Deutsche Bahn vs. Netzpolitik – Was lernen wir daraus?

Da gerade die halbe deutsche Blogosphäre sich siegestrunken gegenseitig auf die Schultern klopft, sich ihrer kollektiven Stärke als unabhängige Kontrollinstanz versichert und die Demokratie als gerettet erklärt (schaut einfach in die Kommentare), möchte ich hier ein paar nüchternere Gedanken zum Ergebnis, seinen Gründen und der Bedeutung der ganzen Geschichte einwerfen. Mir scheint, dass bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der neuen Medien oft übersehen wird, was an diesem Fall substanziell das Besondere war. Und das hat Auswirkungen auf die Generalisierbarkeit. Es gilt, nicht das Medium mit dem Inhalt zu verwechseln, wenn man über Medienwirkungen reden will.


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Die Bahn und andere Gegner

Den Fall kann man nämlich keineswegs verallgemeinern. Die Deutsche Bahn AG war ein extrem einfacher Gegner. Sie war durch die ganze Überwachungsaffäre ohnehin in der Öffentlichkeit schwer angezählt, und zusätzlich fiel die Abmahnung mit Gerüchten um eine Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn zusammen. Der entscheidende Grund für die Bahn, die Sache nicht weiter zu verfolgen, steht in dem Schreiben von Markus’ Anwälten:

(…) enthalten wir uns an dieser Stelle weiterer Ausführungen zu den Ereignissen in Ihrem Unternehmen, die in den vergangenen Tagen und Wochen ans Licht der Öffentlichkeit geraten sind. Im Falle einer streitigen Auseinandersetzung würde dies aber wegen der Relevanz für die Abwägung der widerstreitenden Interessen selbstverständlich umfassend aufgearbeitet werden müssen.

Es waren meines Erachtens keineswegs juristische Erwägungen, die die Bahn bewogen haben, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Einerseits hatten sie eingesehen, dass der Zweck nicht mehr erreicht werden konnte, aber andererseits wollten sie vermeiden, dass die ganze schmutzige Wäsche der Mitarbeiter-Bespitzelung vor Gericht verhandelt wird, womöglich sogar durch mehrere Instanzen. Man kann sogar vermuten, dass die Bahn hier von politischer Ebene zurückgepfiffen wurde, da weder der SPD-Verkehrsminister noch die CDU-Kanzlerin ein Interesse an einem gerichtlichen Weiterköcheln der Affäre bis zur Bundestagswahl haben. Das ist aber keineswegs typisch für solche Abmahn-Fälle.

Ein großes Unternehmen, das nicht gerade einen Skandal an der Backe hat, könnte wesentlich einfacher mit so einer Sache durchkommen als die Bahn in ihrer derzeitigen Situation. Da gibt es kein solches Medieninteresse, da gibt es keine so große Solidarisierung der Blogger, da gibt es keinen politischen Druck. Und ein kleiner Betrieb in einer Kleinstadt, der einen lokalen Blogger abmahnt, hätte andersherum auch nie diese Art von Aufmerksamkeit bekommen.

Wichtig war hier eben auch, dass netzpolitik.org gut verlinkt ist und Markus über ein hervorragendes Netzwerk verfügt. Er sieht das übrigens genauso:

“Wäre die Bahn gegen einen unbekannten Blogger vorgegangen (…), hätte die Sache vermutlich anders ausgesehen.“

Der „Streisand-Effekt“

Der Streisand-Effekt, der Heilmann-Effekt und der Bahn-Effekt (oder „Mehdorn -Effekt“, „Netzpolitik“-Effekt oder wie auch immer das jetzt ins kollektive Gedächtnis eingehen wird) haben eines gemeinsam: Versuche, Informationen auf dem Rechtswege aus dem Netz zu verbannen, sind massiv nach hinten losgegangen und haben nur die Aufmerksamkeit noch stärker darauf gerichtet. Dass das nicht immer so sein muss, habe ich oben schon dargelegt. Es funktioniert offenbar besonders gut bei einem mächtigen Gegner. Nur dann stellt sich der „David gegen Goliath“-Effekt ein.

Der Streisand-Effekt, der Heilmann-Effekt und der Bahn-Effekt sind aber strukturell und moralisch drei völlig verschiedene Fälle. In der Sache Streisand vs. Pictopia.com konnte theoretisch ja jedermann die Fotos von ihrem Haus machen, er musste dazu nur dorthin fahren bzw. sich ein Flugzeug besorgen. Die Information, um die es ging, war also nicht wirklich geheim, sondern nur bis zur Veröffentlichung im Internet nicht global verfügbar. Man kann sich in der Bewertung trefflich darüber streiten, ob nicht auch Prominente ein Recht auf Privatsphäre haben. Mit ähnlichen Argumenten wie Barbara Streisand wird ja auch hierzulande manchmal gegen Google Earth und Google Street View protestiert.

In der Sache Heilmann vs. Wikimedia ging es ebenfalls um Informationen über eine natürliche Person, nicht über ein Unternehmen. Vor allem ging es dabei aber um die Frage, ob der deutsche Verein Wikimedia e.V. überhaupt verantwortlich ist für die auf de.wikipedia.org gehosteten Seiten, ob ein Wiki-Betreiber verantwortlich ist für Einträge seiner Nutzer, und ob eine Sperrung einer ganzen Domain ein angemessenes Mittel ist, um Informationen richtig zu stellen. Bei allen drei Fragen lautete die Antwort natürlich „nein“.

Diese Fragen standen bei Netzpolitik vs. Deutsche Bahn aber gar nicht zur Debatte. Hier ging es darum, ob eine identifizierbare Person, die selber etwas veröffentlicht hat, das momentan im öffentlichen Interesse steht, das Recht dazu hat. Dies zu bejahen fällt wesentlich einfacher als zu sagen, dass persönliche oder eventuell verzerrende Informationen über einen Menschen von Dritten ungefragt ins Netz gestellt werden sollten. Darüber hinaus hatte die Bahn hier von vornherein schlechte Karten, weil das Dokument ja nicht einmal von ihr stammte, sondern vom Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit.

Es wird also in ähnlichen Fällen auch künftig darum gehen, im Einzelfall zu entscheiden, ob man ein Dokument oder andere Informationen veröffentlicht. Und es würde der Netzgemeinde gut tun, auch im Einzelfall zu entscheiden, ob man den „weil wir es können“-Reflex auspackt oder ob man die fragliche Information doch lieber nicht so breit streut. Es geht nämlich immer auch um die Frage, was da inhaltlich verbreitet wird, nicht nur darum, dass irgendwer versucht, die Verbreitung zu verhindern. Die alte Daumenregel des CCC stimmt dabei auch heute noch: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“

Die Bedeutung Sozialer Medien

Soziale Medien waren für die Tatsache, dass das Dokument nicht mehr aus dem Netz zu verbannen war, nicht wirklich wichtig. Ähnliche Fälle gab es, seit es das World Wide Web gibt – wahrscheinlich schon vorher. Mir ist etwas Vergleichbares schon vor neun Jahren mit einem internen BMI-Dokument passiert. Da reichten ein paar Mails an ein paar Kollegen im Ausland (und an John Young, der mit Cryptome damals das war, was heute Wikileaks ist), um denen klar zu machen, dass der Fall für das Ministerium verloren war. Der Spruch von John Gilmore – „das Netz interpretiert Zensur als Fehler und routet herum“ – stammt ja nicht umsonst schon aus den neunziger Jahren.

