Datenschutz

Wie Mark Zuckerberg den US-Kongress in die Irre führte

Der Facebook-Chef warf bei der Anhörung vorige Woche geschickt Nebelgranaten. Heikle Fragen zur Verwendung von Nutzerdaten blieben unbeantwortet. Der Datenschutzbeauftragte der EU wirft dem Internetkonzern indes vor, seine User in „Laborratten“ zu verwandeln. Die Antwort der europäischen Politik auf den Skandal kommt aber nur langsam ins Rollen.

Die Woche danach: Die Anhörung Mark Zuckerbergs vor dem US-Kongress ist vorbei. Aber die Schlüsselfragen sind bei weitem nicht ausgeräumt. CC-BY-NC-ND 2.0 Joe Flood

In der Woche nach der Anhörung von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress wird immer mehr deutlich, wie sehr seine Antworten die Öffentlichkeit in die Irre führten. Zuckerberg betonte vor den Abgeordneten mit Nachdruck, dass seine Firma die persönlichen Daten seiner Nutzer nicht an Dritte verkaufe und der Datenabfluss zur dubiosen Firma Cambridge Analytica ein Fehler gewesen sei. Die Aufarbeitung der Anhörung in internationalen Medien weist auf die vielen Arten hin, in denen der Facebook-Chef Fragen nach der Datenverwendung durch seinen Konzern auswich, Desinformationen streute und selbst einfache technische Details nicht wusste oder wissen wollte.


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Hier ein kurzer Überblick über die Dinge, die Zuckerberg nicht sagen wollte:

– Der Facebook-Gründer zündete Nebelgranaten um die Frage, welche Nutzerdaten die Firma sammelt und speichert. Zuckerberg erklärte auf Anfrage des Kongressabgeordneten Jerry McNerney, dass Nutzer alle von ihnen selbst gegebenen Informationen herunterladen könnten. Die Formulierung umging aber die Tatsache, dass Facebook weitaus mehr andere Informationen über sie sammelt. Die Seite TechCrunch fasst zusammen, was in Zuckerbergs Antwort dazu fehlte:

Du wirst … keine Daten besuchter Webseiten in den Informationen finden, die du über sich selbst von Facebook anfordern kannst. Ebensowenig findest du eine komplette Liste an werbenden Firmen, die dich über Facebook mit ihren Anzeigen ins Visier nehmen. Auch wirst du andere persönliche Daten über dich nicht finden, etwa Bilder, die von anderen Nutzern hochgeladen wurden und von denen Facebook weiß, dass du darauf zu sehen bist. Oder Telefonnummern, die du Facebook nicht mitgeteilt hast, die aber trotzdem hochgeladen wurden, weil einer deiner Freunde seine Kontakte in die App hochgeladen hat und damit deine Nummer ohne deine Zustimmung übermittelte. [Eigene Übersetzung]

– Facebook erlaubt seinen Werbekunden auf gruselige Art Zugriff auf einzelne Nutzer und Nutzergruppen. Zuckerberg betonte vor den Abgeordneten, seine Firma verkaufe keine persönlichen Daten an Kunden weiter. Damit verschleiert er aber, dass Facebook seinen Kunden auf verschiedene Arten Zugang ermöglicht und Nutzerdaten zwar nicht direkt verkauft, aber effektiv die Aufmerksamkeit seiner Nutzer basierend auf ihren intimsten Daten vermietet. Eine Recherche von Vice News zeigt etwa, dass Facebook seinen Werbekunden erlaubt, gezielt ethnische Gruppen, einzelne Wahlbezirke oder etwa werdende Mütter anzusprechen. Auch können Kunden über „Custom Audiences“ die Kontaktdaten einzelner Nuttzer hochladen und gezielt bei diesen werben. Die Nutzer sind also gegenüber den Werbekunden von Facebook alles andere als anonym und können von diesen manipuliert und sogar diskriminiert werden.

– Facebook verspricht seinen Werbekunden Auskunft über zukünftiges Nutzerverhalten. Denn Facebook analysiert die von und über Nutzer gesammelten Daten auf zahlreiche Arten und auch unter dem Einsatz von selbstlernenden Algorithmen. Damit kann die Firma ihren Werbekunden über das seit 2016 existierende Angebot “FBLearner Flow” auch Einblicke in die Absichten und Wünsche von Nutzern bieten, berichtet The Intercept. Das macht deutlich, dass Facebook Nutzerdaten auf immer komplexere Arten auswertet und der Werbeindustrie zur Verfügung stellt.

– Zuckerbergs Ankündigung zur globalen Umsetzung der EU-Datenschutz-Grundverordnung ist irreführend. Mit äußerst geschickt formulierten Worten behauptete der Firmenchef, der Schutz der DSGVO erstrecke sich künftig auf Facebook-Nutzer auf der ganzen Welt. Damit bediente der Facebook-Chef die Wunschvorstellung zahlreicher Abgeordneter, der Konzern werde sich selbst regulieren und ein Eingriff der US-Gesetzgeber sei nicht notwendig. Allerdings zeigte sich in der Art, wie Zuckerberg seine Aussagen formulierte, dass er Nutzern keinesfalls echte Rechte einräumen möchte, sondern bestenfalls eine selektive Auswahl einiger Datenschutzmöglichkeiten zulassen wird, wie das Online-Magazin Slate schreibt. Das es sich um eine mit Absicht geworfene Nebelgranate Facebooks handelt, macht ein Blick auf Zuckerbergs Notizen klar, die ein Pressefotograf zufällig einfing: Darin heißt es, Zuckberg dürfe keinesfalls sagen, dass der Schutz der DSGVO bereits für alle Nutzer gelte.

