new professional training and new professional standards to make sure that we have mechanisms to ensure that the average member of our society can have a reasonable measure of faith in the skills of all lawyers.

    Beyond protecting themselves and their clients, lawyers must join the broader political discussion and become advocates against mass surveillance. Lawyers have a unique ability — and responsibility — to explain why communication without fear of government collection is critical to their work, their clients, and our society.

    Rede von Dr. Burkhard Hirsch

    Liebe Kolleginnen und Kollegen!

    Diese Demonstration ist notwendig und richtig. Sie findet zum richtigen Zeitpunkt statt. Es wird Zeit, klar und deutlich zu sagen, dass die Politik dabei ist, das Vertrauen der Bürger zu riskieren, ob sie bereit ist, das Notwendige zu tun.

    Um es vorab zu sagen:

    Wir sind nicht g e g e n etwas, sondern dafür, dass unsere Grundrechte gewahrt werden, dass unser Privatleben privat bleibt, dass unsere Berufsgeheimnisse geschützt bleiben, dass sich unsere Nachrichtendienste nicht zu trojanischen Eseln fremder Interessen machen lassen und parlamentarisch kontrolliert werden.

    Und noch eine Bemerkung vorab: Man muss und kann – wie in jedem Beruf, so auch – in der Politik nicht immer alles sagen, was man weiß. Aber ein Mitglied der Regierung, dem nachgewiesen wird, dass er vor dem Parlament gelogen hat, muss gehen. Ohne jede Ausnahme.

    Als Anwälte sind wir besonders von der Unsicherheit belastet, ob wir auf die „Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität von informationstechnischen Systemen“ und auf den verfassungsgemäßen Schutz unserer Telekommunikationsbeziehungen vertrauen können, als Bürger und bei der Ausübung unseres Berufes. Wir sehen, dass die Bundesregierung zögert, gegenüber dem Bundestag Klartext zu reden, wer in welchem Maße — von wem auch immer — ohne eindeutige Rechtsgrundlage überwacht wurde.

    Wir freuen uns, dass das Handy der Kanzlerin nicht mehr überwacht wird. Aber jeder von uns hat auch ein Handy. Seit den Enthüllungen von Edward Snowden können wir uns nicht einmal mehr darauf verlassen, dass unsere rechtliche Verpflichtung zur beruflichen Verschwiegenheit gewahrt bleibt, wenn wir gesetzlich zum elektronischen Rechtsverkehr — demnächst auch in Strafsachen – gezwungen werden.

    Die 28 Regionalpräsidenten der Bundesrechtsanwaltskammer haben in einer Resolution genau heute vor einem Jahr die Bundesregierung dringend aufgefordert, verlässliche Zusagen zu geben und alles zu tun, dass der elektronische Rechtsverkehr abhörsicher und hackerfest sein wird. Aber ich stelle fest, dass bisher nicht einmal die Kontrollrechte des Parlamentes ausreichen, uns diese Sicherheit zu geben.
    Der Deutsche Bundestag muss dafür sorgen, dass das Parlamentarische Kontrollgremium endlich wenigstens unsere eigenen Nachrichtendienste wirklich kontrollieren kann und ihnen nicht nur glauben muss.

    Der Deutsche Bundestag muss dafür sorgen, dass die sog. G10—Kommission alle Telekommunikationsüberwachungen kontrollieren kann, an denen deutsche Behörden mitwirken. Eine Bemerkung zur sog. Vorratsdatenspeicherung, die nicht dadurch schöner wird, dass sie als „Höchstspeicherfrist“ sprachlich vermummt werden soll.

    Nach den vernichtenden Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des EuGH möchten wir, dass der Bundestag endlich begreift, dass wir es satt haben, wenn er ständig, wiederholt und nun erneut die Belastbarkeit der Verfassung und der Europäischen Grundrechts Charta erproben will.

    Es geht uns natürlich nicht darum, die Bahn für Terroristen oder andere Straftäter frei zu machen. Es geht darum, ob der Staat seine Bürger wie potentielle Straftäter ohne jeden Anlass kontrollieren darf, ohne jeden Anlass, das heißt also, obwohl sie sich völlig rechtmäßig verhalten; ob es ein Teil unseres privaten Lebens bleibt, mit wem, wann und wie lange wir reden, sprechen, kommunizieren, Kontakt haben — mit anderen Worten, ob die Überwachung der Bürger eine Grenze haben muss, auch wenn sie noch so gut gemeint sein mag.

