Florian Rötzer in Telepolis über die die heutigen Razzien bei G8-Kritikern: Präventivstaat in Aktion.
Inwieweit der Verdacht begründet ist, dass die Hamburger Gruppe und die Berliner „militante gruppe“ in Verbindung mit den durchsuchten Einrichtungen und auch hinter allen aufgezählten Brandanschlägen zwischen 2005 und 2007 stehen, muss man ebenso abwarten wie die Bestätigung eines konkreten Tatverdachts der Planung von Anschlägen während des G‑8-Gipfels. Festgenommen wurde niemand. Das Problem beim Vorgehen der Bundesanwaltschaft liegt auch nicht darin, mutmaßliche Mitglieder der „mg“, die mutmaßlich zusammen Brandanschläge geplant und ausgeführt haben, nach dem Paragraph 129a zu verfolgen. Dieser ist so erweitert worden, dass auch Vereinigungen, die Computersabotage, Zerstörung eines Bauwerks oder von wichtigen Arbeitsmitteln oder eben gemeingefährliche Straftaten wie Brandstiftungen planen, als „terroristische Vereinigungen“ gelten können.
Verfolgt werden können auch alle „Mitglieder“ einer solchen Vereinigung, „wenn eine der in den Nummern 1 bis 5 bezeichneten Taten bestimmt ist, die Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern, eine Behörde oder eine internationale Organisation rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt zu nötigen oder die politischen, verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Grundstrukturen eines Staates oder einer internationalen Organisation zu beseitigen oder erheblich zu beeinträchtigen, und durch die Art ihrer Begehung oder ihre Auswirkungen einen Staat oder eine internationale Organisation erheblich schädigen kann.“ Bedroht wird angeblich der G‑8-Gipfel – ein Staat? eine Behörde? Eine internationale Organisation?
Eine interessante Frage ist auch, wer jetzt alles und wieso in die Antiterror-Datei geraten kann, wie z.B. die Nutzer des so36.net-Servers.
Auf dieser Rutschbahn könnte man schnell wieder in einem Deutschen Herbst landen, vor allem aber politische Freiheiten und demokratischen Rechtsstaat gefährden. Die Überwachungsmittel sind schon zur Hand und werden gerade geschaffen, die einem autoritärer werdendem Staat die Werkzeuge in die Hand legt, die nicht technisch, sondern „nur“ – und immer weniger – gesetzlich und damit leicht veränderbar in Fesseln gehalten werden.
Ergänzungen
Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
5 Kommentare zu „Präventivstaat in Aktion“
,
Gibt es eigentlich einen Grund für die seltsame Trennung zwischen krimineller und terroristischer Vereinigung, außer dass letzteres prima als Grund für immer neue Sicherheitsgesetze herangezogen werden kann?
,
[…] Sind es viele Demonstranten? Für eine Spontandemo sind 3000 (Spiegel Online gestern abend: “Große Ruhe”) bis 5000 (Lauti) und 10000 (indymedia) nicht schlecht, andererseits waren sowohl die Razzien wie auch die Erwartung von Protesten dagegen den ganzen Tag über in allen Medien, im Fernsehen, auf den Internetseiten der Zeitungen, in den Blogs (z.B. netzpolitik, Bildschirmarbeitsplatz, Sex, Drugs & Compiler Construction, nochmal netzpolitik) […]
,
so36.net ist uebrigens kein „server“, sondern ein kollektiv mit nicht nur einem server.
,
@Name, Korrektur: SO36 ist ein Kollektiv, so36.net ein Server. Frage: Haben die beiden heute ueberhaupt noch etwas miteinander zu tun? (ernstgemeint)
,
G8 oder “We’ve got a bigger problem …”…
Kommt man zurück zur Begründung für die bundesweiten Razzien der vergangenen Woche, den Verdacht auf Bildung einer terroristischen Vereinigung, stellt man sich schon so manche Frage. Schon allein deshalb, weil der Begriff des “Terrorismus̶.…..
Dieser Artikel ist älter als 18 Jahre, daher sind die Ergänzungen geschlossen.