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KW 50Die Woche, in der wir richtig viele Dokumente veröffentlicht haben

Die 50. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 27 neue Texte mit insgesamt 290.838 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter
– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

es gibt einen alten Grundsatz bei netzpolitik.org, der da lautet: Uns liegen Dokumente nicht nur vor, wir veröffentlichen sie auch. Die vergangene Woche war eine, in der wir dieser im Journalismus leider immer noch viel zu wenig verbreiteten Praxis alle Ehre gemacht haben. Wir halten die Veröffentlichung von Dokumenten im Volltext für wichtig, weil sich dann auch andere ein echtes Bild machen können. Nicht nur unsere Leser:innen, sondern auch andere Redaktionen. Journalismus wird besser überprüfbar, Politik besser begreifbar und mehr Spaß macht es auch.

In den zurückliegenden sieben Tagen haben wir in diesem Sinne eine Art Volltext-Festival veranstaltet. Wir haben nicht nur den Arbeitsstand des Gesetzentwurfes für das Onlinezugangsgesetz und den Entwurf zum Berliner Transparenzgesetz veröffentlicht, sondern auch gleich drei Mal Dokumente im Volltext zur Chatkontrolle: angefangen mit eingestuften Drahtberichten aus Brüssel, weiter mit dem internen Positionspapier aus dem Bundesinnenministerium bis zu einer Stellungnahme zur Chatkontrolle, die dem Bundestag vorgelegt werden sollte.

Veröffentlichte Dokumente haben oft eine andere Wucht als eine Meldung, bei denen die Dokumente der Redaktion nur „vorliegen“, wie es dann oft heißt. Mit Dokumenten kommen die Tatsachen greifbar ans Licht der Öffentlichkeit – und sie üben politischen Druck aus, wie jetzt bei der Chatkontrolle.

Volltext-Woche bei netzpolitik.org!

Und als wäre das nicht genug, haben wir heute ein weiteres Großprojekt veröffentlicht: Seit Wochen arbeitete unser Team daran, die vollständigen Transkripte der Anhörungen im PEGA-Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlamentes zugänglich zu machen. Auf der Seite des Parlaments kann man zwar Videos der Sitzungen nachschauen. Verschriftlicht waren sie bislang aber nicht.

Dem EU-Parlament mit seinem 2‑Milliarden-Jahresbudget war die Erstellung von Wortprotokollen zu teuer. Deswegen haben wir als kleine Redaktion mit unserem 1‑Millionen-Jahresbudget diese Aufgabe auch noch übernommen. Es handelt sich schließlich um die umfangreichste parlamentarische Untersuchung zum Thema Staatstrojaner, die es je in der EU gab. Die bislang von uns veröffentlichen Transkripte kommen auf insgesamt 380.000 Wörter und 1,7 Millionen Zeichen. Volltext-Wochen bei netzpolitik.org!

Das alles ist nur möglich – und jetzt wisst ihr alle schon was kommt, denn das Jahr neigt sich dem Ende –, weil ihr unsere Arbeit für Transparenz, Privatsphäre und Grundrechte mit euren Spenden finanziert. Uns fehlen aktuell noch mehr als 369.000 Euro, damit wir im neuen Jahr genauso weitermachen können wie bisher. Jeder Betrag hilft. Daueraufträge helfen noch mehr.

Ein schönes Wochenende wünscht Euch allen

Markus Reuter

Unsere Artikel der Woche

#259 Off The RecordDu wachst auf, und dir fehlen 400.000 Euro

Keine Zeit im Jahr ist für uns so geschäftig, so brenzlig wie der Dezember. Denn erst jetzt erreicht uns der Löwenanteil der Spenden, die wir fürs ganze Jahr brauchen – hoffentlich. Wie fühlt sich ein 400.000-Euro-Defizit an, und was tun wir dagegen? Das und mehr in Podcast-Folge #259.

