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Citizen Google: Wie ein Konzern den Journalismus dominiert

Der Suchmaschinen-Konzern ist für die Verlagsbranche beinahe unverzichtbar. Doch Googles Dominanz scheint kaum jemand zu stören. Eine Datenanalyse von netzpolitik.org zeigt, wie Google mit einem 150-Millionen-Euro-Programm den Medienverlagen Honig ums Maul schmiert. Hier unser Einblick in die Welt des Google-finanzierten Journalismus.

Google Garten Geld
Google hegt seinen journalistischen Schrebergarten. Wie unabhängig sind die Verlage noch von dem Konzern? CC-BY 4.0 Oliver Hinzmann

Werwolf ist ein Partyspiel. Der Spielleiter bestimmt einen der Spieler heimlich zum Bösewicht. Die anderen Teilnehmer müssen dann gemeinsam erraten, wer der Böse ist, und ihn aus dem Spiel werfen. Überlebt der Werwolf bis zum Schluss, hat er gewonnen. Werwolf, auch als Mafia bekannt, ist das Lieblingsspiel von Richard Gingras, dem Head of News bei Google. Gingras spielt gern mit Leuten, die früher Googles schärfste Kritiker waren: den Topmanagern und Chefinnen der Medienindustrie.


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Richard Gingras
Richard Gingras Alle Rechte vorbehalten Richard Gingras

Jedes Jahr veranstaltet Google ein Gipfeltreffen für die Branche, genannt Newsgeist. Im Vorjahr fand es in Kopenhagen statt, diesen Juni in Lissabon. Bei dem exklusiven Treffen lernt sich die Crème des europäischen Journalismus kennen. Auf der sorgfältig ausgewählten Gästeliste stehen etwa Spiegel-Online-Chefredakteurin Barbara Hans, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und viele große Namen der Branche.

Tagsüber debattieren die Gäste bei Newsgeist Fragen wie „What could Google do for news?“. Am Abend stehen Whiskey und Werwolf auf dem Programm. Gingras gibt dabei gern den Spielleiter. Den kann man nicht aus dem Spiel werfen und er behält die Kontrolle. Eine Rolle, in der sich Google im Journalismus gefällt.

Betriebssystem für den Journalismus

Seit einigen Jahren greift Google immer tiefer in einen Bereich, der für das Funktionieren der Demokratie unverzichtbar ist. Der Datenkonzern verändert den Journalismus. Wer Nachrichten sucht, tut das mit Googles Suche und Google News. Wer den letzten Ausrutscher des US-Präsidenten sehen will, findet ihn auf Youtube. Nachrichtenseiten verwenden Google Analytics, um Besucher zu zählen und speichern ihre Inhalte über Handy-optimierte AMP-Seiten auf Google-Servern. Wer für Medien zahlen möchte, kann das seit kurzem mit Subscribe with Google tun. Immer mehr Medien lagern zudem ihr Anzeigengeschäft an Google AdSense aus.

Kurz: Google baut mit seinen Produkten ein Ökosystem, dem sich kaum ein Medienunternehmen entziehen kann. Eine Art Betriebssystem für den Journalismus.

Google ist seit seiner Gründung 1998 zu einer der wertvollsten Firmen der Welt angewachsen. Der Marktwert der Mutterfirma Alphabet liegt über 800 Milliarden US-Dollar, bald könnte sie wie Apple und Amazon die Billion-Dollar-Grenze knacken. Haupteinnahmequelle von Google ist Online-Werbung. Doch der Konzern bietet auch Webdienste, Biotechnologie, Cyber-Sicherheit und selbstfahrende Autos – es gibt wenig, was Google nicht kann.

Der Konzern leistet sich außerdem ein Steckenpferd: Die freie Presse.

Jenseits seiner geschäftlichen Interessen betreibt Google ein 150-Millionen-Förderprogramm für Innovation im Journalismus. Die Digital News Initiative (DNI) startete 2015, in einer Zeit, in der Google als Journalismus-Killer in der Kritik stand. Google schöpfe gemeinsam mit Facebook einen Großteil der Werbeeinnahmen in Netz ab und zerstöre damit das Geschäftsmodell der Presse, hieß es damals. Heute ist Google unter Verlegern angesehener als die anderen Internet-Plattformen, während es für Facebook Watschen setzt.

