Pressefreiheit

  • : „Google hat ein wirtschaftliches Interesse an Meinungsfreiheit“
    „Google hat ein wirtschaftliches Interesse an Meinungsfreiheit“

    Am gestrigen Nachmittag lud Google in Berlin zu der Veranstaltung Breaking Borders, wo eine Reihe illustrer Namen über die Meinungsfreiheit im Zeitalter des Internets diskutierten.

    Der Gesamttenor des Nachmittags mit drei Keynotes und einer Podiumsdiskussion war eindeutig, dass „Internet und neue Medien helfen, Redefreiheit auszuweiten“, wie es der Generalsekretär der Reporter ohne Grenzen, Jean-François Julliard, formulierte. Von der in gewissen Kreisen gehegten Mentalität, den Medienwandel nicht wahrhaben zu wollen, war nichts zu spüren. Der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland, wurde da sehr deutlich:

    The internet is helping people develop the world – either you understand this or you will disappear like the Communist regimes.

    Interessant war, die Haltung von Google zur Redefreiheit zu hören. Rachel Whetstone sprach davon, dass Google ein wirtschaftliches Interesse an Redefreiheit habe: „Je mehr Informationen sich online befinden, desto größere Möglichkeiten haben wir, Geld zu verdienen.“ Deutlich wird, dass Google Informationen vor allem quantitativ sieht. Dazu, dass der Konzern unter anderem in China seine Suchergebnisse zensiert, meinte Whetstone: „Es ist beser, einen Großteil der Informationen anzubieten als überhaupt keine Informationen.“ In solchen repressiven Regimes wirke das Internet wie eine Bresche in einem Damm.

    4. November 2009
  • : „Threatened Voices“ dokumentiert die Verfolgung von Bloggern
    „Threatened Voices“ dokumentiert die Verfolgung von Bloggern

    Global Voices Advocacy hat gestern sein neuestes Projekt gelauncht, Threatened Voices. Die Seite ist schon jetzt die wohl umfangreichste Informationsquelle zu politischen Repressionen gegen Blogger. Sami ben Gharbia schreibt in seiner Einführung:

    Today, Global Voices Advocacy is launching a new website called Threatened Voices to help track suppression of free speech online. It features a world map and an interactive timeline that help visualize the story of threats and arrests against bloggers worldwide, and it is a central platform to gather information from the most dedicated organisations and activists.

    Die Seite enthält Profile der einzelnen Betroffenen mit genauen Angaben zu ihrer Situation. Auf einer Karte wird die weltweite Verteilung der Fälle visualisiert, die sich auch nach der Situation der Blogger – ob inhaftiert, freigelassen oder bedroht – aufschlüsseln lässt. Eine Zeitleiste gibt zudem Übersicht über die historische Entwicklung.

    In Zukunft soll Threatened Voices als Plattform zum Crowdsourcen von Informationen zu Bedrohungen und Verhaftungen von Bloggern etabliert werden. Neue Einträge können über ein einfaches Formular beigetragen werden.

    Die bisher von einem Freiwilligen-Team, an dem auch ich mich beteiligt habe, zusammengetragene Datenbank ist bereits ausgesprochen umfangreich. In Zukunft soll die Seite auch eine API erhalten, um einen Zugriff auf die Datenbank zu ermöglichen.

    4. November 2009
  • : Press Freedom Index 2009: Reporter ohne Grenzen kritisieren europäische Staaten
    Press Freedom Index 2009: Reporter ohne Grenzen kritisieren europäische Staaten

    Die Reporter ohne Grenzen haben erneut ihren jährlichen Index zur Pressefreiheit in der Welt herausgegeben. Die Organisation hinterfragt dabei die Vorbildrolle Europas:

    It is disturbing to see European democracies such as France, Italy and Slovakia fall steadily in the rankings year after year,

    erklärte der Generalsekretär Jean-François Julliard. Deutschland hat sich allerdings leicht verbessern können und ist in der Liste von Platz 20 auf 18 gestiegen. In den USA gibt es einen regelrechten „Obama-Effekt“, die Vereinigten Staaten haben sich von Platz 40 auf 20 verbessert. Die RoG schreiben das auch dem neuen Präsidenten zu, obwohl der Beobachtungszeitraum vom 1. September 2008 bis zum 31. August 2009 lief, Obama also einen großen Teil der Zeit gar nicht im Amt war.

    20. Oktober 2009
  • : Primacall hat Klage gegen Spreeblick eingereicht
    Primacall hat Klage gegen Spreeblick eingereicht

    Der Telekommunikationsanbieter Primacall hat in Hamburg Klage gegen Spreeblick eingereicht. Der Streitwert liegt bei 10.000 Euro und das angedrohte Ordnungsgeld bei 250.000 Euro. Der Fall geht zurück ins Jahr 2007, wo Spreeblick einen ehemaligen Mitarbeiter des Unternehmens zu den Geschäftspraktiken interviewt hat (Da Spreeblick gerade Last-Probleme hat: Hier ist der Artikel im Google-Cache). Das Interview wollen sie wohl immer noch raus haben. Spreeblick sichtet erstmal die Klage mit einem Anwalt und meldet sich dann ausführlich. Erst nach Sichtung kann man sagen, ob man klagen wird oder der Löschungsaufforderung nachkommt.

    Primacall scheint wohl keine Relevanz für die Wikipedia zu haben. Ein Artikel wurde gelöscht. Das Spreeblick-Interview dürfte wohl bald auch bei Wikileaks & Co stehen.

    Die Klage dürfte wohl eine PR-Kampagne für die umstrittenen Geschäftspraktiken der Firma Primacall sein. Bei Google findet man so allerhand. Falls Ihr darüber bloggt: Seid vorsichtig, wie Ihr was formuliert.

    3. September 2009
  • : Ursula von der Leyen und die Pressefreiheit
    Ursula von der Leyen und die Pressefreiheit

    Die CDU hat ein merkwürdiges Verständnis von Pressefreiheit, wie ein Kamera-Team von SpiegelTV live mitschneiden konnte. Schaut selbst:

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    21. August 2009
  • : Heute Nachmittag: Taz-Diskussion um WM-Boykott
    Heute Nachmittag: Taz-Diskussion um WM-Boykott

    Heute gibt es zwischen 14–16 Uhr eine Diskussion der Taz rund um ihren Boykott der Leichtathletik-WM live im Netz und im Taz-Cafe:

    Die Auflagen, denen JournalistInnen zustimmen müssen, um eine Akkreditierung für Großveranstaltungen zu bekommen, werden immer absurder. Die taz hat die Leichtathletik WM zum Anlass genommen, um darauf deutlich hinzuweisen und boykottiert die gesamte Berichterstattung. Wir diskutieren gemeinsam mit KollegInnen anderer Medien über die zunehmende Einschränkung der freien Arbeit von Journalisten.

