Die Übertragung des Coronavirus im öffentlichen Nahverkehr wurde als eines der wichtigsten Szenarien für die digitale Kontaktverfolgung beworben. Forscher aus Irland zeigen jedoch, dass die Corona-Warn-App in Bussen und Bahnen nicht wie geplant funktioniert.
Bereits im Juni haben Douglas Leith und Stephen Farrell die Ergebnisse ihrer Messung veröffentlicht. Die Informatiker am Trinity College in Dublin stellten fest, dass Metall die Bluetooth-Signale reflektiert und es in der Folge zu falschen oder fehlenden Registrierungen der anderen Fahrgäste in Bussen und Straßenbahnen kommt.
Keine Kontakte registriert
Das Ergebnis der Studie ist vernichtend: Unter optimalen Bedingungen, in denen alle Passagiere die Corona-Warn-App aktiviert haben, würde kein einziger Kontakt registriert. Gemessen wurde mit fünf Android-Smartphones, die sich über 15 Minuten in einem Radius von weniger als zwei Metern befanden. Das entspricht den Vorgaben der deutschen Tracing-App.
Bisher habe es noch keine Reaktion vonseiten der irischen Regierung oder der Betreiber des Nahverkehrs gegeben, sagt Leith gegenüber netzpolitik.org. Auch das Robert-Koch-Institut antwortete heute nicht auf eine Presseanfrage.
Digitale Kontaktverfolgung im ÖPNV
Die Warn-App wird auf der Internetseite des RKI ausdrücklich für die Kontaktverfolgung im öffentlichen Nahverkehr beworben. „Die Corona-Warn-App kann Begegnungen mit Unbekannten im öffentlichen Raum, zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr oder beim Einkaufen im Supermarkt, erfassen“, schreibt die Forschungseinrichtung noch im Juli.
Circa 17 Millionen Menschen in Deutschland haben die Corona-Warn-App runtergeladen. Wie viele sie aktiv nutzen, lässt sich nicht feststellen. Angesichts der aktuell steigenden Neuinfektionen aufgrund von Reiserückkehrer:innen aus Risikogebieten dürfte die Kontaktverfolgung im öffentlichen Nahverkehr erneut wichtig werden.
Update
Update 21.08.2020
Das Bundesgesundheitsministerium verteidigt die Corona-Warn-App. Auf Nachfrage von netzpolitik.org sagt ein Pressesprecher, dass „die Ergebnisse der irischen Studie so nicht nachvollzogen werden können“ und verweist stattdessen auf Messungen des Fraunhofer Instituts.
