Öffentlichkeit

Facebook und der Journalismus: Eine Geschichte voller Missverständnisse

Europas Nachrichtenseiten sind voll vom Datenskandal um Cambridge Analytica. Beim buntesten Journalismuskongress in Europa fiel der Name der Datenfirma aber praktisch nicht, obwohl stundenlang über Facebook debattiert wurde. Denn aus Sicht der Medienhäuser ist nicht die Preisgabe von Nutzerdaten das Problem mit Facebook – sondern bloß ihr geringer Einfluss auf den Internetgiganten.

Im schmucken Städtchen Perugia feiert Europas Medienelite sich beim jährlichen Journalismusfestival selbst. Hauptsponsoren: Facebook und Google. CC-BY 2.0 Roberto Taddeo

In der schmucken Renaissancestadt Perugia in Oberitalien gibt sich Europas Medienbranche jedes Jahr ein Stelldichein. Von der BBC bis zur Bild-Zeitung schicken große Medienhäuser und Institutionen ihre Journalisten, Manager und Experten, um beim Internationalen Journalismusfestival zwischen Wein und Pizza über die Zukunft der Medien zu philosophieren. Hauptsponsoren des Journalismus-Spektakels sind, passend zum Zustand der europäischen Medienbranche, Google und Facebook.


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Facebook steht in Perugia nach der Anhörung von Konzernchef Mark Zuckberg im US-Kongress im Rampenlicht. Die Facebook-Managerin Campbell Brown sagte ihre geplante Rede am Tag des Festivalbeginns ab. Doch trotz des spektakulären, unbegründeten Rückziehers kam der Datenskandal um Cambridge Analytica kaum zur Sprache. Das Stichwort Facebook löste unter den Branchen-Gurus in Perugia gänzlich andere Reflexe aus.

Facebook-Stiftung soll Medien finanzieren

Für die Branche ist der Skandal am Verhalten Facebooks nämlich nicht die Preisgabe der Privatsphäre der Nutzer, sondern die wirtschaftliche Ausbootung der Verlage durch den Konzern. Facebook müsse einen Teil seiner Einnahmen in eine Stiftung zur Finanzierung der Medien einbringen, sagte der New Yorker Journalismus-Professsor Jay Rosen. Ähnlich argumentierte auch Craig Silverman von Buzzfeed News: Facebook solle nicht nur Medienorganisationen finanzieren, sondern auch Journalismus-Ausbildung und andere Medieninitiativen. Kurzum: Die Branche will die Hand aufhalten und sich vom Großen Bruder Facebook das Schweigen über dessen Geschäftspraxen erkaufen lassen.

Facebook und Google zogen in den vergangenen Jahren den Markt für digitale Werbung fast völlig an sich. 2017 gingen laut einer Schätzung 84 Prozent der globalen Einnahmen (mit Ausnahme des chinesischen Marktes) an sie. Damit bescherten sie vielen kommerziellen Medien, die sich über Werbung finanzieren – Nachrichtenseiten, aber auch Printzeitungen und TV-Sender – herbe Verluste. Und noch schlimmer: Die Medien fühlen sich zunehmend in der Abhängigkeit der Plattformen dabei, Leser zu ihren Inhalte zu lenken. Das ist kränkend für die, die sich als Leitmedien verstehen.

Machtvolle Grinsegesichter

Facebook lässt die Medienorganisationen nur allzu deutlich seine Überlegenheit spüren. „Smiley faces“ nennt der frühere Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger die Vertreter des Zuckerberg-Konzerns, „Grinsegesichter“. Wer mit Vertretern des Facebook-Konzerns über ihre Rolle in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung und der Verbreitung von Nachrichten redet, der kriegt meist glattgebügelte PR-Antworten ohne Inhalte. Zudem verändert Facebook alle paar Monate den Newsfeed-Algorithmus und verändert damit die Art, wie Nutzern Nachrichtenartikel angezeigt werden. Das treibt die Social-Media-Manager von Medien und Experten beinahe zur Weißglut.

Facebook maße sich durch einen Newsfeed-Algorithmus die Entscheidung über die Verbreitung und Qualität journalistischer Inhalte an, sagt der Journalismus-Professor Rasmus Kleis Nielsen von der Universität Oxford. „Es ist aber nicht die Rolle Zuckerbergs, zu entscheiden, was gut für uns ist.“ Der Wissenschaftler fordert mehr Kooperation zwischen Plattformen und Medienverlagen. „Wir brauchen etwas wie eine UNO oder eine EU, eine Entität zur technischen Zusammenarbeit.“ Damit will Kleis Nielsen sicherstellen, dass die Interessen der Medien berücksichtigt werden. Wie die Medien dann aber unabhängig von Google und Facebook bleiben können, sagt er nicht.