    Mit dabei sind:

    Claudio Catougno, Sportredaktion „Süddeutsche Zeitung“ – Uwe Vorkötter, Chefredaktion „Berliner Zeitung“ (angefr.) – Jörg Winterfeldt, Sportredaktion „Die Welt“ (angefr.) – N.N., Chefredaktion „Der Tagesspiegel“ – Michael Konken, DJV-Chef, und die ehem. SportlerInnen Dr.med. Heidi Schüller und Dieter Baumann

    Ort: tazcafé, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin, Eintritt frei

    [Danke an Veselin]

    20. August 2009
  • : Internetzensur international
    Panel Internet Zensur Deutsche Welle Global Media Forum
    Internetzensur international

    Hier noch ein Nachtrag zum Deutsche Welle Global Media Forum von letzter Woche. „Suppressed websites – will censors lose the race?“ war der Titel einer interessanten Session am Freitag. Hier meine Notizen –

    Frank Smyth vom Committee to Protect Journalists und Gastgeber des Panels berichtete einleitend dass nach dem CPj 2008 Prison Census 45% der inhaftierten Journalisten weltweit Blogger oder Online-Journalisten sind, und damit die 43% inhaftierten Print-Journalisten übertreffen.

    Yaman Akdeniz, Gründer und Direktor von Cyber-Rights & Cyber-Liberties erläuterte die Situation der Internet Zensur in der Türkei. Seit 2007 habe sich in der Türkei durch ein neues Gesetz die Zensurlage rapide verschärft. Genauso rapide wie das Gesetz verabschiedet wurde, das wohl keine ganze Stunde lang damals im Parlament diskutiert wurde. Heute seien mehr als 2.600 Websites in der Türkei gesperrt. Nur ein Bruchteil der Fälle wurde im Gericht ausgehandelt, sondern die Sperrungen beruhen zumeist auf administrativen Entscheidungen. Akdeniz zeigte einen Kriterienkatalog nach dem Sperrungen vorgenommen werden können, der viel Spielraum für Interpretation offen lässt. Auf der Liste stehen u.a. Themen wie Pornographie, Terrorismus, Piracy und Beleidigung Atatürks und des Türkentums. Zurückgeführt werde die gesamte Argumentation auf den Schutz von Kindern.

    8. Juni 2009
  • : SWR2: Über die Macht des Alternativ-Journalismus
    SWR2: Über die Macht des Alternativ-Journalismus

    Zum 30. Geburtstag der Taz hatte die SWR2-Sendung „kontext“ über die Vorläufer der (politischen) Blogs berichtet: „Presse-Frechheit! Über die Macht des Alternativ-Journalismus“. Davon gibt es noch eine MP3 im Podcast zu finden.

    Heute vor 30 Jahren erschein zum ersten mal die TAZ Tageszeitung. Daneben gab es Hunderte Szeneblätter, Stadtmagazine: Die 70er Jahre waren die Hoch-Zeit des Alternativ-Journalismus. Wie hat diese Gegenöffentlichkeit die Gesellschaft verändert? Vieles von dem, was früher gut und alternativ war, gibt es heute in der Form nicht mehr. Auch weil das Gute von den etablierten Medien übernommen wurde. Journalisten heute profitieren von den Barrikadenstürmen der 70er Jahre, sie waren die Vorkämpfer für journalistische Freiheiten.

    Ist auch noch etwas Sprung in die Jetzt-Zeit, wo die Deutsche Bahn Geschichte nochmal vorkommt.

    6. Mai 2009
  • : Global Internet Freedom Index veröffentlicht
    Global Internet Freedom Index veröffentlicht

    DIe amerikanische Organisation Freedom House ist bekannt für ihre umfangreichen und methodologisch recht ausgefeilten Berichte zum Stand der bürgerlichen Freiheiten in der ganzen Welt. Im letzten Jahr haben sie endlich mal angefangen, sich auch um die Freiheitsrechte im Internet zu kümmern. Die Methodologie für den „Global Internet Freedom Index“ ist nun fertig, und heute wurde auf der re:publica ein erster Pilot-Bericht vorgestellt , der die Ergebnisse von 15 Länderanalysen auf dieser Basis zusammenfasst. Es ging dabei nicht nur um Zensur und ähnliche Sachen, sondern auch um die Verfügbarkeit der zugrundeliegenden Kommunikationstechnologien und anderes. Die Ergebnisse sind recht interessant, so ist vielfach die Pressefreiheit stärker bedroht als die Netzfreiheit. Zensur nimmt allerdings fast überall zu, gleichzeitig scheinen die Aktivisten sich aber auch stärker mit Hilfe des Internet gegen Repression zu wehren. Die Presseerklärung fasst die Trends so zusammen:

    • Growing Access, Threats: In six (40 percent) of the countries examined, internet use doubled between 2006 and 2008. Mobile phone penetration doubled in three (20 percent) of the countries. At the same time, six countries (40 percent) sentenced a blogger to prison and a third of the countries introduced new internet-restricting legislation. Methods to control and censor traditional media are seeping into the new media environment, but are not as common yet. In addition to imprisonment, torture, and intimidation of internet activists, governments also engage in online harassment by hacking or using technical means to shut down websites.
    • Censorship Proliferates: Eleven countries (73 percent) targeted political content in at least one instance, and general censorship and control was present in every country studied. Censorship techniques included technical filtering, manual content removal because of government directives, intimidation, judicial decisions and sophisticated manipulation of online conversations by undercover agents.
    • Outsourcing Censorship: More governments are requiring private actors such as internet service providers, blog hosting companies, cybercafé employees and mobile phone operators to censor and monitor users. This outsourcing affects both local and multinational companies.
    • More Internet Freedom than Press Freedom: For every country in the study—with the exception of the United Kingdom—their internet freedom score outperformed their score in Freedom House’s Freedom of the Press study, which principally examines broadcast and print media. These differences were most pronounced in the Partly Free countries such as Kenya, Russia and Malaysia.
    • Civic Activism Increases: Citizens are resisting government control by blogging, using code for sensitive keywords and organizing protests and advocacy groups through social networks like Facebook.

    Der Schwerpunkt scheint entsprechend der Freedom-House-Tradition auf Zensur zu liegen. Wenn sie noch stärker auf Überwachung geachtet hätten, wäre z.B. Großbritannien sicher nicht in der Liste der freiesten Länder gelandet. Wir werden darüber mit den Leuten von Freedom House, die gerade hier in Berlin sind,  die nächsten Tage noch in Ruhe reden – der Sinn der Pilotstudie ist ja, genau solches Feedback zu bekommen.