Soziale Medien haben aber dazu beigetragen, dass Markus massenhaft die virtuellen Daumen gedrückt wurden und er sich sehr schnell sicher sein konnte, dass er im Zweifelsfall über Spendengelder einen Prozess durch alle Instanzen durchstehen würde. Das ist allerdings eine Form von Stellvertreter-Politik. Direkte Solidarität hätte bedeutet, das Dokument selber zu veröffentlichen. Ich finde es heute, wo Online-Publizieren so viel einfacher geworden ist, eher beschämend, dass außer Wetterfrosch, Julia Seeliger, zwei grünen Abgeordneten sowie der Grünen Partei sich fast niemand nur wenige gefunden haben, das Dokument selber zu hosten (die anderen Links, die Google dazu aussspuckt, scheinen anonyme Upload-Plattformen zu sein). Julia Seeliger hat es sogar wieder offline genommen, und die Bundestagsabgeordneten sowie die Partei genießen juristische bzw. de facto politische Immunität. Wetter (update: und der Blogfürst und rotglut.org) waren also meines Wissens die Einzigen, die ernsthaft den Kopf hingehalten haben, um Markus zu helfen. Fast alle diese Beteiligten stammen aus dem persönlichen oder politischen Umfeld von Markus. Die gesamten anderen „Unterstützer“ haben sich offenbar auf Wikileaks oder Bittorrent verlassen. Das hält zwar im Zweifelsfall auch das Dokument verfügbar, aber es zeigt eben keine persönliche Solidarität.

Soziale Medien waren in diesem Fall (wie auch bei Heilmann vs. Wikipedia) wichtig, um die Nachricht zu verbreiten, dass mit Rechtsmitteln interessante Informationen gelöscht werden sollen. Sie haben diese Nachricht per Aufmerksamkeitssteuerung schnell in die klassischen Online-Medien und dann auch in die Printmedien gebracht. Zentral waren hier m.E. aber nicht Microblogging-Systeme wie Twitter, sondern Aggregatoren wie Rivva. Erst durch diese wurde auf einen Blick klar, wie massiv das Thema in der Blogosphäre eingeschlagen hatte. Damit wurde es für die klassischen Medien schwer, es zu ignorieren. Allerdings kam als wichtiger Faktor wiederum dazu, um was es eigentlich ging. Der Bahn-Skandal war ja ohnehin ein großes Thema in den Medien, daher waren die klassischen Medien quasi gezwungen, die Meldung von der Abmahnung zu bringen. Das hätte in anderen Fällen auch ganz anders laufen können.

Microblogging-Systeme wie Twitter haben diesen Prozess vor allem extrem beschleunigt. Lustig zu sehen war durchaus, wie manche Medien per Twitter pflichtschuldig versicherten, dass man schon einen Artikel in Arbeit habe. Die Beschleunigung war aber auch extern vorgegeben, da eben wie gesagt gleichzeitig die Gerüchte um Mehdorns Ablösung durch die Medien gingen. Das Thema war also auch so schon hoch erhitzt und beschleunigt. Das heißt im Umkehrschluss, dass in anderen Fällen auch ein noch so großer Twitter-Tsunami nicht unbedingt ein so schnelles Schwappen in die klassischen Massenmedien bewirken muss. Auch hier ist also entscheidend, worum es substanziell geht.

Disclaimer

Natürlich freue ich mich darüber, dass die Bahn so schnell aufgegeben hat. Natürlich war das eine extrem dumme Aktion von deren Rechtsabteilung. Natürlich gibt es ein berechtigtes öffentliches Interesse am Zugang zu solchen Dokumenten. Natürlich war das eine Lehre für alle Justiziare und PR-Abteilungen. Muss man das wirklich noch extra sagen? Määääh.

Dieser Beitrag ist übrigens – unserer normalen Praxis bei Netzpolitik.org entsprechend – nicht mit Markus abgestimmt.

Ich bin schon gespannt auf eure Reaktionen.

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80 Kommentare
  1. Freude wäre angebrachter.
    Ein typisch deutscher Seitwärtsfaller, anstatt sich mal zu freuen, wird tiefergegrübelt. Die Links funktionieren nicht und vielleicht wäre eine Abstimmung mit Markus besser gewesen.

  2. Es ist wohl noch etwas zu früh, um diese Nachbetrachtung einzuleiten.

    Wie schon anderswo dargestellt, handelte es sich beim ursprünglichen Beitrag um einen solchen, den kaum einer verstanden hat und der ohne weiteres Bohei untergegangen wäre.

    Es stellt sich daher die Frage, wieviele derer, die sich gegen die Initiative der Bahn gewendet haben, tatsächlich verstanden haben, worum es en detail ging. Sollte diese Frage eine stark negative Tendenz haben, hat es sich bei dieser Lawine um eine Lavine von Vorurteilsbefürwortern gehandelt. Und das wäre für die deutsche Blogosphäre wahrlich kein Ruhmesblatt.

    Eine Solidarisierung hat es sicher nicht in der Hinsicht gegeben, dass weitflächig dieses Dokument veröffentlicht worden ist (übrigens fehlt es inzwischen scheinbar auch bei Wetter). Aus rechtlicher Hinsicht, bei Nennung von Namen, ist es aber nach wie vor heikel, ob es einwandfrei ist, dieses Dokument so zu verbreiten.

    Eine gewisse Zurückhaltung in eigener Sache oder der Fairnessgedanke gegenüber den Beteiligten liegt da nahe, auch wenn andererseits gerade auf alles draufgehauen wird, was negativ für die Bahn ausgelegt werden könnte.

  3. „Wäre die Bahn gegen einen unbekannten Blogger vorgegangen (…), hätte die Sache vermutlich anders ausgesehen.“

    Bei der Bahn wäre der Blogger wohl schnell bekannt geworden, aber was, wenn ein Handwerker will, dass Tatsachen aus dem Netz verschwinden und einen unbekannten Blogger abmahnt?

    Dann passiert wenig wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Allerdings war das vor vier Jahren und Blogs sind inzwischen bekannter.

  4. Ralf, so klug das alles klingt so übermäßig ernüchternd deine Bewertung. Klingt so wie Du es beschreibst fast wie ein geplantes, zumindest vorhersehbares Experiment, oder eine ad hoc-Inszenierung. Das mag einer akademischen Denkweise entstammen, und stellenweise zutreffen, ist aber meine ich auch nicht provozierend genug um diejenigen argumentativ hervorzulocken denen ihre „passive“ Solidarität vorgehalten wird.