Facebook legt zunächst mal ohnehin nicht viel Wert auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Medien. In Perugia umriss der Facebook-Vertreter Nick Wrenn die neuesten Änderungen im Newsfeed. Um Nachrichtenartikel prominent im Newsfeed erscheinen zu lassen, braucht es nicht wie bisher viele Likes und Shares, sondern es kommt nur noch auf die Zahl der Kommentare an. Auch sollen Medien künftig mit ihren Lesern in Gruppen auf Facebook interagieren. Die Änderungen laufen darauf hinaus, dass Medien mehr Zeit mit der Leserbetreuung auf Facebook verbringen. Die Plattform zeigt den Verlagen damit, was sie als ihre Rolle sieht: Als Gratis-Moderatoren und willfährige Content-Produzenten.

Medien-Guru Jeff Jarvis in der mittelalterlichen Stadthalle von Perugia

Die Branchen-Gurus unterliegen dennoch dem Missverständnis, dass sich die Internet-Konzerne zähmen lassen. Facebook werde seine Rolle noch finden und den Medien dabei helfen, sich zu finanzieren und Publikum zu finden, erklärte der Journalismus-Allzweck-Experte Jeff Jarvis, der in Perugia bei mehreren Veranstaltungen das Wort führte. Facebook werde, wie zuvor Google, noch lernen, ein Partner für die Medien zu sein.

Die Häme Googles

Tatsächlich konnte sich Google-Vertreter Madhav Chinnappa eine Spitze gegen den Konkurrenten nicht verkneifen. Google habe gelernt, mit den Medien in Dialog zu treten und zusammenzuarbeiten, sagte Chinnappa dem Festivalpublikum. „Ich habe mal zu Facebook gesagt, sie sollten auch mehr davon machen.“

Während Facebook die Begehrlichkeiten der europäischen Medienbranche weckt, hat Google es in der Tat verstanden, die Verlage durch Millionenausgaben für Innovationsprojekte, Schulungen und Nachwuchsförderung zu besänftigen. Von der Marktmacht des Alphabet-Konzerns ist in Perugia praktisch nichts zu hören. Vielleicht auch nur deshalb, weil den versammelten europäischen Medienmanagern die Cocktails am Google-Empfang so gut schmeckten.

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11 Kommentare
  1. Nicht nur auf Europas Nachrichtenseiten, auch hier sind die Artikel voll vom Thema Facebook. Ausschließlich negativ natürlich. Trotzdem ist netzpolitik.org immer noch auf FB vertreten. Trotzdem ist der Like Button (in datenschutzfreundlicher Variante) immer noch unter jedem Artikel. Euer Argument Reichweite um jeden Preis ist nicht mehr nachvollziehbar. Solange ihr FB weiter mit Inhalten füttert und mit der Plattform interagiert, solange haben andere Nutzer einen Grund mehr auch auf FB zu bleiben. Dass selbst Seiten wie netzpolitik.org es nicht schaffen sich von FB zu lösen ist für mich fast das Traurigste an der ganzen Geschichte. Es zeigt wie abhängig wir mittlerweile von FB sind und sich nicht mal große Kritiker von FB trauen den einzig wirklich wirkungsvollen Schritt zu machen: #deletefacebook.

