DatenjournalismusTikToks Algorithmus drängt zu Nischeninhalten

Der Algorithmus der Videoplattform basiert auf der Verweildauer der Nutzer:innen auf den einzelnen Videos. Eine Datenrecherche des Wall Street Journals deckt auf, wie TikTok so in kürzester Zeit Interessenprofile generiert und genau zugeschnittene Inhalte ausspielt.

Eine Wendeltreppe führt in die Tiefe hinab.
TikToks Algorithmus übt eine Sogwirkung auf die Nutzer:innen aus (Symbolbild). Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Maxime Lebrun

Die „Für-Dich-Seite“ ist „buchstäblich deine Intention“, sagt die populäre TikTok-Nutzerin @lilmamas97 über die Inhalte, die ihr von TikTok zusammengestellt werden. Sie und andere Nutzer:innen sind fasziniert von der Art und Weise, wie die Videoplattform agiert. Doch statt Intention oder Bauchgefühl entscheidet bei TikTok ein kalkulierender Algorithmus.

Dessen Funktionsweise demonstrierte das Wall Street Journal (WSJ) zuletzt mit einer aufschlussreichen Datenrecherche. Hierfür wurden 100 fiktive Accounts (Bots) erstellt, denen jeweils eine IP-Adresse und charakterisierende Interessen zugeteilt wurden. Laut The Verge basierte das Verhalten der Bots auf den Hashtags, die unter den Videos gesetzt sind. Je nachdem ob die Hashtags relevant für die zugeschriebenen Interessen waren, schaute sich der Bot Videos an. 

Schon nach kurzer Zeit generierte der Algorithmus ein individuelles Interessenprofil basierend auf der Verweildauer des Bots auf den einzelnen Videos. 

Zeit ist Information 

Interessanterweise spielen laut dem WSJ die Anzahl von Likes und Shares bei TikToks Vorschlagsalgorithmus nur eine untergeordnete Rolle. Viel ausschlaggebender ist die Verweildauer auf einzelnen Videos und die Information darüber, wie häufig ein Video angeschaut wurde. TikTok widerspricht dieser Aussage und sagt, dass sowohl die Anzahl von Likes, Shares und Follower als auch der Inhalt selbst eine Rolle für den Vorschlagsalgorithmus spielen würden. Das „TikTok Transparenz-Center“ veröffentlichte schon im Juli 2020 unbestimmte Anhaltspunkte, wie der Algorithmus funktionieren könnte:

Ein starker Interessenindikator, wie etwa ob die Nutzer:in ein Video von vorne bis hinten angeschaut hat, wird stärker beachtet als ein schwacher Indikator, wie etwa ob die Video-Konsument:in und Urheber:in beide in dem gleichen Land sind. 

Zwar zeigte TikTok den neuen Nutzer:innen zunächst populäre Videos von allgemeinem Interesse, aber schon nach den ersten Videos bewegt sich der vorgeschlagene Inhalt zu immer spezifischeren Interessengruppen. In Abhängigkeit von der Verweildauer analysiert der Algorithmus weitere gegebenen Informationen wie Hashtags, Nutzernamen und Videobeschreibungen. Ziel ist es dabei Inhalte zu finden, die den Nutzer dazu bewegen auf der App zu bleiben. Nach nur durchschnittlich zwei Stunden Video schauen, schickt der Algorithmus nun vor allem personalisierte Inhalte, die nicht mehr im Mainstream, sondern auch in Nischen und an Rändern zu verorten sind. Die populären Mainstreamvideos machen zu diesem Zeitpunkt nur noch einen geringen Prozentsatz aus.

TikTok drängt zu extremen Rändern 

Der Algorithmus-Experte Jonathan Stray zeigt sich auf Twitter fasziniert von der Arbeit des Wall Street Journals. Nach seiner Interpretation des Experiments stellt TikToks Vorschlagssystem vor allem eines dar, nämlich eine Bedrohung. 