    Also bleibt alles beim alten – oder wirbst Du hier für den Bloggerverband? ;-)

  5. Eine sehr gute Ausarbeitung zu dem Thema, die das Problem auch auf den Punkt bringt.

    Ich selbst hätte das Dokument wahrscheinlich auch veröffentlicht. Doch war mein Blog in den letzten Tagen offline und nun ist es sicherlich zu spät (soll keine dumme Ausrede sein oder eine schlechte Entschuldigung).

    Die „Wir machen es – weil wir´s können“-Keule wird auch zukünftig sicherlich nicht bei jeder Abmahnung eines Bloggers ausgepackt. Schon allein, weil sich der Effekt dann abnutzen würde…

    Aber dennoch hat die jetzige Debatte sicherlich dazu beigetragen, mal zu hinterfragen welchen Stellenwert Blogs haben und wie mit Informationen (auch internen) in der heutigen Gesellschaft umzugehen gehen ist.

    Es war richtig und wichtig das dieses Dokument veröffentlicht wurde.

    In Zukunft wird es sicherlich noch häufiger zu derlei „Skandalen“ kommen, da große Konzerne nicht in der Lage sind auf die rasant schnelle Entwicklung in der virtuellen Welt zu reagieren. Eine angeordnete Löschung eines Videos bei YoutTube führt zu einer exponentiellen Verbreitung dessen. Konzerne müssen sich erst noch auf diese neuen Rahmenbedingungen einstellen….

  6. Au ja, Manöverkritik!

    Danke Ralf, dass Du das ansprichst. Ich kann Dich verstehen; als Mensch, der sich ab Deinem retweet den Rest des Tages frei genommen hat, um sich nur aktivistisch darum zu kümmern bin ich auch sehr enttäuscht.

    Ich glaub echt, hier haben die meisten salopp gesagt kein Ei in der Hose mehr; ausschließlich gute Freunde mirrorten die Datei. Die taz war schnell überredet – wer sich trotz Bitte darum nicht dazu entschied war gulli.com, diese exFilesharing-Leute News-Forum, welches ich sonst auch mal schätze.

    Hilfreich war wirklich, dass Julia fix das Interview gemacht hat, es schnell 1-2 gute (!) juristische „Mini-Gutachten“ zu der Sache gab und nicht zuletzt muß ich mich fragen, wie lang ich gebraucht hätte es ohne twitter zu erfahren ;)

    Insofern hilft natürlich jeder retweet – und liebe Leute glaubt mir; das hat nur so gut geklappt, weil das Markus war und dieses Blog echt nicht so unbekannt ist, wie das die Bahn erst glaubte.

    Ein paar Takte von „Hinter den Szenen“; heise hab ich telefonisch aktiviert, ging flott. taz dauerte etwas, aber im ctrl-Blog wars auch zumind fix kurz gebloggt. Markus, wie kamen die JBB-Anwälte zu Dir? Udo Vetter (lawblog) ließ sich leider mobiltelefonisch nicht erreichen und der auch angefragte Gerhart Baum hat sich erst am Abend gemeldet, hätte uns aber auch unterstützt.

    Am Nachmittag telefonierte ich noch ein gutes Weilchen mit dem Rechtsanwalt der Bahn, der uns die Abmahnung zurecht geschrieben hat; das hat uns zwar in der Sache nicht weitergebracht, aber beiden Seiten geholfen: Die Bahn wusste mit wem sie es zu tun haben und wir konnten besser einschätzen, welchen Stellenwert das ganze hat oder ob in irgendeiner Art ein entgegenkommen möglich ist.

    Aber viele Leuten warn das nicht, die groß was getan haben – oder stecken Ralf und ich zu sehr im Tunnel?

    Der neue Datenunfall zwei-drei Stunden später kam natürlich sehr gelegen, die taz-Titelseite gestern auch, die guten juristischen Kommentare eben auch – nicht mehr?

    Eben die (breiter)medial wahrgenommene „Web-Welle“. Aber das allein reicht nicht. Das wurde jetz wahrgenommen, weil auch Netzaktivisten so bislang selten erfolgreich gearbeitet haben.

    Wir sollten die Abläufe (grad der „Präzedenzfälle“) und die Erfahrung, wie man sowas gut handelt immer dokumentieren, analysieren. Eben Manöverkritik. So offen, wie das Anfing, können wir jetz ja auch weiter machen.

    Dazu gibt es im Wiki von netzpolitik.org eine Seite Viele Wege um Dokumente zu veroeffentlichen, die bislang noch nur aus einer sehr kargen Stichwortliste, dem Braindump der letzten Tage, besteht.

    Aber liebe Blogger; verlasst Euch nicht auf archive.org und wikileaks.org und dass sich um die Probleme immer wer anders kümmert!
    Da müssen wir irgendwie gemeinsam weitersehen …

  7. und wer ist denn wetterfrosch? für den nicht eingeweihten Leser wie mich ist das kein aussagekräftiges dt. impressum. nichts.

    Mail: wetterfrosch(ätt)gruene-jugend.de
    Jabber: wetterfrosch@jabber.berlin.ccc.de

    folgt man also den ausführungen, so gab es noch weniger direkte solidarität.

    man möchte hier allenfalls von „gefühlter solidarität“ sprechen. ähnlich, so schätze ich, würde es aussehen, wenn es um konkrete spendenaufrufe zur unterstützung ginge.

    Nannte man das nicht einmal, etwas altbacken, auch „Maulheldentum“? Das ist sehr einfach – im Netz.

    Meine Meinung.

  8. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, wo der Unterschied zu den zahlreichen anderen Abmahnungen besteht, die nach Anwaltsschreiben und Zeitungsartikeln zurückgenommen wurden.

    Netzpolitik war grade wegen der Politik 2.0-Studie in zahlreichen Medien, weil das prima in die Obama-Berichterstattung und den deutschen Wahlkampf passte. Die gleichen Medien haben ihn gerne nochmal zitiert, als er etwas zur Skandal-Story der Stunde zu sagen hatte. Ob Twitter das Ganze beschleunigt hat, wäre zu untersuchen.

    Dass die Bahn politisch zurückgepfiffen wurde, glaube ich nicht. Eine Abmahnung ist kein juristisches Großgeschütz, sondern im Gegenteil die niedrigste Eskalationsstufe von Konzernjuristen. Man vergleiche den Fall nur mit dem DFB-Rechtstreit um den „unglaublichen Demagogen“ – da versuchte ein Verband tatsächlich den vermeintlichen Gegner zu bekämpfen. Und selbst dieser war letztendlich ein Sturm im Wasserglas.

    Lange Rede, kurzer Sinn: business as usual. Natürlich nicht für Markus, aber für die Medien.

