Medienmäzen Google

Wer in Deutschland von den Geschenken des Datenkonzerns profitierte

In einer Studie nehmen wir die Beziehungen zwischen Google und den Medien unter die Lupe, insbesondere die Millionenzahlungen im Rahmen der Digital News Initiative. Unsere Analyse für Deutschland zeigt: das Förderprogramm des Datenkonzerns ist ein Problem für die Medienvielfalt.

Klassische Zeitungsverlage gehören zu den Hauptprofiteuren von Googles DNI-Fonds
CC-BY 2.0 Erich Ferdinand

Wenn Google das Portemonnaie zückt, halten auch deutsche Medien gern die Hand auf. Viele Größen der Branche haben sich in den letzten Jahren von Google Innovationsprojekte fördern lassen. Der Spiegel war dabei, die Frankfurter Allgemeine, Zeit Online, das Handelsblatt und auch die taz.

Insgesamt hat der Datenkonzern im Rahmen seiner Digital News Initiative (DNI) 21,5 Millionen Euro an Empfänger:innen in Deutschland verschenkt. Google hat hier die meisten Projekte gefördert (92), gefolgt von dem Vereinigten Königreich (76) und Frankreich (76). In ganz Europa schüttete der DNI-Fonds zwischen 2015 und 2019 gut 140 Millionen Euro aus.

In der am Montag erschienen Studie „Medienmäzen Google“ untersuchen wir, wohin das Geld geflossen ist und wie sich die Charme-Offensive auf die Medien in Deutschland auswirkt. Wir haben dafür unter anderem die Geldflüsse analysiert und mehr als zwei Dutzend Interviews mit Digitaljournalist:innen, Verlagsmanager:innen und Google-Vertretern geführt.

Unsere Datenanalyse zeigt unter anderem, dass Googles Millionen in Europa und Deutschland höchst ungleich verteilt wurden. Während ein Großteil der Mittel nach Westeuropa floss, hatten zentral- und osteuropäische Länder das Nachsehen. Mit schätzungsweise gut 100 Millionen Euro ging der Löwenanteil des Geldes (73 Prozent) zudem an kommerzielle Verlage. Nicht-kommerzielle und öffentlich finanzierte Medien erhielten zusammen etwa 12 Millionen Euro (9 Prozent). Die restlichen Mittel wurden an Universitäten, Einzelpersonen und nicht-publizistische Firmen ausgezahlt.

Die typischen Empfänger des Google Geldes waren also etablierte große Medienunternehmen aus Westeuropa. Auch Regionalverlage und journalistische Neugründungen sind unterrepräsentiert, sodass der DNI-Fonds den Wettbewerbsvorteil etablierter Großverlage weiter gestärkt hat.

WirtschaftsWoche, Handelsblatt und Deutsche Welle liegen vorne

Die Liste der deutschen Mittelempfänger:innen liest sich wie ein Who’s Who der hiesigen Verlagsbranche. 28 Großprojekte mit einem Volumen zwischen 300.000 und einer Millionen Euro hat Google hier gefördert. Die genauen Summen sind überwiegend unbekannt, weil weder der Datenkonzern noch die meisten Verlage die genauen Förderbeträge verraten wollen.

Zu den Empfänger:innen in dieser Förderkategorien zählte etwa Der Spiegel, der in Sachen Transparenz eine Ausnahme bildet und über beide geförderten Projekte informierte. Das Hamburger Medienhaus erhielt fast 700.000 Euro für das Projekt „Read the Game“, welches laut Eigenbeschreibung Datenanalyse und Künstliche Intelligenz nutzt, um Fußballberichterstattung zu verbessern; außerdem 850.000 Euro für die Entwicklung einer Voice-Infrastruktur, welche die Produktion, Publikation und Monetarisierung von Audioinhalten erleichtern soll.

Ein anderes Beispiel aus der Top-Kategorie ist die Funke Mediengruppe. Sie erhielt 500.000 Euro für ein Video-Distributionsnetzwerk namens „Unicorn“ und drei weitere Förderungen in unbekannter Höhe. Auch die WirtschaftsWoche wurde mehrfach gefördert und erhielt 650.000 Euro allein für die Entwicklung eines Virtual-Reality-Clubs für Abonnent:innen.

Unseren Schätzungen zufolge gehört die Wirtschaftswoche zu den Hauptprofiteur:innen in Deutschland. Gemeinsam mit der Schwesterzeitung Handelsblatt und der Deutschen Welle führt sie die Top 10 an. Alle drei Medien könnten jeweils mehr als zwei Millionen Euro aus Googles DNI-Fonds bekommen haben. Ebenfalls in der Liste der Top-Empfänger:innen mit mindestens zwei Projekten sind der schon genannte Spiegel, die DuMont Mediengruppe, die FAZ, der Tagesspiegel, Gruner + Jahr, Funke und die Deutsche Presseagentur dpa.