Zwei Drittel der Amerikaner nutzen Facebook

Wie bedeutend Facebook für Werbung, Nachrichtenmedien und Politik inzwischen geworden ist, macht eine neue Umfrage des US-Instituts Pew Research Center deutlich. Laut der Erhebung nutzen zwei Drittel der erwachsenen Amerikaner das soziale Netzwerk und drei Viertel davon nutzen es täglich. Wie aus älteren Daten hervorgeht, lesen auch 45 Prozent der Amerikaner Nachrichten auf Facebook. Seine gewaltigen Nutzerzahlen räumen der Social-Media-Firma immense Marktmacht und Einfluss auf Politik und die Medienindustrie ein – das gilt auf beiden Seiten des Atlantiks.

Der Skandal um Cambridge Analytica weckt zudem geopolitische Ängste in Europa und den USA. Zahlreiche Politiker und Kommentatoren befürchten, Russland könne Facebook für Desinformationskampagnen nutzen. Das Narrativ wird durch einen aktuellen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters bestärkt: Der Wissenschaftler Aleksandr Kogan, der Cambridge Analytica die Daten von Millionen Amerikanern beschaffte, arbeitete demnach gemeinsam mit russischen Wissenschaftern an der Untersuchung des Verhaltens von Internet-Trollen.

Nutzer als Laborratten

In Europa kommt nun langsam die Reaktion auf den Datenskandal um Facebook ins Rollen. Das irische Höchstgericht bat vergangene Woche den Europäischen Gerichtshof um eine Entscheidung darüber, ob Facebook und andere Internetkonzerne die Daten europäischer Nutzer routinemäßig in die USA übertragen dürfen. Die zugehörige „Privacy Shield“-Übereinkunft zwischen EU und USA wird vom österreichischen Aktivisten Max Schrems angefochten.

Tätig werden will auch der neue Europäische Datenschutzausschuss. Der Verbund europäischer Datenschutzbehörden wird mit Inkrafttreten der DSGVO am 25. Mai geschaffen und gründet eine Arbeitgruppe zu sozialen Medien, die deren Vorgehen unter die Lupe nehmen wird. „Eine Entschuldigung allein reicht von einer milliardenschweren Social-Media-Plattform nicht“, sagte die Ausschuss-Vorsitzende Andrea Jelinek in einer Presseerklärung. Der EU-Datenschutzbeauftragte Giovanni Buttarelli betonte in einem Interview, Facebook müsse nun seine Versprechungen zur Umsetzung des neuen EU-Datenschutzgesetzes in die Praxis umsetzen. Nutzer seien bisher als „Laborratten“ zur Daten-Erzeugung verwendet worden.

Das Thema bleibt ein Monat nach den neuen Enthüllungen über Cambridge Analytica auf der politischen Agenda. Diese Woche debattieren die EU-Institutionen im Europäischen Parlament den Skandal um Facebook. Auch der Innenausschuss des Bundestags beschäftigt sich diese Woche damit. Allerdings herrscht zumindest in der deutschen Politik noch einigermaßen Ratlosigkeit über das bestmögliche Vorgehen. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) räumte etwa gegenüber dem Tagesspiegel ein, dass die Bundesregierung „dazu noch kein fertiges Patentrezept“ habe. Während die neuen Datenschutzbestimmungen in den EU-Staaten die Nutzerrechte stärken, ist ein systematisches Vorgehen gegen das ausbeuterische Geschäftsmodell von Facebook und anderen Firmen vorerst unwahrscheinlich. Mark Zuckerberg kann sich erstmal beruhigt zurücklehnen.

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9 Kommentare
  1. Nur eine Vermutung: Die EU ist nicht wirklich am Datenschutz interessiert. Sie möchte vielmehr die Daten der EU Bürger deswegen in der EU gespeichert wissen, um sie selbst auswerten oder an EU Firmen verscherbeln zu können.

  2. Wenn Facebook keine CIA =

    https://de.wikipedia.org/wiki/In-Q-Tel

    -Gründung ist, dann hat die In-Q-Tel einen Fehler gemacht!

    Was ich sagen will: Wer glaubt, dass patriotische US-Amerikaner, wie die Kongressmitglieder, nicht die Vorteile abwägen, die Facebook für die Totalspionage der NSA/CIA bietet, der ist … kein US-Patriot!

    Die fördern doch nicht auf der einen Seite gezielt solche Unternehmen, um sie dann zur stumpfen Waffe zu machen!

    Uns verkaufen Sie die CEOs ihrer Fördergeld-gepamperten Unternehmen als „Genies!“ aus „Harvard“ und „Silicon Valley“, damit wir nicht merken, wieviel öffentliches Geld dahintersteckt.
    Subventionieren wir aber mal Airbus, verklagen uns die USA umgehend ….

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