Überwachung

Keine falsche Bescheidenheit beim GCHQ: „weltgrößte Überwachungsmaschine“

GCHQ Visualisierung der Überwachung von Online-Radios. By The Intercept

Vergangenen Freitag berichtete The Intercept über weitere Details zum Ausmaß der Überwachung durch den britischen Geheimdienst GCHQ. Bisher unveröffentlichte Snowden-Dokumente belegen den gigantischen Umfang und zeigen die Fähigkeiten des GCHQ zur Analyse von Metadaten und Kommunikationsinhalten. Die Enthüllungen betreffen insbesondere ein Programm mit dem Namen KARMA POLICE. Herzstück der Operation ist das massenhafte Erstellen von personenbezogenen User- und Webseitenprofilen.


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Bisherige Snowden-Dokumente hatten das weltweite Abgreifen von Glasfaserverkehren durch das Tempora-Programm dokumentiert. Die neuen Veröffentlichungen geben erstmals Einblick darin, was der GCHQ mit den gewonnen Daten anstellt.

Seit 2009 läuft das Programm bereits und speicherte bis 2012 etwa 50 Milliarden Metadaten-Records. Das selbst gesteckte Ziel ist es, Profile über das Verhalten von jedeR InternetnutzerIn zu erstellen sowie Nutzerprofile von allen verfügbaren Webseiten weltweit anzulegen. Dafür soll die Speicherkapazität auf 100 Milliarden Metadaten-Einträge ausgebaut werden. Diese Einträge beinhalten E-Mailkorrespondenz, Skypeanrufe, Messenger-Verkehre sowie Mobilfunkdaten und Informationen aus Sozialen Netzwerken. Hinzu kommen Systeme, die verdächtige Suchanfragen bei Google und dem Kartendienst Maps registrieren.

Ein großer Teil der gesammelten Daten ist nicht kategorisiert und fließt zunächst in einen gigantischen Datenpool, den der GCHQ unter dem Namen „Black Hole“ betreibt. Darin erfasst der Geheimdienst grundsätzlich sämtliche Internetkommunikation in unaufbereiteter Form. Zwischen August 2007 und März 2009 waren demnach 1,1 Billionen „Events“ darin gespeichert, zu denen täglich weitere 10 Milliarden Metadaten-Einträge hinzu kamen.

Neben KARMA POLICE, das Browserdaten und Surfverhalten anhand von Cookies ausspioniert, wurden Programme mit den Bezeichnungen MUTANT BROTH, INFINITE MONKEYS und MARBLED GECKO zur Datengewinnung genutzt. Auch Informationen über Anonymisierungstools und Online-Boards werden dafür gespeichert. Wie allumfassend diese Überwachungs- und Auswertungswerkzeuge sind, erkennt der GCHQ selbst an. Die Rede ist stolz von Zielerfassungen über ganze Bevölkerungen hinweg.

GCHQ-Visualisierung der Überwachung von Online-Radios. By The Intercept
GCHQ Visualisierung der Überwachung von Online-Radios. By The Intercept

Wie die Analyse von The Intercept darlegt, wurde KARMA POLICE bei seiner Einführung 2009 anhand von Internet-Radiosendungen evaluiert. Dabei sollten weltweit Internet-Radiostationen samt ihrer HörerInnen überwacht werden, um islamistische Propaganda zu identifizieren. In den Fokus rückten Radiosender, die Stellen aus dem Koran rezitiert hatten. Über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg erfasste der GCHQ dafür mehr als 220.000 IP-Adressen von HörerInnen, verknüpfte sie mit weiteren Informationen und durchforstete ihr Surfverhalten anhand von Cookies bei Facebook, Flickr oder Redtube.

Die Cookies von solchen viel genutzten Webseiten stellen eine wichtige Fundgrube für das Zusammenspiel der Überwachungsbestandteile dar. Über ein halbes Jahr hinweg waren beispielsweise via MUTANT BROTH etwa 18 Milliarden Einträge verfügbar. Der GCHQ gewann dadurch Mitarbeiterdaten für seine Angriffe auf den SIM-Karten Hersteller Gemalto und den belgischen Provider Belgacom.

Die jetzt veröffentlichten 28 Dokumente belegen das gigantische Ausmaß der GCHQ-Maßnahmen. Daran werden die Anstrengungen deutlich, die der Geheimdienst für die Analyse von Metadaten unternimmt. Bedeutend ist jedoch, dass diese Medatdatenanylse nur einen Bestandteil der Gesamtüberwachung durch den GCHQ ausmacht. Andere Enthüllungen über das Tempora-Programm und das Tool XKeyscore haben bereits in erschreckender Weise die Fähigkeiten gezeigt, die der Geheimdienst zur Überwachung von Inhaltsdaten und Volltextanalyse besitzt.