DegitalisierungJe mehr mitmachen, desto weniger kommt raus

Durch Deutschland weht gerade ein Wind des digitalen Aufbruchs. Wie schön. Aber nur weil man viel Geld, Personal und politischen Willen auf ein Problem wirft, wird es nicht automatisch besser gelöst. Unsere Kolumnistin schaut sich einige der Gründe dafür an.

Produzent des Ibiza-VideosPetition fordert Freiheit für Julian Hessenthaler

Trotz erheblicher Zweifel an dem Verfahren ist der Mann hinter dem Video, das in Österreich die Ibiza-Affäre auslöste, seit zwei Jahren in Haft. Eine Petition fordert nun seine Freilassung und eine staatliche Auszeichnung für ihn.

Filmtipp„Alles ist Eins. Außer der 0.“

Das Erste zeigt heute Nacht erstmals den Dokumentarfilm „Alles ist Eins. Außer der 0.“. Der Film erzählt die rund vierzigjährige Geschichte des Chaos Computer Clubs und seines legendären Gründers Wau Holland. Die Dokumentation geht dabei Fragen nach, die mit Blick auf die Digitalisierung auch heute noch hochaktuell sind.

ZensurheberrechtWie Bayern gegen Open Data und Energiewende vorgeht

Eine bayerische Landesbehörde zeigt den Datenjournalisten Michael Kreil an, weil er Verwaltungsdaten im Internet veröffentlicht hat. Kreil und die Gesellschaft für Freiheitsrechte klagen nun zurück: Sie wollen eine Grundsatzentscheidung, die dem Staat Exklusivrechte an Datensätzen abspricht.

Reform des OnlinezugangsgesetzesEntscheidende Standards fehlen noch immer

Das Onlinezugangsgesetz soll die Verwaltung digitalisieren. Da es bei der Umsetzung massiv hapert, plant die Ampel-Regierung eine Reform: das Onlinezugangsgesetz 2.0. Wir veröffentlichen den Arbeitsstand des Bundesinnenministeriums von Ende November und haben Expert:innen gefragt, ob dieser die bestehenden Probleme zu lösen vermag.

Positionspapier zu ChatkontrolleInnenministerin Faeser will Koalitionsvertrag brechen

Die Bundesinnenministerin will alle Chatnachrichten ohne Anlass durchsuchen. Das geht aus einem Positionspapier des Ministeriums hervor, das wir veröffentlichen. Im Koalitionsvertrag steht das Gegenteil. Koalitionspartner und sogar die eigene Fraktion kritisieren den Vorschlag heftig.

Tech-SolutionismusChatkontrolle ohne Folgenabschätzung

Der Entwurf der EU-Kommission zur Chatkontrolle steht massiv in der Kritik der Zivilgesellschaft. Die Debatte darum macht häufige Leerstellen und Fehlannahmen digitalpolitischer Gesetzgebungen sichtbar. Was auch fehlt: die feministische digitalpolitische Perspektive.

"Bro, lösch meine Nummer"TikTok verrät, wer Deine Nummer gespeichert hat

TikTok sammelt fleißig Telefonnummern und zieht daraus Schlüsse, wer mit wem vernetzt ist. Besonders eindrücklich zeigt das eine Funktion namens „Du bist in den Kontakten in dieser Person“. Datenschützer*innen warnen davor, die eigenen Kontakte leichtfertig freizugeben.

Vor EU-KonsultationNetz-NGOs wollen Netzneutralität retten

Bereits nächste Woche könnte die EU-Kommission einen Prozess starten, der die Netzneutralität in Gefahr bringt. Zivilgesellschaftliche Gruppen wollen dabei nicht nur größtmögliche Transparenz, sondern auch Mitsprache.

Streit um ChatkontrolleFDP und Grüne stellen sich gegen Faeser

Im Bundestag regt sich Widerstand gegen den Kurs von Innenministerin Faeser bei der Chatkontrolle. FDP und Grüne wollen den Bruch des Koalitionsvertrages keinesfalls hinnehmen. Sie streben eine Positionierung des Bundestages nach Artikel 23 des Grundgesetzes an. Wir veröffentlichen den Entwurf im Volltext.

