Medienmäzen Google

Milliarden von den neuen Medici

Wenn wir über eine problematische Nähe von Tech-Unternehmen zum Journalismus sprechen, geht es nicht nur um Google. Die Technologiebranche hat sich in den letzten Jahren zu einem Gönner in Renaissancemanier für Nachrichtenmedien verwandelt. Doch die Millionen von Zuckerberg, Bezos und Co. bringen Probleme mit sich.

Die neuen Medicis
Mäzene wie in der Renaissance: Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Sundar Pichai CC-BY-NC-SA 4.0 Oliver Hinzmann

Vor gut 20 Jahren, als Google noch ein Startup war, sprachen einige im Silicon Valley vom Tod der klassischen Nachrichtenorganisationen. „Werden Blogs die alten Medien umbringen?“, fragte das Magazin Newsweek. Das Internet werde bald die Zeitungen auf dem Gewissen haben, unkten auch manche Journalist:innen.

Der angesagte Tod der klassischen Medien ist nicht ganz eingetreten. Im Gegenteil, es ist ausgerechnet die Technologiebranche, die sich heute um traditionsreiche Medienmarken reißt. Milliarden an Dollar aus dem Silicon Valley fließen in Zeitungsübernahmen, Medienstiftungen und direktes Sponsoring.

Die folgende Analyse dieser Geldflüsse ist Teil einer Studie, die die Autoren diese Woche bei der Otto-Brenner-Stiftung veröffentlicht haben. In „Medienmäzen Google. Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt“ wird das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Google und den Medien entworren. Dieser Text zeigt, dass das längst nicht das einzige Beispiel für ein gesteigertes Interesse der Tech-Branche an den alten Medien ist.

Gedruckte Prestigeobjekte

Das prominentestes Beispiel für die erste Kategorie, also klassische Übernahmen aus der Tech-Branche, liefert Jeff Bezos. Der Amazon-Gründer und reichste Mensch der Welt kaufte 2013 mit 250 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen die Washington Post. Bezos sanierte das finanziell angeschlagene Blatt, allerdings gibt es seither immer wieder Fragen über die Unabhängigkeit des Blattes, über den eigenen Eigentümer und sein Imperium kritisch zu berichten.

Auf Bezos‘ Spuren folgte Jack Ma. Der Gründer des chinesischen Amazon-Rivalen Alibaba verleibte sich die renommierteste Zeitung Hongkongs ein, die englischsprachige South China Morning Post. In einem Interview mit seinem eigenen Blatt kritisierte Ma, der enge Kontakte mit der chinesischen Führung unterhält, die „einseitige“ Berichterstattung über China in der westlichen Presse.

Die South China Morning Post berichtet inzwischen freundlicher über die chinesische Regierung, bemerken Kritiker:innen. Diese Tendenz dürfte sich durch das neue Sicherheitsgesetz der chinesischen Regierung für Hongkong weiter verstärken.

Die Liste lässt sich fortsetzen. Der Biotechnologie-Milliardär Patrick Soon-Shiong erwarb für 500 Millionen Dollar das Verlagshaus der L. A. Times. Salesforce-Gründer Marc Benioff und seine Frau Lynne sind seit 2018 Eigentümer von Time. In Deutschland erwarben Silke und Holger Friedrich im Vorjahr aus Erlösen ihrer Softwarefirmen den Berliner Verlag, der die Berliner Zeitung herausgibt.

Zuweilen gehen solche Prestigekäufe auch in die Hose. 2012 erwarb Facebook-Mitgründer Chris Hughes das altehrwürdige Magazin The New Republic, nach eher glücklosen Bemühungen verkaufte er es aber einige Jahre später wieder. Tesla-Gründer Elon Musk investierte Millionen in ein neugegründetes Satireprojekt namens Thud, dem er nach einem Jahr schlagartig die Unterstützung strich.

Unter Stiftern

Prominente Figuren der Technologieszene kaufen aber nicht bloß einzelne Zeitungen, über ihre Stiftungen lassen die dem Journalismus auch hunderte Millionen Dollar an Förderung zukommen. Ein Beispiel liefert Pierre Omidyar. Der Mitgründer von eBay kündigte 2013 eine 250-Millionen-Spende für den Non-Profit-Journalismus an. Mit dem Geld von Omidyar gründeten die NSA-Aufdecker:innen Laura Poitras und Glenn Greenwald The Intercept, ein Online-Medium, dass sich Themen wie staatlicher Überwachung widmet.

