Seit zwei Wochen wird auch in Karlsruhe und Stuttgart eine Software zur Vorhersage von Wohnungseinbrüchen ausprobiert. Dabei werden Daten vergangener Einbrüche, Tatorte und ‑zeiten, das Vorgehen der TäterInnen und die erbeuteten Gegenstände miteinander abgeglichen. Ein Algorithmus errechnet dann die Wahrscheinlichkeit neuer Einbrüche und zeigt die wahrscheinliche Gegend an. Die Polizeidirektionen können daraufhin verstärkte Streifenfahrten anweisen.
Für die Prognose von Straftaten können weitere Datenquellen herangezogen werden, etwa der Wetterbericht oder Informationen zu Großereignissen, bei den viele EinwohnerInnen mutmaßlich nicht daheim sind. Der Schweizer Kanton Aargau hat eine App programmieren lassen, die entsprechende Warnungen auf das Mobiltelefon interessierter BürgerInnen pusht.
Der Testlauf der bereits in Bayern und in einigen Schweizer Kantonen erfolgreichen Software „Precobs“ dauert ein halbes Jahr. Anschließend folgt eine Auswertung durch das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Dann will das Land Baden-Württemberg über die flächendeckende Einführung des Systems entscheiden.
Nordrhein-Westfalen testet IBM-Software
Wie angekündigt hat auch in Nordrhein-Westfalen der Testbetrieb einer Vorhersagesoftware begonnen. Zum Zuge kommt jedoch ein Produkt des US-Konzerns IBM. Eine „operative Phase“ begann laut der Landesregierung mit einiger Verspätung am 1. November in Duisburg und Köln. Weil die Software komplex sei, habe die Einarbeitung „mehr Zeit in Anspruch genommen, als in der Planungsphase angesetzt worden ist“. Untersucht wird nicht nur die Software, sondern auch der Erfolg sich anschließender „polizeilicher Interventionen“.
Der Zuschlag für das IBM-System erfolgte nach einer landesweiten öffentlichen Ausschreibung. Beschafft wurde schließlich die Statistik- und Analyse-Software „IBM SPSS Modeler“, die IBM nach der Übernahme der bis 2009 eigenständigen Firma SPSS vertreibt. Um mit seiner Polizeisoftware in Deutschland Fuß zu fassen, startete IBM vor vier Jahren eine Kooperation mit der Universität Freiburg.
Für den Verkauf an deutsche Polizeibehörden beauftragt IBM die deutsche Firma SVA System Vertrieb Alexander GmbH mit Sitz in Berlin, die entsprechende Produkte auf einer eigens eingerichteten Webseite bewirbt. Auch der Vertrag zwischen dem Landeskriminalamt NRW und IBM wird über die Berliner Firma abgewickelt. Das Pilotprojekt dauert ebenfalls ein halbes Jahr, für Ende 2016 ist die Vorlage eines Abschlussberichts vereinbart. Nach einer Bewertung der Ergebnisse will die Landesregierung über eine Einführung der Technik entscheiden.
Data Mining mit Abgleich von 200 Datenfeldern
Laut einer Antwort des niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius haben die Zentrale Polizeidirektion Niedersachsen, das LKA Niedersachsen und die Polizeidirektion Braunschweig eine Erprobung von vorhersagender Polizeiarbeit mit IBM durchgeführt. Ziel dieses eine Woche dauernden Projekts war demnach, „möglichst treffgenaue Vorhersagen für Straftaten zu generieren“. Für die Entwicklung eines Vorhersagemodells wurden Einbruchsdaten der Stadt Hannover genutzt, auf deren Grundlage eine Software Prognosen errechnete. Die Treffgenauigkeit wurde dann anhand realer Vorkommnisse überprüft.
Das hessische Landeskriminalamt hat ebenfalls Erfahrung mit IBM-Prognosesoftware gesammelt. Die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle nutzte ein SPSS-System, um in einem Forschungsprojekt sogenannte Mehrfach- und IntensivtäterInnen zu ermitteln. Dabei wurden Informationen mittels Data Mining aus mehreren Polizeidatenbanken zusammengeführt und ausgewertet. Mindestens 200 Datenfelder wurden miteinander abgeglichen. Die IBM-SPSS-Linie kann auch sogenannte unstrukturierte Daten verarbeiten. In Hessen wurden hierfür Interviews mit den beforschten StraftäterInnen geführt und als weitere Datenquelle eingespeist.
Ziel des hessischen Projekts war die Erstellung typischer Täterprofile, die etwa Angaben zur ersten begangenen oder ersten registrierten Straftat enthalten. Die Berechnungen sollen die Verhinderung weiterer Straftaten ermöglichen. Ähnliche Forschungen hatte die britische Firma Accenture auf der diesjährigen Polizeimesse „Europäischer Polizeikongress“ vorgestellt. Zusammen mit der britischen Polizei forscht Accenture an der Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit einer Rückfälligkeit von Gang-Mitglieder zu errechnen.
