Bundeskriminalamt zum Schnupperkurs für polizeiliche Vorhersagesoftware bei IBM in Freiburg

Das Bundeskriminalamt interessiert sich für Software, mit der Straftaten statistisch ausgewertet werden, um Prognosen für zukünftige Ereignisse zu erstellen. Mehrere Hersteller konkurrieren auf diesem Sektor, einer der Anbieter (SPSS) bezeichnete dies gar als „Evolution in der Verbrechensbekämpfung“. SPSS ist mittlerweile von IBM aufgekauft.

Bei IBM firmieren die Anwendungen für Geheimdienste und Polizeien unter dem Label „Smarter Cities“. Der Konzern baut damit sein Portfolio der „vorhersagenden Polizeiarbeit“ („Predictive Policing“) aus. Hierzu gehört auch die polizeiliche Nutzung von Analyst’s Notebook, das vom BKA eingesetzt wird. Das Amt gibt die Software (bzw. entsprechende Lizenzen) auch an Behörden anderer Länder weiter, wie es etwa im Falle von Marokko bekannt wurde.

Unter dem Namen „COPLINK“ vertreibt i2 ein System, das auf dem Programm „Analyst’s Notebook“ basiert. Die Software soll „nicht offensichtliche“ Verbindungen zwischen Personen, Orten oder anderen Einträgen aufzeigen, darunter auch Daten von Mobiltelefonen, dort abgehörten Informationen („phone records“) und Fahrzeugen. Die Polizisten würden es sich laut i2 damit ersparen, alle bei Ermittlungen anfallen Dokumente selbst zu lesen.

Bekannt wurde IBM aber mit dem System Blue CRUSH (Criminal Reduction Utilizing Statistical History), das bereits in mehreren US-Städten eingesetzt wird. Die Software wertet Straftaten aus und zeigt an, an welchen Orten sich womöglich ähnliche Vorfälle ereignen könnten.

Einige der digitalen Werkzeuge zur Vorhersage von unerwünschtem Verhalten werden von IBM in Deutschland programmiert. Der Tagesspiegel berichtete, dass IBM 2009 in Berlin ein „Analytic Solution Center“ mit 40 bis 50 Mitarbeitern einrichtete. Auf der CEBIT warb IBM, dass in Berlin auch Software zur Auswertung Sozialer Medien programmiert wird.

Bislang war nur bekannt, dass das BKA „zu Testzwecken“ die IBM-Software „InfoSphere Global Name Analytics“ beschafft hatte. Es habe „kein kriminalistischer Einsatz“ stattgefunden. Dennoch fielen stattliche Kosten in Höhe von 85.975 Euro an.

Für Software zur Vorhersage von Straftaten oder Data Mining existiert hierzulande keine Rechtsgrundlage. IBM sind datenschutzrechtlichen Bedenken deutscher Behörden ein Dorn im Auge. Der Konzern hat deshalb auf der CEBIT mit der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität eine „Strategische Partnerschaft“ begonnen. Wissenschaftler des dortigen „Centre for Security and Society“ sollen ausloten, was der Einsatz einer „Crime Information Platform“ von IBM in der föderalen deutschen Struktur von Polizei und Geheimdiensten bedeuten würde:

With Germany’s federal structure, IBM has the chance to clarify socio-political and legal issues that need to be considered for the development of security technologies. By combining various data sources in the Crime Information Platform, the offenders are identified more efficiently and still conform to state and federal laws. The goal of the cooperation between the Centre for Security and Society and IBM is to investigate legal and social issues of security technology in different application scenarios.

Jetzt hat das Bundesinnenministerium auf Nachfrage bestätigt, dass es erste Kontakte zu deutschen Polizeien des Bundes gibt (zu Landeskriminalämtern müssen gleichlautende Anfragen in Länderparlamenten gestellt werden). Das BKA reiste demnach zum Schnupperkurs nach Freiburg:

Das BKA wurde vom disziplinübergreifenden Institut für Sicherheit und Gesellschaft der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Herbst 2011 zu einem Informationsbesuch eingeladen. Im Rahmen des Besuches im Frühjahr 2012 wurden Möglichkeiten der Zusammenarbeit unverbindlich erörtert. U. a. wurde von der Fa. IBM die sog. „Crime Information Platform“ vorgestellt.

Der „Besuch“ habe demnach „bisher zu keinen weiteren gemeinsamen Aktivitäten“ geführt. IBM hat jedoch große Pläne in Deutschland: Die Forschungen zur Einführung einer „Crime Information Platform“ sind erst der Anfang einer ausführlichen Kooperation des US-Konzerns mit der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität. Laut einer Pressemitteilung soll diese „einzigartige strategische Partnerschaft“ in den nächsten Jahren „weiter institutionalisiert“ werden.

4 Kommentare
  1. sapere_audite 17. Mai 2013 @ 12:29
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