    Wenn man die Vorratsdatenspeicherung akzeptiert, dann könnte man mit derselben Begründung die Fingerabdrücke und die DNA—Analyse von jedermann, die Briefe und Pakete, die man versendet oder bekommt, die Fahrkarten, die man kauft, die Abonnements, die man unterhält, demnächst auch die Maut-Daten erfassen und das alles unter einem einheitlichen Personenkennzeichen speichern, das auch schon mal gefordert worden ist.

    Ich möchte den Deutschen Bundestag dringend auffordern, vor einer Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung sich im Einzelnen und durch Anhörungen genau darüber zu informieren, wie tief die Einblicke in die Privatheit und das persönliche Zusa1nmenleben der Bürger gehen, die man mit maschineller Auswertung der Vorratsdaten ermöglichen kann.

    Der Bundestag muss sich auch darüber informieren, warum die Europäische Kommission irgendwelche wesentlichen Erfolge der Vorratsdatenspeicherung bei der Verbrechensbekämpfung nicht belegen kann und warum alle praktischen Untersuchungen in den Ländern, die sie praktizieren, zu demselben Ergebnis geführt haben, in Europa ebenso wie in den USA.

    Der Deutsche Bundestag sollte verstehen, dass es uns nicht um den Wettbewerb von Parteien geht. Wir wollen sicher sein, dass die Bundesrepublik sich nicht schleichend in einen Überwachungsstaat verwandelt.

    Das Bundesverfassungsgericht hat ausdrücklich erklärt, dass bei jeder anlasslosen Speicherung äußerste Zurückhaltung geboten ist: „Dass die Freiheitswahrnehmung der Bürger nicht total erfasst und registriert werden darf, gehört zur verfassungsrechtlichen Identität der Bundesrepublik Deutschland, für deren Wahrung sich die Bundesrepublik in europäischen und internationalen Zusammenhängen einsetzen muss.“ Dabei fordert das BVerfG eine Gesamtbilanz der anlasslosen Datenüberwachung. Sie liegt bis heute nicht vor.

    Der Bundestag sollte endlich akzeptieren, dass es eine totale Sicherheit nur dann geben kann, wenn man in einer totalen Überwachung leben will. Wir wollen das nicht. Darum sollte es endlich aufhören, das Recht auf Privatheit als Beihilfe fü r Straftaten zu diskriminieren.
    Wir wollen, dass unsere Grundrechte hier in Berlin vom Bundestag in derselben Weise geachtet, geschützt und verteidigt werden, wie wir das sonst durch die Richter in Karlsruhe bewirken müssen, mit demselben Mut und derselben Gelassenheit. Deswegen sind wir hier und deswegen werden wir nicht aufhören, alles zu tun, um unsere Verfassungsrechte zu schützen und zu wahren.

    Peter Schaars Rede

    Er ist der ehemalige Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit und heute Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID)

    Hannah Arendt bezeichnete es in ihrem 1951 erschienenen Werk über die Ursprünge und Elemente des Totalitarismus als den schrecklichen Traum einer modernen totalitären Polizei, jederzeit nachvollziehen zu können, wer mit wem in Beziehung steht und wie intensiv und intim diese Beziehung jeweils ist.

    Heute sind wir dieser Schreckensvision bereits sehr nahe. Alle möglichen Geräte erzeugen jede Menge so genannter Metadaten. Die ungeheure Masse dieser Metadaten offenbart nicht bloß, wer mit wem vernetzt ist. Festgehalten wird auch, wo man sich zu jedem Zeitpunkt aufhält. So lässt sich mittels Funkzellenabfrage herausfinden, wer an der heutigen Kundgebung teilnimmt. Nur die wenigen von Ihnen, die weder ein Handy noch ein Smartphone in der Tasche haben, können vermutlich nicht geortet werden. Ganz sicher können allerdings auch sie nicht sein, denn sogar Kleidungsstücke sind heute mit Funkchips ausgestattet. Dass diese Vorstellung keine Übertreibung ist, belegen Praktiken im Freistaat Sachsen, wo wiederholt im Vorfeld von Anti-Nazi- Demonstrationen umfassende Funkzellenabfragen angeordnet und durchgeführt wurden. Dies Beispiel zeigt: Wer den Datenschutz aushöhlt, gefährdet damit auch andere Grundrechte. Die Versammlungsfreiheit genauso wie die Meinungsfreiheit!