  9. Zuerstmal freue ich mich natürlich über den Erfolg von Markus bzw. netzpolitik.org und über die Niederlage der Bahn.
    Wenn ich die Ausführungen von Ralf Bendrath und Wetterfrosch hier so lese, bin ich doch geneigt ihnen zuzustimmen.
    Natürlich ist eine kritische Auseinandersetzung insbesondere mit so einer Abmahnung unabdingbar, dennoch sollte man zwischen jedem einzelnen Fall differenzieren und da möglichst objektiv rangehen. Und eben nicht aus Trotz gegen eine weitere Abmahnung o.ä. die oben schon erwähnte „weil-wir-es-können“-Keule auspacken. Was natürlich nicht heißt, dass die bisherigen Reaktionen auf Streisand, Heilmann, die Bahn, etc. nicht gerechtfertigt waren, mMn.

    Zur Solidarität muss ich sagen, dass ich (noch) zu wenig in die Blogosphäre eingetaucht bin, um beurteilen zu können wer das Memo wo und wie gehostet hat oder nicht. Ich hab’s getan, wenn auch mein blog sehr jung, sehr klein und sehr unbekannt ist.

  10. Lieber Ralf,

    es ist ja legitim, dass man Beiträge schreibt ohne diese miteinander abzustimmen. Allerdings hättest du bei Behauptungen, die Rückmeldungen u.ä. angehen, vielleicht doch mal Markus vorher fragen sollen. Schließlich stand er im Fokus und du weißt mit Sicherheit nicht, was Markus alles an Rückmeldungen erhalten hat. Vor dem Hintergrund kannst du Markus gleich mal fragen, ob deine oben genannte Aussage hinsichtlich der „Mit-Veröffentlichung“ stimmt. Ich habe nämlich sofort nachdem ich von der Abmahnung erfahren habe den Inhalt des Schreibens wörtlich in meinem Blog ebenfalls vollständig veröffentlicht.(+ dies M. auch mitgeteilt) Und zwar genau aus den von dir genannten Gründen, der Notwendigkeit „echter/aktiver“ Unterstützung/Solidarität.

    Netzpolitik könnte man meines Erachtens durchaus als „Enthüllungs-Medium“ betrachten, auf dem geheime/skandalöse/brisante Dokumente veröffentlicht werden. Dabei hängt sich Markus noch viel weiter aus dem Fenster als die klassischen Medien/Presse, die immer nur indirekt berichten (…., dass der Redaktion vorliegt) Und um diese Position zu festigen und nach außen zu stärken und weiter Anlaufpunkt für Informaten zu sein, ist es notwendig zu zeigen, dass netzpolitik nicht alleine dasteht und ähnliche VÖ künftig nicht mehr zu tätigen. (ich hoffe doch, dass Markus bei sich alles mit TrueCrypt „Beschlagnahme-sicher“ gemacht hat ;-))

    Eine besondere Rückmeldung oder Reaktion auf meine solidarische Mitveröffentlichung hätte ich nicht erwartet. Mir war es nur wichtig Markus zu signalisieren, dass es noch außer ihm noch weitere Blogger gibt, die jetzt und auch in Zukunft bereit sind, sich mit ihm auch weiter aus dem Fenster hinauszulehnen und nicht nur unten zu stehen und beim halten des Spruntuches helfen.
    Wenn du aber nun mitteilst, dass außer wetterfrosch und den Grünen niemand sonst das Dokument veröffentlicht hat, so möchte ich Dich bitten zu Kenntnis zu nehmen, dass ich den Text auch in meinem Blog veröffentlicht hab, noch am gleichen Tag. Der Grund warum ich das „Original-Dokument“ selbst nicht gehostet hab ist, dass ich das nur nach Rücksprache mit Markus getan hätte. Es wäre ja auch möglich gewesen, dass er sich entschieden hätte das Dokument wieder zu entfernen, um schlimmeres abzuwenden. Markus hatte da bestimmt aber mehr als genug Trubel um die Ohren, weshalb ich mich auf die Wiedergabe des Textes beschränkt habe. Das macht im Übrigen aber auch keinen Unterschied, da die Bahn ja sowohl gegen den Text als auch gegen das PDF vorgegangen ist. Jedenfalls bleibt der Text in meinem Blog stehen und wird auch nicht runtergenommen. MfG Kai

  11. Ralf, vieles was Du schreibst ich richtig. Nur die Kritik daran, das Dokument nicht selbst veröffentlicht zu haben finde ich falsch und unfair gegenüber denjenigen, die sich die Zeit genommen haben die Sache auf ihre Weise weiterzutragen. Sie hätten es nämlich genauso gut bleiben lassen können.

    Bei der unklaren Rechtslage (und für Laien ist die Rechtslage einer Abmahnung nun einmal per se unklar), wäre es unter Umständen sogar dumm gewesen, das Dokument selbst zu veröffentlichen.

    Wem hätte es genutzt, wenn die Bahn dann andere, evtl. sogar kostenpflichtig, hätte abmahnen lassen können?

    Ich sehe so etwas pragmatischer: Das Dokument mit Hilfe von Wikileaks, Torrents etc. nicht mehr einfangbar machen und Markus/Netzpolitik da unterstützen, wo er es wirklich braucht. 1. Öffentlichkeit herstellen, 2. im Falle einer juristischen Auseinandersetzung finanziell unterstützen und die Öffentlichkeit weiter aufrecht erhalten.

    Das Dokument zu veröffentlichen ist die Entscheidung jedes einzelnen und ich respektiere die Entscheidung derer, die es getan haben. Aber dann öffentlich dafür „angemacht“ zu werden, dass ich es nicht getan habe, finde ich übertrieben.

  12. Ich würde nicht sagen, dass die Nichtveröffentlichung des Dokuments durch andere Blogger ein Zeichen mangelnder Unterstützung für Markus war. Man muss auch sehen, dass eine Abmahnung (gleich von wem oder weswegen) immer noch der schlimmste Alptraum vieler Blogger ist.

    Da ist dann natürlich auch die Frage, ob das denn so einen großen Effekt gehabt hätte. Wäre die Bahn entschlossen gewesen, das zur letzten Konsequenz durchzuziehen, hätte sie auch leicht 50 andere Blogger abgemahnt.

    Ich denke in dem Moment war es erstmal wichtiger, über das Geschehen zu berichten und damit überhaupt diese Unterstützungswelle zu ermöglichen (und damit meine sich sowohl Twitter als auch Blogs)

    Außerdem gab es für die meisten Leute auch keinen Grund, das Dokument ihrerseits zu veröffentlichen, so lange Markus der Bahn nicht nachgibt und das Dokument entfernt. Ich denke mal den meisten wird es so gegangen sein wie mir. Ich habe das Dokument auf meiner Festplatte gespeichert und über Bittorrent geseedet. Für den Fall, dass Markus das Dokument entfernt, wäre ich dann bereit gewesen, es selber wieder online zu stellen, sei es über Tauchsbörsen, Filehoster oder – nach Abwägung der rechtlichen Situation – auch auf dem eigenen Weblog.

