Bis vor ein paar Tagen lief die dritte Leserumfrage der netzpolitik.org-Geschichte, die uns einige Einblicke in die Nutzungsgepflogenheiten und Wünsche unserer Leserschaft verschaffen sollte. Wir haben Fragen gestellt über Lesegewohnheiten und inhaltliche Interessen und wollten Vorschläge sammeln für unsere künftige Ausrichtung und Finanzierung. Wie schon bei der letzten Umfrage war es auch diesmal eine besondere Freude, die Freitextfelder auszuwerten! Bei allen, die sich am Ausfüllen des Fragebogens beteiligt haben, möchten wir uns bedanken. Wir werden die Ergebnisse in mehreren Artikeln veröffentlichen und freuen uns über Kommentare und Interpretationen der Antworten.
Die Auswertung bezieht sich auf insgesamt 3.284 Datensätze von denjenigen, die unsere Umfrage bis zum Ende durchgeklickt haben. Nicht alle haben dabei alle Felder vollständig ausgefüllt. Aber faul waren die Teilnehmer wahrlich nicht: Knapp einhundert Seiten Freitextkommentare haben wir gelesen. Grundsätzlich können wir trotz der gestiegenen Teilnehmerzahl im Vergleich zu den letzten Umfragen im Jahr 2012 und im Jahr 2015, die wir zusammen mit der studentischen Gruppe „Effi Beißt“ durchgeführt hatten, aber weiterhin nicht von einer Repräsentativität für alle unsere Leserinnen und Leser ausgehen.

Dennoch erlaubt die Auswertung Einblicke in die Zusammensetzung und Interessen unserer Leser. Heute betrachten wir vor allem die Fragen nach Präferenzen bei künftig gewünschten Inhalten und Formaten. Außerdem werten wir aus, welche journalistischen Inhalte unsere Leserschaft finanziell unterstützt.
Nicht alle Teilnehmer der Umfrage wussten so genau, wie sich netzpolitik.org finanziert. Eure Spenden sind die Grundlage, auf der wir unsere journalistische Arbeit aufbauen können. Wir finanzieren uns fast ausschließlich durch Eure Unterstützung und sind stolz darauf.
Was fehlt?
Auf die Frage, welche Themen und Formate nach Meinung unserer Leser bei uns fehlen oder häufiger vorkommen sollen, haben wir seitenlange Antworten in den schon das letzte Mal gern genutzten Freitextfeldern bekommen. Die häufigste Bemerkung zu fehlenden Themen, wenn auch knapp, ist eine Variante von „keine“. Die Mehrzahl der Antwortenden (2.859 Personen, 87 Prozent) ist offenbar ganz zufrieden mit unserer Themenauswahl und der Mischung. Das ist erfreulich, interessanter in der Auswertung sind allerdings die Wünsche, die an uns herangetragen werden.
Die häufigste Antwort auf die Frage, was mehr gewünscht wird, war die investigative Recherche. Die Hälfte der Umfrageteilnehmer (1.823 Personen) würde das künftig bei uns mehr lesen wollen. Inhaltlich damit verwandt und auf dem zweiten Platz der Wünsche sind „mehr Hintergründe und Einordnungen“ (1.556 Personen).
Überraschend für uns ist die hohe Zustimmung für „Weltweite netzpolitische Nachrichten“, das von mehr als einem Drittel der Umfrageteilnehmer künftig gern gesehen wäre. Die Frage ist natürlich, was damit gemeint ist. Wenn vor allem Berichterstattung über die Vereinigten Staaten und das europäische Ausland gewünscht wäre, ist der hohe Wert weniger überraschend. Wenn allerdings tatsächlich weltweit im Wortsinne gemeint ist, müssen wir uns doch ganz schön strecken. Vielleicht habt Ihr Kommentare dazu, die weiterhelfen.
Ein Schwerpunkt bei den Antworten zu fehlenden Inhalten war die Hilfe zur Selbsthilfe. „Mehr Hinweise für Laien zur Sicherung des eigenen Computers“ oder „Tutorials“ wünschen sich unsere Leser, aber auch Hilfestellung bei Browser-Plugins, Verschlüsselung, Software-Auswahl und generell IT-Sicherheitsthemen. Dadurch, dass eine ganze Reihe der Kommentare in diese Richtung geht, ist das für uns ein klarer Auftrag.