Sachverständiger heimgeschicktSPD blockiert erneut Berliner Transparenzgesetz

Eigentlich wollte Rot-Grün-Rot in Berlin 2022 ein Transparenzgesetz verabschieden oder zumindest einen breit getragenen Kompromiss vorstellen. Doch vor der Wahl-Wiederholung tritt die SPD abrupt auf die Bremse: Eine Anhörung wurde abgesagt, der Sachverständige wieder nach Hause geschickt. Wir veröffentlichen den Entwurf dennoch.

FrankreichSelbstgemachte Ersatzteile aus dem 3D-Drucker

Die deutsche Politik unternimmt erste zaghafte Schritte hin zu einem Recht auf Reparatur. Das Nachbarland Frankreich wagt hingegen einen geradezu revolutionären Vorstoß: Die dortige Regierung hat das 3D-Drucken von Ersatzteilen erlaubt und zeigt damit, wie eine fortschrittliche und nachhaltige Politik aussehen kann.

Kampf gegen Missbrauch„Mir ist zum Glück noch nie ein Kind gestorben“

90 Familien parallel; ständig Überstunden; Kinder im Flur, bei denen man nicht weiß, wo sie die Nacht verbringen. Im Interview beschreibt ein Sozialarbeiter aus Berlin die Realität im Jugendamt – und was er von den Kinderschutz-Plänen der EU-Kommission hält.

Spende jetzt!381.000 Euro in zwei Wochen – schaffen wir das?

Das ist der kürzeste Spendenaufruf, den wir je veröffentlicht haben. Alles ist gesagt, alles ist klar: Wir brauchen noch 381.000 Euro in diesem Jahr. Denn der Kampf um digitale Grund- und Freiheitsrechte geht weiter. Dafür braucht es uns. Und dafür brauchen wir euch.

ChatkontrollePartei-Jugend erhöht Druck auf Nancy Faeser

Vor allem das Innenministerium von Nancy Faeser (SPD) drückte auf die Bremse bei einer klaren Position Deutschlands zur vielerseits kritisierten Chatkontrolle. Ungeduld zeigen jetzt auch die Jugendverbände von SPD, FDP und Grünen. Die Jusos fordern vom Ministerium ihrer Parteikollegin ausdrücklich Tempo.

Razzien gegen die "Letzte Generation"Wer radikalisiert sich hier?

Gegen Mitglieder der Letzten Generation wird wegen „Bildung krimineller Vereinigungen“ ermittelt. Das ist ein neuer Höhepunkt der Eskalation beim Vorgehen gegen die Klimaaktivist*innen und ermöglicht den Behörden, die Gruppe verstärkt zu überwachen. Ein Kommentar.

HinweisgeberschutzgesetzBundestag will Whistleblower:innen besser schützen

Mit kleinen Änderungen überwindet das Hinweisgeberschutzgesetz eine der letzten Hürden. So werden etwa anonyme Meldewege künftig Pflicht. Scheitern könnte das verspätete Gesetz allerdings noch im Bundesrat.

Twitter-ExodusLinks zu Mastodon twittern – verboten!

Seit Elon Musk als neuer Twitter-Chef Hetze und Chaos verbreitet, fliehen Nutzer*innen zu Mastodon. Jetzt blockiert Twitter viele Verlinkungen zur Twitter-Alternative. Sie werden als „potenziell schädlich“ bezeichnet und können nicht veröffentlicht werden.

Ampel-StreitDie Chatkontrolle ist noch lange nicht vom Tisch

Die Bundesregierung scheint sich endlich einig: Sie ist gegen die Pläne der EU, private Chats zu überwachen. Entwarnung bedeutet das nicht, denn noch ist über die Details nichts bekannt und ausgerechnet die Innenministerin soll die Ablehnung in Brüssel durchsetzen. Eine Analyse.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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