Überwachung

Schweizer Polizei warnt mit App vor Verbrechen, die noch gar nicht passiert sind

Screenshot der App "KAPO Aargau" der Kantonspolizei Aargau.
Screenshot der App „KAPO Aargau“ der Kantonspolizei Aargau.

Der Schweizer Kanton Aargau hat seine Android-App „KAPO“ („Kantonspolizei“), mit der NutzerInnen „schneller und direkter“ über Fahndungsaufrufe informiert werden sollen, aktualisiert. Außer aktuellen Informationen werden Webcam-Bilder zur Verkehrslage und „Informationen zu den vielfältigen Polizeiberufen“ verteilt.


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Die App enthält die beiden Features „Die Polizei informiert“ und „Die Polizei warnt“. Letztere Kategorie wird als „Präventionsmassnahme“ bezeichnet. Allerdings geht es nicht um belanglose Tips zur Aufrüstung der Überwachungssensorik im Eigenheim. Vielmehr werden Meldungen über Verbrechen verschickt, die noch gar nicht passiert sind.

Die Polizei in Aargau nutzt die Vorhersagesoftware „Precobs“ aus Oberhausen. Hergestellt wird die IT-Anwendung vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik, hinter dem sich allerdings keine Forschungsabteilung, sondern eine schnöde Firma verbirgt. Die gewann vor allem in der Schweiz beachtlich schnell einen großen Kundenkreis. Als erstes langte die Stadtpolizei Zürich zu, nach dem Kanton Aargau gehört mittlerweile auch Baselland zu den KundInnen.

Angeblich überlegen auch Polizeibehörden in Bern, Genf und dem Thurgau eine Anschaffung.
In Deutschland führte das Landeskriminalamt Bayern „Precobs“ in einem Pilotprojekt ein. Andere Bundesländer wollen nachziehen, haben sich allerdings noch nicht auf ein Produkt festgelegt. Der bayerische Einsatz von „Precobs“ ist zunächst auf Einbruchskriminalität (Wohnungen und Fahrzeuge) beschränkt, eine spätere Ausweitung auf andere Kriminalitätsphänomene aber anvisiert.

Auf „Precobs“ beruhende Push-Meldungen der Polizei in Aargau sollen laut Medienberichten „auf ein Dorf oder sogar auf ein Quartier genau“ zugeschnitten sein. Die Polizei rechnet nicht unbedingt mit mehr Festnahmen, will aber „Einbrecher vertreiben“. Die Maßnahme wird als „Sensibilisierung“ bezeichnet. Auf die Frage, ob damit nicht Angstmacherei betrieben wird, antwortet ein zuständiger Polizeibeamter:

Wir sind uns bewusst, dass so Verunsicherung gesteigert werden könnte. Aber wir sind der Ansicht, dass der Nutzen überwiegt.

Damit sich der vermeintliche Nutzen nicht abnutzt, wolle der Kanton die Push-Funktion „zurückhaltend einsetzen“. Die Warnungen vor Verbrechen die noch nicht passiert sind lässt sich aber auch deaktivieren.

12 Kommentare
  1. @ Matthias Monroy

    „Allerdings geht es nicht um belanglose Tips zur Aufrüstung der Überwachungssensorik im Eigenheim.“

    Was heißt hier belanglos? Hier die ultimativen Profi-Tipps gegen Einbrecher:

    1. Stabile/einbruchshemmende Schlösser, Türen und Fenster.
    2. Simulierte Anwesenheit durch automatische Lichtschaltung, Radiogeräusche etc.
    3. Aufmerksame Nachbarschaft (Menschenaugen statt Kameraaugen).
    4. Polizeipräsenz auf den Straßen (Polizisten statt Kameras).
    5. Soziale Sicherheit (Arbeit, Gesundheit etc.) schafft innere Sicherheit. Wer ohne Armut und mit Respekt lebt, wird nicht so leicht kriminell. Niemand wird kriminell geboren.

  2. Was sagt eigentlich die Versicherungswirtschaft zu solchen Vorhersagen?
    – Steigen die Preis für Versicherungen in Gebieten, die dann häufiger in der Prognose auftauchen?
    – Sinken die Preise für Kunden, die in „ungefährlichen“ Gegenden wohnen?

