QAnon

Twitter dreht Pro-Trump-Verschwörungskult den Saft ab

Die Plattform Twitter hat in den letzten Wochen schon 7.000 Accounts gesperrt und will die Inhalte der rechten Verschwörungsideologie weniger sichtbar machen. Weil insgesamt 150.000 Accounts betroffen sind, könnten Trump damit im Wahlkampf wichtige Verstärker auf Twitter wegbrechen.

Mike Pence in blauem Jacket zwischen zwei Polizisten mit Helmen und schusssicheren Westen
US-Vizepräsident Mike Pence mit Mitgliedern eines SWAT-Teams im November 2018. Der Mann links hat einen rot-schwarzen „Q“-Aufnäher, ein Symbol von QAnon. – Gemeinfrei The White House

Twitter hat angekündigt, gegen Vertreter:innen der QAnon-Verschwörungserzählung auf seiner Plattform vorzugehen. Hintergrund sind zahlreiche Vorfälle in Form von Belästigungen, Hassrede und Desinformation.

Das Unternehmen begründet den Schritt damit, dass die Aktivitäten aus der QAnon-Szene auch offline für Schäden sorgen würden. Laut einer Sprecherin hat Twitter in den letzten Wochen etwa 7.000 Accounts gesperrt, weitere 150.000 sind von einer Art Reichweitenbegrenzung betroffen.

Reichweite drosseln

Twitter will nicht nur Accounts permanent sperren, die gegen die Multi-Account-Regelung verstoßen, sondern auch solche, die koordiniert gegen Personen vorgehen und sich an sogenanntem Swarming beteiligen, bei dem Menschen belästigt und eingeschüchtert werden. Gegenüber CNBC sagte eine Sprecherin, dass hier eine Neubewertung von QAnon vorgenommen worden sei, sich diese Policy aber auch gegen andere Gruppen richten könnte, die vor allem durch gezielte Belästigung motiviert seien.

Weitere Maßnahmen gegen die Verschwörungsanhänger richten sich vor allem gegen deren Sichtbarkeit: So sollen QAnon-Theorien weder in Trends noch Empfehlungen vorkommen und bei der Suche und Konversationen „nicht hervorgehoben“ werden. Links zu QAnon-Inhalten sollen auf der Plattform nicht mehr geteilt werden können.

Dem US-Präsidenten Trump könnte durch die Maßnahmen auf Twitter eine äußerst aktive User-Basis im Wahlkampf wegbrechen, da es Überschneidungen zwischen seiner Kern- und der Verschwörungsanhängerschaft gibt.

Bis in den Mainstream hinein

Die rechtsradikale Verschwörungsideologie rund um QAnon, die religiöse Züge hat, wird in einem Artikel in The Atlantic umfassend beschrieben. Eine Kernthese der Ideologie ist, dass US-Präsident Trump auserwählt sei, einem von Demokraten dominierten tiefen Staat in einem Kampf zwischen Gut und Böse die Stirn zu bieten. Die Verschwörungsideologie trägt wie so viele Verschwörungserzählungen antisemitische Züge. Sie hat ihre Wurzeln unter anderem in Pizzagate.

Die krude Verschwörungserzählung ist mittlerweile in den rechten Mainstream geschwappt. Trump retweetete mehrfach QAnon-Accounts, mehrere Kandidat:innen der republikanischen Partei haben sich als Anhänger der Verschwörung zu erkennen gegeben. Bei Wahlveranstaltungen der Republikaner ist QAnon sichtbar in Form von Q-T-Shirts und anderen Devotionalien präsent. Trumps ehemaliger Sicherheitsberater Michael Flynn nahm jüngst in einem Video eindeutig Bezug zu QAnon. Durch die Corona-Krise hat QAnon wie andere Verschwörungserzählungen Aufwind bekommen.

Aus dem Umfeld von Anhänger:innen des Kultes gab es schon mehrere bewaffnete Zwischenfälle. Das FBI warnte im Jahr 2019, dass Verschwörungstheorien wie QAnon zu inländischem Terrorismus führen könnten.

Die Macht der Plattformen

Twitters Aktion gegen QAnon reiht sich ein in Maßnahmen, die unterschiedliche Plattformen in den letzten Wochen im Hinblick auf Rassismus, Belästigung und Hassrede ergriffen haben.

Diese Maßnahmen zeigen deutlich, welche Macht heute private Plattformen für die Sichtbarkeit bestimmter Inhalte haben. Instrumente wie der Ausschluss aus Trends und Empfehlungen oder eine Benachteiligung bei der Suche sind dabei meist nicht transparent und unterliegen der Auslegung von privaten Unternehmen wie Twitter, die für die öffentliche Meinungsbildung und die globale Informationsverbreitung allerdings elementare Plattformen zur Verfügung stellen.