  13. Wir haben innerhalb des letzten halben Jahres drei Fälle erlebt, in denen die Blogosphäre ihre Stärke bewiesen hat, ihre Kraft, Nachrichten durch schiere Masse in die klassischen Medien zu drücken: Heilmann und die Wikipedia, Zwanziger und Jens Weinreich und nun die Deutsche Bahn und Netzpolitik.

    Ich sehe in allen drei Fällen – im Gegensatz zu Ralf – Ähnlichkeiten. Zwar war das Thema jedesmal ein anderes, die Form aber, das rechtliche Vorgehen gegen unerwünschte Inhalte und der anschließende Aufschrei der Blogosphäre, war diesselbe.

    Und da stimme ich Ralf wiederum zu: Die Macht der sozialen Medien ist beschränkt. Es müssen meines Erachtens drei Faktoren zusammen kommen, um die Themen tatsächlich in die klassichen Medien zu drücken: ein exponierter, gut vernetzter Akteur der digitalen Gesellschaft muss betroffen sein, der Klagende muss qua Amt und/oder Funktion schon kritisch beurteilt werden (Heilmann war Mitglied der Linkspartei, der DFB erfreute sich als „Funktionärsverein“ noch nie hoher Beliebtheit und über die Bahn brauchen wir nicht reden) und der David-versus-Goliath-Effekt muss zum Tragen kommen.

    Allen drei ist auch gemein, dass die Nutzer der sozialen Medien nicht mehr als das Publikum sein können, quasi die „öffentliche Stimmung“(wie Sasha Lobo es nennt) ausdrücken können. Daraus erwächst aber noch keine reale Aktionskraft.

    Man konnte es im Falle der Burma-Solidaritätskampagne beobachten. Da engagierten sich Viele mit Beiträgen für die Emanzipation des burmesischen Volkes. Zwei Wochen später war das Thema aber verpufft und die Lage in Burma eher schlimmer denn besser geworden.

    Wird nun ein Blogger verklagt/bedroht, muss er die folgende Auseinandersetzung alleine durchstehen. Nur er allein wird vor Gericht stehen, sein Ruf steht auf dem Spiel, er muss mit den Folgen leben. Und darin sehe ich die Grenzen der Solidarität – Grenzen, derer sich die Blogosphäre, die sich gerade anerkennend auf die Schulter klopft, bewusst sein muss.

    Ausserdem wird die Zeit, in der es Akteure gab, die sich der Spielregeln des Internets nicht bewusst waren, vorübergehen, die Ewiggestrigen werden aussterben. Solch relativ klare Strukturen, wie wir sie in den drei Fällen beobachten können, werden dann nicht mehr so leicht zu erzeugen und damit die Masse der Nutzer nicht mehr so leicht zu mobilisieren sein.

    Langfristig wird die Masse der Blogger und Twitter-Nutzer mit jeder neuen Generation zu nehmen, die Interessensgegensätze der realen Gesellschaft werden sich spiegeln im Internet – und ironischerweise könnte dann die Masse, „the long tail“, zum Problem werden, weil sie alle Solidaritätsbekundungen unter sich begräbt – demonstrierende Mönche wie abgemahnte Blogger.

    Ich glaube, dass sich die Gesellschaft dann in all ihren Facetten auf die neuen Spielregeln einstellt – hat sie das getan, wird der Brennglas-Effekt, den wir an den drei oben angeführten Beispielen beobachten konnten, erheblich schwieriger zu erzielen sein.

    Denn wer wird sich schon in dieser zukünftigen durchdigitalisierten Gesellschaft für den Blog einer Hausfrau interessieren?

    Wer würde es denn lesen, wenn dieser Frau ein vermeintliches Unrecht geschieht?

    Die Macht der Sozialen Medien reicht nicht so weit, wie wir glauben. Und die Solidarität erst recht nicht.

  14. Diese Nachschau ist sicherlich wichtig und auch richtig. Die Frage ist jedoch ob diese Angelegenheit als beendet betrachtet werden kann. Immerhin gibt es noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten.

    Ich bin selber ein sogenannter Eisenbahnfreund, fotografiere alles auf und rund um die Schiene. In diversen Foren wurde über das Screening diskutiert (Angestellte der Bahn haben sich auch geäußert). Es ist also nicht so das nur Blogger, in dem Fall netzpolitik.org, die Angelegenheit in die Öffentlichkeit getragen haben. Ob man das nichteinstellen des Memos als fehlende Unterstützung oder Solidarität aburteilt halte ich für überheblich. Auf meinem jungfreulichem Blog ist es im übrigen im vollem Wortlaut und als Link zu finden. Da nach der Abmahnung dann Printmedien verstärkt darüber berichteten und Abgeordnete das Dokument sogar unzensiert verlinkten, sorgte erst für die Aufmerksamkeit und die entsprechenden Rückmeldungen seitens der Blogosphäre. Das sich der DJV und JBB aus eigenem Antrieb hinter Markus stellten dürfte wohl als Glücksfall anzusehen sein. Was wäre wenn dies nicht geschehen wäre?

    Natürlich haben Wirtschaft und Politik ein berechtigtes Interesse daran Korruption zu verhindern. Hätte die Bahn sich direkt mit Markus in Verbindung gesetzt wäre dies alles wohl nie passiert und ein kaum beachtetes Dokument wäre im Nichts verschwunden. Offen bleibt jetzt nach all dem Wellenschlag wie es mit den diversen Vorschlägen zu einer Art „IG Blogger“ weitergeht um auch den kleinen, unbekannteren Blogger bei ähnlich gelagerten Fällen zu unterstützen. Oder wird das dem Vergessen anheim fallen?

    Mein Respekt gilt Markus der es gewagt hat nicht nur das Memo zu veröffentlichen, sondern ggf auch bis zur letzten Instanz gegen die Abmahnung vorzugehen. Es sei dennoch daran erinnert das es bei einem anderen Fall nicht mehr so glimpflich ausgehen muss und man dann ziemlich alleine gegen den Goliath steht.

  15. So ganz kann ich nicht zustimmen. Es könnten schon auch juristische Erwägungen eine Rolle für die Entscheidung der Bahn gespielt haben. Denn eine Unterlassung, die man juristisch vor einem Gericht nicht durchsetzen kann und die nur zu einer für das Unternehmen negativen (elektronischen) Presse führt, dürfte das exakte Gegenteil einer WinWin-Situation – gibt es LoseLose auch? – sein.

  16. Hm, also ein „Ruhmesbatt für die Blogosphäre“ oder auch nur einen Grund, sich auf die Schulter zu klopfen, zufrieden zu sein oder von „Sieg“ zu sprechen, sehe ich nicht.
    Ich sehe hier auch nicht, dass Blogger politischen Einfluss nehmen. Wieso nicht?

