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KW 36Die Woche, als wir doppelt für den Grimme Online Award nominiert wurden

Die 36. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 16 neue Texte mit insgesamt 137.755 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

diese Woche gibt es Grund zum Frust und Grund zur Freude. Um auf einer positiven Note enden zu können, fangen wir mal mit dem Frust an: Die Ampel legt weiterhin den Presslufthammer an ihren eigenen Koalitionsvertrag und zerdonnert damit ihre netzpolitischen Versprechen.

Mehr als 200 SPD-Abgeordnete einigten sich diese Woche auf ein Positionspapier für Vorratsdatenspeicherung, für mehr Videoüberwachung und für mehr biometrische Erfassung. Die Pläne sind reinster Überwachungs-Populismus: Sie stehen nicht nur dem Koalitionsvertrag entgegen, sondern beißen sich mit höchstrichterlichen Urteilen und EU-Gesetzen. Das Papier nimmt mein Kollege Andre hier auseinander. Über die Verkorkstheit der Biometrie-Pläne mit Blick auf die KI-Verordnung schrieb meine Kollegin Chris.

Gerade weil diese Woche so düster war, hat mich ein Lichtblick besonders gefreut. Gleich zwei unserer jüngsten Großprojekte wurden für den Grimme-Online-Award nominiert! Einmal der Doku-Podcast Systemeinstellungen, in dem wir die Geschichten von Menschen erzählen, die völlig unerwartet ins Visier des Staates geraten. Die schneller kriminalisiert werden als andere. Vor allem Folge drei legt angesichts des aktuellen Ausländer-raus-Populismus der „Fortschritts-Koalition“ so richtig den Finger in die Wunde.

Publikums-Voting: Zwei Kreuzchen für netzpolitik.org

Ebenso nominiert für den Grimme Online Award wurden unsere Recherchen mit dem Bayerischen Rundfunk zu den Databroker Files. Anhand von 3,6 Milliarden Handy-Standortdaten aus Deutschland konnten wir beschreiben, wie uns Apps und Datenhändler auf Schritt und Tritt überwachen.

Wie es nach der Nominierung weitergeht, das entscheidet einerseits die Jury – und andererseits IHR. Denn beim Publikumspreis dürfen alle ein Votum abgeben. Also, Eure Stimme ist gefragt und könnte den Unterschied machen: Wir würden uns riesig freuen, wenn Ihr das Voting öffnet und für netzpolitik.org zwei Kreuzchen setzt! ❎ ❎

Um die Databroker Files geht es übrigens auch nächste Woche bei unserer Konferenz „Bildet Netze!“ in Berlin, für die es weiterhin Tickets gibt. Gemeinsam mit Katharina Brunner und Ingo Dachwitz werde ich von den Höhen und Tiefen unserer Recherche erzählen – aber das ist nur einer von dutzenden Programmpunkten rund um die Frage, wie wir gemeinsam unsere digitalen Freiheitsrechte verteidigen können.

Vielen Dank für Eure Unterstützung und bis nächste Woche

Sebastian

Unsere Artikel der Woche

KI kann keine LiteraturDer Wert menschlicher Übersetzung

KI-generierte Übersetzungen von E‑Mails, Nachrichtenartikeln oder Speisekarten sind für unsere Gastautorin überhaupt kein Problem. Aber bei literarischen Texten sollten allein Menschen Hand anlegen, argumentiert sie – und vor allem Buchverlage sollten von KI die Finger lassen.

GPS-Tracker für Kinder„Kinder haben auch ein Recht auf Privatsphäre“

Die Hälfte aller Eltern von Kindern im Alter zwischen drei und 14 Jahren kann sich vorstellen, diese permanent zu orten. Hier erzählt die Medienpädagogin Charlotte Horsch, was das mit Kindern macht und wie Eltern mit ihren Ängsten umgehen können.

