Ein Softwareupdate bei iOS und Android soll künftig digitale Kontaktverfolgung von möglichen Covid-19-Infektionen auch ohne eigene App möglich machen. Apple und Google wollen laut einem Bericht des Guardian in den kommenden zwei Wochen die nächste Phase ihres Contact-Tracing-Sytems ausrollen. Nutzende können die Kontaktverfolgung dann bei iOS direkt in den Einstellungen ihrer Handys aktivieren.
In der Coronakrise entwickelten viele Staaten auf der Welt eigene Apps, um Infektionsketten digital leichter nachvollziehbar zu machen. (Siehe dazu unser FAQ.) Nach Datenschutzproblemen und technischen Schwierigkeiten bei den Apps in einigen Ländern schufen Apple und Google im April einen eigene Schnittstelle für Tracing-Apps. Daraufhin stellten die meisten EU-Staaten, darunter auch Deutschland, ihre App auf den datenschutzfreundlichen de-facto-Standard der beide Firmen um.
In das Apple-Betriebssytem iOS könnte die Funktion zum Austausch von Kontaktinformationen schon ab der Version 13.7 integriert sein, wie aus einer seit vorgestern öffentlichen Beta-Version hervorgeht. Unklar ist allerdings, ob die neue Version des Betriebssystem auch tatsächlich Warnungen über Risikokontakte ausspielen kann, wie der Spiegel anmerkt. Jedenfalls möglich sein dürfte dies ab der iOS-Version 14, die im Oktober erwartet wird.
Bei Android hingegen wird es keine Funktion zur Kontaktverfolgung direkt im Betriebssystem geben. Stattdessen bietet Google seine Entwicklerdienste Behörden an, die bislang keine eigene App entwickelt haben, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle gegenüber netzpolitik.org.
Bislang können die Apps der einzelnen Länder keine Kontakte austauschen: Die österreichische Stopp-Corona-App „spricht“ nicht mit der deutschen Corona-Warn-App, obwohl beide auf der Grundlage von Apple und Google beruhen. Die EU-Kommission arbeitet seit Monaten an einer technischen Lösung, die die Apps aller EU-Staaten miteinander interoperabel machen soll. Allerdings scheiterte sie an ihrem eigenen Anspruch, eine Lösung noch vor der Sommerreisezeit vorzulegen, als frühester Termin gilt nun Ende September.
App weiter nötig für Infektionsmeldungen
Tracing-Apps gänzlich ersetzen kann auch das iOS-Update nicht. Denn die neue Funktion ermöglicht nur die passive Teilnahme, für das Melden einer offiziell bestätigten Infektion ist weiterhin eine App notwendig. In iOS soll die Nutzende zur App-Installation aufgefordert werden, sollte sie eine Infektionswarnung erhalten, heißt es in einem älteren FAQ von Apple.
In vielen Ländern wächst die Zahl der Neuinfektionen, was auch das Bedürfnis nach besseren Möglichkeiten zur Kontaktverfolgung steigen lässt. Allerdings haben Behörden an einigen Orten ihre Hoffnungen in digitale Hilfsmittel zurückgeschraubt, da sie nach bisherigen Erfahrungen vergleichsweise wenige Infektionsmeldungen produziert. Zuletzt weckte zudem eine Studie Zweifel an der Wirksamkeit der Bluetooth-basierten Technologie in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die leichtere Verfügbarkeit könnte die Zahl der Nutzenden von digitaler Kontaktverfolgung erhöhen – die deutsche App wurde zwar bereits 17,5 Millionen Mal heruntergeladen, wenn dies der Zahl der aktiven Nutzenden entspräche, wären das 21 Prozent der deutschen Bevölkerung. Der Simulation einer Forschergruppe der Universität Oxford zufolge ist die App wirksam, wenn begleitet von anderen Maßnahmen mindestens 15 Prozent der Bevölkerung daran teilnehmen. Allerdings ist unklar, wie viele Menschen in Deutschland die App aktiv nutzen, denn dazu gibt es keine offiziellen Zahlen.
Update vom 10. September 2020: Die Angaben zum geplanten Update bei Android und zur Oxford-Studie im letzten Absatz wurden nachträglich ergänzt. Ein Absatz über Auswirkungen des Updates auf die Interoperabilität von Apps zwischen europäischen Staaten wurde wegen fehlender Relevanz gestrichen.
