Morgen will die Bundesregierung die „Corona-Warn-App“ zur Nachvollziehbarkeit von möglichen Infektionsketten präsentieren. Es hat länger gedauert, auch weil man zuerst mit Pepp-PT auf ein anderes System mit zentraler Datenspeicherung gesetzt hatte. Aber für ein IT-Projekt unter Beteiligung der Bundesregierung lief es dann doch recht schnell.
Vor allem hat sich die Debatte gelohnt. Denn mit dem nun umgesetzten dezentralen DP-3T-Ansatz hat man sich für das bessere System entschieden. Dieser Ansatz verhindert, dass zentral gespeicherte Daten zweckentfremdet und für Überwachung genutzt werden können. Und das ist wichtig, um Vertrauen aufzubauen.
Die größten Datenschutzbedenken sollte man zur generellen Nutzung von Smartphones haben, die für die Nutzung der App gebraucht werden und durch deren Nutzung Datenspuren anfallen. Kleiner Vergleich: Wer Whatsapp auf dem eigenen Smartphone installiert hat, schenkt Facebook (und wahrscheinlich der NSA) im Gegenzug für die Nutzung viel detailliertere Daten über die eigenen sozialen Verbindungen als es diese App jemals könnte.
Was viele Jahre gefordert und fast nie umgesetzt wurde, ging auf einmal doch: Die App und das ganze System drumherum stehen als Open-Source-Software auf Github. Der Code ist einsehbar und wird auch fleißig analysiert, potenzielle Fehler werden kommuniziert und Lösungen eingearbeitet. Kurzum: Es findet eine Kommunikation mit einer interessierten Community statt. Das könnte und sollte zukünftig der Standard werden, bitte nicht nur hier als einmalige Ausnahme.
Offene Fragen bleiben
Aber offene Fragen bleiben auch zum Launch.
Wie schaut es mit Interoperabilität zu den Lösungen in anderen Staaten aus, etwa zu Frankreich und seiner zentralen Lösung? Was ist mit Personen, die im Grenzbereich verkehren? Funktionieren die Schnittstellen zu Laboren und Gesundheitsämtern, die in diese Prozesse eingebunden sind und verfügen die über einfache Möglichkeiten zum Einlesen von QR-Codes?
Funktionieren die Bluetooth-Schnittstellen und wie verhindern die eingebauten Algorithmen, dass nicht die Nachbarn in die eigenen Kontaktlisten kommen, die man zwar noch nie gesehen hat, die aber direkt auf dem Sofa hinter der Wand sitzen? Vielleicht klappt das, die App muss es aber noch unter Beweis stellen. Zumindest ist Bluetooth Low Energy das kleinste Übel bei der Umsetzung. Und alles ist besser als ein Überwachungsstaat, wie Südkorea ihn für diesen Zweck hochgezogen hat.
Es bleibt die Frage ungelöst, was genau freiwillig ist. Die Bundesregierung argumentiert damit, dass niemand gezwungen wird, die App herunterzuladen und zu nutzen. Aber stimmt das auch in Zeiten einer Pandemie, in der sozialer Druck herrscht, etwas tun zu müssen, damit es zu keiner zweiten Welle kommt? Wird es Arbeitgeber:innen geben, die ihren Angestellten vorschreiben, die App zu nutzen, vielleicht auch um Zettelwirtschaft und Excel-Listen zu vermeiden? Wie wird verhindert, dass nicht im Herbst bei einer möglichen neuen Welle auf einmal eine Verpflichtung kommen könnte?
Eine Lösung für diese Fragen kann ein Begleitgesetz geben, das die Rechtsgrundlage liefert und zukünftige Zweckentfremdungen ausschließt. Solch ein Gesetz ist bislang nicht geplant.
Und überhaupt: Funktioniert die Wette der Epidemiolog:innen und Virolog:innen darauf, dass eine solche App zur Kontaktverfolgung und Eindämmung ein wichtiger Baustein sein könnte? Die bisherigen App-Versuche aus anderen Staaten sind eher ernüchternd, aber auch schwer zu vergleichen. Da gab es in der Regel die Google- und Apple-Schnittstellenverbesserungen noch nicht.
Auch die beste App ist kein Wundermittel
Sollte man die App installieren? Wir geben keine Empfehlung dafür ab, das sollten unsere Leser:innen selbst entscheiden. Aber wenn man sich die bisherigen analogen Prozesse zur Kontaktverfolgung von Infektionsketten mit Telefonlisten in Gesundheitsämtern anschaut, dann könnte eine App-Lösung besser skalieren. Oder erinnerst Du Dich, wen Du vor 5 bis 7 Tagen für mindestens 15 Minuten in einem Raum angetroffen hast? Und wie die Personen hießen und wie ihre Telefonnummern waren? Und falls ja: Möchtest Du diese Namen einer fremden Person am Telefon nennen?
Auch die beste Corona-App ist kein Wundermittel im Umgang mit dieser Pandemie, wie es einem manchmal in der Debatte vorkommt. Sie ist nur ein Bestandteil von vielen Maßnahmen. Mindestabstand halten, weniger Kontakte und Maske tragen sind dafür viel relevanter. Aber solange wir keinen Impfstoff haben, stehen wir als Gesellschaft vor der Herausforderung, Lösungen gegen eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu finden.
Dazu kann diese App beitragen, aber vielleicht finden wir auch heraus, dass der Beitrag viel kleiner ist als viele hoffen.
Forschende der Universität Oxford haben berechnet, dass 60 Prozent der Bevölkerung eine solche App nutzen müssten, um eine Pandemie komplett unter Kontrolle zu bekommen. Die Forscher:innen haben vergangene Woche nochmal erklärt, dass auch weniger Durchdringung einen effektiven Beitrag und damit Wirkung liefern kann. 60 Prozent wären auch sportlich: Das hat bisher nur Whatsapp geschafft, trotz der oben angemerkten Nebenwirkungen.
Fazit: Bei dieser App wurde bei einem sensiblen Thema und einem IT-Großprojekt mit Beteiligung der Bundesregierung (im Vergleich zu vielen, vielen anderen) ausnahmsweise vieles richtig gemacht. Es wurde zugehört, man hat auch nach Debatte und Kritik den Mut gehabt, das System rechtzeitig zu wechseln. Der Datenschutz wurde mitgedacht, auch dank vieler kritischer Forscher:innen, die mit DP-3T eine bessere Alternative vorgelegt haben.
Dieser Prozess kann eine Blaupause für zukünftige IT-Projekte der Bundesregierung werden. Auch wenn es derzeit danach aussieht, dass der eingeschlagene Weg gut ist: Liebe Bundesregierung, vermasselt es nicht und setzt das derzeit bestehende Vorvertrauen nicht aufs Spiel, indem die App verpflichtend wird. Eine App ist schneller wieder deinstalliert als heruntergeladen.