Sozialhilfe unter Kapitalisten

Wie Google so beliebt werden konnte? Der Konzern umgarnt die Medienbranche. Google inszeniert sich dabei als Gönner in Renaissance-Manier, der die darbende Kunst des Journalismus fördert. Wohl nie zuvor hat ein privates Unternehmen an andere private Firmen so viel Geld verteilt – praktisch ohne Gegenleistung. Die Digital News Initiative zeigt, wie sehr Google sich unverzichtbar für den Journalismus machen will.

Wir haben 447 Projekte analysiert, die der DNI-Fund in den vergangenen drei Jahren gefördert hat. Unser Ziel war es, einen Blick auf die Strategie des Internetkonzerns zu werfen. Unsere Daten zeigen, wen Google mit Geld bedenkt – und welche Art von Projekten der Konzern am liebsten unterstützt.

Die deutlichste Erkenntnis: Ein großer Teil der Google-Fördergelder geht an etablierte, alte Medienhäuser. In den ersten vier Förderrunden gingen 54 Prozent der Projekte an profitorientierte Medien und Verlage – in Deutschland waren fast alle großen Häuser dabei, DuMont, Holtzbrinck, Funke und WAZ. Wenn man aus ungefähren Angaben Googles die Summen hochrechnet, gehen sogar 70 Prozent des Geldes an kommerzielle Medien. Mehr als die Hälfte der Empfänger ist älter als 20 Jahre. 83 Prozent von ihnen sitzen in Westeuropa. Das typische Profil eines Profiteurs des Google-Geldes ist: alt, westeuropäisch, kommerziell.

Gegenüber anderen Medien ist der DNI-Fund deutlich weniger großzügig. Nur zehn Prozent der DNI-Projekte in unserem Datenset gingen an Non-Profit-Medien und öffentlich-rechtliche Anstalten.

„Ein PR-Instrument für Google“

Google schmeichelt mit seinen Geldgeschenken der gebeutelten Verlagsbranche, das räumt Veit Dengler ein. Der Österreicher war bis letztes Jahr CEO der NZZ-Gruppe und sitzt nun in der Konzerngeschäftsleitung bei Bauer Medien. Dengler ist Vorsitzender des Google-DNI-Beirates, der als Expertengremium für Google das Fördergeld verteilt. „Die Digital News Initiative ist auch ein PR-Instrument für Google, um die europäische Verlagsindustrie freundlich zu stimmen“, sagt Dengler bei einem Treffen in Hamburg Ende August.

Veit Dengler
Veit Dengler CC-BY-NC-ND 2.0 TEDxYouth Adliswil

Im Beirat sitzen Branchenvertreter und Wissenschaftler, drei der zehn Sitze stellt Google selbst. Einige Antragssteller sind für den Beirat bekannte Gesichter – ein Nebeneffekt einer Verlagswelt, die sich dank Google-finanzierten Kongressen immer enger vernetzt.

Zuweilen wird bei der Projektvergabe auf die Bedürfnisse alter und etablierter Verlagshäuser explizit eingegangen. „Die Entscheidungen über Projekte ziehen in Betracht, wie innovativ die Projekte für ihren Markt sind und auch, wie sehr sie innerhalb des betreffenden Unternehmen neu und innovativ sind“, sagt Dengler.

Viele beteiligte Medien wollen auch auf Nachfrage hin nicht öffentlich machen, wie viel Geld sie von Google erhalten. Bei nur 217 von 447 von uns analysierten Projekten konnten wir die genaue Fördersumme in Erfahrung bringen.

Auch fließt nicht alles von dem Google-Geld an Nachrichtenmedien. Ein Viertel der Förderzusagen geht an Organisationen, die nicht journalistisch arbeiten. Zumeist handelt es sich um Start-ups, die Dienstleistungen für die Branche entwickeln. Beispielsweise zahlt der Google-Fonds 50.000 Euro Starthilfe an Trint, eine Firma, die Software für die automatische Transkription von Sprache zu Text baut. Das ist für den einzelnen Journalisten wohl hilfreich, aber es ist weder journalistische Arbeit noch trägt es zur Finanzierung der Branche bei.

Bullshit-Bingo mit Blockchain

Die Daten zeigen, was der Begriff „Innovation“ nach Lesart der Google-Initiative bedeutet. Vier von zehn Projekten beschäftigen sich mit Automatisierung und Datenjournalismus. DNI förderte etwa die britischen Nachrichtenagentur PA und ein Start-up mit 706.000 Euro für ein Projekt zur automatischen Erzeugung von Lokalgeschichten aus offiziellen Statistiken.