Zwischen „Entwicklungshilfe“ und Aufholjagd

Auffällig ist vor allem, wer nicht dabei ist: die Süddeutsche Zeitung etwa oder der Axel-Springer-Verlag. Dessen Vorstandsvorsitzender Chef Mathias Döpfner erklärte schon früh, Googles „Geschenke an die Verlage“ nicht annehmen zu wollen. Der US-Konzern solle lieber das auf Druck der deutschen Presse geschaffene Leistungsschutzrecht für Presseverlage achten und die Verlage auf diesem Weg kofinanzieren.

Unsere Interviews zeigen unterdessen, dass viele Innovationsprojekte bei deutschen Medien nicht oder nur in kleinerem Umfang stattgefunden hätten, wenn Google ihnen nicht unter die Arme gegriffen hätte. „Also wir hätten es sonst nicht gemacht. Weil wir es uns einfach nicht leisten können“, sagte etwa der Geschäftsführer eines kleineren Mediums. Die Digitalmanagerin eines großen Verlages berichtet von einem Projekt, das ohne die freundliche Unterstützung aus dem Silicon Valley nicht stattgefunden hätte: „Das war ein hochtechnologisches Projekt, für das wir die Ressourcen nicht in dem Maße zur Verfügung hätten stellen können.“

Für viele der befragten Medien waren die DNI-Mittel also essenziell, um Innovationsprojekte realisieren zu können. Selbst wenn die Projekte im Einzelfall nicht immer als Erfolge gewertet werden, hat die Initiative des Datenkonzerns ein Nachdenken über Innovationen und Mut zu Experimenten in vielen Medienhäusern scheinbar überhaupt erst möglich gemacht. Eine Journalistin beschreibt den DNI-Fonds deshalb als „Entwicklungshilfe“, ein anderer Verlagsmanager betont den „Aufholcharakter“:

Es gab auf der einen Seite schon wirklich interessante Innovationsprojekte. Und dann gab es zum anderen aber auch viele Varianten von dem, was ich „Zugprojekte“ nennen würde. Wo eigentlich etwas lief oder hätte passieren müssen, aber vielleicht nicht genug Geld da war oder die Eigentümer zu kurzfristig orientiert waren und es dann mit DNI-Hilfe passiert ist. Für mich hat das auch viel Aufholcharakter für die Branche gehabt. Angefangen bei Paywalls oder Revenue durch das Eventbusiness. Das sind Sachen, die ein gut geführtes Unternehmen eigentlich hätte machen sollen oder wollen. […] Das hat es dann für die Innovatoren in den Firmen auch leichter gemacht, Projekte aufzusetzen, glaube ich.

„Wir könnten auch den moralisch sauberen Tod sterben“

Auch in Deutschland entfiel der Großteil der Förderungen mit 45 von 92 Förderungen auf kommerzielle Medien. Sie erhielten besonders oft Förderungen in der größten Kategorie „Large“: 68 Prozent der Förderungen bis zu einer Millionen Euro gingen in Deutschland an kommerzielle Medien.

Nichtpublizistische Firmen wie die Agentur Eden Spiekermann oder die Monetarisierungsplattform Steady stellen mit 26 Projekten die zweitgrößte Gruppe der Empfänger:innen. Hier ist der Anteil der kleineren Förderungen der „Prototyp“-Kategorie bis 50.000 Euro mit mehr als 50 Prozent besonders hoch.

Einzelpersonen erhielten hierzulande acht Projektförderungen aus dem DNI-Fonds, ausschließlich in der Kategorie „Prototyp“. Not-for-Profit-Medien bekamen in Deutschland sechs Projekte gefördert: drei Prototypen, zwei mittelgroße Projekte bis 300.000 Euro und ein Großprojekt. Die Deutsche Welle erhielt als einziges öffentlich finanziertes Medium der Bundesrepublik Projektförderungen; und zwar gleich vier. Zudem wurden drei Universitäten gefördert, davon lediglich die Hamburg Media School mit mehr als 300.000 Euro.

Bedenken hatten die meisten Medienmanager:innen wegen der Zusammenarbeit mit Google nicht. Drei von ihnen berichten, dass die DNI-Förderung zwar Diskussionen in den Redaktionen ausgelöst hätten. Diese haben jedoch nicht dazu geführt, das Geld nicht zu nehmen. „Am Ende haben wir gesagt: ‚Ey, wir können jetzt hier den moralisch sauberen Tod sterben oder wir machen halt unser Projekt.‘ Und dass es dann auch noch geklappt hat, war natürlich umso besser“, beschreibt ein Medienmanager den Prozess.

Lediglich zwei Geschäftsführer:innen von Medien, die eine DNI-Förderung erhalten haben, zogen ein negatives Fazit. In einem Fall liegt dies aber nicht an moralischen Bedenken, sondern schlich daran, dass die Integration des Innovationsprojektes in das eigene Unternehmen nicht gut funktioniert hat. „Das ist doch ein stärkerer Integrations- und Managementaufwand, für den wir nicht so richtig ready sind“, lautet die Bilanz.