    Deshalb ist es ein Ärgernis, dass die Bundesregierung die Anbieter von Telekommunikationsdiensten erneut zur Vorratsdatenspeicherung zwingen will. Skandalös ist auch das Verfahren, mit dem das Gesetz durch den Bundestag gebracht werden soll: Innerhalb weniger Wochen, ohne Möglichkeit zur intensiven öffentlichen und parlamentarischen Prüfung und Diskussion. Den Verbänden hat das Bundesjustizministerium seinen Referentenentwurf eine Woche vor der Verabschiedung durch das Bundeskabinett zur Kenntnis gegeben. Ein Feedback wurde offenbar nicht erwartet. Trotzdem wurden unter großem Zeitdruck viele kritischen Stellungnahmen formuliert. Sie kamen nicht nur von von den üblichen Verdächtigen – Datenschützern, Bürgerrechtlern und Rechtsanwälten -, sondern auch aus der Wirtschaft. Nichts davon hat die Bundesregierung berücksichtigt. Dabei ist diese Eile nicht geboten. Mehr als fünf Jahre hat es in Deutschland keine Vorratsdatenspeicherung gegeben, nachdem das Bundesverfassungsgericht das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig erklärt hatte.

    Übrigens war auch die verfassungswidrige erste Vorratsdatenspeicherung 2007 von einer Großen Koalition eingeführt worden. Auch eine europarechtliche Verpflichtung zur Einführung der Vorratsdatenspeicherung besteht nicht mehr, seit der Europäische Gerichtshof im letzten Jahr die EU-Richtlinie zur VDS für null und nichtig erklärt hat, weil sie gegen Art. 7 und Art. 8 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union verstößt.

    Im Vorblatt des Gesetzentwurfs hat das Bundesjustizministerium in die Rubrik „Alternativen“ das Wort „Keine“ eingetragen. Dabei ist die Vorratsdatenspeicherung alles andere als alternativlos. Wer die Vorratsdatenspeicherung – wie Justizminister Heiko Maas – wider besseres Wissen als alternativlos bezeichnet, versucht von seiner eigenen politischen Verantwortung abzulenken.
    Es ist bemerkenswert, dass derselbe Gesetzentwurf auch ein Torpedo gegen die Meinungs- und Pressefreiheit enthält: die neue Strafvorschrift zur „Datenhehlerei“. Danach würde sich auch strafbar machen, wer sich Informationen über illegale Aktivitäten von Firmen oder Behörden verschafft, die von Insidern stammen, oder wer solche Informationen öffentlich macht. Sowohl die Betreiber von Whistleblower-Plattformen als auch Blogger müssten damit rechnen, bis zu drei Jahren im Gefängnis zu verbringen oder hohe Geldstrafen zu zahlen. Hätte es diesen Straftatbestand schon gegeben, wäre eine Vielzahl der Berichte über illegale Aktivitäten von Geheimdiensten strafbar gewesen, die auf Erkenntnissen von Whistleblowern wie Edward Snowden und Chelsea Manning basierten, „die nicht allgemein zugänglich sind und die ein anderer durch eine rechtswidrige Tat erlangt” hat. Auch Journalisten müssten grundsätzlich mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, wenn sie sich aus derartigen Quellen stammende Informationen weit im Vorfeld einer Veröffentlichung verschaffen oder solche Informationen weitergeben. Zudem würden sich journalistisch tätige Amateure und Blogger, die entsprechende Informationen sammeln oder veröffentlichen, auf jeden Fall strafbar machen, denn bei ihnen würde die vorgesehene Ausnahmeregelung auf keinen Fall greifen, da sie ja nicht in „Wahrnehmung dienstlicher oder beruflicher Pflichten“ handeln.

    Leider wird der parlamentarische Gegenwind die Große Koalition wohl allein nicht davon abhalten, die Vorratsdatenspeicherung und andere Einschränkungen von Bürgerrechten zu beschließen. Umso wichtiger ist es, dass wir als Bürgerinnen und Bürger auch außerparlamentarisch deutlich machen, dass wir nicht damit einverstanden sind und dass wir es für fatal halten, wenn Grundrechte auf den Altar vermeintlicher Sicherheit geopfert werden!
    Die totalitären Überwachungsalbträume, die Hannah Arendt schon vor einem guten halben Jahrhundert plagten, dürfen nicht zur Realität des 21. Jahrhunderts werden!

