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KW 24Die Woche, als die Pressefreiheit einen Rückschlag erlitt

Die 24. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 23 neue Texte mit insgesamt 140.485 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Anna Biselli
Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski
Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

in unserer Arbeit passiert jeden Tag etwas Neues. Meistens mag ich das. Ich habe Spaß daran zu sortieren und mit Kolleg:innen über die Relevanz einer Neuigkeit zu diskutieren. Aber ab und an führt das dazu, dass Texte schlecht altern. Dass sich etwas überholt. Und obwohl das unvermeidlich dazugehört, wurmt mich das manchmal.

Diese Woche ging mir das so mit der Meldung, dass ein Journalist des freien Senders Radio Dreyeckland sich nun doch vor Gericht verantworten soll. Weil er einen Link auf das Archiv von linksunten.indymedia gesetzt hat. Im Raum steht der Vorwurf, er habe dadurch eine verbotene Vereinigung unterstützt.

Eigentlich dachte ich, der Fall wäre erledigt, als das Gericht in erster Instanz die Anklage nicht zugelassen hat. Deshalb schrieb ich vor einem Monat im Wochenrückblick: „Als ich das gelesen habe, war ich froh und erleichtert.“ Ein ganz klassisches Beispiel von „zu früh gefreut“. Ich verzichte jetzt darauf, mich nochmal im Detail darüber zu empören. Warum der ganze Vorgang zum Schreien und ein Schlag in die Magengrube der Pressefreiheit ist, haben andere bereits beschrieben.

Mir ist aber sofort noch ein weiterer Text von uns eingefallen, den die Realität überholt hat und den sie mit einem bitteren Beigeschmack zurücklässt. Zum Amtsantritt von Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat mein Kollege Markus Reuter die SPD-Politikerin porträtiert. Abgesehen davon, dass wir heute – nach dem 24. Februar 2022 – vermutlich nicht mehr „Zeitenwende“ in die Überschrift geschrieben hätten, blickte durch den Text doch einiges an Hoffnung durch. Vor allem darauf, dass sich nach der Seehoferschen Hardliner-Innenregentschaft nun etwas ändern könnte. Immerhin war Faeser als hessische SPD-Generalsekretärin ja noch gegen den Hessentrojaner für Geheimdienste und hat auch mal Razzien als überzogen kritisiert. Die jahrelangen Unionsregierungskonstellationen waren weg, Zeit für eine neue Innenpolitik, bei der Grundrechte im Fokus stehen. Oder?

Was stattdessen passiert: Faeser will IP-Adressen auf Vorrat speichern, Faeser verteidigt die Razzien gegen die Letzte Generation und Faeser stimmt Verschärfungen im EU-Asylrecht zu. Von anderen Zeiten im Innenministerium merken wir wenig. Die rote Tür ist schwarz.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, möchte man vielleicht das alte Sprichwort aus dem Ärmel zaubern. Aber ganz so einfach und ganz so frustrierend ist es auch nicht. Wir tun gut daran, ab und an zurückzuschauen. Wo wir uns geirrt haben. Was sich anders entwickelt hat als wir es dachten. Um dann die Frage zu stellen: Warum? Und vielleicht hilft uns dann diese alte Zeitung zu erkennen, wo wir in Zukunft aufmerksamer sein müssen. Und was wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Ich wünsche euch ein Wochenende ganz im Hier und Jetzt!
anna

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Im Russisch-Ukrainischen Krieg kommen täglich hunderte Drohnen zum Einsatz. Sie dienen nicht nur der Aufklärung und Tötung, sondern liefern auch hochauflösende Bilder des brutalen Konflikts. Diese landen als ästhetisierte Kurzclips auf unseren Bildschirmen.

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Big Tech hat eine bequeme Hängematte aufgespannt, in der die halbe deutsche Verwaltung baumelt. Um da wieder rauszukommen, bräuchte es Willenskraft und Ideen, schreibt unsere Kolumnistin. Stattdessen deklarieren wir die Abhängigkeit von Microsoft, T‑Systems und Google als „Souveränität“.

Julian AssangeBritisches Gericht ebnet den Weg zur Auslieferung

Eine weitere Berufung gegen die Auslieferung von Julian Assange ist gescheitert. Damit bleiben nun kaum noch Optionen, um diese auf rechtlichem Wege abzuwenden. Das jahrelange Tauziehen könnte nun bald mit einer Auslieferung an die Vereinigten Staaten enden.

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Umstrittene Terror-ErmittlungenDer Messenger Signal als „Kult der Geheimhaltung“

In einem Verfahren mit bislang wenigen Beweisen versuchen französische Ermittlungsbehörden die Nutzung von weit verbreiteten Verschlüsselungstechniken als Beleg für klandestines Verhalten heranzuziehen. Die Bürgerrechtsorganisation La Quadrature du Net kritisiert dieses Vorgehen.

InnenministerkonferenzProteste gegen Chatkontrolle am Mittwoch in Berlin

Wenn die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson ihre Amtskolleg:innen auf der deutschen Innenministerkonferenz trifft, werden vor den Toren Menschen gegen die Chatkontrolle demonstrieren. Ein breites Bündnis ruft zu Protesten auf.

Neues aus dem Fernsehrat (99) auf der #rp23Von der Rundfunkbeitrags- zur Vergesellschaftungsdebatte

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Wegen einer Verlinkung soll sich ein Journalist des freien Senders Radio Dreyeckland nun doch vor Gericht verantworten. Das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart kippt damit in zweiter Instanz einen Beschluss des Landgerichts Karlsruhe. Fachleute sehen die Pressefreiheit in Gefahr.

AusländerzentralregisterKaum Asylentscheidungen in der Riesendatenbank

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Pegasus-SkandalZieht die Samthandschuhe aus

Ein Jahr lang hat das EU-Parlament untersucht, wie Regierungen in der EU Journalist:innen und Oppositionelle gehackt haben. Am Ende schlägt es lediglich Schutzmaßnahmen vor. Doch die Staatstrojanerbranche lässt sich so nicht bändigen. Ein Kommentar.

Streit bei RedditGut 5.000 Communitys protestieren weiter

Der Konflikt zwischen Reddits Führungsebene und der Community bricht seit Montag in einer groß angelegten Protestaktion aus. Der Konzern plant, seine Programmierschnittstelle inhaltlich einzuschränken und kostenpflichtig zu machen.

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Der US-Kongress verhandelt derzeit, wie US-Geheimdienste weltweit Menschen überwachen und Daten auswerten dürfen. Trotz Reformen stehen missbräuchliche Abfragen auf der Tagesordnung. Die EU-Kommission will den transatlantischen Datentransfer wohl trotzdem weiter zulassen.

Nach unserer BerichterstattungDatenschutzbehörden stellen Werbefirmen auf den Prüfstand

Mit einer Recherche haben wir gezeigt, wie umfassend die Werbeindustrie Menschen überwacht und wie tief deutsche Firmen in das Geschäft der Datenhändler verwickelt sind. Jetzt fordern Politik und Zivilgesellschaft Konsequenzen. Mehrere Datenschutzbehörden wollen aktiv werden.

Über die Autor:innen

  • Anna Biselli
    Darja Preuss

    Anna ist Co-Chefredakteurin bei netzpolitik.org. Sie interessiert sich vor allem für staatliche Überwachung und Dinge rund um digitalisierte Migrationskontrolle.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Telefon: +49-30-5771482-42 (Montag bis Freitag jeweils 8 bis 18 Uhr).


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