The Intercept hat anhand von Snowden-Dokumenten aufgearbeitet, dass amerikanische und britische Geheimdienstler sich in das Netzwerk des weltgrößten SIM-Kartenherstellers Gemalto einschleusten, um die Vertraulichkeit jeglicher Mobilkommunikation weltweit zu untergraben.
NSA und GCHQ haben dem Bericht und den zugrundeliegenden Dokumenten zufolge im Jahr 2010 die Einheit MHET – Mobile Handset Exploitation Team – gegründet, die sich nicht nur damit begnügte, konkrete Schwachstellen in Mobiltelefonen und deren Betriebssystemen zu finden, sondern die Sicherheit des Systems an der Wurzel angriff. Die Analysten verschafften sich automatischen Zugang zu dem Authentifizierungsschlüssel (Ki) auf SIM-Karten. Ein Knacken der Verschlüsselung an sich wird dadurch unnötig und auch eines richterlichen Bescheides zur Herausgabe der Kommunikation bedarf es nicht mehr, wenn die Telefonsignale einfach in Klartext mitgeschnitten werden können, ohne durch den Netzbetreiber bemerkt werden zu können. Und auch zu einem beliebigen vorherigen Zeitpunkt aufgezeichnete Gespräche können mithilfe des Kis nachträglich entschlüsselt werden, denn der Schlüssel bleibt während der gesamten Lebensdauer einer SIM-Karte der selbe – Forward Secrecy gibt es an dieser Stelle nicht.
Schon im Gründungsjahr von MHET, 2010, verkündete GCHQ stolz seinen Erfolg in einer Präsentation:
GEMALTO – Erfolgreich mehrere Maschinen verwanzt und wir glauben, dass wir ihr gesamtes Netzwerk haben
Doch Kommunikation kann nach dem Abgreifen der Kis nicht nur einfach mitgeschnitten werden, SIM-Karten können auch mit Hilfe der Kis geklont werden, sodass ein Teilnehmer von einem Dienst impersonifiziert werden kann. Das ist inbesondere in Hinblick auf Geheimdiensttechniken interessant, bei denen einer Zielperson diffamierende „Beweise“ untergeschoben werden. Bewegungsdaten, SMS, Datenübertragungen. Alles, bei dem nicht die reale Stimme einer Person oder ihr Bild übertragen wird, verliert mit solch einer Fälschungsmöglichkeit an verlässlicher Aussagekraft.
Und die Geheimdienste üben sich noch in einer ganz gewöhnlichen kriminellen Disziplin: Sie manipulieren Rechnungen der Netzanbieter. Damit am Ende des Monats nicht auffällt, dass mehr Daten oder SMS als eigentlich plausibel vom Gerät eines Nutzers gesendet und empfangen wurden.
Diese aktuellen Enthüllungen sind vor allem auch ein Schlag ins Gesicht der SIM- und Mobiltelefonhersteller. Paul Beverly, der stellvertretende Vorsitzende von Gemalto, sagte The Intercept, dass bisher vollkommen unklar wäre, wie der Hack zustande gekommen ist.
Das Wichtigste ist für mich, genau zu verstehen, wie das passiert ist, damit wir unser Möglichstes tun können, dass soetwas nicht wieder passiert. Und auch, um sicherzustellen, dass es keinen Einfluss auf die Telekommunikationsbetreiber hat, mit denen wir schon viele Jahre eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit pflegen.
Bekannt ist zumindest, dass zusätzlich zur eigentlichen Infiltrierung der Netzwerke auch die Mitarbeiter der Unternehmen überwacht wurden, vollkommen anlasslos. So findet sich unter einem Überwachungsprotokoll über Gemalto-Mitarbeiter lediglich der Hinweis:
Hoffentlich werden einige der Informationen bei zukünftigen Aktionen gegen Gemalto nützlich sein.
Soviel wieder einmal zum ewigen Märchen von der gezielten Überwachung von Terroristen.