    15. Juni 2015 4
  • : Fragwürdige Behauptungen, China und Russland hätten die Snowden-Dokumente entschlüsselt
    Hat Snowden wirklich zur möglichen Identifizierung britischer Spione geführt? <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a> via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/tonythemisfit/4673429271/in/photolist-87YxGK-ckpHpL-9ouqHE-eMiv4R-eT3FQ3-CzVvt-4oxsW4-mzL4fV-3YdccA-eaFN5z-4LiWxM-4xzEjn-j7sb6K-eRrBAr-6dTW5H-brnwPM-3L5k3-MThbR-2BGc7k-4Zpkzh-aFPboK-DyKbC-5T5m8p-kQ7rMc-gZHzFQ-btcVBx-DK7A3-9GTURh-8phsKc-5ZCbXo-hCpb6L-54mb11-nztFja-54maHs-6GHXaj-hHtCts-nhaTLa-nTAZXN-nynA6V-2dFwk-9iYaeD-9BScwS-5AWg5B-dQv22L-4tHFkq-5WTxtd-8FTzCG-gFg7E-8X7pFx-5sHWNx">tonythemisfit</a>
    Fragwürdige Behauptungen, China und Russland hätten die Snowden-Dokumente entschlüsselt

    Laut Berichten von BBC und der Sunday Times soll es China und Russland gelungen sein, die Dateien der Snowden-Dokumente zu entschlüsseln. Das habe laut „höheren Geheimdienstkreisen“ dazu geführt, dass Agenten der britischen Geheimdienste aus Aufgaben abgezogen worden seien, da die Gefahr einer Identifizierung bestanden habe.

    Doch wie soll das passiert sein, wenn man Edward Snowden Glauben schenkt, der stets beteuerte, es sei unmöglich, dass Dritte Zugang zu den Dokumenten bekommen hätten? Auf den ersten Blick wirkt die Nachricht mehr wie eine Stimmungskampagne, vor allem wenn aus dem britischen Innenministerium in der Folge wieder einmal Anschuldigungen kommen, Snowden habe „Blut an seinen Händen.“ Eine Rhetorik, die wir aus dem Wikileaks-Fall der Afghan War Logs kennen.

    Noch dazu passt die Behauptung in die Zeit kurz nach der Veröffentlichung eines von dem britischen Premierminister David Cameron in Autrag gegebenen Berichtes von David Anderson, der Vorschläge für eine bessere Kontrolle der Geheimdienste enthält. Je mehr Snowden als verantwortungslos handelnde Bedrohung für die gern beschworene nationale Sicherheit dasteht, desto leichter lässt sich rechtfertigen, den eigenen Diensten ihre Befugnisse zu lassen oder sie sogar zu erweitern. Bisher mangelt es an faktischen Belegen dafür, dass Snowdens Enthüllungen jemals reale Konsequenzen für die Sicherheitslage gehabt hätten.

    Eric King von Privacy International bemerkt außerdem:

    Looking at the Sunday Times, it asks more questions than it answers […] Given Snowden is facing espionage charges in the US, you would have thought the British government would have provided them with this information.

    Auch Shami Chakrabarti, der Vorsitzenden der Bügerrechtsorganisation Liberty, kommt die Sache komisch vor:

    Last week, David Anderson’s thoughtful report called for urgent reform of snooping laws. That would not have been possible without Snowden’s revelations. Days later, an ‚unnamed Home Office source’ is accusing him of having blood on his hands. The timing of this exclusive story from the securocrats seems extremely convenient.

    15. Juni 2015 8
  • : Generalbundesanwalt Range stellt Ermittlungen im Fall Merkel-Handy ein: „Nicht gerichtsfest beweisbar“
    Merkel mit Telefon (Symbolbild)
    Generalbundesanwalt Range stellt Ermittlungen im Fall Merkel-Handy ein: „Nicht gerichtsfest beweisbar“

    Es lasse sich nicht gerichtsfest beweisen, dass das Handy der Kanzlerin von US-amerikanischen Nachrichtendiensten abgehört worden sei. Das ließ heute die Bundesanwaltschaft vermelden. Generalbundesanwalt Harald Range stellt daher die Ermittlungen in der Sache ein. Das Verfahren war im Sommer 2014 eingeleitet worden, nachdem bekannt geworden war, dass Angela Merkels Mobiltelefon von der NSA abgehört worden war, was auf ein Dokument aus dem Snowden-Fundus zurückging.

