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KW 23Die Woche, in der es zu wenig gecrasht hat

Die 23. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 21 neue Texte mit insgesamt 267.690 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Daniel Leisegang
– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

in dieser Woche fand in Berlin die re:publica statt. In dem dichten Programm einen roten Faden zu entdecken ist nicht leicht. Zwar war die re:publica in diesem Jahr mit dem Motto „Cash“ überschrieben. Letztlich war dies aber nur ein Thema unter vielen.

Das hat auch was mit der schieren Größe des Events zu tun. Einst als Bloggerkonferenz gestartet, ist die re:publica längst zum großen Schmelztiegel all derer geworden, die sich mit dem Querschnittthema Digitalisierung beschäftigen.

Die Spannweite empfand ich in diesem Jahr als besonders groß: Auf der einen Seite Schufa, Gema, Fintech-Unternehmen sowie etliche Bundesministerien, auf der anderen Verbraucherzentrale, GLS Bank, Bürgerrechtler:innen und Graswurzelinitiativen. Nur selten trafen die unterschiedlichen Akteure auf offener Bühne aufeinander, meist blieb man unter sich.

Dabei hätte mich eine Veranstaltung mit dem Bundesinnenministerium zum Thema Chatkontrolle brennend interessiert. Oder zu illegalen Pushbacks an Europas Außengrenzen. Oder wenn die Neobanken mal öffentlich dem Verbraucherschutz Rede und Antwort stehen müssten. Und wie sähe ein direktes Aufeinandertreffen von Cory Doctorow und der Gema aus? Vielleicht kommt es ja im nächsten Jahr dazu – wenn denn die Sponsoren dabei mitspielen. Statt Cash könnte das Motto dann Crash lauten.

Unterm Strich waren es dennoch schöne Tage am Sandstrand – mit vielen alten und neuen Gesichtern. Einige der inhaltlichen Highlights haben wir auf netzpolitik.org veröffentlicht. Darunter Meredith Whittakers Keynote zur Überwachung im KI-Zeitalter, Constanzes Rückblick anlässlich 10 Jahre Snowden sowie Sebastians Plädoyer für eine besseren Zukunft der Online-Pornografie. Und Chris hat ein bedrückendes Gespräch zu Frontex und Gewalt an EU-Grenzen verschriftlicht – ein Thema, das angesichts der am Donnerstag beschlossenen Verschärfung der europäischen Asylpolitik noch mehr Brisanz erhält.

Als Longread fürs Wochenende möchte ich Euch außerdem eine dreiteilige Recherche von Ingo ans Herz legen. Ingo hat sich den globalen Datenhandel für digitale Werbung angeschaut und wie dieser uns anhand von 650.000 Kategorien zu gläsernen Kund:innen macht. Ein tiefer Einblick in den Maschinenraum einer Branche, die außer Kontrolle ist. Mit großartigen Illustrationen von Ole.

Erholt Euch gut!
Daniel

Unsere Artikel der Woche

IranUSA verhängen Sanktionen gegen ArvanCloud

Das iranische Regime versucht, ein abgeschottetes nationales Intranet aufzubauen, damit es das Internet besser abschalten kann. Beim Aufbau dieser Infrastruktur hilft die Firma ArvanCloud, die durch Recherchen von netzpolitik.org, taz und Correctiv international in die Schlagzeilen geriet. Nun belegen auch die USA das Unternehmen mit Sanktionen.

Öffentliches Geld - öffentliches Gut!Freie und offene Software zum Standard in der Verwaltung machen

Wenn die öffentliche Verwaltung Software entwickelt oder einkauft, sollte sie diese unter freie und offene Lizenzen stellen. Die von der Bundesregierung angestoßene Reform des Vergaberechts bietet jetzt eine gute Gelegenheit, das im Gesetz zu verankern. Für ein echtes Umdenken braucht es aber mehr als eine Gesetzesreform.

Tätigkeitsberichte der LandesdatenschutzbehördenViele Verfahren gegen die Polizei wegen Datenschutzverstößen

Rechtswidrige Zugriffe auf Datenbanken durch Polizist*innen, unachtsamer Umgang mit Gesundheitsdaten und Videoüberwachung. Auch 2022 verzeichneten die Landesdatenschutzbehörden grobe Mängel und Pannen in Bezug auf Datenschutz- und Auskunftsrechte. Ein Blick auf die größten Themen.

NetzneutralitätWenig Liebe für EU-Datenmaut

Eine Mehrheit von EU-Ländern steht einem Medienbericht zufolge einer möglichen EU-Datenmaut ablehnend gegenüber. Gegenwind für die Idee kommt auch von Regulierungsbehörden, Internetexpert:innen und der Zivilgesellschaft.

Kein Porno ohne AusweisDer Medienaufsicht ist Datenschutz „wumpe“

Alle Erwachsenen sollen vor dem Besuch einer Pornoseite ihren Ausweis zücken, das will die deutsche Medienaufsicht. Auf der re:publica verteidigte Medienwächter Marc Jan Eumann den Kurs seiner Behörde: Ihm sei der Datenschutz von Nutzer*innen egal. Ein Kommentar.