    Also es wurde ein Memo veröffentlicht, dass einem betroffenen Großkonzern, der sich weitgehend illegal verhalten hatte (worüber dies Memo handelte), nicht passte.
    Dieser Laden mahnt den Blogger ab, der das echot und von der Community Hilfsangebote erhält.
    Als der Konzern merkt, dass die Sache heiß wird, kneift er, versucht aber dennoch, den Blogger ins Unrecht zu setzen („wir bleiben bei unserer Ansicht“).

    Der Blogger aber ist froh, am Leben zu sein – und sich ‚auf re publica konzentrieren‘ zu können. Bewirkt hat er im Grunde bei der Sache wenig.

    „Politik“ wäre m.E. jetzt, mit Unterlassungsverfügung oder ähnlichem nachzukarten und Druck zu machen auf diesen Laden, der ein einziger Misthaufen zu sein scheint:
    Inzwischen weinen sich Bahn-Innenrevisoren anonym bei Bundestagsabgeordneten über Stasimachenschaften ihres Dienstherrn aus:
    http://www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=1671437&em_loc=2091
    Die Lage der Beschäftigten muss verzweifelt sein, die Arroganz der Macht mit der hingerotzten Vorstandsentschuldigung dagegen geradezu unglaublich.

    „Netz-Politik“ das hieße, die Sache weiter zu verfolgen, Gegen-Druck zu machen,
    zusammen mit anderen Bloggern, damit dieser offenkundige Saustall mal ausgemistet wird, egal ob dabei Vorstands-, Aufsichtsrats- oder Politikerköpfe rollen. Die Beschäftigten, alleingelassen, schaffen das nämlich nicht.
    Gruß
    Hans

  17. Ralf, ich weiß ja nicht, ob du das mit der „persönlichen Solidarität“ bzw. das Beklagen eines Mangels derselben jetzt auf mich beziehst, aber das weise ich doch zurück. Erkundige dich, falls du es auf mich bezogst, bitte erst bei Markus doch mal, warum es bei mir nicht mehr verlinkt ist.

  18. Danke für die nüchterne Zusammenfassung.
    Ich halte es jenseits der Jubelstimmung für wichtig, keinen „Sieg“ zu feiern, sondern die Zusammenhänge zu verstehen.

    Die Blogosphäre hat nicht immer die Macht, derartige juristische Auseinandersetzungen abzuschmettern.
    Wir hatten hier den Fall, dass es eine sehr „freundliche“ Abmahnung war.
    Die Bahn hat nicht einmal Anwaltsgebühren verlangt, die bei Abmahnung meist fällig sind. Deshalb gab es auch keine Notwendigkeit, die Rechtmäßigkeit der Abmahnung mittels einer negativen Feststellungsklage klären zu lassen.

    In vielen anderen Fällen ist es so, dass man entweder die Kosten zahlt oder klagt und da sieht die Situation für eine Privatperson gleich ganz anders aus. Und da helfen auch keine zustimmenden Kommentaren oder Trackbacks.

    Es ging hier auch nicht um Meinungsfreiheit (es ging nicht um üble Nachrede oder falsche Tatsachenbehauptungen), sondern alleine darum, ob es rechtlich ok war, das Dokument im Volltext mit Namen der Beteiligten zu veröffentlichen. Diese Frage ist in diesem Falle überhaupt nicht geklärt worden. Dies sind jeweils Einzelfallentscheidungen und Prognosen für zukünftige Fälle lassen sich nicht ableiten.

    Ich würde mir wünschen, dass sich die Blogosphäre stärker mit der Publizistik auseinandersetzt und sich nicht pauschal auf die „Pressefreiheit“ nach eigener Vorstellung beruft (auf viele Kommentare bezogen).

  19. Ich möchte zu dem Thema auch eine kurze Timeline geben:
    Dienstag, 3. Februar, 15:04: Markus bloggt und Twittert über die Abmahnung.
    Dienstag, 3. Februar, 20:03: Zig Blogs und auch „klassische“ Medien haben ruck-zuck berichtet, es gab nach 5 (!!!) Stunden einen riesigen Medienrummel.
    Mittwoch: 4. Februar: Markus bloggt über eine Handvoll Mirrors und eine rege Solidarität.
    Donnerstag, 5. Februar: Die taz bringt den Streit auf die Titelseite.
    Freitag, 6. Februar, 13:30: Der Spuk ist vorbei.
    Wer jetzt mal hinsieht wird feststellen, dass lediglich drei (!) Tage vergangen sind. Mir scheint, dass manche durch Turbo-Twitter ein wenig das Zeitgefühl verloren haben. Es existierten übrigens genügend Mirrors, zumindest Bittorrent hätte die Datei hochgehalten.
    Ich persönlich betreibe kein Blog, habe mir das PDF aber dennoch frühzeitig gesichert. Meine Devise war vorerst: abwarten und Tee trinken, denn Markus wirkte ja zuversichtlich und erklärte rechtzeitig, das PDF nicht zu löschen. Für den Fall, dass Markus die Datei dennoch entfernen sollte, hätte ich keine Sekunde gezögert, die Datei irgendwie noch zu verbreiten, zumindest als Torrent. Da aber noch alles im grünen Bereich war, hab ich noch abgewartet.
    Insofern schlage ich vor, einen Gang runter zu fahren. Mit Sicherheit, die Reaktion der Blogosphäre hätte besser sein können, aber man sollte auch bedenken, dass viele eine Solidarität, in der Form, das PDF selbst zu verbreiten, (noch) nicht für nötig empfunden haben. Diesen Faktor blenden Ralf und Wetterfrosch komplett aus.

    Übrigens, Gratulation an Markus!

  20. Hallo!

    Na ein bißchen dürfen, wir uns aber für Markus aber schon mitfreuen! Oder? Aber die Sichtweise, in diesem Thema ist durchaus zuerwägen. Wenn hier ein weniger beschädigtes Unternehmen „HARTE Fakten“ aus ihren verschlüsselten Firmenangaben im WEB wieder finden würde. Na das wäre schon eine harte Geschichte geworden.

    Ob unsere Solodarität da so schnell mit zum tragen gekommen wäre-ich vermag das nicht zu sondieren!

    Aber prinzipel sind wir Blogger und Blogbesitzer schon eine sehr mediale Macht.Noch stark unterschätzt! Aber sehr im Kommen! Wir liefern die schnelleren Infotransfers und Inputs , egal wo wir sind! Das macht das Netz dichter! So muss es bleiben!

    Schönen Samstag von:

    http://www.martinawilczynskimeinung.blog.de

  21. Danke, Ralf, für die Zusammenfassung. Ich denke, sie gibt genau die wichtigen Punkte wieder. Und nicht das Dokument gespiegelt zu haben – da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen. Ich kam in diesem Falle noch nicht mal auf die Idee das zu tun. Wahrscheinlich hatte ich genug Vertrauen in Markus, dass er schon „Das Richtige“ (TM) macht.

    Auch wenn es einen Blogger schwer trifft, wenn er eine Abmahnung erhält – für die Konzernjuristen ist das eben eine ganz normale Sache. Und wenn sie dann einsehen, dass es ein Fehler war, dann wird der Spaß eben sang und klanglos eingestellt. Vor längerer Zeit hatte ich auch schon mal das Vergnügen mit der Bahn bzw. deren Konzernjuristen.