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21 Kommentare
  1. Zumindest tut der GCHQ ordentliche Arbeit für sein Geld. Ich hoffe der BND leistet für seine Millionen ähnliches.
    Wir dürfen nicht vergessen: Es ist die Aufgabe eines Auslandsgeheimndienstes, das Ausland zu überwachen. Für den Schutz der Daten deutscher Bürger ist weder die NSA, Obama (oder seine Regierung), das GCHQ u.a. verantwortlich, sondern unsere Regierung, unsere Spionageabwehr und natürlich vor allem wir selbst. Wenn unsere Regierung das nicht leistet, ist es unserer Aufgabe als Wähler, diese Regierung bei nächster Gelegenheit auszutauschen. Stattdessen kommen immer die selben Parteien an die Regierung, mit einem mittlerweile vollkommen austauschbarem , links-grünen Staatshörigkeitsprogramm, ohne jede Rücksicht auf die Belange der Bürger. Da zeigt doch das wir ausser Salonantiamerikanismus gar kein echtes Interesse am Datenschutz haben.

    1. Der Haken bei der Sache: Der BND ist nicht zuständig für die Cyber-Abwehr Inland, zuständig ist da der Verfassungsschutz.

      Wenn jetzt aber der BND mehr Geld für seine Transit-Abhörerei bekommt und der VS nicht wenigstens genauso viel für die Cyberabwehr gegen Angriffsziele in Deutschland, wem nutzt das dann?

      Genau, nicht uns, sondern anderen.

    2. > immer die selben Parteien an die Regierung, mit einem mittlerweile vollkommen austauschbarem , links-grünen Staatshörigkeitsprogramm
      > Da zeigt doch das wir ausser Salonantiamerikanismus gar kein echtes Interesse am Datenschutz haben.

      Wer ist denn hier „wir“? Rechts unten?
      Der Verfassungsschutz löscht doch schon so eifrig für „euch“. Maximaler Datenschutz also schon für die „Regierungsaustauscher“.

    3. > Wir dürfen nicht vergessen: Es ist die Aufgabe eines Auslandsgeheimndienstes, das Ausland zu überwachen.

      Wenn es doch so einfach wäre. Stattdessen tauschen wir mit „befreundeten“ Staaten Daten aus wie andere auf dem Schulhof Pogs.

  2. Im Ernstfall nützt der ganze Kram nichts.
    Als die ihre Krawalle in London hatten wurden die kalt erwischt.
    Auch der Stasi hat ihre im Vergleich hobbymäßigige aber zum damaligen Zeitpunkt als recht umfangreich zu geltende Sammlung im Endeffekt nichts genutzt.

  3. Weltweit größte Überwachungsmaschine mit lauter peinlichen, vermeintlich cool klingenden Codenamen für ihre unzähligen Projekte und dann:
    [quote]In den Fokus rückten Radiosender, die Stellen aus dem Koran rezitiert hatten. [/quote]
    Stumpfer gehts nimmer, oder?

    1. Bei dem Demokratieverständnis in den oberen Etagen kommt einem nicht nur der Kaffee hoch!

      In der Funktion als Kanzleramtschef geäußert ist das auch noch nicht mal als Witz lustig und zeichnet leider ein ziemlich unschönes Bild von Handlungsmotivation und Empathievermögen…

  4. Mein glaube war, viele Daten sind der beste Datenschutz. Was leider ein Irrtum wahr.
    Meine einzige Möglichkeit ist, die IBM’s, HP’s, Intel,MS und Oracles dieser Welt mit Geldendzug zu bestrafen und keine Produkte mehr von diesen zu kaufen.
    Leider beginnt die Linux-Welt auch nur noch auf der neuesten Hardware aufzusetzen.

  5. Die Überwachung ist wie SEX in den USA und England, alles offiziell verboten. In der USA darf kein Nippel gezeigt werden, aber wie man Waffen baut und damit Tiere erschießt kann man massenhaft auf Youtube sehen. Ist die Überwachung eigentlich in England und den sehr gläubigen USA mit dem christlichen Glauben vereinbar?
    Bush war doch so super gläubig und hat sich selbst in Gottes Mission gesehen.
    Also in der Bibel steht, du sollst nicht töten. Wer macht dies als Demokratie am meisten? Wer die richtige Antwort kennt, gewinnt eine Porno aus dem nicht Herstellerland USA.