  2. Jetzt wird die Sache langsam klarer, warum die im Wettbewerb stehenden Medien so gegen Facebook hetzten (und ihnen der Datenschutz am Popo vorbei geht, wenn ein EU-Wissenschaftler illegal personenbezogene Daten in de EU verkauft, obwohl doch angeblich in der EU der Datenschutz so streng sein soll).
    Aber die Damen und Herren vom Journalismus werden sich entscheiden müssen: entweder öffentlich-rechtlich (wie ARD und ZDF) oder marktwirtschaftlich. Der Dritte hier diskutierte dritte Weg (Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren), dass Gewinn im Wettbewerb Verlierer, deren Geschäftsmodell nicht funktioniert, finanzieren sollen, ist besonders absurd. Und der Versandhandel finanziert dann den stationären Handel, wenn der kein tragfähiges Geschäftsmodell hat? Krankenhäuser finanzieren niedergelassene Landärzte, wenn die Kundschaft weg stirbt? Wie blöd will man sich noch im Journalismus von unserer Freiheitlich Demokratischen Grund Ornung wegentwickeln und bei individuelle Missperformance nach Sozialismus rufen?
    Ich fand ja auch bemerkenswert, dass das Landgericht Berlin Facebook verboten hat, einfach ohne Richter mit selbsternannten Scharfrichtern die Meinung anderer zu löschen.
    Das wird auch viele Zeitungen treffen, die die katholische Zensur als Vorzensur mit selbsternannten „Community Managern“ tradieren oder die Vorzensur gleich maschinell machen und es zynisch Spamfilter nennen. Na, wir werden den Journalismus schon noch mit unserem Gesellschaftssystem anfreunden und auch ihn in die Neuzeit führen. Hexenverbrennung., Inquisition, Kreuzzüge von Kriegsverbrecher wie heute in Syrien oder Vorzensur wie bei den Katholiken braucht man heute nicht mehr.

    1. Die einen sagen FISA, die anderen Pfizer. Und dann treffen sich alle bei Facebook am Potse. Oder doch lieber bei den TOP 10 des neuesten Ärzte-Rankings?

  3. Schon Cato der Ältere sagte immer in etwa: „Ceterum censeo Facebook esse delendam“. In die heutige Sprache übersetzt bedeutet das „#deletefacebook“.

  4. Genau das!

    Seit Jahren wundere ich mich darüber warum Posts bei FB als „Nachrichten“ verklärt werden (oder noch krasser, die bei Twitter wo anonymität ein Grundpfeiler vieler Accounts ist) und mit den Schlagwörtern FakeNews- und Wahleinmischungskampagnen zu einer Art Systemwichtigen Plattform gepusht wurde.

    Im zusammenhang mit den „Urheber“ Gesetzen, die in der EU geplant werden (und daher kaum jemand mitbekommt), schaffen sich die Medien nun einen riesigen Apparat der sie finanzieren soll (und sie werden es schaffen).

    Ähnlich wie der öffentlich rechtlich Rundfunk wird er allein durch seine Größe nicht zu stoppen sein. Wer will es den Menschen vorwerfen, wenn es um Milliardenumsätze geht, an denen viele partizipieren werden.

    Jeder Germanistikstudent bekommt feuchte Augen, wenn er oder sie die Versorgung beim ZDF sieht und sie in greifbare Nähe rückt. Das was hier voran getrieben wird, ist so etwas wie die GEZ für die schreibende Zunft, finanziert durch unsere Internetgebühren, der Traum aller Geisteswissenschaftler.

    Das Traurige dabei ist, dass dabei der Jounalismus zugrunde geht. Es gibt kaum noch welchen der wirklich kritisch und investigativ hinter die Kulissen der Wirtschaft und Politikgrößen blickt. So verwundert es auch nicht wenn jede größere Reportage heute als „das“ Investigative Projekt beworben wird und dann nach kurzer Zeit nicht mehr davon gesprochen wird)

    Wir Verbraucher sollen mit Wohlfühl- und Empörungreportagen – wo dann monatelang über die Verfehlungen eines Regiesseurs in den 80’ern berichtet wird – bei der Stange gehalten werden und durch verdeckte Gebühren bezahlen. (wobei wir nicht unschuldig daran sind, da wir es zugelassen haben, dass google und FB zu solchen Größen wurden)

    Aber wer oder was sollte das stoppen?

    Alle wichtigen Medien lieben Facebook, weil es „das Internet“ so einfach macht und die Politik ist auf die Medien angewiesen.

    Aber jede Bewegung, die aus der Gesellschaft kommt und (ungewünschte) Veränderungen hervorrufen könnte, wird schnell diskreditiert. Das läßt sich aktuell wieder an der Streikberichterstattung erkennen. Es wird häufig über die Folgen für die Menschen und die Kosten berichtet, aber kaum über das Anliegen.

    Das Schlimme daran ist, das sind Resourcen, die anderswo fehlen.

    Wer z.b. sich mal die Rentenversorgung eines Mitarbeiters bei den ÖR anschaut und die einer Aldiverkäuferin wundert sich nicht, dass die Empörung über die Forderung der Abschaffung einer GEZ Gebühr deutlich größer ist, als die Absenkung des Rentenniveau auf 44%!

    Ein Hoch auf die „Solidarität“ der Journalisten!

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