Bei Sperrungen von Accounts können sich Betroffene nur sehr schwer (juristisch) wehren und es gibt keine vernünftigen Widerspruchs- und Einspruchsmechanismen auf den Plattformen selbst. Wer fälschlicherweise von einem der Netzwerke ausgeschlossen wird, hat nur wenig Chancen, seinen Account wieder zu bekommen. Dabei sind falsche, kontextlose und unbegründete Sperrungen bei den Plattformen an der Tagesordnung, auch bei Twitter.

8 Ergänzungen
  1. Bei all diesen, oft absurden und stets anti-aufklärerischen Kampagnen frage ich mich, was das Ziel der Spin-Doktoren uns Strategen im Hintergrund ist: Was ist das Ziel einer Strategie, die offenkundig Verwirrung erzeugt und Unwahrheit zur „neuen Wahrheit“ erheben will?

    Rainer Mausfeld spricht in dem Zusammenhang von einer bewussten „Verengung und Verschiebung des Diskurs-Raumes“ – um mit der Verringerung pluralistischer Ansichten eine Kontrolle einführen zu können, was denkbar und was undenkbar/tabuisiert ist.

    Sollte das (prinzipiell) zutreffen, dann könnte die Ausgrenzung dieser VTler durchaus Teil ihrer Strategie sein: Mit dem üblichen Hinweis auf die (angeblich genauso schlimmen) demokratische Linke grenzt man im Zustand allgemeiner (selbst erzeugter) Verwirrung (ob der scheinbar überall irrlichternden Politik) eben auch legitime Interessen vereinzelter Gruppen. Relativ zum Patchwork aufgeklärter, pluralistischer und demokratischer/liberaler/linker Gruppen hat eine straff organisierte rechte Organisation in so einem künstlich erzeugten Chaos mit begrenztem Denkraum vielleicht bessere Chancen, die Macht an sich zu reißen?

    Keine Ahnung, ob das Brainfuck ist, aber aus einer aufgeklärten Perspektive kommen mir diese rechten Chaoten idiotisch und lächerlich vor – ein plattes Verbot scheint oberflächlich betrachtet begrüßenswert. Wenn dahinter aber eine rechte Strategie steckt, dann muss man sicher aufpassen, den Rechten keinen Zugang zur beliebten Opfer-Rolle zu ermöglichen. Aber Ihr schreibt das ja auch sehr differenziert – danke dafür!

    1. Interessanter finde ich das es millionen Menschen gibt die diesen teils doch sehr primitiven Mythen einfach so unhinterfragt glauben. Gerade dadurch das dieses Zeug so extrem einfach gestrickt ist lassen sich damit eben die ganzen Bildungsfernen Massen mobilisieren. Da das eben exterm viele Menschen sind kann man mit sowas also gerade Online auch sehr viele Wähler mobilisieren. Man hat dann einen Mob der bei der nächsten verkündung von „“Q“ in die gewünschte Richtung rennt und dort Chaos anstiftet.

      1. Menschen, die direkt mit existentiellen Problemen konfrontiert sind, folgen dem Ganzen teils überhaupt nicht allzu diligent.

        Die Dunkelfziffer an Menschen, die eine plausible, vermeintlich wissenschaftlich fundierte Aussage zumindest irgendwie annehmen bzw. transportieren, könnte unglaublich viel höher liegen. Dann heißt es vielleicht „Masken seien ja nicht effektiv“, was in irgendeinem Kontext sicherlich auch zutrifft (Karnevalsmasken bei ausgewachsenen Salzwasserkrokodilen z.B.). Da kann man sich jetzt fragen, ob das „ok“ ist, wenn Menschen nicht das gesamt Wissen der Menschheit inklusive wissenschaftlichem Diskurs verinnerlicht haben und jederzeit ohne Verzögerung wiedergeben können. Es schließt sich die Frage an, was eigentlich schlimmer ist…
        – An schwachsinnigen Quatsch zu glauben, der offiziell anerkannt ist, also „normal“.
        – Beliebigen schwachsinnigen Quatsch zu „glauben“. (Hier „VT“ rein.)
        – Irgendetwas ohne Annahmen bzgl. Fehlerpotentials überhaupt fest zu glauben.
        – Den Menschen Glauben zu unterstellen. Die Realität ist mit Interaktion zwischen Menschen ja viel viel komplizierter.

        Das ist keine Kritik, es könnte eine Feststellung sein, oder drei.