Doch bei The Intercept häuften sich bald Beschwerden über Missmanagement und Geldverschwendung, spätere Gründungen scheiterten nach kurzer Zeit oder schafften es nicht mal an die Startlinie. Heftige Kritik an The Intercept setzte es auch, als die Seite bei der Enthüllung geheimer NSA-Dokumente Fehler machte und darum die Whistleblowerin Reality Winner im Gefängnis landete. Ein großer Teil des Geldes, das Omidyar versprochen hat, lässt überdies weiterhin auf sich warten, berichtete zuletzt die Columbia Journalism Review.

Ebenfalls von Problemen geplagt war das Flaggschiff-Projekt von Craig Newmark, dem Gründer der US-Kleinanzeigenbörse Craigslist. Mit seiner Stiftung sponserte Newmark die Gründung von The Markup. Das neue Non-Profit-Medium ist datenjournalistischen Untersuchungen über die Auswirkungen von Technologie auf unsere Gesellschaft gewidmet. (Ironischerweise nehmen sich die 20 Millionen Dollar, die Newmark dafür ausgab, vergleichsweise gering aus gegenüber den geschätzten fünf Milliarden Dollar, die Craigslist den US-Lokalzeitungen im Verlauf weniger Jahre an entgangenen Einnahmen kostete.)

The Markup gründete sich im Sommer 2018, konnte allerdings erst mit erheblicher Verspätung zu Beginn diesen Jahres starten. Grund für die Verzögerung war ein sehr öffentlich ausgetragener Streit zwischen Chefredakteurin Julia Angwin und Geschäftsführerin Sue Gardner. Der Konflikt konnte erst beigelegt werden, als Newmark Gardner die Unterstützung entzog und sie aus dem Projekt ausstieg.

Als Pionier der Medienförderung durch die Tech-Branche kann die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gelten, die sich vor allem Gesundheits- und Entwicklungsthemen widmet. Aus der durch Microsofts Profiten gespeisten Stiftung flossen seit 2002 rund 63,5 Millionen Dollar aus 75 Förderprojekten für journalistische Zwecke, das Geld finanzierte etwa über ein Jahrzehnt lang die Berichterstattung des Guardian über globale Entwicklung.

So verdienstvoll vieles der journalistischen Arbeit mit Gates-Geld auch sei, so sei doch auffällig, wie sehr sich die geförderten journalistischen Beiträge mit den Prioritäten der Stiftung deckten, kritisierte Robert Fortner in der Columbia Journalism Review. Mehr noch, die nicht unumstrittene Arbeit der Stiftung selbst werde für die Medien, die daraus finanziert werden, wohl vielfach zum blinden Fleck.

Geldsegen von Google und Facebook

Einen gänzlich eigenen Weg eingeschlagen haben die Datenkonzerne Google und Facebook. Ihre Marktmacht bei digitaler Werbung erschwert es traditionellen Nachrichtenmedien, sich wie bei gedruckten Medien vor allem aus Anzeigen zu finanzieren. Angesichts wachsenden politischen Drucks haben die beiden Konzerne die letzten Jahre viele Millionen in Direktzahlungen an journalistische Medien gepumpt.

Google richtete zuerst 2013 in Frankreich einen 60-Millionen-Euro-Fonds für Innovationsprojekte von Presseverlagen ein, zwei Jahre später folgte ein ähnlicher Fonds mit 150 Millionen Euro für ganz Europa. Seit 2019 finanziert die Google News Initiative weltweit Innovationsprojekte, aber auch Fellowships und Trainings für Journalisten sowie Kongresse und Konferenzen. Dieses mal mit einem Budget von 300 Millionen Dollar. (Mehr dazu hier und im Volltext der Studie.)