In diesem Fenster soll ein Twitter-Post wiedergeben werden. Hierbei fließen personenbezogene Daten von Dir an Twitter. Aus technischen Gründen muss zum Beispiel Deine IP-Adresse übermittelt werden. Twitter nutzt die Möglichkeit jedoch auch, um Dein Nutzungsverhalten mithilfe von Cookies oder anderen Tracking-Technologien zu Marktforschungs- und Marketingzwecken zu analysieren.

Wir verhindern mit dem WordPress-Plugin „Embed Privacy“ einen Abfluss deiner Daten an Twitter so lange, bis Du aktiv auf diesen Hinweis klickst. Technisch gesehen wird der Inhalt erst nach dem Klick eingebunden. Twitter betrachtet Deinen Klick als Einwilligung in die Nutzung deiner Daten. Weitere Informationen stellt Twitter hoffentlich in der Datenschutzerklärung bereit.

Zur Datenschutzerklärung von Twitter

Zur Datenschutzerklärung von netzpolitik.org


Das Spezifizieren auf bestimmte Interessen durch den Algorithmus wirkt selbstverstärkend. Nutzer:innen geraten so in einen Sog, der sie an Ränder und in Nischen führen kann.

Die Visualisierung des Wall Street Journals modelliert die Inhaltewolken auf TikTok nach Hashtags. Inhalte, mit einer niederen Hashtag-Frequenz sind mit ausufernden Armen der Wolke repräsentiert, während die Mainstream-Themen im Inneren der Wolke dargestellt werden. Je weiter die Nutzer:in in eine Nische eindringt, desto geringer wird die Anzahl der Verknüpfungspunkten zu anderen inhaltlichen Themen. 

Inhaltliche Verengung

Was bei Hundeinhalten noch süß wirkt, wird spätestens bei Verschwörungstheorien problematisch. Folglich beinhaltet TikToks Algorithmus ein hohes Potenzial für eine Verengung der Inhaltsbreite und damit auch für politische Radikalisierung, da gesellschaftliche Pluralität ausgeblendet wird. 

Der Algorithmus von TikTok ist nicht der erste, der eine solche Tendenz vorweist. YouTube steht seit Jahren in der Kritik die Verbreitung von politisch extremeren oder abwegigen Positionen zu fördern und so die Nutzer:innen zu radikalisieren.

Mehr Zeit für kritische Berichterstattung

Ihr kennt es: Zum Jahresende stehen wir traditionell vor einer sehr großen Finanzierungslücke und auch wenn die Planung und Umsetzung unseres Spendenendspurts viel Spaß macht, bindet es doch sehr viele Ressourcen; Ressourcen, die an anderer Stelle für unsere wichtige Arbeit fehlen. Um Euch also weniger mit Spendenaufrufen auf die Nerven zu gehen und mehr Recherchen und Hintergründe bieten zu können, brauchen wir Eure regelmäßige Unterstützung.

Jährlich eine Stunde netzpolitik.org finanzieren

Das Jahr hat 8.760 Stunden. Das sind 8.760 Stunden freier Zugang zu kritischer Berichterstattung und wichtigen Fragestellungen rund um Internet, Gesellschaft und Politik bei netzpolitik.org.

Werde Teil unserer Unterstützungs-Community und finanziere jährlich eine von 8.760 Stunden netzpolitik.org oder eben fünf Minuten im Monat.

Jetzt spenden


Jetzt spenden

Eine Ergänzung

  1. Es ist immer befremdlich, wenn sich Leute erstaunt zeigen, wenn man bekennt, dass man Song X oder Person Y nicht kennt.
    Wahrscheinlich ist das auch ein Aspekt… (da ja TikTok und andere Plattformen auch wissen, wen ich im Adressbuch habe und folglich auch Daten über Bekannte, denen sie dann ähnliche Inhalte zeigen können.)

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge! Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.