Die Verlagsbranche, die lange Jahre das Internet und neue Erzählformen verschlafen hat, lässt sich über DNI zudem die Entwicklung neuer Bild- und Videoformate fördern. Ein Fünftel der Projekte zielt auf neue Präsentationsformen von Inhalten ab, etwa Virtual-Reality-Formate.

In den Projektbeschreibungen wimmelt es vor Schlagwörtern der Branche. Acht Prozent der Projekte widmen sich Faktenchecks und Glaubwürdigkeit, zwölf Prozent liefern Lösungen für die Community-Arbeit und Crowdsourcing. Natürlich finden sich im Datensatz auch die Begriffe Blockchain, Fake News und Hate Speech. Manche Projekttexte auf der DNI-Webseite lesen sich, als hätten die Autoren bei Journalisten-Kongressen Bullshit-Bingo gespielt.

Eine Einschränkung gibt es dabei: Google fördert nicht per se journalistische Inhalte. Projekte bei DNI widmen sich der technischen Innovation, nicht der Produktion von Texten, Radio oder Video. Die Digital News Initiative legt einen Schwerpunkt auf Monetarisierung. Dabei zielen fünf Prozent der Projekte auf Online-Werbung ab, elf Prozent auf andere Erlösquellen wie Paywalls. Die Projekte scheinen auf den ersten Blick oft wie eine Konkurrenz zu Google-Produkten, ergänzen aber meist eher das Ökosystem des Konzerns.

Bühne auf für Google-Dienste

Wer sich länger in die geförderten Projekte einliest, stößt bald auf verdeckte Nutzen der Digital News Initiative für Google: Mehrere der Projekte bauen auf Google-Dienste auf. Ein Entwickler aus Österreich erhielt etwa Geld zur Entwicklung von VoiceAd, eine App, die aus Texten automatisiert Audio-Werbung für das Google-AdWords-Netzwerk erzeugt. Andere Projekte nutzen Services wie Google Fusion Tables, Spracherkennung oder Google Analytics. Durch die Verbreitung seiner Dienste stärkt Google ihre Vormachtstellung in der Branche.

Die Medienbranche ist für Google eng mit seinem Kerngeschäft verzahnt: dem Sammeln von Nutzerdaten. Nach Zahlen der Marktforschungsfirma BuiltWith nutzen 40 Millionen aktive Webseiten Google Analytics für Nutzertracking. Nachrichtenseiten spielen eine Schlüsselrolle, denn ihre Verwendung von Google-Produkten produziert immense Mengen an Daten für den Konzern.

Das unterstreicht auch eine Studie von Informatikern um Professor Douglas C. Schmidt von der US-Universität Vanderbilt. Die Forscher verglichen die Datenströme aus Handys mit dem Google-Betriebssystem Android mit jenen aus iPhones. Sie konnten zeigen, dass Nutzer überraschend viele Daten an Google senden, auch wenn sie keinerlei Google-Produkte verwenden oder Google-Seiten besuchen. „Diese Datenströme sind rein von Werbetreibenden/Verlagen getrieben“, schreiben die Wissenschaftler. Google braucht die Medien, um auch die letzten Nicht-Android-Nutzer im Netz tracken zu können.

Der Fall AMP

Das DNI eng mit den geschäftlichen Zielen Googles verknüpft ist, zeigt der Fall der Accelerated Mobile Pages. AMP ist ein von Google unterstützter Standard für Webseiten, die auf Handys schneller als gewöhnliche Seiten laden. Auch wenn AMP an sich Open-Source-Software ist, speichern viele Medien ihre AMP-Seiten auf Google-Servern. AMP treibt die Klickzahlen auf Nachrichtenseiten in die Höhe, wie Zahlen des Dienstleisters Chartbeat zeigen. Doch in der Branche fürchten einige, dass der Standard die Dominanz von Google erhöhen könnte.

