Überwachung

Polizei in Großbritannien testet die Verarbeitung von Personendaten zur Vorhersage von Straftaten durch Gang-Mitglieder

Software von IBM zu „Mapping Crime Hot Spots“, hier noch ohne Personendaten.

Die britische Polizei hat ein Pilotprojekt zu „Predivitve Policing“ beendet, um durch Vorhersagesoftware die Wahrscheinlichkeit von Straftaten von Gang-Mitgliedern zu bestimmen. Zum Einsatz kam eine Anwendung der in Irland ansässigen Firma Accenture. Accenture ist weltweit tätig und gilt als der größte Konzern im Bereich von Consulting.


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Der Versuch dauerte über 20 Wochen und war auf London beschränkt, betrachtet dabei aber alle bekannten Gangs in allen 32 Stadtteilen. Verarbeitet wurden Daten von bereits straffällig gewordenen Personen, die Software griff hierzu auf Polizeidatenbanken und andere Statistiken zu. Auf diese Weise wurden Risikofaktoren bestimmt und gewichtet. Ein Algorithmus berechnete dann die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Accenture bewirbt seine Software damit, dass Ressourcen eingespart und Polizeiarbeit effizienter gestaltet werden könne.

„Zuvorkommen, um jemanden von etwas abzuhalten“

Laut der britischen BBC wurden historische Daten der letzten fünf Jahre verarbeitet. Dabei wurden zunächst alle Informationen der ersten vier Jahre betrachtet und die Wahrscheinlichkeit für das fünfte Jahr berechnet. Das Ergebnis wird nun mit realen Vorkommnissen des fünften Jahres verglichen, um die Genauigkeit der Software einzuschätzen. Angeblich ist das System cloud-basiert, ohne dass allerdings ausgeführt würde auf welche Weise.

Sollte die Software tatsächlich eingeführt werden, würden aber aktuelle Daten genutzt. Schon jetzt wurden demnach aber auch Soziale Medien beobachtet. Unklar bleibt, ob auch private Seiten ausgeforscht wurden und auf welche Weise deren Inhalt in die Analyse einfließt. Eine Polizeisprecherin erklärte, man habe dadurch Erkenntnisse über soziale Netze und Beziehungen unter den Verdächtigen ermittelt. So sei von Interesse, wenn ein Gang-Mitglied Drohungen gegen andere Gangs aussprechen würde.

Mit dem Pilotprojekt will die Polizei ihr Portfolio im Bereich des „intelligence-led law enforcement“ erweitern. Der Begriff ist schwammig und wird in der Polizeiforschung unterschiedlich benutzt. Häufig bezeichnet er den Versuch, Straftaten durch Prävention oder Ansprachen zu verhindern. Manchmal wird auch das sogenannte Community Policing darunter verstanden. Im Bereich IT-gestützter Polizeiarbeit könnte der Begriff am Besten mit „Strafverfolgung mit vorfeldgestützter Aufklärung“ übersetzt werden. Mit Prävention hat das nichts zu tun, denn die Straftaten werden ja noch gar nicht geplant. Im angelsächsischen Raum hat sich deshalb stattdessen der Begriff „Preemption“ durchgesetzt (etwa: „zuvorkommen, um jemanden von etwas abzuhalten“).

Kritik von Bürgerrechtsgruppen

Im Ergebnis wurde das Projekt von allen Beteiligten gelobt, auch wenn zunächst keine weiteren Details bekannt sind. Man habe erstmals die „digitalen Fähigkeiten“ genutzt um die Frage zu beantworten, wer wohl am ehesten wieder kriminell werden könnte. Der zugrunde liegende Algorithmus bleibt jedoch unbekannt, auch Datenschutzbeauftragte bekommen keinen Einblick.

Zu Recht wird Programm deshalb von britischen Bürgerrechtsgruppen kritisiert. So würden derartige Systeme laut Statewatch den Polizeiapparat beträchtlich aufrüsten. Effektivität dürfe aber kein Maßstab sein, um den Datenschutz derart massiv einzuschränken.

Weltweit setzen immer mehr Polizeibehörden Vorhersagesoftware ein. Der Boom begann 2005 in den USA, mittlerweile haben mehrere Firmen dem US-Multi IBM den Rang des Marktführers abgelaufen. Zunächst wurden stets lediglich statistische Daten genutzt, etwa die Häufigkeit von Einbrüchen in bestimmten Gebieten. Auch Verkehrs- und Wetterdaten, Informationen über die Belegung von Parkhäusern oder Daten von Zahltagen werden verarbeitet. IBM hat jedoch schnell weitere Features angeboten, um die Software aufzubohren. So können regionale Polizeibehörden mittlerweile auf Wunsch auch auf Polizeidatenbanken anderer Bundesstaaten zugreifen.

Deutsche Kriminalämter testen noch ohne Personendaten

Inzwischen führen auch deutsche Landeskriminämter Vorhersagesoftware ein, den Anfang machen Nordrhein-Westfalen und Bayern, auch das Bundeskriminalamt (BKA) hat sich bereits bei IBM entsprechend informiert. IBM drängt auf den deutschen Markt und kooperiert hierfür mit der Universität Freiburg. Das BKA steht auch mit den beiden deutschen Pilotprojekten in Kontakt. Nicht unwahrscheinlich, dass bald eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zu „Predivitve Policing“ eingerichtet wird.

Die deutschen Tests greifen zunächst ebenfalls lediglich auf statistische Daten zu. Mit diesem Verweis wurden in den letzten Wochen alle Bedenken Datenschutz und Bürgerrechten gekontert. Die Erfahrung mit polizeilichen Informationssystemen zeigt aber, dass diese immer nur erweitert und niemals eingeschränkt werden. Insofern ist es eine Frage der Zeit, bis auch deutsche Kriminalämter ihre Vorhersagesoftware für Personendaten öffnen.

5 Kommentare
  1. …und natürlich wird das ganze dann auf IBM-Servern gespeichert und damit dem besten Freund, der ja nur um unser Wohl besorgt ist geschenkt. So wie er jetzt z.B. die NPRs gar nicht bräuchte, da zumindest Lufthansa ihre IT-Infrastruktur gerade vollständig auf IBM-Rechenzentren umgestellt hat.
    Da möchte man doch nur noch kotzen.

  2. Parsed mal bitte die Liste der beteiligten Unternehmen nach der CSC oder neuen Hydraköpfen der NSA. Würde mich wundern wenn die da nicht irgendwo drinhängen.

  3. In spätestens 5-6 Monaten kommt auch hier in Schland irgend so ein Unions-Schwachmat mit solchen Vorschlägen um die Ecke. Kannste die Uhr nach stellen. Aber Otto Normalhanswurst findets bestimmt super, weil dadurch wird ja dann endlich alles 120%ig sicher.

  4. Da stecken alle, die irgendwie bei Big Data mitmischen wollen, mit drin. In Hamburg wird „Pre-Crime“ gerade über das Trojanerprojekt „Smart Cities“ eingeführt. Guckt mal hier:
    fpxgtbv.noblogs.org/post/2014/11/03/cisco-und-deren-smart-cities-trojaner-pre-crime-als-verdecktes-stadtentwicklungsprojekt

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