    1. April 2009
  • : Zwanziger gegen Zwanziger
    Zwanziger gegen Zwanziger

    Über den Fall DFB vs. Jens Weinreich hatten wir schon berichtet. Der DFB-Präsident Theo Zwanziger fühlt sich von Jens Weinreich beleidigt, weil dieser ihn in einem Kommentar über eine Pressekonferenz in seinem Blog einen „Demagogen“ genannt hat. Zwanziger klagt seitdem mit der DFB-Rechtsabteilung gegen Weinreich und bisher hat Weinreich immer Recht bekommen. So ein Kommentar sollte von der Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt sein. Aber ein Klage-Krieg kostet auf die Dauer und deshalb bittet Weinreich nun um Spenden, um das weiter durchfechten zu können:

    Ich habe ein Bankkonto und ein Paypal-Konto eingerichtet, die beide nur für die juristische Auseinandersetzung mit dem DFB verwendet werden. Jede Überweisung wird mir helfen, mein Risiko zu mindern. Rechnungen, die ich bislang beglichen habe, werde ich nicht über etwaige Eingänge auf den neuen Konten ausgleichen. Für Transparenz auf den Konten ist gesorgt. Ich bin bereit, die Auszüge zu veröffentlichen und würde gegebenenfalls die Namen und Daten derjenigen, die nicht darauf erscheinen möchten, schwärzen. Ich kann die Kontoauszüge, Rechnungs- und Überweisungsbelege auch über unabhängige Institutionen wie das Netzwerk Recherche oder Transparency International prüfen lassen. Alles ist möglich. Sollte ein Wunder geschehen und am Ende sogar ein Betrag auf dem Bankkonto verbleiben, der nicht benötigt wird, würde ich dafür plädieren, diese Summe einer Journalistenvereinigung für ähnliche Fälle zur Verfügung zu stellen.

    26. Februar 2009
  • : Deutsche Bahn vs. Netzpolitik – Was lernen wir daraus?
    Deutsche Bahn vs. Netzpolitik – Was lernen wir daraus?

    Da gerade die halbe deutsche Blogosphäre sich siegestrunken gegenseitig auf die Schultern klopft, sich ihrer kollektiven Stärke als unabhängige Kontrollinstanz versichert und die Demokratie als gerettet erklärt (schaut einfach in die Kommentare), möchte ich hier ein paar nüchternere Gedanken zum Ergebnis, seinen Gründen und der Bedeutung der ganzen Geschichte einwerfen. Mir scheint, dass bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der neuen Medien oft übersehen wird, was an diesem Fall substanziell das Besondere war. Und das hat Auswirkungen auf die Generalisierbarkeit. Es gilt, nicht das Medium mit dem Inhalt zu verwechseln, wenn man über Medienwirkungen reden will.

    Die Bahn und andere Gegner

    Den Fall kann man nämlich keineswegs verallgemeinern. Die Deutsche Bahn AG war ein extrem einfacher Gegner. Sie war durch die ganze Überwachungsaffäre ohnehin in der Öffentlichkeit schwer angezählt, und zusätzlich fiel die Abmahnung mit Gerüchten um eine Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn zusammen. Der entscheidende Grund für die Bahn, die Sache nicht weiter zu verfolgen, steht in dem Schreiben von Markus’ Anwälten:

    (…) enthalten wir uns an dieser Stelle weiterer Ausführungen zu den Ereignissen in Ihrem Unternehmen, die in den vergangenen Tagen und Wochen ans Licht der Öffentlichkeit geraten sind. Im Falle einer streitigen Auseinandersetzung würde dies aber wegen der Relevanz für die Abwägung der widerstreitenden Interessen selbstverständlich umfassend aufgearbeitet werden müssen.

    Es waren meines Erachtens keineswegs juristische Erwägungen, die die Bahn bewogen haben, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Einerseits hatten sie eingesehen, dass der Zweck nicht mehr erreicht werden konnte, aber andererseits wollten sie vermeiden, dass die ganze schmutzige Wäsche der Mitarbeiter-Bespitzelung vor Gericht verhandelt wird, womöglich sogar durch mehrere Instanzen. Man kann sogar vermuten, dass die Bahn hier von politischer Ebene zurückgepfiffen wurde, da weder der SPD-Verkehrsminister noch die CDU-Kanzlerin ein Interesse an einem gerichtlichen Weiterköcheln der Affäre bis zur Bundestagswahl haben. Das ist aber keineswegs typisch für solche Abmahn-Fälle.

    Ein großes Unternehmen, das nicht gerade einen Skandal an der Backe hat, könnte wesentlich einfacher mit so einer Sache durchkommen als die Bahn in ihrer derzeitigen Situation. Da gibt es kein solches Medieninteresse, da gibt es keine so große Solidarisierung der Blogger, da gibt es keinen politischen Druck. Und ein kleiner Betrieb in einer Kleinstadt, der einen lokalen Blogger abmahnt, hätte andersherum auch nie diese Art von Aufmerksamkeit bekommen.

    Wichtig war hier eben auch, dass netzpolitik.org gut verlinkt ist und Markus über ein hervorragendes Netzwerk verfügt. Er sieht das übrigens genauso:

    “Wäre die Bahn gegen einen unbekannten Blogger vorgegangen (…), hätte die Sache vermutlich anders ausgesehen.“

    Der „Streisand-Effekt“

    Der Streisand-Effekt, der Heilmann-Effekt und der Bahn-Effekt (oder „Mehdorn ‑Effekt“, „Netzpolitik“-Effekt oder wie auch immer das jetzt ins kollektive Gedächtnis eingehen wird) haben eines gemeinsam: Versuche, Informationen auf dem Rechtswege aus dem Netz zu verbannen, sind massiv nach hinten losgegangen und haben nur die Aufmerksamkeit noch stärker darauf gerichtet. Dass das nicht immer so sein muss, habe ich oben schon dargelegt. Es funktioniert offenbar besonders gut bei einem mächtigen Gegner. Nur dann stellt sich der „David gegen Goliath“-Effekt ein.

    Der Streisand-Effekt, der Heilmann-Effekt und der Bahn-Effekt sind aber strukturell und moralisch drei völlig verschiedene Fälle. In der Sache Streisand vs. Pictopia.com konnte theoretisch ja jedermann die Fotos von ihrem Haus machen, er musste dazu nur dorthin fahren bzw. sich ein Flugzeug besorgen. Die Information, um die es ging, war also nicht wirklich geheim, sondern nur bis zur Veröffentlichung im Internet nicht global verfügbar. Man kann sich in der Bewertung trefflich darüber streiten, ob nicht auch Prominente ein Recht auf Privatsphäre haben. Mit ähnlichen Argumenten wie Barbara Streisand wird ja auch hierzulande manchmal gegen Google Earth und Google Street View protestiert.