Kein Wunder also, dass DNI mehrere AMP-gestützte Projekte fördert. Ein Beispiel dafür ist das Start-up Poool, das eine AMP-optimierte Paywall baut. Damit macht Poool dem neuen Subscribe with Google Konkurrenz. Poool-Gründer Maxime Moné sieht das dennoch gelassen. Sein Produkt decke eine Nische ab, die ein Weltkonzern wie Google jederzeit besetzen könne, wenn er nur wolle, sagte Moné in einem Telefongespräch im Juli. „If Google wants to take it, they will take it.“

Empfänger von DNI-Projektgeld sichern Google das Erreichen von „Meilensteinen“ zu. Sie müssen den Fonds über ihre Fortschritte informieren. Google erhält dadurch für den Preis von ein paar Tausend Euro Förderung Einblick in die Produktideen möglicher Mitbewerber. Die Vertragsbedingungen halten fest, dass Google sich die Entwicklung ähnlicher Ideen vorbehält, allerdings mit den ungleich mächtigeren eigenen Ressourcen.

Auf Anfrage von netzpolitik.org betont Googles Vertreter bei den europäischen Verlagen, Madhav Chinnappa, der DNI-Fund stehe nicht mit der Google-Produktwelt in Verbindung. Er diene rein der Förderung von Innovation im europäischen Nachrichten-Ökosystem. Google habe noch nie eine eigene Version eines vom DNI-Fund unterstützten Projektes entwickelt, heißt es in per E-Mail von Chinnappas Sprecher geschickten Zitaten.

Der Konzern kleidet sein Engagement für den Journalismus in salbungsvolle Worte. Mit der Digital News Initiative hilft Google den Verlagen und sich selbst, sagte Top-Manager Gingras. Google brauche ein offenes Internet. „Ja, wir tun es, weil es eine gute Idee ist, aber wir machen es auch, weil, nun ja, wegen der Natur unseres Geschäftes unsere Ziele sich mit denen der Verlage decken“, sagte Gingras zuletzt in einem Interview. „Wir beide brauchen ein lebendiges, offenes Wissens-Ökosystem, um wahrhaft effektiv zu sein.“

Lobbying gegen Leistungsschutzrecht

Zugleich nützt Google seine Journalismus-Initiative für handfeste Interessenpolitik. Kurz vor einer wichtigen Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform im Juni warnte Google-Manager Chinnappa die Verlage vor den Vorschlägen. (Die Financial Times berichtete im Juni darüber; hier die E-Mail im Volltext.) In dem Schreiben an mehrere große Verlage in der „DNI-Arbeitsgruppe“ schrieb Chinnappa, die Pläne für ein EU-weites Leistungsschutzrecht nach deutschem Vorbild seien „schlecht für das Nachrichten-Ökosystem“; die Pflicht zum Filtern von Inhalten sei überhaupt „schlecht für das Internet“. Die Nachricht endet mit der Bitte, die zuständigen Abgeordneten zu kontaktieren.

Madhav Chinnappa
Madhav Chinnappa CC-BY 2.0 re:publica/Jan Zappner

Google mischte sich mit der E-Mail in eine politische Debatte ein, die seine finanziellen Eigeninteressen berührt. Die großen Verlage treten vehement für ein Leistungsschutzrecht ein. Wenn ihr Gönner Google dagegen auftritt, bringt das die Branche in eine Zwickmühle.

Vom Gegner zum Gönner

Wie konnte der Datenkonzern überhaupt so viel Einfluss gewinnen? Die Presseverlage sahen Google lange als Gegner. Ab den späten Nullerjahren debattierte die Politik in Europa über „Google-Steuern“ und die Einführung einer Copyright-Abgabe selbst auf kurze Text-Ausschnitte, um Journalismus zu finanzieren. Letzterer Ansatz scheiterte aber immer wieder am Widerstand des Konzerns: Das 2013 eingeführte Leistungsschutzrecht in Deutschland wurde zum Triumph für Google, statt die Kalifornier Geld zu kosten. In Spanien, das 2014 eine Steuer auf Links zu Verlagsangeboten einführte, zog Google News sich schlicht zurück.

Die Verlagsbranche blieb lange sauer auf den Konzern. Die Financial Times fasste die Lage 2015 zusammen: „Google braucht mehr Freunde in Europa.“

Google lernte aus der Kritik seine Lektion. Einen ersten großen Erfolg mit seinen Geldgeschenke landete der Konzern in Frankreich. Nach der Debatten über die Einführung einer „Google-Steuer“ auf Werbeeinnahmen versprach Google der Verlagsbranche 2013 einen 60-Millionen-Euro-Fonds zur „digitalen Innovation“ – damit schuf Google das Vorbild für die Digital News Initiative.

