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KW 47Die Woche, als Pistorius nicht Kanzlerkandidat wurde

Die 47. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 18 neue Texte mit insgesamt 117.045 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Anna Biselli
Blaues Fraktal mit vielen Verästelungen
– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

diese Woche kam mir im Rückblick vor wie eine biblische Metapher. Es ging um das Hin und Her der Kanzlerkandidatenkrönung der Sozialdemokraten. Scholz oder Pistorius?

Irgendwann habe ich aufgehört, mich über das unwürdige Spektakel aufzuregen, und beschlossen, mich stattdessen zu amüsieren.

Jesus verteilte das Brot unter seinen Followern. Auch Bäcker verteilen Brot, das ist ihr Job. Pistorius ist ein eingedeutschter Familienname. Er kommt vom lateinischen „pistor“, das bedeutet „Bäcker“. Er kommt auch bei Pilzarten vor. Der „Cortinarius pistorius“ heißt auf Deutsch: Brotgeruch-Klumpfuß. (Wohl kein allzu guter Brotgeruch, wenn man dem Internet glauben darf. Aber zurück zum Thema.)

Ein Papst vertritt Jesus auf der Erde, er ist also auch ein bisschen Vertretungsbäcker. Pistorius, das wäre da doch ein guter Name für einen Papst. Aber Boris Pistorius sagt, Papst will er nicht sein. Bundeskanzler aber auch nicht. Ein bedeutungsschwangerer Rekonstruktionsversuch:

17. November: Kanzler Olaf Scholz (SPD) bricht auf zum G20-Gipfel in Rio. Die Diskussion um die „K‑Frage“ nimmt Fahrt auf, während Scholz gut zehntausend Kilometer weit weg weilt.

18. November: Der wesentlich beliebtere Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kommentiert die K‑Frage. „Das Einzige, was ich definitiv ausschließen kann, ist, dass ich noch Papst werde.“

19. November: Die SPD-Spitze (SPD) schaltet sich zusammen. Am Ende dennoch nur schwarzer Rauch.

Papst Franziskus (nicht SPD) warnt in einem Brief vor dem Zusammenbruch des Rentensystems im Vatikan. (Apropos Rente: Immerhin muss Pistorius kein Ausbleiben seines Ruhegehalts fürchten. Die zwei benötigten Jahre als Minister kriegt er knapp voll.)

20. November: Der Kanzler ist zurück im Land. Partei-Co-Chef Lars Klingbeil (SPD) kündigt eine schnelle Entscheidung an.

21. November: Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hat eine Privataudienz beim Papst. Der sächsische Ministerpräsident hatte bei seinem Besuch vor zwei Jahren ein Brotgeschenk dabei. Faeser nicht, sie bringt ein Trikot der Herren-Fußballmannschaft und ein Briefmarkenalbum mit. Ein Zeichen?

Abends veröffentlicht die SPD ein Video von Boris Pistorius, in dem er erklärt, nicht Kanzler werden zu wollen. Er will weiter Verteidigungsminister bleiben und spricht sich selbst das Vertrauen der Truppe aus. Vielleicht hoffte er, mit dem Rückzug nicht in dieselbe Ungnade beim Pharao zu fallen wie der Bäcker aus dem 1. Buch Mose.

Zwischenergebnis: Pistorius wird kein Papst und kein SPD-Kanzlerkandidat. Damit ist die Diskussion um Olaf Scholz zumindest halbwegs beendet. Am Montag soll weißer Rauch aufsteigen.

Bis dahin, viele Grüße aus der Backstube

anna

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Über die Autor:innen

  • Anna Biselli
    Darja Preuss

    Anna ist Co-Chefredakteurin bei netzpolitik.org. Sie interessiert sich vor allem für staatliche Überwachung und Dinge rund um digitalisierte Migrationskontrolle.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Telefon: +49-30-5771482-42 (Montag bis Freitag jeweils 8 bis 18 Uhr).


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