    In der Sache Heilmann vs. Wikimedia ging es ebenfalls um Informationen über eine natürliche Person, nicht über ein Unternehmen. Vor allem ging es dabei aber um die Frage, ob der deutsche Verein Wikimedia e.V. überhaupt verantwortlich ist für die auf de.wikipedia.org gehosteten Seiten, ob ein Wiki-Betreiber verantwortlich ist für Einträge seiner Nutzer, und ob eine Sperrung einer ganzen Domain ein angemessenes Mittel ist, um Informationen richtig zu stellen. Bei allen drei Fragen lautete die Antwort natürlich „nein“.

    Diese Fragen standen bei Netzpolitik vs. Deutsche Bahn aber gar nicht zur Debatte. Hier ging es darum, ob eine identifizierbare Person, die selber etwas veröffentlicht hat, das momentan im öffentlichen Interesse steht, das Recht dazu hat. Dies zu bejahen fällt wesentlich einfacher als zu sagen, dass persönliche oder eventuell verzerrende Informationen über einen Menschen von Dritten ungefragt ins Netz gestellt werden sollten. Darüber hinaus hatte die Bahn hier von vornherein schlechte Karten, weil das Dokument ja nicht einmal von ihr stammte, sondern vom Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit.

    Es wird also in ähnlichen Fällen auch künftig darum gehen, im Einzelfall zu entscheiden, ob man ein Dokument oder andere Informationen veröffentlicht. Und es würde der Netzgemeinde gut tun, auch im Einzelfall zu entscheiden, ob man den „weil wir es können“-Reflex auspackt oder ob man die fragliche Information doch lieber nicht so breit streut. Es geht nämlich immer auch um die Frage, was da inhaltlich verbreitet wird, nicht nur darum, dass irgendwer versucht, die Verbreitung zu verhindern. Die alte Daumenregel des CCC stimmt dabei auch heute noch: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“

    Die Bedeutung Sozialer Medien

    Soziale Medien waren für die Tatsache, dass das Dokument nicht mehr aus dem Netz zu verbannen war, nicht wirklich wichtig. Ähnliche Fälle gab es, seit es das World Wide Web gibt – wahrscheinlich schon vorher. Mir ist etwas Vergleichbares schon vor neun Jahren mit einem internen BMI-Dokument passiert. Da reichten ein paar Mails an ein paar Kollegen im Ausland (und an John Young, der mit Cryptome damals das war, was heute Wikileaks ist), um denen klar zu machen, dass der Fall für das Ministerium verloren war. Der Spruch von John Gilmore – „das Netz interpretiert Zensur als Fehler und routet herum“ – stammt ja nicht umsonst schon aus den neunziger Jahren.

    Soziale Medien haben aber dazu beigetragen, dass Markus massenhaft die virtuellen Daumen gedrückt wurden und er sich sehr schnell sicher sein konnte, dass er im Zweifelsfall über Spendengelder einen Prozess durch alle Instanzen durchstehen würde. Das ist allerdings eine Form von Stellvertreter-Politik. Direkte Solidarität hätte bedeutet, das Dokument selber zu veröffentlichen. Ich finde es heute, wo Online-Publizieren so viel einfacher geworden ist, eher beschämend, dass außer Wetterfrosch, Julia Seeliger, zwei grünen Abgeordneten sowie der Grünen Partei sich fast niemand nur wenige gefunden haben, das Dokument selber zu hosten (die anderen Links, die Google dazu aussspuckt, scheinen anonyme Upload-Plattformen zu sein). Julia Seeliger hat es sogar wieder offline genommen, und die Bundestagsabgeordneten sowie die Partei genießen juristische bzw. de facto politische Immunität. Wetter (update: und der Blogfürst und rotglut.org) waren also meines Wissens die Einzigen, die ernsthaft den Kopf hingehalten haben, um Markus zu helfen. Fast alle diese Beteiligten stammen aus dem persönlichen oder politischen Umfeld von Markus. Die gesamten anderen „Unterstützer“ haben sich offenbar auf Wikileaks oder Bittorrent verlassen. Das hält zwar im Zweifelsfall auch das Dokument verfügbar, aber es zeigt eben keine persönliche Solidarität.

    Soziale Medien waren in diesem Fall (wie auch bei Heilmann vs. Wikipedia) wichtig, um die Nachricht zu verbreiten, dass mit Rechtsmitteln interessante Informationen gelöscht werden sollen. Sie haben diese Nachricht per Aufmerksamkeitssteuerung schnell in die klassischen Online-Medien und dann auch in die Printmedien gebracht. Zentral waren hier m.E. aber nicht Microblogging-Systeme wie Twitter, sondern Aggregatoren wie Rivva. Erst durch diese wurde auf einen Blick klar, wie massiv das Thema in der Blogosphäre eingeschlagen hatte. Damit wurde es für die klassischen Medien schwer, es zu ignorieren. Allerdings kam als wichtiger Faktor wiederum dazu, um was es eigentlich ging. Der Bahn-Skandal war ja ohnehin ein großes Thema in den Medien, daher waren die klassischen Medien quasi gezwungen, die Meldung von der Abmahnung zu bringen. Das hätte in anderen Fällen auch ganz anders laufen können.

    Microblogging-Systeme wie Twitter haben diesen Prozess vor allem extrem beschleunigt. Lustig zu sehen war durchaus, wie manche Medien per Twitter pflichtschuldig versicherten, dass man schon einen Artikel in Arbeit habe. Die Beschleunigung war aber auch extern vorgegeben, da eben wie gesagt gleichzeitig die Gerüchte um Mehdorns Ablösung durch die Medien gingen. Das Thema war also auch so schon hoch erhitzt und beschleunigt. Das heißt im Umkehrschluss, dass in anderen Fällen auch ein noch so großer Twitter-Tsunami nicht unbedingt ein so schnelles Schwappen in die klassischen Massenmedien bewirken muss. Auch hier ist also entscheidend, worum es substanziell geht.

    Disclaimer

    Natürlich freue ich mich darüber, dass die Bahn so schnell aufgegeben hat. Natürlich war das eine extrem dumme Aktion von deren Rechtsabteilung. Natürlich gibt es ein berechtigtes öffentliches Interesse am Zugang zu solchen Dokumenten. Natürlich war das eine Lehre für alle Justiziare und PR-Abteilungen. Muss man das wirklich noch extra sagen? Määääh.