Wir haben solche Selbstverteidigungsartikel natürlich schon öfters geschrieben, stehen aber bei solchen technischen Hinweisen und Hilfestellungen vor dem bekannten Problem, dass sie schnell veralten. Da wir bei solchen Texten oft einen „long tail“ haben, also auch nach Wochen und Monaten noch viele Leser hinklicken, sehen wir uns vor dem Dilemma, dass man solche Hinweise regelmäßig aktualisieren, bereinigen oder Links nachtragen müsste, damit neue Entwicklungen oder entstandene technische Probleme aufgenommen werden. Falls jemand Ideen hat, wie wir dieses Problem möglichst zeiteffizient angehen könnten, wären wir höchst erfreut über Kommentare. Wenn jemand jetzt „Wiki“ antworten will: Bitte nicht!
Nicht immer waren die Freitextantworten bei dieser Frage auf inhaltliche Themenvorschläge bezogen, sondern auch auf die Art der Texte. Gelobt wurde etwa, dass wir manchmal „Hinweise auf akademische Texte“ anbieten, die offenbar auf Zuspruch stoßen. Allerdings: „Davon könnten (unregelmäßig) mehr kommen.“ Was ansonsten noch mehrfach gewünscht wurde, waren Hinweise auf spannende Projekte, die an freier Hard- oder Software arbeiten, oder auf zivilgesellschaftliche Initiativen. Auch ein netzpolitischer Veranstaltungs- und Demonstrationskalender wird in mehreren Freitextfeldern angesprochen, der möglichst nicht zu Berlin-lastig ausfallen soll.
Insgesamt ist aus den Freitextfeldern zu Inhalten und Formaten sehr klar ersichtlich, dass wir es mit einer Leserschaft mit aktivistischem Hang zu tun haben, die Freier Software, dezentralen freien Diensten, generell Alternativen zum Herkömmlichen und im Grunde der digitalen Weltverbesserung stark zugeneigt ist. Vielfach gewünscht werden übrigens noch Leaks. Da hätten wir auch nichts gegen einzuwenden.
Bezahlte journalistische Angebote
Obwohl wir keine Pläne haben, exklusiv zu bezahlende Inhalte bei netzpolitik.org anzubieten, hat uns generell interessiert, ob unsere Leser bezahlte journalistische Angebote nutzen und welche das sind. Da wir in der Redaktion zu einem guten Teil selbst News-Junkies sind, lässt sich aus den Antworten für uns ablesen, welche Art der journalistischen Inhalte unsere Leser schätzen und finanziell unterstützen. Mit sehr wenigen Ausnahmen bei Fachzeitschriften waren uns die in den Freitextantworten angegebenen Medienangebote und ihre Formate bekannt.
Bei der Auswertung haben wir nicht zwischen gedruckten oder online verfügbaren Inhalten unterschieden. Ob man also ein Papierzeitungsabo, eine bezahlte Online-Ausgabe oder eine Artikelbezahlung angegeben hat, spielt keine Rolle. Die Mehrheit mit über 57 Prozent unserer Leser nutzt überraschenderweise keinerlei Bezahlangebote und unterstützt keine Journalisten oder ihre Medien durch freiwillige gelegentliche oder regelmäßige Zahlungen. Die Gründe dafür werden nur teilweise offengelegt und großteils mit Geld- und Zeitknappheit und mit Qualitätsbedenken begründet. Mehrfach wird vorgebracht, dass man verpflichtend für öffentlich-rechtliche Angebote zahlen müsse, deswegen für keine anderen journalistischen Inhalte finanzielle Unterstützung aufbringen wolle. Vielleicht gehen wir auf diese Antworten in einer späteren Auswertung nochmal genauer ein.
Ein großer Anteil von knapp vierzig Prozent bezahlt regelmäßig oder gelegentlich für journalistische Inhalte. Insgesamt betrachtet zahlt diese Minderheit von unseren Lesern, vor allem wenn man die große Menge an angegebenen Lokalzeitungen mitrechnet, sehr viel häufiger an Großverlage als an kleinere journalistische Angebote. Das Verhältnis ist etwas über zwanzig zu eins.
Da wir in einem Extra-Freifeld wissen wollten, welche konkreten journalistischen Angebote gegen Geld erstanden oder mit Spenden unterstützt werden, können wir auf der Basis dieser Freifeldangaben einen kleinen Einblick in die Lesegewohnheiten geben: Wenn man sämtliche angegebene Lokalzeitungen und die verschiedenen Wissenschafts- oder Fachzeitschriften sowie bezahlte Inhalte für spezielle Interessen und Hobbies rausrechnet, die eine jeweils große Sammelkategorie darstellen, dann liegt bei den bezahlten journalistischen Inhalten die taz aus Berlin klar vorn in der Gunst der netzpolitik.org-Leser.
