Die Temperaturen in Deutschland sinken und es ist eingetreten, wovor Fachleute schon im Sommer warnten: Die Zahl der Corona-Infizierten steigt wieder. Das Virus ist besonders wetterabhängig, denn die trockene Luft in Innenräumen erhöht das Risiko einer Ansteckung.
Damit erlebt auch die Corona-Warn-App einen neuen Auftritt. Sie soll Menschen vor einer möglichen Infektion mit Sars-Covid-19 warnen noch bevor sie erste Symptome spüren – und dabei helfen, Infektionsketten zu unterbrechen. Nachdem sie für die erste Welle im Frühjahr zu spät kam, könnte sie in der aktuellen Situation endlich ihren Nutzen beweisen, während Gesundheitsämter vielerorts an ihre Belastungsgrenzen geraten. Amtspersonal braucht Schlaf, Kaffee und Ruhepausen, die digitale Kontaktverfolgung via Smartphone rattert dagegen rund um die Uhr. Und während Menschen viele Kontakte nicht kennen oder erinnern, merkt sie sich vielleicht auch, wer am Tisch nebenan gesessen hat. Die mehr als 60 Millionen, die die Bundesregierung in die App gesteckt hat, könnten sich in den nächsten Monaten richtig rentieren.
Doch reicht die App in ihrer jetzigen Form aus, um das Pandemiegeschehen einzudämmen, oder zumindest den bestmöglichen Beitrag dazu zu leisten? Darüber gehen die Meinung auseinander. Politiker:innen und Fachleute haben in den vergangenen Wochen viel Kritik geübt und zahlreiche Ideen für eine Verbesserung eingebracht. Mal sind diese fundiert, mal völlig an der Realität vorbei, in einigen Fällen sind sie schlicht technisch nicht machbar. Wir schauen uns die Vorschläge an.
Mehr Aufklärung rund um den Nutzen der App
Bislang wurde die App laut Angaben der Robert-Koch-Instituts rund 20,3 Millionen Mal herunter geladen. In der öffentlichen Debatte werden Downloads und Nutzer:innen gerne verwechselt. Geht man von den täglichen Abrufen der Positivmeldungen aus, die dann auf dem eigenen Smartphone abgeglichen werden, nutzen 16 Millionen Personen die App.
Vor diesem Hintergrund wäre eine Informationskampagne wie etwa die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg sie schon seit längerem fordert, sicher sinnvoll. Domscheit-Berg will, dass vor allem die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mehr tut, um über den Sinn der App aufzuklären.
Eine Kampagne könnte die Zahl der App-Installationen erhöhen. Je mehr Menschen die App nutzen, desto nützlicher wird sie, weil die Wahrscheinlichkeit steigt, dass zwei Personen, die sich etwa in der Bahn begegnen, beide die App nutzen.
Es geht aber auch darum, die Warnquote der App weiter steigern. Denn bislang entscheiden sich laut Bundesgesundheitsministerium lediglich 6 von 10 positiv getesteten Menschen dafür, ihre Kontakte auch über die App zu warnen. Sie überlassen die Arbeit der Kontaktverfolgung damit weiterhin dem Gesundheitsamt – wo bis zum entscheidenden Anruf womöglich Tage vergehen.
Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, warb im Deutschlandfunk für eine Aufklärungskampagne zur Warnfunktion: „60 Prozent der Menschen, die positiv getestet worden sind, geben ihren Test in das System ein. Warum die anderen 40 es nicht tun, das sollte uns beschäftigen. Wir sollten versuchen, sie davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, das zu tun, dass sie keine Nachteile haben, dass sie aber das System als solches gangbar halten und eine sinnvolle, vernünftige Maßnahme treffen, um Infektionsketten zu unterbrechen.“
Mehr Funktionen in der App
Auch in der App selbst ließen sich weitere Funktionalitäten einbauen. Wer sie auf dem Smartphone öffnet, würde dann nicht mehr nur auf die karge Startseite mit den beiden Kernfunktionen treffen – Risikobegegnungen und eigenes Testergebnis eingeben –, sondern bekommt mehr geboten.
Einen Vorschlag hat Entwicklerfirma SAP bereits mit dem aktuellen Update der App umgesetzt: ein Symptomtagebuch. Nutzer:innen, die sich in der App positiv melden, können jetzt freiwillig auf ihrem Telefon angeben, ob und seit wann sie Symptome haben. Mit diesen zusätzlichen Informationen will das Robert-Koch-Institut die Risikoberechnung der App verbessern. Denn Infizierte sind nicht an allen Tagen gleich ansteckend. Das Risiko für Kontaktpersonen kann entsprechend besser berechnet werden, wenn der Zeitpunkt erster Symptome bekannt ist.