Kongresse und Karrieren

Google-Geld geht nicht nur an DNI-Projekte. Über sein News Lab und dessen Stipendien fördert der Konzern den Nachwuchs sowie Fellowships bei Medien, wie auch der Autor dieser Zeilen selbst eines bezogen hat. (Mehr dazu hier.) Mehr als 20.000 Journalistinnen und Journalisten aus ganz Europa nahmen nach einem Bericht allein 2017 an Workshops von Google News Lab teil. Der Konzern schwört eine Generation des Journalismus auf sich ein.

Das Füllhorn Googles ergießt sich auch über Forschende und Journalismus-NGOs. Ein prominentes Beispiel: Das Reuters-Institut für Journalismusforschung in Oxford liefert regelmäßig Berichte über Leseverhalten und Vorlieben der Medienkonsumenten. Das Institut erhielt für den Zeitraum von August 2015 bis 2018 über fünf Millionen britische Pfund von Google für seinen Digital News Report und verwandte Projekte, wie kürzlich aus einer Informationsfreiheits-Anfrage hervorging. Weitere Gelder sind bereits zugesagt.

Google ist zudem ein wichtiger Sponsor des Journalismus-Festivals in Perugia, eines der größten Medienkongresse in Europa. Dessen Gründerin Arianna Ciccone sitzt im Beirat von DNI. Google fördert weiters ein Projekt des European Journalism Centre, das mit Google-Geld Handbücher und Trainings für Journalisten anbietet. Alle drei Institutionen betonen auf Anfrage, sich niemals inhaltlich von Google beeinflussen zu lassen. Aber was hat Google dann davon?

Googles Soft Power

Eine klare Antwort darauf, welche Absichten Google mit seinen vielen Fördermillionen verfolgt, gibt es nicht. Doch eines ist gewiss: Google baut seine Geschäftsinteressen im Medienbereich stetig aus.

Seine Geldspenden bringen dem Konzern Soft Power, die Absicherung langfristiger Machtinteressen. Google entwickelt sich von einem Datenkonzern zu einer zentralen Schnittstelle für die Produktion und Verbreitung von Nachrichten. Wir müssen wohl bald die Frage stellen: Gibt es noch Journalismus ohne Google? Und was machen wir, wenn die Antwort darauf „Nein“ lautet?

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Die Recherche zu Googles Geld und seinem Einfluss auf Journalismus und Medien in Europa ist ein Projekt von Alexander Fanta und Ingo Dachwitz. Unser Dank gebührt unseren Praktikant*innen Julian Pütz, Leo Thüer, Jannik Mertens und Wiebke Denkena für die Datenarbeit sowie Oliver Hinzmann für die Illustration und Luca Hammer für die interaktive Grafik. Ein halbes Jahr lang haben wir Informationen über Googles (Digital) News Initiative und den dazugehörigen Innovationsfonds gesammelt, eine Datenbank der geförderten Projekte aufgebaut und analysiert, Interviews mit Expertinnen und Experten, Verantwortlichen und Mittelempfänger*innen geführt. Am Ende sind sie überzeugt: Die Nachrichteninitiative bringt spannende Projekte hervor und doch ist sie ein Problem.

Bisher erschienene Texte:

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6 Kommentare
  1. Ein sehr interessanter und spannender Artikel, vielen Dank dafür!

    Beim Abschnitt zum Leistungsschutzrecht bin ich aber etwas skeptisch:

    „Google mischte sich mit der E-Mail in eine politische Debatte ein, die seine finanziellen Eigeninteressen berührt. Die großen Verlage treten vehement für ein Leistungsschutzrecht ein. Wenn ihr Gönner Google dagegen auftritt, bringt das die Branche in eine Zwickmühle.“

    Mein Eindruck war bisher, dass die Verlegerbranche sich ein solches auf Google News gemünztes Leistungsschutzrecht brutalstmöglich zusammengelogen und -lobbiiert hat, um irgendwie etwas von Googles Gewinnen abzuschöpfen, anstatt sich einfach aus Google News abzumelden und es selbst besser zu machen.

    Soweit ich das verfolgt habe, war die Zwickmühle eher, dass viele Zeitungen und Zeitschriften komplett einseitig gegen Google und pro Leistungsschutzrecht angeschrieben haben. Wenn der Einfluss von Google wirklich so groß wäre, hätten sie sich das ja gar nicht erlauben können.