Zehn Jahre SnowdenDen Geheimdiensten endlich Grenzen setzen

Dass vom größten Abhörskandal der Geschichte auszugehen sei, stand schon 2013 in den Zeitungen, obwohl die Snowden-Enthüllungen noch jahrelang weitergehen sollten. Zehn Jahre später lohnt der Blick zurück auf Massenüberwachung, Spionageangriffe und einige der Konsequenzen, denn bis heute ist die Überwachung maßlos. Ein Kommentar.

re:publicaWas Pornoseiten aus kleinen Nackt-Communitys lernen können

Auf Pornoseiten kursieren auch Aufnahmen von Menschen, die sich niemals nackt im Netz zeigen wollten. Also führen große Anbieter Ausweiskontrollen ein. Das macht wenig besser – und vieles kaputt. Kreative Lösungen aus kleinen Communitys zeigen: Eine bessere Zukunft der Online-Pornografie ist möglich, ohne Datensammelei und digitale Gewalt.

Gewalt an EU-GrenzenMenschen auf der Flucht streamen brutale Pushbacks auf TikTok

Mehr als 25.000 Fälle von Gewalt an den Außengrenzen der EU, das ist die aktuelle Bilanz des Border Violence Monitoring Projects. Grenzbeamt:innen zerstören dabei reihenweise Smartphones, berichtet Milena Zajović auf der re:publica – auch weil Geflüchtete damit die Verletzung ihrer Menschenrechte dokumentieren.

Künstliche IntelligenzVermessung bis ins Innerste

Künstliche Intelligenz ist übermächtig und bedroht die ganze Menschheit, so die eindringliche Warnung vieler Tech-Unternehmen. Tatsächlich aber soll dieser Mythos die kommerzielle Überwachung vorantreiben, Regulierung unterbinden und die Ausbeutung von Arbeiter:innen verschleiern.

WerbetrackingWie deutsche Firmen am Geschäft mit unseren Daten verdienen

Wenn es um Firmen geht, die pausenlos Daten für Werbezwecke sammeln, denken viele an die USA. Unsere Recherche zeigt, wie tief deutsche Unternehmen inzwischen in das Netzwerk der Datenhändler verwoben sind und dass sie auch heikle Datenkategorien anboten. Beteiligt sind Konzerne wie die Deutsche Telekom und ProSiebenSat1.

Lobbying in BrüsselFleischgewordener Interessenskonflikt

Ausgerechnet an Fronleichnam schlägt die EU-Kommission ein neues Gremium vor, das Ethikverstöße des eigenen Personals regeln soll. Doch das hindert Kommissar:innen und Abgeordnete künftig kaum, ihr Wissen und ihre Kontakte an die Industrie zu verkaufen. Ein Kommentar.

WerbetrackingDas System kann weg

Unsere Datenhändler-Recherche hat gezeigt, wie die Online-Werbeindustrie uns in kleinteilige Schubladen steckt. Jetzt wird es Zeit, das gesamte System der personalisierten Werbung in Frage zu stellen. Das Geschäft mit unseren Daten muss aufhören. Ein Kommentar.

Going DarkEU gründet Arbeitsgruppe gegen Verschlüsselung und Anonymität

Die schwedische Ratspräsidentschaft postuliert ein neues Prinzip „Security-by-Design“, mit dem sie Verschlüsselung und Anonymisierung im Netz angreifen will. Eine hochrangige Expertengruppe soll das Thema bearbeiten. Wir veröffentlichen einen eingestuften Drahtbericht dazu im Volltext.

Über die Autor:innen

  • Daniel Leisegang
    Darja Preuss

    Daniel ist Politikwissenschaftler und Co-Chefredakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Gesundheitsdigitalisierung, Digital Public Infrastructure und die sogenannte Künstliche Intelligenz. Daniel war einst Redakteur bei den "Blättern". 2014 erschien von ihm das Buch "Amazon – Das Buch als Beute"; 2016 erhielt er den Alternativen Medienpreis in der Rubrik "Medienkritik". Er gehört dem Board of Trustees von Eurozine und dem Kuratorium der Stiftung Warentest an.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Bluesky, Threema ENU3SC7K, Telefon: +49-30-5771482-28‬ (Montag bis Freitag, jeweils 8 bis 18 Uhr).


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Ein Kommentar zu „Die Woche, in der es zu wenig gecrasht hat“


  1. auch das noch

    ,

    Der Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, Julian Assange, hat im Rechtsstreit um seine geplante Auslieferung in die USA einen weiteren Rückschlag hinnehmen müssen. Ein Richter am Londoner High Court lehnte zwei von Assanges Anwälten eingereichte Anträge auf Berufung ab.

    https://www.reporter-ohne-grenzen.de/pressemitteilungen/meldung/auslieferung-von-assange-rueckt-gefaehrlich-nahe

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