ReportTikTok unternimmt zu wenig gegen politische Desinformation

Ein Bericht der Mozilla Foundation wirft dem Kurzvideo-Dienst TikTok vor, zu wenig gegen politische Desinformation zu unternehmen. Unter anderem hatte ein gefälschter Account des Bundestages vor allem Politiker:innen der AfD gepusht. TikTok hatte vor der Bundestagswahl angekündigt, mit einem Bündel an Maßnahmen gegen Desinformation vorgehen zu wollen.

Auf TikTok findet sich viel politische Desinformation, kritisiert ein Bericht der Mozilla Foundation. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / ZUMA Wire

Der Video-Dienst TikTok habe sein Versprechen gebrochen, wirksam gegen politische Desinformation vorzugehen, wirft die Mozilla Foundation dem Unternehmen vor. Weiterhin seien auf TikTok gefälschte politische Accounts aktiv, die automatisierte Kennzeichnung von Inhalten zur Bundestagswahl sei fehlerhaft, und eine groß angekündigte Faktencheck-Kampagne habe erst verspätet begonnen, heißt es in einem heute veröffentlichten Report [PDF] der gemeinnützigen Organisation.

TikTok ist vor allem unter jungen Menschen beliebt, insgesamt soll es in Deutschland mehr als zehn Millionen Nutzer:innen geben. „TikTok prägt den politischen Diskurs mit, zumal immer mehr politische Gruppen die Plattform nutzen“, sagt der Forscher Marcus Bösch, der die Mozilla-Studie gemeinsam mit Becca Ricks erstellt hat. „Doch in dieser für Deutschland so kritischen Wahlperiode wird TikTok der Verantwortung, die mit diesem Einfluss einhergeht, nicht gerecht“, sagt Bösch.

Gefälschte Accounts

So hatte etwa der TikTok-Account @derbundestag rund 14.000 Follower und 130.000 Likes, die Profilbeschreibung deutete auf einen offiziellen Account hin. Wer allerdings dahintersteckt, ist nicht klar: Der Bundestag ist nur auf Youtube und Twitter aktiv, einen TikTok-Account besitzt er nicht. Den TikTok-Regeln nach ist das Fälschen von Konten verboten.

Eine Analyse des Forscher:innen-Teams zeigte zudem, dass in den geposteten Videos AfD-Politiker:innen prominent gefeatured wurden. Zwischen April und August hätten über die Hälfte der meist aus dem Parlamentsfernsehen stammenden Clips AfD-Politiker:innen als Hauptredner:in gezeigt. Nur zwölf der insgesamt 77 Videos hätten keinen direkten und klar identifizierbaren Zusammenhang zur AfD gehabt.

Inzwischen hat TikTok den Account gelöscht, genauso wie mehrere gefälschte und teils reichweitenstarke Accounts des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, die etwa das deutsche Militär verherrlichten. TikTok müsse umgehend Maßnahmen ergreifen, um die eigenen Community-Richtlinien noch vor der Bundestagswahl durchzusetzen, mahnen die Forscher:innen. Dies beinhalte eine gründliche und laufende Überprüfung der Accounts politischer Parteien, Politiker:innen und politischer Institutionen, um deren Authentizität zu gewährleisten.

Viele Ankündigungen, wenig dahinter

Ein weiteres Versäumnis von TikTok sei die nicht konsequent durchgezogene Kennzeichnung politischer Inhalte. Ursprünglich hatte TikTok angekündigt, eine Informationsseite zur Bundestagswahl einzurichten und sie unterhalb von Videos mit Wahlbezug sowie unter Videos von politischen Accounts zu verlinken. Zwar existiere die Informationsseite, allerdings klappe die automatisierte Kennzeichnung nicht verlässlich, kritisiert der Mozilla-Bericht.

Ebenfalls holprig gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur dpa. Obwohl TikTok im Juli bekannt gab, eine Kooperation zum Faktencheck eingegangen zu sein, habe der Start erst im September begonnen. TikTok solle Fehlinformationskampagnen ernst nehmen, so die Forscher:innen, und mit den externen Faktenchecks deutlich früher vor anstehenden Wahlen beginnen.

TikTok betont gegenüber netzpolitik.org, seine Sicherheitsteams würden mit Unterstützung von Fact-Checking-Partner:innen an der Einhaltung der Community-Richtlinien arbeiten und Inhalte oder Konten entfernen, die dagegen verstoßen. „Wir arbeiten weiterhin ständig daran, unsere Maßnahmen zu verbessern und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit mit unserer Community und unseren Partner*innen“, sagt eine TikTok-Sprecherin in einer Mail.

Schon im Juni hatte ein Report der Mozilla Foundation dem Kurzvideo-Dienst vorgeworfen, anfällig für irreführende politische Werbung zu sein. Zusammen mit den nun aufgedeckten Versäumnissen zeigt sich, dass das Unternehmen handeln muss. „Die Maßnahmen, die TikTok zur Wahl angekündigt hat, mögen zwar auf dem Papier gut klingen“, sagt Becca Ricks. „Ihre tatsächliche Durchsetzung ist aber fragwürdig und teilweise nicht einmal sinnvoll.“

Update, 16:30: Statement der TikTok-Sprecherin wurde nach der Veröffentlichung hinzugefügt.

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Eine Ergänzung

  1. Betreutes Denken jetzt auch bei TikTok dank Mozilla. Als ob man nicht selber einschätzen kann was Fehlinformationen sind und selber recherchieren kann. Dieses Menschenbild eines passiven Konsumenten, in den man alles reinschütten kann, offenbart wie Leute von Mozilla und vermutlich auch ihr als Redaktion über Menschen denkt, hat aber wenig mit der Realität zu tun und ist genau das, was angeblich bekämpft werden soll: eine Fehlinformation.

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