    Wird es einen Wettlauf der Vorhersagequalitäten geben, wie beim Wetterbericht? Neben dem ersten privaten Anbieter werden doch sicherlich andere folgen und ihre Ergebnisse veröffentlichen: „Diese Einbruchsvorhersage wurde Ihnen präsentiert von: xxx.“ Fehlt nur noch die Frage, ob diese Vorhersagen einen ähnlichen Wert haben werden, wie „Deutschlands liebstes Auto“ von dem Automobilclub Deutschlands.

    Werden die Versicherungskonzerne in regelmäßig genannten Gebieten zukünftig keine Versicherungen mehr abschließen, wie in Hochwassergebieten?

    Muss dann bei einer Wohnungsvermietung / -verkauf neben der „Umweltverträglichkeit“ auch das Scoring für die Wohngegend ausgewiesen werden, damit der zukünftige Wohnungsmieter sich die passende Wohung suchen kann?

    Werden die Täter aufgrund der Vorhersagen kurzfristig auf ungenannte Ziele ausweichen? Die Täter werden sich diese App doch sicherlich auch installieren dürfen?

  3. Könnte das in moderner Schutzgelderpressung enden?
    Wenn man eine ähnliche Software verunglimpft oder anzweifelt, könnte ein Einbruch die Folge sein?
    Wenn der Softwarehersteller neue Kunden benötigt, werden dann plötzlich mehr vorhergesagte Verbrechen verübt?

  4. was der artikel leider unterschlägt ist, dass die dahinter stehende technik aus einem sehr realen problem geboren wurde. die aufklärungsquote bei einbruchdiebstählen ist sehr, sehr niedrig. mit dem aus deutschland stammenden programm „precops“ liess sich die zahl der einbrüche relevant senken. wie, kann man hier nach lesen:

    http://www.berliner-zeitung.de/panorama/-precobs–berliner-polizei-will-mit-software-auf-verbrecherjagd-gehen,10808334,29209482.html

    http://www.berliner-zeitung.de/panorama/-precobs–berliner-polizei-will-mit-software-auf-verbrecherjagd-gehen,10808334,29209482.html

    http://www.mdr.de/mediathek/suche/audio1015648_zc-485c01ae_zs-d23ba9ff.html

    http://www.ifmpt.de

    wie auch immer man zu solcher technik steht, diese hintergrundinformationen gehören mit in die diskussion, wenn es denn eine sein soll und nicht nur propaganda.

  5. Da stellen sich Fragen.

    Was kostet diese Software, die dazu gehörige Infrastruktur und das Bedienpersonal?

    Welcher Nutzen steht dem nachweisbar gegenüber?

    Ich denke, die Qualität der Vorhersage, wie sie in Aargau veröffentlicht wird, dürfte sich von einem leicht (also trivial) gewichteten Zufallswert nicht unterscheiden. Jeder kundige Polizeibeamte wird wenigstens ähnlich „Leistungsfähig“ sein.

    Ein Nachweis der (Un-) Wirksamkeit und des Effekts wäre durchaus möglich und IMHO notwendig. Es existieren durchaus Regeln, was Behörden wie und wann ausgeben dürfen.

    1. ich möchte empfehlen die verlinkten artikel oben zu lesen, da werden konkrete zahlen genannt. mit polizeibeamten werden diese effekte eben gerade nicht erreicht.

      1. Und ich würde empfehlen, zwischen Medienberichten und objektiven Nachweisen zu unterscheiden. Bisher sehe ich in den Medien nur Behauptungen, die für mich nicht kausal nachzuvollziehen sind. Über Alternativen (mit vergleichbaren Kosten) oder mögliche Nachteile/Probleme wird dort nicht einmal nachgedacht.

      2. Was dein Posting leider unterschlägt ist, dass verlinkte Medienartikel noch lange keine schlüssige Kausalkette für überzeugende Argumentation bilden.

        Ich möchte empfehlen, es noch mal zu versuchen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.