    Es ist ja auch nur zu menschlich, dass man erst einmal ins Fettnäpfchen treten muss bis man bemerkt, dass etwas schief ging. ;-)

    Aber eine Ergänzung hätte ich noch:
    netzpolitik.org ist ein Blog, das sehr viel gelesen wird. Wenn Bettina Beispiel in ihrem kleinen Blog etwas entsprechendes veröffentlicht und abgemahnt wird, dann darf sie erstmal auf die Suche gehen um andere Blogger zu finden, die darüber berichten. Bei den „normalen“ Medien hat sie keine Chance, horizont.net hätte nicht berichtet und Spiegel Online hätte nicht dort abschreiben können, und die vielen anderen Medien hätten nicht bei SpOn abschreiben können. Bei großen Blogs verbreitet sich das ruck-zuck in der Blogosphäre und wenn man dann noch Leser aus dem klassischen Journalismus hat, verbreitet es sich bei einem ausreichenden Skandal-Faktor auch dort schnell. So lief das hier und das ist gut so. Aber wenn Bettina Beispiel abgemahnt wird interessiert das erstmal kaum jemanden. Warum auch … „Die kleinen“ haben es auch schon in der Blogosphäre schwerer, was einfach ganz logisch und normal ist. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man den Sieg des Bloggers gegenüber dem Konzern feiert …

  22. Soziale Medien waren in diesem Fall (wie auch bei Heilmann vs. Wikipedia) wichtig, um die Nachricht zu verbreiten, dass mit Rechtsmitteln interessante Informationen gelöscht werden sollen.

    Im Fall Heilmann: Nein. Wenn everybodys darling Wikipedia von einem mutmaßlich Stasi-Schergen im Bundestag gesperrt wird, braucht es keinen Beschleuniger durch Blogs, Twitter und Co – das ist so und so eine heiße Nachricht.

  23. Rechtsschutzversicherung!

    Obwohl ich mit Sicherheit niemand bin, der einem unnötige Versicherungen empfiehlt.
    Aber eine Rechtsschutzversicherung macht einem das Leben – gerade als Blogger – viel leichter. Im Prinzip braucht man sich dann nämlich keine Gedanken mehr zu machen, wegen eines Blog-Eintrags eine Abmahnung oder gar eine einstweilige Verfügung einzufangen. Sämtliche Kosten dafür trägt dann die RSV. Das gibt einem schon ein großes Gefühl der Sicherheit (und Freiheit) beim Bloggen. Voraussgesetzt, dass Bloggen eine reine Hobby-Angelegenheit ist. Ansonsten kommt man in die Kategorie Berufsrechtsschutz.

    Bei evtl. nachkommenden Schadensersatzforderungen könnte sogar eine Provathaftplicht einspringen. Im Zweifel einfach mal das Gespräch mit dem Versicherungsvertreter seines Vertrauens suchen.

  24. Mit dem Fall C&A gegen die-topnews.de ist ja gleich ein weiterer Fall in Gange. Die C&A Sache ist aber eine völlig andere Geschichte und dort wird sich zeigen ob auch viele kleine Blogs es schaffen ein großes Unternehmen zur Vernunft zu bringen.

    Sollte das klappen, dürfte das ein Sieg sein den die Blogger dann wirklich feiern dürfen, was ich stark hoffe. Die große Presse hat sich ja komplett rausgehalten, also ein sehr guter Indikator dafür was „normale“ Blogger bewirken können. Es bleibt spannend!

  25. Es ist doch völlig klar, dass die Abmahnung durch die Deutsche Bahn AG zu einem anderen Zeitpunkt nicht dieselbe Aufmerksamkeit gefunden hätte.

    Dennoch war dies eine schöne Möglichkeit, das Thema „Abmahnungen“ mal in die Öffentlichkeit zu bringen. Vielleicht bewegt das ja dann auch was, entweder entsprechende Änderungen des Telemediengesetzes, Engagement der Gewerkschaften (zB Medien-Fachbereich bei ver.di, wobei mir nicht bekannt ist, ob da schon was in den Bereichen „Bloggerjournalismus“ sowie „Rechtshilfe“ läuft) oder halt eben doch ein – wie auch immer gearteter – Rechtshilfe-Zusammenschluss von Bloggern.

    Deswegen würde ich die ganze Sache mal nicht so schlechtreden, Ralf!

    Ich fand es auch nicht unbedingt sinnvoll, das Memo dann noch selbst zu hosten, da es ja schon bei Pirate Bay und in Tauschbörsen war. Die Berichtersattung in den Blogs war doch auch sehr tolle Solidarität, finde ich.

  26. 1. Wie auch einige andere hier finde ich diese – nüchterne – Nachbetrachtung samt der Frage der Verallgemeinerbarkeit und des Besonderen sehr gut.

    2. Was etwas zu kurz kommt — vielleicht aber auch nur, weil ich zu denjenigen gehöre, die mitgeholfen haben, viel 2.0-Wind zu produzieren, aber z.B. das Dokument nicht gemirrored haben: sind die „weak ties“ bzw. die mit wenig Kosten (kein persönliches Risiko, …) verbundenen Aktionen wirklich unwichtig? Oder ist es nicht gerade so, dass ein wichtiges Momentum des ganzen darin lag, dass viele, viele, viele auf Twitter und Facebook und in Blogs auf die Causa Bahn vs. Netzpolitik hingewiesen haben? Aus der jeweils individuellen Sicht sind das risikolose und wenig kostenintensive Handlungen. Sie sind aber emotional eine Solidaritätsbekundung und haben – meine ich jedenfalls – materiell dazu beigetragen, den Sprung in die Massenmedien zu erleichtern. Ohne direkten Aktivismus (v.a. wohl Wetter) wäre der vielleicht trotzdem nicht passiert. Ohne den hundertfachen Empörungsbeweis der Web2.0-Sphäre aber möglicherweise auch nicht.

    Um nach Parallelen zu suchen: auch die meatspace-Demo ist (wenn’s nicht gerade um eine Castorblockade o.ä. geht) risikolos und kostet nichts außer ein bißchen Zeit. Trotzdem wird sie erst dann zum wirkungsvollen politischen Symbol, wenn viele, viele, viele diesen kleinen risikolosen Schritt gehen — und die 10.000-Teilnehmer-Demo nicht so einfach massenmedial ignoriert werden kann. Das selbe gilt für z.B. die meisten Campact-Aktionen.

    Dieser Aspekt kommt mir in Ralfs Analyse etwas zu kurz: die Emergenz eines Hintergrundauschens vielfacher politischer Empörung, dass das konkrete – und auch in diesem Fall letztlich politische – Handeln erst glaubwürdig werden lässt.