Ein weitere Vorschlag ist, die App zu einer Art Informationsseite auszubauen und damit attraktiver zu machen. So könnten Statistiken zum aktuellen Infektionsgeschehen eingebunden werden, wie das in der irischen App bereits getan wird, etwa die Zahl der täglichen Neuinfektionen in der eigenen Stadt oder im Bundesland. Auch über diese Funktion denkt man bereits nach, sagte das Bundesgesundheitsministerium gegenüber dem Spiegel.
Mehr Menschen ohne (neue) Smartphones einbinden
Das Problem war von Anfang an bekannt: Apple und Google bieten den technischen Rahmen für die Kontaktüberprüfung auf ihren Betriebssystemen an. Sie tun dies aber erst ab dem Betriebssystem Android 6 und iOS 13.5. Menschen mit älteren Modellen, auf denen nur noch veraltete Betriebssysteme laufen, sind damit raus aus dem Rennen, Personen ohne Smartphone sowieso.
Sinnvoll wäre es also, die Corona-Warn-App auch auf anderen Geräten zum Laufen zu bringen und darüber mehr Menschen in das System einzubinden. Laut Spiegel lässt das Gesundheitsministerium derzeit in einer Machbarkeitsstudie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel prüfen, unter welchen Voraussetzungen das funktionieren kann.
Clustererkennung in die App einbauen
Der Informatiker Henning Tilmann und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatten in der Zeit gefordert, eine Clustererkennung in die App einzubauen. Die App könnte dadurch erkennen, ob Kontakte mit mittlerweile positiv getesteten Menschen während großer Menschenansammlungen stattgefunden haben – und dadurch die Risikobewertung verfeinern.
Virolog:innen halten diese Information für wichtig, denn das Risiko sich anzustecken erhöht sich durch die Menge an Coronaviren in der Luft, die durch Aerosole eingeatmet werden können. Auf einer Veranstaltung wäre das Infektionsrisiko also erhöht, auch wenn der gemessene Abstand zu einer infizierten Person zu groß für eine direkte Übertragung des Virus war.
Technisch wäre so eine Funktion gut umzusetzen: Das Framework von Apple und Google, auf dem die App basiert, sendet im Hintergrund kontinuierlich Signale aus, die von anderen Geräten mit der Corona-Warn-App empfangen werden können. Wenn ein Smartphone zugleich viele dieser Signale empfängt, befindet sich die Person vermutlich in einer Menschenansammlung. Und wer Teil eines Clusters mit einer infizierten Person war, könnte von der App gewarnt werden. Damit diese Funktion läuft, müssten allerdings Apple und Google ihren technischen Rahmen für die Warn-App entsprechend aufrüsten.
Endlich alle Labore an die App anbinden
Eine der größten Schwachstellen der App wurde nach dem Launch deutlich: Viele der Labore, die Testergebnisse eigentlich direkt in die App übermitteln sollten, um den Tempovorteil zu nutzen, waren dazu technisch gar nicht in der Lage. Der auf dem Reißbrett entwickelte Plan von Telekom und SAP brach an dieser Stelle ab und musste mit Hilfe einer weiteren Hotline zur Abfrage des Testergebnisses umständlich geflickt werden. Inzwischen sind laut Aussage der Telekom 90 Prozent aller Labore an das System angeschlossen.
Doch wie die Tagesschau berichtet, schließt das nur die niedergelassenen Labore ein, Krankenhauslabore werden nicht mitgezählt. Dabei werde gerade dort besonders viel getestet, denn die Labore arbeiten rund um die Uhr. Außerdem landeten vor allem Schwerkranke mit einer hohen Virenlast auf den Stationen – eine Anbindung der Klinik-Labore an die App, um deren Kontakte schneller warnen zu können, wäre also nach Einschätzung der Ärzte sehr sinnvoll.
Doch die hohen Kosten für die IT-Umstellung müssen die Krankenhäuser aus eigenen Budgets finanzieren, logistische und finanzielle Unterstützung vom Bund gibt es dafür nicht, wie Laborärzte kritisieren.