    Zur Klarstellung: Ich halte die Dominanz, die Google mittlerweile in diversen Bereichen hat (Suchmaschine, News-Suche, eigener Webbrowser, Werbevermittler, Analyse-Dienstleister und diverse weitere Dienste) für sehr, sehr gefährlich. Aber wie man bei einem kostenlosen Opt-In-Dienst wie Google News allen Ernstes fordern kann, dafür auch noch bezahlt zu werden, dafür fehlt mir einfach jedes Verständnis. Oder was genau war jetzt die Begründung, dass man von Google bezahlt werden will?

    Vor allem aber frage ich mich, warum die zitierte E-Mail so schlimm ist. Steht da nicht praktisch das gleiche drin, was auch netzpolitik.org gefordert hat, nämlich wegen des Leistungsschutzrechts und Upload-Filtern die zuständigen EU-Abgeordneten zu kontaktieren und ihnen zu erklären, warum beides ganz schlechte Ideen sind?

    1. Danke für das Lob. Das finde ich einen berechtigten Einwand, allerdings ist aus meiner Sicht etwas anderes, wenn eine doch recht kleine zivilgesellschaftliche Organisation auf die Kraft ihrer Argumente setzt (etwas anderes haben wir nicht) oder ein Milliarden-Konzern mit seinen Lobbyisten und Fördergeldern mit politischen Forderungen ankommt. Mir war es aber wichtig, das Schreiben online zu stellen und in den richtigen Kontext zu betten, damit jede/r das selbst beurteilen kann.

  2. Der Google Konzern gehört in klar voneinander getrennte Bereiche zerschlagen. Ansonsten ist die Machtfülle die sich Google angeeignet hat, nicht mehr zu kontrollieren.
    Das Internet ist zu unserem gesellschaftlichen Nervensystem geworden. Google sitzt in dessen Zentrum, sammelt über alle Bereiche Informationen und bestimmt in monopolistischer und intransparenter Weise subtil darüber wie und zu welchen Informationen wir gelangen können. Strategisch werden alle Bereiche besetzt. Google Suchmaschine, Browser, Betriebssystem, Google Maps, E-Mail, Kalender, YouTube.
    Die Welt ist Google und Google ist die Welt.

    Der Einfluss auf die Presse und den Journalismus geschieht nicht direkt über die Beeinflussung des Inhalts. Aber es werden strategisch all die Stellen besetzt, die darüber entscheiden wie sich Nachrichten finanzieren und wie sie sich verbreiten.

    Wie gut, dass ihr euch durch Spenden finanziert. Unabhängiger Journalismus ist wohl auf andere Weise nicht mehr zu bekommen.

  3. Bin nur ich das, oder sehen alle die rot/orange gefärbten Bilder mit den Gießkannen aus wie ein Uterus mit Eierstöcken und -leitern? Sex sells! Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, den Artikel finde ich auch so schon sehr interessant :P

    Spaß beiseite, Google ist riesig.

    Globale Unternehmen, wie sie sich in den letzten 50 Jahren gebildet haben, können kaum durch bestehende Gesetze sinnvoll reguliert werden – auch weil uns einfach die Langzeiterfahrung fehlt. „Sinnvoll“ regulieren ist das Stichwort. Unternehmen, die eine Macht ähnlich der Größenordnung einer sonst gewählten Regierung besitzen, könnten diese leichter misbrauchen, wenn entsprechende Gesetze fehlen. Z.B. als James Damore gefeuert wurde aus ideologischen Motiven.

    Neben den ganzen könnte-wäre-wenn: Bisher hat Google die Welt für mich und alle, die ich um mich herum bisher gesehen habe, ein gutes Stück besser gemacht. Die Google Suche hilft mir selbst bei speziellen wissenschaftlichen Fachfragen, Google Maps bringt mich mit dem Auto und der Ubahn zum Ziel, und die Milliarden, die Google in Technologieentwicklung gesteckt hat, sind dort besser aufgehoben als auf einem Bankkonto oder in einem Van Gogh Gemälde.

    Das macht mich jedoch nicht blind vor möglichen (!) Folgen.

  4. Vielen Dank für den sehr erhellenden Artikel. Wenn ich ihn richtig verstehe, beschreibt er die Situation der Verlage wie folgt: Sie (müssen?) versuchen, mit genau den Wölfen zu heulen, die sie zugleich vertreiben wollen.

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