Man kann spekulieren, woran das liegt: Ist es die inhaltliche Ausrichtung der Zeitung? Sind die Bezahlwege angenehm niedrigschwellig und vielschichtig gebaut, so dass für jeden potentiellen Unterstützer was dabei ist? Wird man beim taz-online-Besuch durch die Vorschaltseite so augenfällig darauf hingewiesen, dass dies Wirkung zeigt? Wirkt die Tatsache, dass die Zeitung unabhängig ist, als Unterstützungsmagnet? Oder alles zusammen? Wir hätten ganz gern Eure Meinung dazu, warum die taz in unserer Leserschaft so deutlich führt.
Eine Fachzeitschrift sticht bei den bezahlten journalistischen Angeboten so stark hervor, dass wir sie speziell erwähnen müssen: Der taz dicht gefolgt ist nämlich die Zeitschrift c’t, von der man wohl mit Fug und Recht sagen muss, dass sie – anders als die taz – außerhalb der Community der technisch interessierten Menschen wenig Bekanntheit haben dürfte. Diese c’t‑Anomalie ist der Tatsache geschuldet, dass unsere Leserschaft mehrheitlich in technischen Berufen arbeitet. Dazu wird der nächste Teil unserer Auswertung mehr erklären.
Dahinter folgen ungefähr gleichauf der SPIEGEL und Die Zeit, wobei wir bei allen Zeitungen und Zeitschriften Print- und Online-Bezahlvarianten zusammengezogen haben. Da SPIEGEL-Online die erfolgreichste Online-Zeitung in deutscher Sprache ist, in sehr schneller Folge neue Inhalte anbietet und die Abonnenten der Papierzeitschrift dazugerechnet wurden, überrascht das Ergebnis eher in Hinblick auf Die Zeit. Die Süddeutsche Zeitung liegt dann knapp dahinter. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist dagegen unter unseren Lesern schon mit einigem Abstand abgeschlagen und wird nur halb so oft wie die SZ angegeben.
Bei den englischsprachigen Bezahlinhalten ist mit großem Abstand die New York Times an erster Stelle, allerdings sind die obengenannten deutschen Angebote allesamt öfter erwähnt worden. Den britischen The Guardian mögen unsere Leser ebenfalls und bezahlen dafür gelegentlich und freiwillig, aber nur halb so oft wie bei der NYT.

Interessant ist noch, dass eine Plattform wie Blendle ungefähr genauso häufig genannt wird wie die NYT, auch Übermedien fällt noch als gern unterstütztes Angebot auf, ebenso wie krautreporter, Patreon und Perspective Daily, die aber seltener genannt werden. Eine Schwäche haben unsere Leser außerdem für Podcasts, an die freiwillig Geld als Unterstützung gezahlt wird.
Eine gewisse politische Orientierung
Mit Blick auf das deutschsprachige Ausland sind namentlich drei Zeitungen und Zeitschriften mehrfach genannt, die von unseren Lesern für ihre Inhalte bezahlt werden: aus der Schweiz die Neue Zürcher Zeitung, aus Österreich der Standard und der Falter.
Einige andere bekannte Zeitschriften finden noch gehäuft Erwähnung in den Freitextfeldern, dazu gehören das Missy-Magazin, The Economist, Der Freitag, das Neue Deutschland, das Handelsblatt, die Junge Welt, aber auch das Bildblog. Sie alle werden von unseren Lesern finanziell unterstützt, allerdings bei weitem nicht so oft wie die Vorgenannten. Die politische Spannbreite ist recht groß, schließlich liegen zwischen der Jungen Welt und The Economist gewissermaßen ideologische Welten.
Auch wenn sich Zeitungen und Zeitschriften gern mit einer Vielfalt der Meinungen und einer gewissen Überparteilichkeit brüsten, ist es kein Geheimnis, dass den überregionalen Zeitungen eine politische Orientierung anhaftet. Von den großen Tageszeitungen in Deutschland ignorieren unsere Leser zwei. Sie werden jeweils unter allen Angaben nur einmal als finanziell unterstützt genannt: die Welt und BILD. Damit zeugen die Freitextfelder auch davon, dass die politischen Orientierungen rechts und gemäßigt rechts nicht viel Anklang finden – zumindest nicht, was das Bezahlen für journalistische Inhalte angeht. Dem auflagenstärksten Verlag im Tageszeitungsmarkt, der Axel Springer SE, ist unsere Leserschaft jedenfalls finanziell nicht gewogen.
Kein einziger Umfrageteilnehmer hat ansonsten einen Titel der Boulevardpresse angegeben, der regelmäßig oder gelegentlich finanziell unterstützt wird. Wir halten also fest: Unsere Leser stehen auf Qualitätsjournalismus. Das kann uns nur ein Auftrag sein.