Facebook folgte dem Beispiel Googles. Im Januar 2019 versprach der Konzern 300 Million Dollar an Unterstützung vor allem für den Lokaljournalismus. Erste Großspenden gingen an Non-Profit-Organisationen wie das Pulitzer Center und in Deutschland an die Hamburg Media School. Der Konzern antwortet damit auf erhebliche Kritik aus Journalismuskreisen.

Die Initiative von Facebook gliedert sich in finanzielle Zuwendungen an Medienunternehmen, Schulungen für Redaktionen und Partnerschaften für Fact-Checking. Die auf der Webseite des Facebook Journalism Project aufgelisteten „Erfolgsgeschichten“ zeigen Anhand von Beispielen, wie Nachrichtenseiten etwa auf der Facebook-Plattform Instagram ein jüngeres Publikum erreichen können.

Stärker als bei der Nachrichteninitiative Googles zielt Facebooks Journalismusprojekt offenkundig darauf ab, Nachrichteninhalte in die eigenen Produkte zu integrieren. Einen weiteren Schritt in diese Richtung machte der Konzern im Herbst 2019 mit der Ankündigung eines neuen „News“-Tabs bei Facebook, der Nutzer:innen ausgewählte Nachrichten präsentiert. Einzelne Verlage sollen für ihre Inhalte entlohnt werden, auch in Deutschland.

Das erinnert an frühere Vorstöße Facebooks. Bereits vor einigen Jahren bezahlte der Konzern ausgewählte Nachrichtenmedien für Live-Videos, die über das soziale Netzwerk veröffentlicht wurden. Das war zu einer Zeit, als Facebook Medien mit fragwürdigen Zugriffszahlen zur Produktion von Videoinhalten drängte. Facebook stellte sein Programm, für Live-Videos zu zahlen, allerdings bald wieder ein. Die Verlage schäumten.

Mäzene und ihre Mätzchen

Die Beispiele zeigen, dass die Milliarden aus der Technologiebranche im Journalismus einiges bewegt haben. Einen stabilen Partner haben die Nachrichtenmedien allerdings nicht gefunden, denn ob es sich um Prestigekäufe, Stiftungsförderung oder direkte Zuwendung aus dem Konzernbudget handelt, wird das Geld oft allzu willkürlich verteilt und der Geldhahn auch wieder zugedreht.

Sorgen machen sollten sich die Medienmanager:innen und Journalist:innen, die sich über den Geldsegen aus der Technologiebranche freuen, auch wegen voraussehbaren Unvereinbarkeiten in dieser Allianz. Ob es nun um Wahlmanipulation und Überwachung unter Beihilfe der Datenkonzerne geht, um Cambridge Analytica oder den NSA-Skandal, oder ob wir vom monopolistischen Verhalten der Konzerne sprechen, über Kartellverfahren, oder gar die Arbeitsbedingungen in den Klickfarmen von Facebook und den Warenlagern von Amazon – die Technologiebranche ist heute Gegenstand der Berichterstattung von Nachrichtenmedien. Und wer beißt schon gerne die Hand die einen füttert?

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8 Ergänzungen
  1. Letztendlich sind die ganzen Big Player in den USA keine Technologieunternehmen mehr, man sollte sie als das bezeichnen, was sie sind. Einflussreiche Konglomerate, die den einen internationalen Markt unter sich in ihren jeweiligen Branchen aufteilen.
    Standard Oil lässt grüßen

  2. Um so wichtiger, dass wir das öffentliche rechtliche Mediensystem endlich ans 21. Jahrhundert anpassen. Statt Molochanstalten mit Ewigkeitsgarantie auszustatten, brauchen wir staatsferne, dynamische Anbieter. Pro Bürger 5 Euro/Monat Medienabgabe, und die Bürger können selbst entscheiden, auf welche Anbieter sie ihren Beitrag verteilen.

    1. Die öffentlich-Rechtlichen sind staatsfern konstruiert. Und die völlig freie Wahl des Bürgers funktioniert weder im Strassenverkehr, noch im Umweltschutz oder Schule, oder gar bei Steuern.

      Gibt ja gute Gründe dafür, dass die libertären Sozialdarwinisten so vehement gegen ÖR kämpfen, und aus genau diesen Gründen sind ÖR so wichtig.