    Range gelang es wohl nicht, dieses Papier im Original zu beschaffen. Es sei außerdem kein authentischer Abhörauftrag der NSA, sondern die Abschrift eines NSA-Dokuments. Also: kein Original-Beweis für das Abhören, keine Ermittlungen. Andere Ideen, an Beweise zu kommen, scheint Range nicht zu haben und auch nicht besonders engagiert zu sein, danach zu suchen. Außerdem:

    Auch der Inhalt des Dokuments beweist nicht, dass das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin möglicherweise seit dem Jahr 2002 abgehört worden ist. Festzustellen war, dass die darin aufgeführte Telefonnummer einem von der Bundeskanzlerin genutzten Mobiltelefon zuzuordnen ist. Ansonsten lassen die Angaben auf dem Dokument verschiedene Interpretationen zu. Keine von ihnen lässt sich mit dem Beginn der ersten Amtszeit der Bundeskanzlerin am 22. November 2005 sowie mit der als Anschlussinhaberin des Mobiltelefons ermittelten CDU-Bundesgeschäftsstelle in Einklang bringen. Dass es sich bei den in dem Dokument genannten Daten um die technischen Zielparameter für die Überwachung des von der Bundeskanzlerin genutzten Mobiltelefons handelt, muss daher eine Vermutung bleiben.

    Eine Ermittlung aufgrund der Überwachung der gesamten Bevölkerung wurde immer noch nicht offiziell eingeleitet, darauf verweist auch die aktuelle Meldung des Generalbundesanwalts:

    Die mögliche massenhafte Erhebung von Telekommunikationsdaten der Bevölkerung in Deutschland durch britische und US-amerikanische Nachrichtendienste bleibt weiter unter Beobachtung. Die Prüfung, ob sich aus den Ergebnissen der bisherigen und der noch laufenden Abklärungen Hinweise auf eine konkret verfolgbare Straftat ergeben, ist noch nicht abgeschlossen.

    12. Juni 2015 19
  • Weitergabe von Rohdaten in großem Umfang: Bundesdatenschutzbeauftragte wurde von BND belogen – und schweigt
    Die BND-Ahörstation Bad Aibling
    Weitergabe von Rohdaten in großem Umfang Bundesdatenschutzbeauftragte wurde von BND belogen – und schweigt

    Die Bundesdatenschutzbeauftragte wurde vom Bundesnachrichtendienst belogen, und wir haben ihr gezeigt, wie. Einen Monat später hat sie endlich reagiert – und kann leider nichts dazu sagen. Es geht um keine Kleinigkeit, sondern die Weitergabe von 1,3 Milliarden Metadaten vom BND an die NSA – jeden Monat.

    10. Juni 2015 8
  • : USA: Herausgeber der Los Angeles Times propagieren die Strafverfolgung von Informanten
    My Prison is an Open Cage <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">CC BY-NC-ND 2.0</a> via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/pensiero/3302673149/in/photolist-62R4Ev-kxZy8-6qoBmK-byTHXc-8AvSm-aekaK4-de3U-9icSX1-6qsN9C-dLFf89-kBxd2-gxTYR-gjmKrq-enjZzB-gYYzoZ-iUKE8K-8TaAdQ-gLRWAA-3KPTQU-qakxXS-8YW9eM-g9giVA-9YzSKW-a5idwo-nk9MR-4nYB3-2wDtw2-5xtiGh-7PBNhi-ayMkd1-85HBZT-oDyutU-9Yx1Jn-4v5WM-781dTA-fi57cm-fkQond-aBgfi7-qK2eyY-5Us16p-9NcLeg-ajfM3h-8q8SoK-5weRaZ-pXrqkR-oKikHS-qGs9UM-8RVeSN-enUH5Y-68sa5L/">pensiero</a>
    USA: Herausgeber der Los Angeles Times propagieren die Strafverfolgung von Informanten

    Glenn Greenwald (twitter) berichtet in einem Beitrag bei The Intercept über einen Artikel der Herausgeber der Los Angeles Times (LAT), in dem diese sich positiv zur Strafverfolgung von Informanten äußern, was sie hauptsächlich auf Edward Snowden beziehen.