    Dieser Beitrag ist übrigens – unserer normalen Praxis bei Netzpolitik.org entsprechend – nicht mit Markus abgestimmt.

    Ich bin schon gespannt auf eure Reaktionen.

    6. Februar 2009
  • : Deutsche Bahn AG gibt auf!
    Deutsche Bahn AG gibt auf!

    Widerstand ist zwecklos? Ganz im Gegenteil! Die Deutsche Bahn AG gibt auf und verzichtet auf weitere Konsequenzen gegen mich.

    Mathias Schindler hat bei der Pressestelle der Deutschen Bahn AG angerufen und bestätigt es bekommen, dass es „keine weiteren juristischen Schritte gegen “diesen Blogger”“ geben wird:

    Die Position der Deutschen Bahn (heute, Freitag 13:30 Uhr, sowas kann ja schnell anders sein mit den Positionen) lautet also wie folgt:

    * Die rechtliche Bewertung der Bahn ist unverändert, also “Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen” durch die Veröffentlichung des Memos.

    * Man habe die Abmahnung als ein Mittel erachtet, um dieses Memo aus dem Netz zu bekommen.

    * Dieser Versuch ist ja nun offensichtlich gescheitert.

    * Es wird keine gesonderte Mitteilung an die Presse zu diesem Thema geben, auch Markus Beckedahl wird nicht direkt darüber informiert werden, dass die Bahn ihn in dieser Sache nicht mehr behelligen wird.

    Vielen Dank für die Unterstützung! Und danke für die Glückwunsche. Es freut mich, dass ich zusammen mit Euch zeigen konnte, dass soziale Medien wie Blogs und Twitter eine gewisse Relevanz in Deutschland erreicht haben.

    Und diesmal sind die Online-Medien noch schneller mit der Berichterstattung. Hier ist ein Pressespiegel zum Ende der Geschichte:

    Futurezone: Deutsche Bahn gibt gegen Blogger klein bei.

    Focus.de: Bahn gibt Kampf gegen Weblog auf.

    Taz: Pressefreiheit auch für Blogger: Die Grundsatzfrage.

    Heise: Bahn geht nicht weiter gegen Blogger vor.

    Golem: Netzpolitik.org: Deutsche Bahn macht den Rückzieher.

    Spiegel-Online: Blogger setzt sich gegen Bahn durch.

    Horizont: Deutsche Bahn gibt nach Blog-Protesten gegen Abmahnung klein bei.

    Heise: Was war. Was wird.

    Deutschlandfunk: Bahn gegen Blogger. (MP3)

    Radio Fritz: TRB 115: 85 Songs, Juristerei, Sneakergirls. (MP3)

    Taz: Guter David, böser Goliath

    Dann kann ich ja jetzt mal meine Zeit wieder sinnvoller verwenden und die kommende re:publica’09 vorbereiten, unsere Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft Anfang April in Berlin.

    Hier ist noch ein Video-Interview, was Wolfgang Noelke gestern mit mir gemacht hat. Da stand noch nicht fest, dass die Deutsche Bahn AG heute aufgibt:

    In diesem Fenster soll ein YouTube-Video wiedergegeben werden. Hierbei fließen personenbezogene Daten von Dir an YouTube. Wir verhindern mit dem WordPress-Plugin „Embed Privacy“ einen Datenabfluss an YouTube solange, bis ein aktiver Klick auf diesen Hinweis erfolgt. Technisch gesehen wird das Video von YouTube erst nach dem Klick eingebunden. YouTube betrachtet Deinen Klick als Einwilligung, dass das Unternehmen auf dem von Dir verwendeten Endgerät Cookies setzt und andere Tracking-Technologien anwendet, die auch einer Analyse des Nutzungsverhaltens zu Marktforschungs- und Marketing-Zwecken dienen.

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    Chronologie der Ereignisse:

    Samstag, 31.01.09: Das Memo zu der Rasterfahnung bei der Deutschen Bahn.

    Dienstag, 03.02.09: Deutsche Bahn AG schickt mir Abmahnung!

    Dienstag, 03.02.09: Die Welle nach der Abmahnung (Mit Pressespiegel).

    Donnerstag, 05.02.09: Taz-Titelseite: Blogwart Mehdorn.

    Freitag, 06.02.09: Der Text: Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung

    Freitag, 06.02.09: Die Antwort an die Deutsche Bahn. (Antwortschreiben unserer Anwälte)

    6. Februar 2009
  • : Die Antwort an die Deutsche Bahn
    Die Antwort an die Deutsche Bahn

    Unsere Antwort auf die Abmahnung der Deutschen Bahn AG wurde soeben von unseren Anwälten bei JBB gefaxt. Zur Dokumentation der Geschichte veröffentlichen wir den Text hier in voller Länge. Zum ausdrucken bietet sich auch dieses PDF an.

    Deutsche Bahn AG
    Rechtsabteilung (GRF)
    Herrn Rechtsanwalt (Name geschwärzt)
    Potsdamer Platz 2
    10785 Berlin

    Vorab per Telefax

    Berlin, 6. Februar 2009

    Beckedahl ./. Deutsche Bahn AG: netzpolitik.org

    Sehr geehrter Herr Kollege (Name geschwärzt),

    in vorbezeichneter Angelegenheit vertreten wir gerichtlich und außergerichtlich Herrn Markus Beckedahl. Ordnungsgemäße Bevollmächtigung wird anwaltlich versichert. Unser Mandant hat uns eine Kopie Ihrer Abmahnung vom 3. Februar 2009 überreicht.

    Zu den von Ihnen erhobenen Forderungen ist Folgendes festzustellen:

    I.

    Die streitgegenständliche Veröffentlichung ist ein Protokoll eines leitenden Mitarbeiters des Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit (BlnBDI). Die in dem Dokument enthaltenen Informationen geben Aufschluss über gewisse Vorgänge in Ihrem Unternehmen, wie sie sich in den Augen der zuständigen Behörde abgespielt haben. Wie aus öffentlichen Äußerungen Ihres Unternehmens über die dem Dokument zugrundeliegende Untersuchung des BlnBDI ersichtlich wird, bestätigt auch die Deutsche Bahn AG Existenz und Inhalt des Protokolls.

    Die Einbindung des Protokolls in das Weblog unseres Mandanten stellt aus rechtlicher Sicht die Veröffentlichung einer wahren Tatsachenbehauptung dar, die den vollen Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG genießt. Als Journalist kann unser Mandant darüber hinaus die besonderen Garantien der in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG verankerten Presse- und Rundfunkfreiheit für sich in Anspruch nehmen, die seine Veröffentlichung und insbesondere auch die der Veröffentlichung vorgelagerten Recherchetätigkeiten zusätzlich absichern. Hinzu kommt, dass die Veröffentlichung unseres Mandanten eine Angelegenheit behandelt, die die Öffentlichkeit wesentlich berührt. In Anwendung der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (vgl. hierzu BVerfGE 85, 1, 16 – Bayer-Aktionäre) streitet für unseren Mandanten nach alledem die Vermutung der Zulässigkeit der freien Rede.