    2. Richtig: es geht nicht darum, den Diskurs zu gewinnen, es geht darum, die Macht zu gewinnen. Und fuer eine kleine Elite ist das durch Zerstoerung des Diskurses wesentlich einfacher, denn zum einen ist die grosse Menge der eher Einflussarmen wesentlich staerker auf einen funktionierenden Diskurs zur Handlungsfaehigkeit angewiesen und zum anderen wuerde ein Diskurs uU den fuer diese Masse schaedlichen Egoismus dieser Elite sichtbar machen.

      Das unterscheidet die diesbzgl fortschrittliche Rechte uebrigens fundamental von der diesbzgl noch nicht aufgewachten Linken: die Linken wollen noch immer den Diskurs gewinnen…und verlieren daher sowohl zZt sowohl Diskursmoeglichkeit als auch Machtmoeglichkeit. Die Konservativen kann ich ehrlich nicht einschaetzen, mittlerweile gehe ich allerdings davon aus, dass diese ebenfalls den Diskurs zerstoeren wollen, um die Linken zu besiegen, und weiterhin glauben, die Faschisten dann im Griff zu haben. Weil das ja immer so gut funktioniert hat (hat es, die konservativen Eliten sind im Faschismus idR reich geblieben oder reicher geworden).

  2. Die Plattformen sind keine öffentliche Plätze und unterliegen damit nicht den Einschränkungen, denen Aktionen der Regierung unterworfen sind. Daher muss Twitter keine Neutralität wahren oder alle Meinungen zulassen. Nein, vielmehr sind sie durch Section 230 des CDA dazu ermuntert, ihre Regeln aufzustellen und Moderation walten zu lassen. Im Gegenzug werden sie nicht für Aktionen belangt, die Nutzer der Plattform begangen haben.

    An diesen Grundfesten des Internets darf nicht gerührt werden. Aber das ändert nichts an der Unmöglichkeit von Moderation in Masse, denn da geht zwangsläufig was schief. Den Moderatoren fehlt zB Kontext oder sie haben nur ein paar Sekunden für eine Entscheidung.

    Die Lösung des Problems ist FIXME. Tatsächlich gibts keinen guten Ansatz oder ich hab noch nicht davon gehört. Ich war begeistert, als Twitter ankündigte, ein offenes Protokoll entwickeln zu wollen. Seitdem hab ich nichts mehr davon gehört. Irgendwie müsste da Moderation _durch_ die Massen eingearbeitet werden.

    Nebenbei, euer hart bandagiertes Vorgehen in der Moderation kotzt mich oft an; wie wäre es mit zwei Kommentarbereichen. Der obere ist für die geistreichen Ergänzungen, während der untere Netzpolitiks Höllenloch hitziger Diskussionen ist. Könnt ihr auch gern so nennen. Bei The Intercept finde ich es gut gemacht: Deren Kommentarbereich ist auch ein Höllenloch und kann nur durch expliziten Klick eingeblendet werden.

  3. > Weitere Maßnahmen gegen die Verschwörungsanhänger […]

    > […] Überschneidungen zwischen seiner Kern- und der Verschwörungsanhängerschaft gibt.

    Um Himmels Willen, bitte achte doch auf die Wortwahl! »Verschwörungsanhänger« kann es nur geben, wenn es eine reale (nicht nur eine vermutete) Verschwörung mit realen Verschwörern gibt. Das ist wohl genau das Gegenteil von dem, was du sagen wolltest (nämlich, dass es in Wahrheit gar keine Verschwörung gibt). Jaja, ich hab schon verstanden, aber absurd sind diese Sätze trotzdem.

  4. QAnon wird mit guten Gründen als „emerging religious movement“ beschrieben. Ist sie objektiv verrückter als z.B. die gut dokumentierte Geschichte der Mormonen? Oder die völlig synthetische Religion „Scientology“? Vermutlich, da wir die Entwicklung in Echtzeit und nicht im Abstand von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten miterleben.

    Aber da gibt es viele Leute, die QAnon-Inhalte mit quasireligiöser Sicht vertreten und allen Widerspruch als Bestätigung sehen.
    QAnon hat eine wichtige Eigenschaft, da die Abwesenheit von Kohärenz als Beleg für die gut funktionierende Weltverschwörung dient, lässt sich beinahe jede weltpolitische Entwicklung gut integrieren.
    QAnon wird nicht einfach so verschwinden. Facebook&Co kriegen es vielleicht in eine von der Allgemeinheit abgespaltene „Bubble“ verdrängt, aber die ist groß genug, um über Jahrzehnte für Kopfzerbrechen zu sorgen.

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