    Das Ganze klingt nach einem feuchten Traum ultra-autoritärer Politiker. Wenn nicht mehr nur die von den geleakten Informationen Betroffenen die Strafverfolgung von Informanten fordern, in diesem Beispiel also die US-Regierung, sondern sogar diejenigen, die von der Veröffentlichung solcher Informationen leben, sollte einem Angst und Bange um eine solche Gesellschaft werden.

    Offensichtlich entzöge sich die Presse somit selbst einer ihrer wichtigsten Quellen zur Berichterstattung und würde als Folge dessen auch ihre Funktion, über Berichterstattung als „vierte Macht“ zu fungieren, erheblich einbüßen. Journalisten würden sich so ihre Lebensgrundlage entziehen, weswegen offensichtlich ist, dass es nicht gewollt sein kann, generell alle Informanten strafrechtlich zu verfolgen. Beiße nicht in die Hand, die dich füttert.

    Die Argumentation, mit der die Herausgeber der LA Times ihre Forderung rechtfertigen wollen, ist demnach auch reichlich löchrig. So behaupten diese:

    In a society of laws, someone who engages in civil disobedience in a higher cause should be prepared to accept the consequences.

    Leicht wird dabei vergessen, dass sich so nahezu ganz Washington irgendwann mal strafbar gemacht hätte, weil dieses oder jenes Dokument geleakt worden wäre. Nur handelt es sich bei den allermeisten Dokumentenleaks nicht um Inhalte, die der Öffentlichkeit von unlauteren Gesetzen oder Praktiken berichten sollen, sondern es werden Inhalte von Themen an die Presse weitergereicht, um Propaganda für ein so gewähltes Thema zu erzeugen.

    Die Herausgeber der LAT verfolgen also nicht das Ziel, allen Informanten der US-Presse einen Prozess zu machen, weil diese geltendes Recht brechen. Sie wollen einzig und allein diejenigen strafrechtlich verfolgt sehen, die Informationen über Sachverhalte liefern, die ein schlechtes Licht auf die US-Adminstration oder die USA im Allgemeinen werfen.

    Manifestly, the LAT editors don’t believe in the rule of law or the need to punish leaks or any other pretty, high-minded concepts they’re invoking here; they believe in the need to punish those whose leaks embarrass or are adverse to political power: the very function journalists love to claim they themselves perform.

    9. Juni 2015 6
  • : Analysiert die NSA all unsere Sprachkommunikation? Wir wissen es nicht.
    Analysiert die NSA all unsere Sprachkommunikation? Wir wissen es nicht.

    The Intercept hat wiederholt davon berichtet, welche Fähigkeiten die NSA in Sachen Sprachanalyse von Telefonaten hat. Insbesondere darin, Sprachkommunikation automatisch in durchsuchbaren Text transkribieren zu können. Wir wissen: Die Technik ist weit fortgeschritten. Wir wissen nicht: In welchem Maßstab wird sie eingesetzt, wird jedes Gespräch analysiert oder doch nur die von „Verdächtigen“?

    A clear-cut answer is elusive because documents in the Snowden archive describe the capability to turn speech into text, but not the extent of its use — and the U.S. intelligence community refuses to answer even the most basic questions on the topic.

    Wir haben Grund zur Annahme, dass es nur von den Rechenkapazitäten – und nicht vom Wollen oder Brauchen – abhängt, ob jedes Gespräch transkribiert, gespeichert und gerastert wird. Und wir sehen eines: Edward Snowden hat den Anfang für die Enthüllung der ausufernden Massenüberwachung gemacht. Aber es braucht noch mehr mutige Whistleblower wie ihn, damit wir die fehlenden Puzzlestücke ergänzen und die Gesamtheit verstehen können.

    8. Juni 2015 6
  • : Zwei Jahre Snowden: Meinungen und Forderungen
    Zwei Jahre Snowden: Meinungen und Forderungen

    Um das Datum des zweijährigen Jubiläums des Beginns der Snowden-Veröffentlichungen herum sind eine ganze Reihe lesenwerter Artikel, Berichte, Kommentare und Forderungen erschienen, von denen wir einige dem geneigten Leser gern zur Lektüre am Wochenende darreichen wollen. Aber möglichst im Hinterkopf haben:

    „As you read this online, the United States government makes a note.“

    Daran erinnert Edward Snowden unter dem Titel The World Says No to Surveillance in einem Namensartikel in der New York Times. Er hebt darin die Wichtigkeit der Verschlüsselungstechniken hervor und damit auf die technologische Gegenwehr:

    „Technologists have worked tirelessly to re-engineer the security of the devices that surround us, along with the language of the Internet itself. Secret flaws in critical infrastructure that had been exploited by governments to facilitate mass surveillance have been detected and corrected. Basic technical safeguards such as encryption – once considered esoteric and unnecessary – are now enabled by default in the products of pioneering companies like Apple, ensuring that even if your phone is stolen, your private life remains private.“

    aclu-tweet

    Die ACLU fordert strafrechtliche Immunität für Edward Snowden.