    Da wir aktuell nicht davon ausgehen, dass Sie den zugunsten unseres Mandanten bestehenden Grundrechtsschutz und die Öffentlichkeitsrelevanz der Veröffentlichung ernsthaft in Abrede stellen werden, enthalten wir uns an dieser Stelle weiterer Ausführungen zu den Ereignissen in Ihrem Unternehmen, die in den vergangenen Tagen und Wochen ans Licht der Öffentlichkeit geraten sind. Im Falle einer streitigen Auseinandersetzung würde dies aber wegen der Relevanz für die Abwägung der widerstreitenden Interessen selbstverständlich umfassend aufgearbeitet werden müssen.

    6. Februar 2009
  • : Der Text: Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung
    Der Text: Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung

    Ich hatte ganz vergessen, die „Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung“ der Deutschen Bahn – Abmahnung zu bloggen. Das hole ich hier mal nach:

    Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung

    Markus Beckedahl, (Adresse aus dem Impressum) erklärt gegenüber der Deutschen Bahn AG, Potsdamer Platz 2, 10785 Berlin:

    Ich verpflichte mich:

    1. es zukünftig zu unterlassen, den vom Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit erstellten und in Kopie als Anlage beiliegenden Vermerk über ein Gespräch mit der Deutschen Bahn AG über die Geschäftsbeziehungen der Deutschen Bahn AG mit der Network Deutschland GmbH am 28. Oktober 2008 im Internet, insbesondere unter der URL https://netzpolitik.org/2009/das-memo-zu-der-rasterfahnung-bei-der-deutschen-bahn/, um Wortlaut, als pdf-Datei oder in sonstiger Weise ganz und/oder in Auszügen zu veröffentlichen und

    2. bei schuldhafter Zuwiderhandlung gegen die Verpflichtung nach Ziffer 1 eine von der Deutschen Bahn AG nach billigem Ermessen festzusetzende Vertragsstrafe an die Deutsche Bahn AG zu zahlen, die im Streitfall vom zuständigen Landgericht der Höhe nach überprüft werden kann.

    Ort, Datum

    Das unterschreibe ich natürlich nicht und komme auch nicht den Forderungen nach.

    6. Februar 2009
  • : Taz-Titelseite: Blogwart Mehdorn
    Taz-Titelseite: Blogwart Mehdorn

    Die TAZ hat die Abmahnung durch die Deutsche Bahn auf die Titelseite genommen und zum Thema des Tages gemacht. In insgesamt drei Beiträgen inklusive dem Kommentar auf der Startseite geht es um die Geschichte. Danke für die Unterstützung.

    Kommentar: Ein Bahn-Chef von gestern.
    Interview mit dem Abgeordneten Anton Hofreiter: „Es gab weitere Fälle“.
    Brisantes Bahn-Memo: Hart bleiben gegen Mehdorn.

    Heute Morgen war ich auch Gast beim Deutschlandradio Kultur, um im Radiofeuilleton über den Fall zu sprechen.

    Goliath kann nicht gewinnen – Die Solidarisierungswelle für netzpolitik.org nach Abmahnung durch die Deutsche Bahn zeigt, wie das Web 2.0 die Öffentlichkeit verändert hat.

    Davon gibt es jetzt schon die MP3. Und hier ist das Transcript: „Notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht durchfechten“.

    Update:

    Unterstützung gibt es jetzt auch in einer Pressemitteilung des Deutschen Journalistenverbandes: DJV fordert von Bahn Transparenz.

    In dem Zusammenhang kritisierte Konken das Vorgehen der Bahn gegen den Betreiber des Internetportals netzpolitik.org. Dort war ein Sitzungsprotokoll der Bahn im Original veröffentlicht worden, in dem es um die Überwachungen ging. Das Verkehrsunternehmen drohte dem Portalbetreiber daraufhin mit rechtlichen Konsequenzen, wenn er das Dokument nicht unverzüglich entferne. „Angesichts der immensen gesellschaftlichen und politischen Bedeutung des Datenskandals gehörte das Papier in die Öffentlichkeit“, sagte Konken. In diesem Fall könne das Unternehmen nicht damit argumentieren, dass Sitzungsprotokolle aus Wettbewerbsgründen stets geheim seien. Wenn das Papier in einem engen Zusammenhang mit den Bespitzelungen bei der Bahn stehe, gebe es sogar ein Recht zum Vollzitat. „Im Zweifel hat das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit und damit letztlich die Pressefreiheit Vorrang.“

    Und Stern.de berichtet auch: Bahn vs. Blogger – „Die müssen uns ernst nehmen“

    5. Februar 2009
  • : Die Welle nach der Abmahnung
    Die Welle nach der Abmahnung

    Jetzt ist es gerade etwas mehr als vier Stunden her, seitdem ich die Abmahnung der Deutschen Bahn AG gebloggt und getwittert habe. Und ich bin immer noch etwas erschlagen, von dem vielen positiven Feedback. Seit bald acht Jahren blogge ich jetzt abmahnfrei unter dieser Domain. Einige Dokumente hab ich in der Zeit auch veröffentlicht, die teilweise vorher auch schon durch die Medien geisterten, aber dort nur zitiert wurden. Ich veröffentliche diese Dokumente wie auch das interne Memo zur DB-Rasterfahndung, weil ich denke, dass sich jeder selbst eine Meinung bilden können sollte. Ich bin auch der Meinung, dass eine aufgeklärte Demokratie wie in unserem Lande das zulassen sollte. Und dieses Dokument ist für den öffentlichen Diskurs rund um die Überwachungsaffäre bei der Deutschen Bahn AG relevant.

    Ich bin mir bewusst, dass es auch andere Wege gibt, Dokumente öffentlich zu machen und verweise gerne auf mein Podcast-Interview mit Wikileaks.org. Ich hab es trotzdem hier online gestellt. Am Anfang war ich etwas verwundert, dass das Dokument kaum Interesse fand. Eine Handvoll Blogs berichteten darüber. Umso erstaunter war ich über die Abmahnung heute. Zumal diese parallel zu Medienberichten kam, wonach Mehdorn in der Affäre Fehler einräumte.

