Anfang der Woche haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierungschef:innen der Länder neue Funktionen für die Corona-Warn-App angekündigt. Zukünftig sollen in der App aktuelle Informationen zum Infektionsgeschehen bereitstehen. Wer positiv getestet wurde, soll zudem eine Erinnerung zum Teilen des Befundes erhalten.
Nicht geplant ist eine Funktion zur Cluster-Erfassung. Einige Spitzenpolitiker, darunter Karl Lauterbach (SPD) und Konstantin von Notz (Grüne), hatten eine solche Ergänzung zur digitalen Kontaktverfolgung bereits in den letzten Monaten gefordert. Auch der Virologe Christian Drosten hält die Cluster-Erfassung für sinnvoll. Technisch wäre die Einbindung in die Corona-Warn-App kurzerhand machbar.
Warnquote weiterhin zu niedrig
Die deutsche Corona-Warn-App sei „eine der erfolgreichste Warn-Apps europaweit“, so die Bundesregierung. Tatsächlich ist die Zahl der Downloads in den letzten Wochen auf über 22 Millionen gestiegen. Der Spiegel schreibt, dass die realen Nutzendenzahlen bei rund 16 Millionen liegen.
Doch nicht alles läuft rund. Die Anbindung der Corona-Warn-App an die Labore ist nach wie vor nicht abgeschlossen. Bereits im September berichten wir, dass nicht alle Krankenhäuser den Tempo-Vorteil der Benachrichtigung per App nutzen können. Das liegt wohl daran, dass sie die Infrastruktur dafür selber zahlen müssten.
Besorgniserregend niedrig ist weiterhin der geringe Anteil der Nutzer:innen, die ein positives Testergebnis teilen und andere auf diesem Weg über eine mögliche Ansteckung warnen. Nur sechs von zehn positiv Getesteten teilen den Befund in der App. Dieser Wert hat sich seit Oktober kaum verändert, er ist sogar leicht gesunken. Das heißt: Etwa vierzig Prozent der Fälle, die über die App geteilt werden sollten, kommen nicht an.
Mehrere Upgrades bis zum Jahreswechsel geplant
Einige der Probleme in der digitalen Kontaktverfolgung sollen nun Schritt für Schritt angegangen werden. So wurde der zeitliche Ablauf vom positiven Testergebnis bis zur Warnung in der App beschleunigt. Statt bisher einmal täglich aktualisiert die App nun sechsmal täglich.
Außerdem soll die Warnquote von derzeit unter sechzig Prozent gesteigert werden. Wer positiv getestet wurde, soll deshalb zwei Stunden und vier Stunden nach dem Befund eine Erinnerung zum Teilen des Testergebnisses erhalten. Die Entwickler:innen gehen davon aus, dass Betroffene unmittelbar nach der Nachricht über die Infektion stark beunruhigt sind und deshalb zunächst nicht daran denken, den Befund über die App zu teilen.
Mehrsprachig und interoperabel
Ab Dezember sollen zudem Statistiken zum aktuellen Infektionsgeschehen in die Contact-Tracing-App eingebunden werden. Damit sollen das Interesse und die Motivation der Nutzer:innen gesteigert werden, die App regelmäßig zu öffnen.
Auch die Anzahl der Sprachen, in denen die App verfügbar ist, wird kontinuierlich größer, demnächst kommen Französisch und Russisch dazu. Bis zum 1. Dezember soll die Corona-Warn-App zudem interoperabel mit den Apps vierzehn anderer europäischer Länder sein, darunter Polen, Spanien und Dänemark.
Das Gesundheitsministerium will zudem die Möglichkeit prüfen, ab nächstem Jahr ein freiwilliges Kontakt-Tagebuch in der App anzubieten. Solche Notizen sollen Nutzer:innen als Erinnerungsstütze dienen und bei der Benachrichtigung von Nicht-App-Nutzer:innen helfen.
Kritik an fehlender Cluster-Erfassung
Bislang nicht im Fahrplan des Bundesgesundheitsministeriums zur Weiterentwicklung der App vorgesehen ist eine ergänzende Funktion zur Erkennung von Infektionsclustern. Bei einer Gesprächsrunde der Grünen-Fraktion diese Woche im Bundestag waren sich viele der eingeladenen Fachleute einig, dass das sinnvoll sei. Sie argumentieren, dass die Corona-Warn-App in solchen Konstellationen zu kurz greift und die Forschung zur Übertragung des Virus bereits weiter sei.
Bei sogenannten „Superspreader-Events“ infizieren sich viele Personen auf einen Schlag, in der Regel geschieht das in einem geschlossenen Raum. Die Corona-Warn-App zeigt dieses Risiko nicht korrekt an, da lediglich der Abstand und die Zeit, die in der Nähe von einer positiv getesteten Person verbracht wurde, in die Berechnung des Risikowertes einbezogen werden.
Skepsis gegenüber „CrowdNotifier“
Einen Entwurf für eine datensparsame technische Umsetzung zur Cluster-Erfassung gibt es bereits. „CrowdNotifier“ generiert QR-Codes, die von Besucher:innen einer Veranstaltung oder privaten Zusammenkunft gescannt werden. Vergleichbar mit der Corona-Warn-App werden die Angaben zu Zeitpunkt und Ort zunächst ausschließlich verschlüsselt auf dem Smartphone der Nutzer:innen gespeichert. Im Falle eines positiven Tests nach der Veranstaltung werden alle Teilnehmer:innen von der App informiert, egal wie eng sie neben aneinander saßen.
Entwickelt wurde „CrowdNotifier“ von Mitgliedern des DP3T-Konsortiums, die auch die Grundlagen der Corona-Warn-App geschrieben haben. Reaktionen aus den Gesundheitsämtern und dem Ministerium sind eher verhalten.
Der Leiter eines Gesundheitsamtes in Berlin äußert die Sorge, dass zu viele Warnungen zum Abstumpfen führen würden. Da Cluster erst durch aufwendige Ermittlungen richtig erkannt werden können, sei er skeptisch. Das Nachrichtenportal Business Insider hatte berichtet, dass das Gesundheitsministerium stattdessen die Einbindung „externer Dienstleister“ plant. Eine Nachfrage hierzu ließ das Gesundheitsministerium gestern unbeantwortet.
Luft nach oben
Dass es heute eine dezentrale und datenschutzfreundliche Corona-Warn-App gibt, ist auf das Engagement vieler Interessengruppen zurückzuführen. Das dadurch gewonnene Vertrauen hat maßgeblich zu den vergleichsweise hohen Nutzungszahlen in Deutschland beigetragen.
Die Debatte zur künftigen Weiterentwicklung der App sollte ebenso breit geführt werden. Dabei sind Virolog:innen genauso wie IT-Expert:innen gefragt.