  27. Ich muss Ralf zustimmen in der grundlegenden These das dieser Fall ein besonderer war. Markus ist bekannt, gut vernetzt, hat mit netzpolitik.org eine große Reichweite und die Deutsche Bahn ist gerade eh bei jedem hier im Lande unbeliebt. Daher hat sich die Situation medial so hochgeschaukelt, es gab etwas neues zu berichten, und war es für Markus einfach durch zahlreiche Unterstützung und gute Kontakte schnell zu reagieren.

    Andererseits würde ich jetzt nicht die Solidaritätskampagne zu stark angreifen. Es haben nur wenige selber die entsprechende Datei hochgeladen, das war bei uns für gruene.de auch mit einer kurzen Diskussion verbunden, dann aber alle einig waren das dies der richtige Schritt ist.

    Spannend finde ich deine Bewertung der Social Media Nutzung wo ich ja bereits am Dienstag drauf verwiesen hab. Man müsste einmal grafisch die Reichweite der Nachricht über die verschiedenen Kanäle dokumentieren, vom frühen Nachmittag an, bis es dann 36 Stunden später in vielen Zeitungen stand.

  28. Danke für die ausführliche Bewertung und die Diskussion. Ich teile vieles, wenngleich auch nicht alle Ansichten.

    Erstmal sehe ich es nicht als negativ an, dass das Papier nicht von jedem Blog gespiegelt wurde. Innerhalb einer Stunde nach Erhalt der Abmahnung stand es schon bei einigen Blogs, Wikileaks und der Pirate Bay. Das reichte mir aus. Ich bekam viele Anfragen, ob man das spiegeln sollte und ich hab von mir aus gesagt, dass man das sicherheitshalber nicht tun sollte. Die Verbreitung reichte mir um zu zeigen, dass es nicht mehr aus dem Netz zu nehmen ist. Ausserdem wollte ich nicht mehr Menschen gefährden, die evtl auch Opfer der Rechtsabteilung werden konnten.

    Ansonsten teile ich Tills Einschätzung der „weak ties“. Um eine kritische Masse zu schaffen waren und sind so kurze Hinweise notwendig, auch wenn es in der Regel nur klassische Anschlusskommunikation war. Aber es half einerseits, den klassischen Medien eine zusätzliche Story zu liefern und damit mehr Druck auf die Deutsche Bahn zu erzeugen, andererseits half es auch mir, relativ entspannt mit der Abmahnung umzugehen.

    Ich schreib die Tage nochmal einen ausführlichen Artikel, wie die vier Tage abgelaufen sind und wie sich die Informationen verbreitet haben. Teilweise sass ich sehr fasziniert vor meinem Monitor und freute mich, dass das in der Praxis schneller und besser funktionierte als ich es mir in der Theorie immer gedacht habe.

    Lustigerweise musste ich kaum etwas pro-aktiv tun. Die Medienberichterstattung kam in der Regel z.B. dadurch, dass die Journalisten eh hier mitlesen.

  29. bloggern vorzuwerfen daß sie das dokument nicht gespiegelt haben und gleichzeitig sagen man soll sich nicht auf tauschbörsen verlassen find ich mit verlaub dumm.

    1) gerade die anonymen möglichkeiten der veröffentlichung sind der trumpf der digitalen gesellschaft schlechthin. man denke nur mal an dokumente die *wirklich* brisant sind! was ja hier nicht der fall war, aus diesem dokument wurde vorher von vielen mainstreammedien zitiert und ich habs (hinterher) komplett gelesen und nichts gefunden wegen dem sich das lesen gelohnt hätte, die auswahl die getroffen wurde von der journaille war also in dem fall völlig ausreichend. ich finds schon gut daß markus es online gestellt hat, aber nur der vollständigkeit halber, zu dokumentationszwecken (in diesem fall wie gesagt), nicht weil es brisant ist.
    also wer sagt anonymes veröffentlichen reiche nicht der denkt die dinge nicht zu ende.

    2) warum sollen blogger *unnötigerweise* riskieren sich juristischen ärger einzuhandeln? ich würde ja dem argument zustimmen wenn wir keinerlei anonyme veröffentlichungsmöglichkeiten hätten, dann wäre es soz. ein notwendiges risiko, und erst dann kann man auch so einen vorwurf überhaupt erheben. dann sieht man nämlich wer wirklich risikobereit ist für die sache.

    die leute die du gelobt hast daß sie es veröffentlicht haben sind alle mit markus befreundet wenn ich das richtig sehe? da hast du es. würden sie ihn nicht persönlich kennen, hätten sie es vermutlich auch nicht getan. sie haben es nicht für die sache getan, oder nicht in erster linie, sondern für ihn.
    wenn man dir zuhört meint man sie hätten sich primär für die sache eingesetzt. das glaube ich aber nicht. hätten sie es auch getan wenn es ein ihnen völlig unbekannter mensch gewesen wäre? einer dessen blog sie vielleicht nicht mal mögen?

    bitte mal ein wenig mehr realismus und weniger idealismus. du sagst du willst reflektieren, ok, aber dann bitte beachte die menschliche natur, ich finde dieser punkt in deiner kritik entbehrt jeder realen grundlage. wir sind alle menschen, und mehr kann man von menschen nicht verlangen als das was die leute in den letzten tagen getan haben, das war schlichtweg großartig. deine ansprüche find ich einfach zu unrealistisch.

  30. @60: Es ist mir egal, was Du da rauszulesen glaubst, und wie es in Deinem Fürstentum zugeht.

    Aber da hier noch andere mitlesen und ich die nicht in falschen Hoffnungen lassen will, verweise ich mal auf die FAQ eines Anwalts und die Lage in Deutschland:

    – Trägt eine Rechtsschutzversicherung die Kosten für eine Abmahnung oder einen Rechtsstreit?
    – Nein.

    Wenn überhaupt zahlt die RSV wenn Du jemanden abmahnen lässt. Das ist aber das Gegenteil von dem was wir hier wollen.

  31. Egal wie man das jetzt akademisch zerpflückt, das Ganze war eine gute Übung in etwas, was wir Deutschen viel zu wenig tun: Unserer Meinung durch Protest Ausdruck verleihen!

    Die Franzosen haben das durch ihren geköpften König immerhin einmal erfahren, dass man nicht jeden Spuk mitmachen muss.

    Ich sehe es wie einer Feuerwehrübung: Beim nächsten Mal hat man einfach weniger Angst vorm Feuer, weil man weiß, dass man nicht allein dagegen kämpft.

    Jetzt eine Rechnung aufmachen zu wollen, wer zu wieviel Prozent durch Dokumentkopien seine Solidarität gezeigt hat, finde ich bissel anmaßend. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss das selbst abwägen, wieviel Risiko er zu tragen bereit ist.

    Natürlich gilt irgendwie auch: „Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen.“ (Zitat von Bertrand Russel)

    Es gilt eben „Freiheit statt Angst“ zu leben, schon klar! Aber nicht jeder ist so mutig! Daran müssen wir eben in Deutschland arbeiten.

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