    Nun ist die Abmahnung da und das Feedback aus dem Netz ist überwältigend. Mir war bewusst, dass ich irgendwann mal Probleme bekommen könnte mit der Veröffentlichung eines Dokumentes. Aber mir war auch bewusst, dass ich dann Rückhalt bekomme, indem ich es öffentlich mache und transparent die Geschichte beschreibe. Das hat bisher besser geklappt, als ich es im Hinterkopf immer gedacht habe. Ich bin stolz auf Euch und Eure Hilfe dabei!

    Zum ersten Mal hab ich bewusst bemerkt, wieviele Follower ich bei Twitter habe, denn die Weiterleitungen meines Hilfe-Tweets hören gar nicht mehr auf. Und in der nächsten Welle kamen die Blog-Postings. Und innerhalb ganz weniger Stunden schwappt die Geschichte gerade in die Mainstream-Medien rüber. Und findet sich von Spiegel bis Heise auf immer mehr News-Seiten. Auch bekam ich schon Hilfsangebote aus den Reihen der Grünen, der FDP-Fraktion und der Linksfraktion, die das thematisieren wollen. Nur zu!

    Mittlerweile hab ich auch Rücksprache mit meinen Anwälten von JBB Berlin gehabt, die mich unterstützen werden. Thorsten Feldmann und sein Team helfen in juristischen Fällen auch dem Wikimedia e.V. und ich weiß mich da in guten Händen. Daher ist der Stand gerade der, dass ich das Dokument online lasse und die Unterlassungserklärung nicht unterzeichne. Das Dokument ist mittlerweile eh nicht mehr aus dem Netz zu nehmen, innerhalb kürzester Zeit wurde es u.a. bei Wikileaks, Pirate Bay und unzähligen anderen Stellen gespiegelt.

    Oftmals kam schon das Angebot, mich finanziell zu unterstützen, falls es zu einem Verfahren kommen sollte. Dafür bin ich dankbar und komme ggf. auf die Angebote zurück. Auch wenn ich hoffe, dass dieser Fall nicht eintreten wird. Denn einerseits habe ich andere Dinge zu tun, als mich mit einem Rechtsstreit zu beschäftigen und kann die Zeit durchaus sinnvoller nutzen und mich mit Netzpolitischen Themen beschäftigen. Andererseits kann man Geld auch sinnvoller für politische Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit verwenden, um auf die Bedeutung von Bürgerrechten im digitalen Zeitalter hinzuweisen.

    Mal schauen, was die nächsten Tage bringen werden. Ich muss erstmal kurz durchatmen. Und überlege gerade, wie man das Thema und auch die Sache DFB vs. Jens Weinreich auf der re:publica Anfang April als Diskussionspunkt unterbringen kann.

    Mehr Infos:

    Julia Seeliger hat kurz nach Bekanntmachung der Abmahnung das erste Interview mit mir gemacht.
    Bei Carta finden sich zehn Gründe, warum die Bahn diesen publizistischen Konflikt mit Netzpolitik verlieren muss.

    Pressespiegel:

    DerWesten: Bahn geht gegen Berliner Blogger vor
    Golem: Bahn mahnt Netzpolitik.org ab.
    HNA: Deutsche Bahn mahnt Blogger ab und legt ein Lauffeuer.
    N24: Bahn mahnt Blogger ab.
    Heise: Bahn mahnt Blogger wegen angeblichen Verrats von Geschäftsgeheimnissen ab.
    Horizont: Drohgebärde gegen Blogger wird für die Bahn zum Bumerang.
    Focus.de: Bahn geht gegen Weblog vor.
    Futurezone: Deutsche Bahn mahnt Netzpolitik.org ab.
    Zoomer: Bahn vs. Blogger: Nichts als Ärger.
    Augsburger Allgemeine: Deutsche Bahn mahnt Blogger ab.
    Spiegel: Blogger-David trotzt Bahn-Goliath.
    Taz: Hart bleiben gegen Mehdorn.
    Tagesspiegel: Bahn-Aufsichtsrat berät über Mehdorn.
    Taz: Kommentar: Ein Bahn-Chef von gestern.
    Taz: Interview mit dem Abgeordneten Anton Hofreiter: „Es gab weitere Fälle“.
    Taz: Brisantes Bahn-Memo: Hart bleiben gegen Mehdorn.
    Deutschlandradio Kultur: „Notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht durchfechten“. (MP3)
    Chip: Die Datenschutz-Doppelmoral der Deutschen Bahn.
    Freitag.de: Aus dem Gleis geraten.
    Stern.de: Bahn vs. Blogger – „Die müssen uns ernst nehmen“

    Update Mittwoch, 16:45 Uhr:

    Jetzt sind etwas mehr als 24 Stunden um. Nachdem die Onlineberichterstattung ihren vermutlichen Höhepunkt erreicht hat, steigen immer mehr traditionelle Medien ein. Die Geschichte wird morgen in einigen überregionalen Zeitungen erscheinen. Und beim Deutschlandradio Kultur bin ich morgen ab 9 Uhr in der Sendung zu hören.

    Mittlerweile gibt es auch konkrete Solidaritätsbekundungen aus der Politik. Von Seiten der Grünen haben die Bundestagsabgeordneten Toni Hofreiter und Volker Beck das Memo gespiegelt. Volker Beck hat heute auch eine mündliche Anfrage an die Bundesregierung gestellt:

    Welche Vorschriften wurden danach im Einzelnen durch wen gegenüber wem verletzt), und welche Konsequenzen ziehen die Vertreter der Bundesregierung im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn bzw. als Eigentümer der Deutschen Bahn daraus?

    Bündnis 90/Die Grünen als Partei spiegeln das Memo nun auch und haben eine Meldung dazu veröffentlicht: Grüne solidarisieren sich mit netzpolitik.org.

    Auf Reaktionen der anderen Parteien und Fraktionen warte ich noch und verlinke gerne weitere Solidaritätsbekundungen. Hierzu hab ich gestern schon mit einem FDP-Bundestagsabgeordneten telefoniert, der auch was machen wollte.

    Spiegel-Online berichtet in einem dritten (!) Artikel heute Nachmittag über Reaktionen der Bahn-Pressestelle:

    Ein Sprecher der Bahn begründete das Vorgehen gegen Beckedahl auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage damit, dass es sich bei dem veröffentlichten Papier „nicht um ein abgestimmtes Protokoll der Unterredung“ handele, sondern um eine „Darstellung aus Sicht des Datenschutzbeauftragten“. Darin sei teilweise „die Faktenlage nicht korrekt wiedergegeben“. Gleichzeitig enthalte der Text Passagen, die man als „Verrat von Betriebs- oder Geschäftsgeheimnissen“ einstufe. Weil Beckedahl der erste gewesen sei, der das vollständige Dokument öffentlich gemacht habe, sei die Abmahnung an ihn geschickt worden.