    Die American Civil Liberties Union (ACLU) setzt sich zum Jahrestag für eine Begnadigung von Edward Snowden ein und ruft den US-Präsidenten Barack Obama mit einer Petition dazu auf, ihm strafrechtliche Immunität zu gewähren.

    Die Schweizer Digitale Gesellschaft weist anlässlich des Jubiläums auf ihren Bericht zur Massenüberwachung durch die Geheimdienste vom Frühjahr 2015 hin und fordert erneut die überfällige Einsetzung der Expertenkommission, die der Schweizer Bundesrat versprochen hatte. Da die Novellierung des Schweizer Nachrichtendienstgesetzes und auch die Vorratsdatenspeicherung im Rahmen der Totalrevision des Überwachungsgesetzes BÜPF unmittelbar bevorstehen, fordert die Schweizer Digitale Gesellschaft: „Beide Maßnahmen könnten ersatzlos gestrichen werden.“

    Der Chaos Computer Club und verbündete NGOs haben ihre Strafanzeige aus dem Jahr 2014 zum Snowden-Jahrestag erweitert und fordern die Bundesanwaltschaft nochmal nachdrücklich auf, Ermittlungen gegen die Chefs der Geheimdienste und gegen die möglicherweise Beihilfe leistende Bundesregierung aufzunehmen.

    Two years after Snowden

    „Two years after Snowden“.

    Privacy International und Amnesty haben zum Jubiläum einen lesenswerten Bericht „Two years after Snowden“ (pdf) zusammengestellt.

    „Snowden has revealed that their capabilities and programmes end up being employed in contexts that go far beyond what is necessary to protect national security. As well as intercepting the communications
    of hundreds of millions of ordinary people, the NSA and GCHQ have put specific groups and individuals on their spying ‘watchlists’.“

    Dass die Opfer der Überwachung klar benannt werden und das Gerede um „nationale Sicherheit“ als Chimäre enttarnt wird, macht diesen Bericht bemerkenswert. Privacy International stellt darin außerdem einen Sieben-Punkte-Plan auf, der Forderungen für eine an den Menschenrechten orientierte digitale Zukunft formuliert:

  • National laws should be reformed to ensure that they comply with international human rights law and standards, including by not allowing for indiscriminate mass surveillance. Key principles that must be upheld include:
  • Ensuring that surveillance of communications only happens when it is targeted, based on sufficient evidence of wrongdoing, and authorised by a strictly independent authority, such as a judge,
  • Ensuring there is transparent and independent parliamentary and judicial oversight of surveillance powers,
  • Making rules and policies about surveillance publicly available, including how governments are sharing information with other states,
  • Ensuring equal privacy protections apply for nationals and non-nationals, those within the territory of the
    state, and those outside it,
  • Intelligence sharing should be strictly regulated and conducted in a manner compliant with states’ human rights obligations.
  • Governments should not make encryption and anonymization technologies, or their use, illegal.
  • Whistleblowers, including those working on national security issues, should be afforded
    strong legal protection from any form of retaliation, including by way of prosecution, for having disclosed public interest information such as on human rights violations.
  • discredit leak

    Folie aus den Snowden-Leaks über Diskreditierungskampagnen der Geheimdienste.

    Wollen wir hoffen, dass zum dreijährigen Jubiläum im nächsten Jahr die Umsetzung dieser Forderungen wenigstens begonnen hat und Diskreditierungsoperationen unterbleiben. Den Bundesnachrichtendienst noch auszubauen und den Verfassungsschutz nun als „Big-Data-Behörde“ auszurichten, wie es die Bundesregierung derzeit plant, wäre jedenfalls der falsche Weg.

    Wir verschenken anlässlich des Jubiläums übrigens das Buch „Überwachtes Netz“ mit Beiträgen von fünfzig Autoren und bitten um Spenden, um unsere Arbeit fortsetzen zu können.