Nur in dem anderen Fall liegt es an Skepsis gegenüber einer weiteren Förderung durch Google. Die interviewte Person hat die Leitung des Verlages erst übernommen, als das DNI-Projekt bereits abgeschlossen war und schloss eine Förderung für die Zukunft aus, „weil damit sofort ein Interessenkonflikt einhergeht.“

Kaum Geld für journalistische Neugründungen

Unsere Studie zeigt jedoch, dass es nicht nur mögliche Interessenkonflikte sind, weshalb Verlage skeptisch gegenüber Googles Geld sein sollten. Die Datenanalyse des DNI-Fonds macht deutlich, dass Googles Millionen in Deutschland und Europa nicht gleichmäßig verteilt wurden, sondern ein Ungleichgewicht anhand vorherrschender ökonomischer Strukturen verstärken. So profitieren etwa regionale Medien in deutlich geringerem Ausmaß von Googles DNI-Fonds.

Nur vier der 28 Großförderungen bis zu einer Millionen Euro gingen in Deutschland an regionale Medien: Der Berliner Tagesspiegel ließ sich beispielsweise die Entwicklung des Stadtteil-Newsletters „Tagesspiegel Leute“ mit 550.000 Euro finanzieren. Die Rheinische Post erhielt 300.000 Euro um ein System zur Trenderkennung zu entwickeln, das Daten aus Millionen Online-Nachrichtenquellen analysieren und Themenkarrieren für die redaktionelle Arbeit auswerten soll. Das Mannheimer Regionalportal Headline24 erhielt 680.000 Euro für ein Projekt zu automatisiertem Journalismus, der Schwäbische Verlag bekam 371.000 Euro für ein automatisiertes Empfehlungssystem.

Von den 25 Förderungen für deutsche Projekte in der Kategorie „Medium“ gingen lediglich drei an regionale Verlage: an die Neue Osnabrücker Zeitung (294.000 Euro für das „Project North Star“), den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (294.000 Euro für das Projekt „Ambient News“) und erneut an den Berliner Tagesspiegel (230.000 für das Debattenportal „Causa“).

Unter den ohnehin schon seltenen nicht-profitorientierten Medien hat in Deutschland lediglich Correctiv eine Förderung in der Kategorie „Large“ erhalten (500.000 Euro für ein Community­ Projekt). In der Kategorie „Medium“ kommen die Tageszeitung taz (110.000 Euro für das Monetarisierungsprogramm „taz zahl ich“), RiffReporter (unbekannte Summe zwischen 50.000 und 300.000 Euro für das Projekt „Poly­Publisher“) und Krautreporter (60.000 Euro für ein Projekt zur Leser*innenbindung) hinzu.

Auch journalistische Neugründungen sind in den Förderkategorien „Large“ und „Medium“ selten auszumachen: Dazu zählen nur die be­reits genannten Projekte von Correctiv, Krautreporter, RiffReporter und Headline24 sowie ein Projekt von Perspective Daily (105.000 Euro für das Projekt „Healthy News Diet Assistant“).

Wer hat, dem wird gegeben

Der Umfang der DNI­-Förderungen fällt jedoch auch unter den kommerziellen Medien und großen Verlagen höchst unterschiedlich aus. Während viele Mittelempfänger:innen nur einmalig eine För­derung erhielten, sind andere mit mehreren Projekten vertreten. Besonders heraus sticht dabei die DvH Medien GmbH des Großverlegers Dieter von Holtzbrinck. Die Verlagsgruppe könnte zusammengerechnet bis zu 5,75 Millionen Euro durch ihre Medien Handelsblatt, WirtschaftsWoche, Tagesspiegel und Zeit Online (zwei Prototype-Förderungen) erhalten haben.

Insgesamt kommen wir zu dem Schluss, dass sich Googles Förderung für die Medienbranche an bestehenden ökonomischen Strukturen orientiert und sogar verstärkt: Wer hat, dem wird gegeben. Eine Orientierung des DNI-Fonds an Gemeinwohlzielen ist derweil nicht zu erkennen. Es werden eben gerade keine finanzschwächeren Medien oder gemeinwohlorientierter Journalismus gefördert. Auch die Schließung journalistischer Versorgungslücken in Mittel- und Osteuropa mit dem Ziel einer ausgeglicheneren europäischen Öffentlichkeit wird nicht angestrebt. Im Gegenteil: Bestehende Ungleichheiten werden verstärkt.

Ohne Frage ist Google mit seiner Förderung in eine klaffende Finanzierungslücke für die Innovationsentwicklung von Medien gestoßen. Die Herausforderung für Nachrichtenmedien in einer demokratischen Gesellschaft besteht nun darin, Alternativen mit weniger großem Gefährdungspotential für ihre Unabhängigkeit zu finden. Deshalb ist es aus unserer Sicht besonders wichtig, dass die europäische und deutsche Debatte um öffentlich-rechtliche Innovationsförderung für Medien weitergeht.

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