Zurück zur zentralen Datenspeicherung und Lockerung des Datenschutzes
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Mittwochabend, dass man bei 75 Prozent der aktuellen Infektionen nicht mehr wisse, wo die Ansteckung erfolgte. Vor diesem Hintergrund ist eine neue Debatte darum entbrannt, ob zu einer besseren Nachverfolgung der strenge Datenschutz der App gelockert werden sollte. Hätten die Gesundheitsämter etwa mehr Informationen darüber, wann und wo eine Ansteckung geschah, könnten sie besser handeln, sagte der CDU-Gesundheitsexperte Tino Sorge gegenüber dem Handelsblatt. Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller kritisierten, dass die Daten nicht an die Ämter weitergeleitet wurden.
Was die Politiker:innen damit implizit fordern, womöglich ohne, dass es ihnen klar wäre, ist eine zentrale Speicherung der Daten. Nur so könnten Gesundheitsämter erfahren, wer wen in welcher Situation getroffen hat. Aber ist so eine Datenhalde wirklich klug oder auch nur machbar?
Auf der rein technischen Ebene liegt die Beschränkung in den Betriebssystemen von Apple und Google: Sie bieten derzeit ausschließlich Schnittstellen für dezentrale und datenschutzfreundliche App-Lösungen an. Wer das ändern wollte, müsste die Tech-Konzerne umstimmen – genau das hatten einige Regierungschefs bereits zu Beginn der Pandemie versucht und sind gescheitert.
Aber wäre eine Umkehr hin zum bereits einmal verworfenen Zentral-Modell überhaupt sinnvoll? Diese Diskussion wurde in Deutschland schließlich bereits geführt – und daraufhin wurde das zentrale Modell für die App verworfen.
Frankreich hatte sich im Gegensatz zu Deutschland für eine zentrale Lösung entschieden. Das Ergebnis kann man gerade sehen: Die App wurde dort kaum genutzt. Auch kann Frankreich mit seinem Modell nun nicht an die europäische Schnittstelle andocken, über die Corona-Warn-Apps der verschiedenen EU-Länder in Zukunft grenzübergreifend miteinander kommunizieren sollen.
Zuvorderst untergräbt die zentrale Speicherung aber das Vertrauen. Es wäre dahin, sobald erste Politiker:innen den Zugriff auf die Daten durch Sicherheitsbehörden fordern.
Ein ernstes Wort mit Google und Apple reden
Der FDP-Bundestagsabgeordnete Manuel Höferlin fordert noch in einem weiteren Zusammenhang die Bundesregierung auf, „ein ernstes Wort“ mit Google und Apple zu reden. Viele Menschen mit älteren Geräten könnten derzeit die Apps nicht nutzen, weil ihre Smartphones und Betriebssysteme sie nicht mehr unterstützen. Apple und Google haben gemeinsam die Technologie entwickelt, auf der die deutsche Corona-Warn-App aufbaut.
Derzeit gilt als Voraussetzung: Auf dem jeweiligen Smartphone muss entweder Android 6 oder iOS 13.5 installiert sein. Theoretisch könnten die Unternehmen ihre Schnittstellen auch für Betriebssysteme entwickeln, die weiter in die Vergangenheit zurückreichen. Zu den Gründen dagegen äußern sie sich nicht, doch der Aufwand wäre vermutlich sehr hoch. Und auch dann blieben ältere Geräte, die niemals mit der App kompatibel wären – weil auf ihnen die grundlegende Technologie für die Abstandsmessung, Bluetooth Low Energy, schlicht nicht läuft. Sinnvoller als Druck auf Apple und Google auszuüben, wäre also vermutlich, was das Bundesgesundheitsministerium derzeit prüfen lässt: die Warnapp auch auf anderen Geräten zum Laufen zu bekommen, die günstiger sind als Smartphones.
Eine eigene Warn-App für Teenager
Manuel Höferlin hatte im Deutschlandfunk zudem gefordert, die App „in die Freiheit“ zu entlassen, damit auch Start-ups und Programmierer:innen jenseits von SAP daran mitwirken können, die Lücken zu stopfen.
Sein Beispiel: So könnten etwa Nutzer:innen unter 17 Jahren die App nicht installieren, obwohl gerade Jugendliche sehr viele Kontakte hätten. Wozu es allerdings eine solche separate Teenie-Warn-App bräuchte, blieb unklar. Denn selbst Bundesjustizministerin Lambrecht rät dazu, dass Kinder die Corona-Warn-App nutzen. Wer jünger ist als 16, braucht dazu lediglich die Einwilligung einer erziehungsberechtigten Person.