    1. … sind Religionen, die missionieren oder imperialistische Ambitionen haben. Ich finde es ziemlich schräg hier auch noch mit Glauben und Religion sich argumentativ zu versteigen.
      Was man hätte inzwischen lernen können ist, dass Staaten von nichts außer den eigenen Interessen geleitet werden. Und das ist kein Mangel, denn alles andere führt schnell zu zusätzlichen üblen Verwicklungen.

  6. „Die Rede ist stolz von Zielerfassungen über ganze Bevölkerungen hinweg.“

    Das ist ein krankes Irrensystem, blanker Staatsterrorismus, nichts anderes.
    Organisierte Staatskriminelle.
    Wir sollten die Dinge so beim Namen nennen, wie sie es verdienen.
    Es handelt sich um eine neue Form von Faschismus auf höherer und intelligenterer Stufenleiter als der frühere personenbezogene Führerkult-Faschismus.

  7. Beim ganzen Ausmaß der bekannt gewordenen Snowden-Leaks wundere ich mich noch immer, warum der GHCQ bisher kaum Beachtung bei der Aufarbeitung fand. Immerhin ist er der Teil, der unter den 5eyes eine europäische Institution ist. Reaktionen von EU-Ebene auf das Treiben den GHCQ gibt es auch keine. Durch britische Netzbetreiber in Deutschland hat der GHCQ bequemen Zugriff auf deutsche Kunden. Vor lauter NSA und BND übersieht man in Deutschland einen big player.

    1. Beim Problemfall GCHQ hält man wahrscheinlich gerade deshalb die Bälle flach, weil man da über die EU was bewegen könnte und das ja aber gar nicht will. Jede demokratische Regierung will wissen, was ihre potentiellen Wiederwähler denken, denn die nächste Wahl kommt ja immer bestimmt.

      Ist natürlich für die Demokratie an sich schlecht, da so die regierenden Blockflöten gegenüber der Opposition so weit im Vorteil sind, dass das die FDGO an sich bedroht. Die „Chancengleichheit für alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige Bildung und Ausübung einer Opposition“ (BVerfGE 2, 1 / Ls. 2, 12 f.) ist so ja praktisch nicht mehr gegeben.

      Die Geheimdienste beliefern die Regierungen mit Infos, nicht aber die Opposition. Daher muß die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung eigentlich unterbleiben, damit die Chancengleichheit zwischen Regierung und Opposition erhalten bleiben kann.

  8. > Wir dürfen nicht vergessen: Es ist die Aufgabe eines Auslandsgeheimndienstes, das Ausland zu > überwachen. Für den Schutz der Daten deutscher Bürger ist…

    hm ich glaube ich stehe nicht alleine da wenn ich sage: Ich vertraue „meinem“ Land genauso so wenig wie dem Ausland und deren Diensten. Von der technischen Inkompetenz und dem Fachkraefte- und „Koordinierungs“-mangel im IT Security Umfeld mal ganz zu schweigen… Es geht um Kontrolle von Buergern und deren Meinungen (am besten ueber die assozialen Medien) um den eigenen Machterhalt zu gewaehrleisten…

  9. Schon an der Zahl der Kommentare hier kann man erkennen, dass man den GCHQ in NSA umbenennen müsste, um einigermaßen Empörung zu generieren. Auch scheinen einige Kommentatoren oben nicht zu begreifen, was ein Auslandsgeheimdienst ist. Der GCHQ ist einer, und deshalb ist er eine Bedrohung der Interessen Deutschlands.

    Den GCHQ muss man als Bedrohung betrachten, weil er auch auf deutschem Boden rechtswidrig tätig ist. Er ist hier rechtswidrig tätig, weil alle Auslandsgeheimdienste in ihrem Aufklärungsgebiet nicht legal arbeiten, wenn sie über über die Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen hinausgehen und ernsthafter Tätigkeit nachgehen.

    England ist bekanntlich fast ein Einweg-Profiteur der EU-Mitgliedschaft (trotz und wegen gepflegter Zentrifugalkräfte bezüglich der EU) und um den Finanzplatz London, der nicht weniger problematisch ist, als der (alte) Züricher. Dabei geht es um nicht wenige Milliarden. Es ist daher unschwer zu verstehen, warum der GCHQ EU-Institutionen und EU-Regierungen ausspäht und bestrebt ist, der britischen Regierung Verhandlungsvorteile zu verschaffen. Britische Netz-Provider in Deutschland dürften dabei ihren Beitrag dazu leisten.

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