Datenschutz und InformationsfreiheitSpecht-Riemenschneider tritt Amt als Bundesbeauftragte an

Seit heute hat Deutschland eine neue Bundesdatenschutzbeauftragte. Anlässlich ihrer Ernennung betonte Louisa Specht-Riemenschneider, dass ihr die Themen Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Sicherheit besonders am Herzen liegen würden.

Werbe-IDs damals und heuteWer nicht aufpasst, wird getrackt

Tracking-Firmen können verfolgen, was wir mit unseren Handys tun, und zwar durch individuelle Werbe-IDs. In den letzten 15 Jahren haben Apple und Google immer wieder Privacy-Funktionen für iOS und Android ergänzt. Doch nach wie vor behält das Tracking die Oberhand. Eine Historie.

Digitale SelbstverteidigungFunkdisziplin wahren

Wer das Internet nutzt, verrät ständig Details aus seinem Leben. Den Standort oder mit wem man kommuniziert oder wofür man sich interessiert zum Beispiel. Viele dieser Dauerdatenlecks lassen sich versiegeln. Wie man sich datensparsam durchs Netz bewegt, steht hier.

Versammlungsfreiheit Mit dabei ist halb gefangen

Das Landgericht Hamburg hat zwei Demonstrationsteilnehmende wegen Landfriedensbruch verurteilt, weil diese auf einer unfriedlichen Versammlung waren. Das Urteil schränkt die Versammlungsfreiheit ein und könnte Menschen vom Protestieren abhalten.

Ständige VertreterUngarn nimmt neuen Anlauf zur Chatkontrolle

Die verpflichtende Chatkontrolle soll erstmal nur bekannte Straftaten suchen, die Suche nach anderen Inhalten bleibt zunächst freiwillig. Das schlägt Ungarn vor, damit sich die EU-Staaten doch noch auf eine gemeinsame Position einigen. Der Rat will in den nächsten Wochen über den Vorschlag verhandeln.

Staatstrojaner in der EUSlowakischer Geheimdienst soll Pegasus einsetzen

Auch die Slowakei soll Lizenzen für den Staatstrojaner Pegasus erworben haben, der bereits in mehreren EU-Staaten gegen Journalist:innen und Oppositionelle eingesetzt wurde. Das berichtet Denník N unter Berufung auf Insider:innen.

Porno-Riesen zeigen ZahlenDutzende Fälle bildbasierter Gewalt pro Tag

Dank neuer EU-Gesetze haben die drei Pornoseiten Pornhub, XVideos und Stripchat erstmals ausführliche Transparenzberichte vorgelegt. Darin geben sie Einblicke, die sie seit Jahren verwehrt haben – und sorgen an vielen Stellen für Verwirrung. Die Übersicht.

KI-Verordnung und biometrische ÜberwachungSo ist das nicht gedacht

Die Bundesregierung will Polizeibehörden und auch das Bundesamt für Migration und Flucht mit neuen Befugnissen für die biometrische Gesichtersuche im Netz ausstatten. Aber darf sie das überhaupt? Mit den neuen EU-Regeln für den Einsatz von KI ist das kaum unter einen Hut zu bringen.

BKA-GesetzWenn der Staat zum Spanner wird

Die Bundesregierung will Polizei und Migrationsbehörden erlauben, alle Gesichtsfotos im Internet zu speichern und zu nutzen. AlgorithmWatch kritisiert diese neue Form der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung. Die Bundesregierung muss stattdessen geltendes Recht umsetzen – und Gesichtssuchmaschinen verbieten.

#284 Off The RecordKonferenzvorbereitung auf Hochtouren

Eine Woche vor der Konferenz werden wir langsam nervös: Wird alles klappen? Haben wir an alles gedacht? Mindestens genauso groß ist aber unsere Vorfreude – auf spannende Vorträge, produktive Workshops und natürlich auf euch. Ein kleiner Ein- und Ausblick in den Stand unserer Pläne für den 13. September.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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