    Die Deutsche Bahn AG will den Druck wohl aufrecht erhalten. Freitag läuft die Frist der Abmahnung ab. Diese habe ich übrigens immer noch nicht mit der Post zugestellt bekommen. Bisher hab ich nur die gemailte PDF-Version.

    Mal schauen, was als nächstes kommt.

    3. Februar 2009
  • : BKA-Gesetz: Anschlag auf die Pressefreiheit
    BKA-Gesetz: Anschlag auf die Pressefreiheit

    Auf der Medien-Seite des aktuellen Spiegel (Seite 91) finden sich einige Statement von Chefredakteuren und Herausgeber deutscher Medien zum BKA-Gesetz. Unter der Überschrift „Anschlag auf die Pressefreiheit“ kommentieren sie den gefährdeten Informantenschutz durch das BKA-Gesetz. Das ist erfreulich und diese Unterstützung tut gut. Nur ist der Zeitpunkt leider mal wieder Monate zu spät. Diese Situation hatten wir auch schon bei der Vorratsdatenspeicherung, wo den Medienvertreter kurz vor Schluß noch auffiel, dass sie auch betroffen sind. Erfreulicher wäre es auch, wenn sie nicht nur an ihre eigenen Interessen als Journalisten denken würden, sondern auch an ihre Interessen als betroffene Bürger.

    Aber das letzte Aufbäumen ist besser als nichts. Und einige Kommentare haben es in sich. Mal schauen, ob der späte Zeitpunkt noch ausreicht, die Verabschiedung des BKA-Gesetzes zu verhinden. Hier ist mal eine kleine Auswahl der Kommentare:

    Giovanni Di Lorenzo von Die Zeit:

    „Zu einem gefährlichen Gesetz gesellt sich fahrlässiges Verhalten: Wir wissen, dass es Sozialdemokraten gibt, die dem allein in der Erwartung zugestimmt haben, das Gesetz werde ohnehin vom Bundesverfassungsgericht kassiert. So wird das Falsche auch noch schlecht gemacht.“

    Oder von Bascha Mika von der TAZ:

    „Es gibt viele Wege, investigativen Journalismus zu verhindern. Der einfachste: Verschreckt die Informanten“ Macht ihnen Angst vor den Folgen! Erschüttert ihr Vertrauen in die Verschwiegenheit der Redakteure! All das wird das geplante BKA-Gesetz ganz sicher schaffen. Wer sensible Daten weitergibt, muss sicher sein, dass der Journalist seines Vertrauens dichthält wie ein Beichtvater.“

    Oder von Nikolaus Brender vom ZDF:

    „60 Jahre Grundgesetz – für Journalisten kein Grund zu feiern. Wir haben keine Zeit dazu. Wir sind damit beschäftigt, Recherchen in Sicherheit zu bringen, Informanten abzuschirmen., Telefon- und Computerverbindungen zu schützen, Grundrechte zu sichern. Vorsorge treffen für den Fall der Fälle, verpackt im BKA-Gesetz, dem treffsicheren Geburtstagsgeschenk zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes.“

    Oder von Peter Kloeppel von RTL:

    „Der Informatenschutz wird durch die Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchungen massiv untergraben. Wenn dann noch das Bundeskriminalamt die Herausgabe von Recherchematerial und damit die Preisgabe von Quellen verlangt und Hausdurchsuchungen anordnen kann, sind Grundvoraussetzungen unserer Mediendemokratie gefährdet.“

    14. Dezember 2008
  • : Online und im Gefängnis
    Online und im Gefängnis

    Aus der jährlich veröffentlichten Erhebung des Committee to Protect Journalists geht hervor, dass sich zum ersten Mal mehr Onlinejournalisten in Gefängnissen befinden, als Journalisten eines anderen Mediums. 45% der weltweit Inhaftierten sind Blogger, Webreporter oder Online Redakteure.

    At least 56 online journalists are jailed worldwide, according to CPJ’s census, a tally that surpasses the number of print journalists for the first time. The number of imprisoned online journalists has steadily increased since CPJ recorded the first jailed Internet writer in its 1997 census. Print reporters, editors, and photographers make up the next largest professional category, with 53 cases in 2008. Television and radio journalists and documentary filmmakers constitute the rest.

    „Online journalism has changed the media landscape and the way we communicate with each other,“ said CPJ Executive Director Joel Simon. „But the power and influence of this new generation of online journalists has captured the attention of repressive governments around the world, and they have accelerated their counterattack.“

    Eine Übersicht nach Ländern findet sich hier. Ins Auge sticht hierbei vor allem China, wo 24 der insgesamt 28 eingesperrten Journalisten online arbeiteten.

    5. Dezember 2008
  • : Das BKA-Gesetz – Selbstmord aus Angst vor dem Tod
    Das BKA-Gesetz – Selbstmord aus Angst vor dem Tod

    Die Radiosendung „Der Tag“ auf Hessen2 brachte am Freitag das Thema „Das BKA-Gesetz – Selbstmord aus Angst vor dem Tod“.

    Beschreibung: Wir leben in lebensgefährlichen Zeiten. Deshalb muss man das demokratische Prinzip „im Zweifel für die Freiheit“ schon mal außer Kraft setzen, meint die Bundesregierung. Was sich die Berliner Großkoalitionäre mit dem neuen BKA Gesetz ausgedacht haben, schränkt Bürgerrechte in einem Maße ein , das bisher nicht vorstellbar schien: Unsere Privatsphäre ist künftig offen für die Lauscher und Späher vom BKA. Diese Polizeibehörde bekommt ohne parlamentarische Kontrollen geheimdienstliche Befugnisse. Ein Dauerkonflikt mit mit dem Generalbundesanwalt ist eingebaut: denn der oberste deutsche Strafverfolger ist künftig erst dann zuständig, wenn die Gefahr gebannt ist.

    Hier ist die 53 Minuten lange MP3.

    17. November 2008
  • : Telekom-Gate betrifft mehr Journalisten
    Telekom-Gate betrifft mehr Journalisten

    Das Handelsblatt berichtet über Informationen aus Ermittlerkreisen, wonach die Telekom mehrere Journalisten bespitzelte. Bisher ging man noch von Einzelfällen aus, mittlerweile stehen mindestens 5–6 Fälle im Raum.

    „Wir wissen inzwischen, dass es kein Einzelfall war“, sagte Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel dem Handelsblatt. „Telekom-Beschäftigte haben Telefonate von mehreren Journalisten und Telekom-Mitarbeitern auf der Arbeitsebene verglichen.“

    10. September 2008