  3. Die Konzerne wollen sich die Gunst der Presseverlage kaufen weil die haben auch politische Macht. Im Grunde kann man das dann als völlig neue Form des Lobbyismus ansehen da so die Öffentlichkeit ganz direkt beinflusst wird. Zusammen mit der Macht die Facebook bereits auf die öffentliche Meinung hat nicht unbedenklich wenn das dann zu einer unkritischen Berichterstattung führt.

  4. Es gibt kaum widerwärtigeres als ein vorgebliches Wohltätertum, denn es geht stets um strategische Eigen-Interessen. Es gilt, erlangte Macht durch Einflussnahme zu sichern, und damit auch den eigenen Wohlstand, der oft durch eiskalte Ausbeutung von Beschäftigten, Übervorteilung anderer und durch Steuerflucht zusammen gerafft wurde.

    Menschen werden nicht durch nett sein reich und mächtig. Und wenn sie es damit übertrieben haben, so müssen sie Angriffe abwehren.

    Beispiel 1:
    „Warum finanzierst Du ein Waisenhaus und eine Suppenküche?“
    „Damit ich in meiner Villa, die davon ein wenig abgelegen ist, in Ruhe gelassen werde.“

    Beispiel 2:
    „Warum spendest Du für Waisenkinder?“
    „Damit ich es erwähnen kann. Man wird dann schnell in Ruhe gelassen, wenn Gespräche hitzig werden.“

    Beispiel 3:
    „Eigentlich gehen mir diese Charity-Veranstaltungen auf den Keks, aber ich muss mich dort zeigen, um Kontakte zu pflegen.“

    Beispiel 4:
    „Du zahlst doch eh keine Steuern, wozu dann diese Spenden?“
    „Wenn wir nicht auch ein wenig als Wohltäter angesehen werden, dann wird es ernst für uns.“

    Natürlich geht es auch nur mit höheren Mauern, mit eigenen Sicherheitsdiensten und gepanzerten Fahrzeugen. Aber wer will schon so leben?

  5. Der Begriff „Mäzen“ ist mir viel zu nett und positiv konnotiert. Gibt es einen Begriff, der die gefährlichen Tendenzen besser beschreibt? Ich dachte da so etwas wie z.B. „Medien-Plutokrat“.

    Darüber hinaus wüsste ich gern, ob diese Tendenzen von den Rechten auch kritisiert werden, wenn sie mal wieder gegen „Staatsfernsehen“, „Mainstream-Medien“ etc. pöbeln.

  6. Wie seht ihr das?

    Das ist, strenggenommen, nicht meine erste, sondern meine zweite Frage. Warum? Weil ich mich zuerst gefragt habe ob ich mich ein wenig veräppelt vorkommen soll.

    Die Otto-Brenner-Stiftung, von der ich – eigentlich – viel halte, will uns etwas über die Einflußnahme von GOOGLE erzählen. Und was macht sie, wenn man die Studie herunterladen will? Sie verkauft einen vorher datentechnisch an einen Sack voll Unternehmen, die auch nicht so viel besser (wenn auch kleiner oder noch nicht so mächtg) sind oder gar „GOOGLE“ selbst … Nein! Doch! Oh!

    Und, werte Kämpfernde für Gerechtigkeit im Netz, wie seht vor allem ihr das, daß Inhalte von Euch über so einen Weg – ich nenne es mal konterkariert – verbreitet werden?

    Was soll ich davon halten? Oder eben:
    Wie seht ihr das?

    PS: Ich halte sehr viel von dem, was ihr da tut. Manchmal jedoch muß man sich wohl – auch leider – fragen (lassen) mit wem man wann was macht oder – besser – bleiben ließe …

  7. Niemand ist frei von eigenen in Interessen, Werten, Wissenslücken, Stärken & Schwächen und Vorurteilen. Deswegen haben wir zur Entscheidungsfindung und Lenkung gesellschaftlich relevanten Ressourceneinsatzes kooperative Modelle wie zB Demokratie entwickelt.

    Milliardäre mit entsprechend für sie frei verfügbaren, und damit für die Gemeinschaft nicht mehr steuerbaren, Ressourcen ist zutiefst antidemokratisch und gesellschaftlich Gift.

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